Dienstag, 21. März 2023

Aus Vogelschiss wird Perlmutt

Ein Zitat

Der Kleine Perlmutterfalter auf einem sonnigen Stein in Olten Südwest.
Foto © Jörg Niederer
"Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling." Laozi, legendärer chinesischer Gelehrter aus dem 6. Jahrhundert vor Christus

Ein Bibelvers - Philipper 3,7+8

"Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil. Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Christus."

Eine Anregung

Der Kleine Perlmutterfalter liebt trockene Brachen oder Stoppelfelder. Dort wächst das Futter seiner Raupen, dort wachsen die Acker-Stiefmütterchen. Kein Wunder, fand ich den Schmetterling auf der grossen Industriebrache in Olten Südwest. Seinen Namen hat er von der Unterseite seiner Flügel. Dort zeigen sich grössere und kleinere perlmuttfarbige Flecken.

Gelernt habe ich neu, dass sich einige Raupen zu Sturzpuppen entwickeln, und andere zu Gürtelpuppen. Sturzpuppe hängt frei an einem Faden befestigt kopfüber an einer Pflanze. Gürtelpuppen dagegen werden durch einen Faden in der Mitte der Puppe zusätzlich an der Pflanze gesichert. Der Kleine Perlmutterfalter tarnt sich im Puppenstadium zusätzlich als Vogelkot. Damit schützt er sich vor dem Gefressenwerden. Er tut also so, als wäre er besonders hässlich und unappetitlich.

Paulus gebraucht im Philipperbrief das Wort "Scheisse". Es wird aber meist netter übersetzt. Bei Luther steht "Kot", in der BasisBibel "Dreck". Als Studenten nahmen wir das entsprechende bibelgriechische Wort in unseren Wortschatz auf, sagten "σκύβαλα" (Skübala) statt "Scheisse". Das klingt doch gleich viel netter. 

Vom Vogelschiss zum Perlmutterfalter: eine unglaubliche Verwandlung. Genau davon spricht auch Paulus, von einer Verwandlung. Es ist die Verwandlung von dem, was er einst für lebensförderlich hielt, hin zum Glauben an Christus. Durch den Glauben an Christus wird, was Menschen früher gross und wichtig erschien, banal, nichtig und klein.

Im Rückblick nennt Paulus seine Vergangenheit ohne Christus (ich sage es einmal etwas frei) "Vogelschiss". Vom Leben in der Enge der gesellschaftlichen Erwartungen zu wahrer Freiheit und besonderem Glanz durch Christus: Auch das ist eine unglaubliche Verwandlung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 20. März 2023

1000 Stufen und mehr am ersten Pumpspeicherkraftwerk der Schweiz

Ein Zitat

Das "Tusiger Stägeli" (Tausender-Treppe) in der Südflanke des Born über dem Laufwasserkraftwerk Ruppoldingen.
Foto © Jörg Niederer
"Das 1000er-Stägli in Olten/Aarburg ist auf eine relativ kurze Zeit ein extrem hoher Kraftakt. Genau diese Eigenschaft macht es so besonders." Webseite des 1000er-Stägeli Lauf

Ein Bibelvers - 1. Mose 28,12

"Im Traum sah er [Jakob] eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes hinauf und herunter."

Eine Anregung

Am Samstag besuchte ich den Ort des ersten Pumpspeicherkraftwerks der Schweiz. Dieses stand nicht etwa in den Voralpen oder Alpen. Nein, das erste Pumpspeicherkraftwerk wurde 1904 im Mittelland am Born über dem damaligen Druckwasserkraftwerk Ruppoldingen gebaut und war bis 1960 in Betrieb.

Diese Form der Energiespeicherung ist mit 80% recht effizient. In Zeiten, in denen nicht der ganze produzierte Strom gebraucht wurde, pumpte man Wasser in ein 300 Meter höher gelegenes Speicherbecken. Zu Zeiten hohen Strombedarf wurden mit diesem Wasser Turbinen zur zusätzlichen Stromgewinnung angetrieben. Immer noch gibt es auf dem höchsten Punkt des Borns Reste dieses Speicherbeckens in Form eines Biotops. Von den Druckleitungen sind nur noch Bruchstücke übrig.

Aber was es noch gibt, das ist die Treppe, die entlang des einstigen Druckrohrs schnurgerade auf den bewaldeten Hügel hinauf führt. Freiwillige Helferinnen und Helfer halten sie instand. Und so dient sie Sportlerinnen, Sportler und Spazierenden als Trainings- und Ausflugsstrecke. Das "Tusiger-Stägeli" (Tausender-Treppe) ist weitherum unter diesem Namen bekannt, auch wenn es in Wirklichkeit aus 150 Stufen mehr besteht. Von der letzten Treppenstufe oben geht es noch einmal 50 Höhenmeter hinauf zum einstigen Speicherbecken. Doch das tun sich die Wenigsten an, die dort schweissgebadet "1150" stöhnen.

Mit Ausbruch von Corona hat man die Treppe zu einem Einbahnwanderweg gemacht. Es geht nur noch hinauf, und dann in einer weiten Schlaufe einen anderen Weg wieder hinunter. In diesen Tagen ist in der Bankenwelt die Formulierung "Too big to fail" in aller Munde. Auch bei der Bank "Credit Suisse" hätte es nur immer weiter hoch gehen dürfen, auf keinen Fall wieder runter.

Ist die christliche Religion auch ein System, das zu gross und zu bedeutend geworden ist, und folglich nicht scheitern darf, ohne ein ganzes Lebenssystem in Gefahr zu bringen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 19. März 2023

Der Küchenlöffel Gottes

Ein Zitat

John Wesleys Küche
Graham Portlock and Aisha Al-Sadie,
CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

"Ich liebe meine Küche / Wir sind ein schönes Paar / Ich mag ihre Gerüche / Und ich mag ihr Inventar..."
Aus einem Lied von Reinhard Mey

Ein Bibelvers - 1. Chronik 9,31

"Mattitja war ein Levit und der erstgeborene Sohn von Schallum, dem Korachiter. Ihm war die Zubereitung von Gebäck anvertraut."

Eine Anregung

In der Bibel wird genau eine Küche beschrieben, und die wurde so nie gebaut. Immerhin kennen wir einen Berufskoch; einen Leviten. 

Wir erfahren aus der Bibel also nicht, wie Küchen ausgesehen haben zu jener Zeit. Aber wenigsten wissen wir, wie die Küche von John Wesley (1703-1791) eingerichtet war. John Wesley war einer der ersten und wichtigsten Methodisten. Seine Küche kann besichtig werden in seiner museal erhaltenen Wohnung. Ob sie aber immer so sauber war?

Heute gehen wir im Gottesdienst der Methodistenkirche St. Gallen also in die Küche und zwar mit theologischer Fragestellung. Dahin, wo Reinhard Mey seinen Löffel abgeben möchte. Ich sage nur Speisevorschriften, vegetarisch oder Lammbraten.

Der Anlass findet vor Ort und analog statt. Hier die Angaben: Kapellenstrasse 6, 9000 St. Gallen, 10.15 Uhr. Herzlich Willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 18. März 2023

Der Lenz ist (fast) da!

Ein Zitat

Eine Lenzrose blüht auf dem Friedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist der Weisheit Quintessenz, / die viele zu freien hindert: / Die Schönheit dauert einen Lenz, / die Dummheit überwintert." Rudolf Presber (1868-1935), deutscher Schriftsteller

Ein Bibelvers - Hohelied 2,12

"Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande."

Eine Anregung

Wir stehen ja so kurz davor. Der Lenz ist nicht mehr weit, bald schon da. Genauer: der astronomische Lenz am 20. dieses Monats. Der meteorologische Frühlingsanfang war schon am 1. März. Oder wie man früher sagte, am 1. Lenzing.

Die Lenzrose, eine Verwandte der Christrose, nimmt es da nicht so genau. Sie blüht auch schon im Februar, also bereits im Winter. Kein Problem für sie. Die Pflanze ist winterhart, wie man so sagt. Das sind übrigens auch viele Kulturpflanzen. Jüngst hat man herausgefunden, dass Gemüse und Salat in der Schweiz auch noch bei Minusgraden wachsen können, und weil sie dabei mehr Zucker produzieren (als Frostschutz), sind sie erst noch bekömmlicher und süsser im Geschmack.

Die Lenzrose aber sollte man nicht essen. Sie ist da, um bewundert zu werden.

Übrigens, Schiffe kann man nicht nur im Lenz lenzen, etwas, das auch schon Jugendliche in zartem Alter von wenigen Lenzen tun können. Lenzen, also das Abpumpen von Wasser aus Booten, hat mit der alten Bezeichnung für den Frühling, oder auch für die Lebensjahre gar nichts zu tun. Es ist schlicht und einfach ein fast gleiches Wort für etwas ganz anderes.

Die Lutherbibel von 2017 kennt das Wort Lenz immer noch, wie man aus dem oben abgedruckten Vers aus dem Hohelied ersehen kann. Vom Frühling als Lenz zu sprechen passt gut zur poetischen Liebeslyrik, und hat ihre neuzeitlichere Entsprechung etwa im Lied: "Veronika, der Lenz ist da". Im neusten Gesangbuch der Methodisten von 2002 kommen die Worte "Lenz" oder auch "Märzen" (ein weiteres altes Wort für den aktuellen Monat) nicht mehr vor. Was sind wir Kirchlichen doch modern geworden! Wobei für mich "Frühling" als Wort doch auch irgendwie antiquiert klingt, ganz anders, als das englische Wort "spring". Da möchte man doch gleich "ufgumpe", und die Blumenknospen, sie müssen einfach aufspringen so schnell sie können. Grad wie bei der Lenzrose. Die legt ja, wie wir nun wissen, einen veritablen Fehlstart hin, und erstrahlt schon mitten im Winter. Mir gefällts!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 17. März 2023

Fromme Sätze, vom Winde verweht

Ein Zitat

Ein vom Sturm verwehter Regenschirm auf dem Friedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Es wird schon alles wieder gut." Fromme Floskel, die nur scheinbar tröstet.

Ein Bibelvers - Psalm 34,20

"Der Gerechte muss viel Böses erleiden. Doch der Herr wird ihn von allem Übel befreien."

Eine Anregung

Kaffeepause nennt sich ein Anlass an jedem zweiten Donnerstagmorgen um 9 Uhr in der Methodistenkirche in Weinfelden. Man trifft sich, man bespricht sich, man trinkt Kaffee und geniesst etwas dazu. Eine ungezwungene Sache, die nur einmal für 5 Minuten von frommen Sätzen unterbrochen wird. Etwa, um selbst einmal über fromme Unwahrheiten nachzudenken. Gestern tat dies Theo Hugentobler auf die folgende feine Weise: 

"Brigitte und ich waren vor gut einer Woche an der Gedenkfeier einer jungen Frau. Keine Beerdigung, wie man sie gewohnt ist. Keine Orgelmusik, keine Bibellesung, keine Predigt, kein Gesang. Die Leitung hatte keine Pfarrperson inne, sondern eine sogenannte Ritualbegleiterin. Im Mittelpunkt der Feier stand das Leben der verstorbenen jungen Frau.

In der Rede und den Gedanken der Ritualbegleiterin bin ich an einem Satz hängen geblieben. Sie sagte: 'Es gibt Menschen, die sagen in solchen Situationen: 'Gott füllt die Lücke'. Aber das stimmt nicht. Der Glaube an einen Gott kann Trost und Hilfe sein, aber er kann die entstandene Lücke nicht füllen!'

Mir ist bei dieser Ansprache bewusst geworden, dass wir manchmal fromme Sätze verwenden oder Lieder singen, die so nicht stimmen. Ich denke da an das Sonntagschullied: 

'Lasst die Herzen immer fröhlich / und mit Dank erfüllet sein; / denn der Vater in dem Himmel / nennt uns seine Kinderlein.' Im Refrain heisst es dann: 'Immer fröhlich, immer fröhlich, / alle Tage Sonnenschein'. / Voller Schönheit ist der Weg des Lebens; / fröhlich lasst uns immer sein!'

Oder dann denke ich an ein Lied, das wir in der Jugendgruppe gesungen haben: 

'Wenn du Jesus kennst, bist du nicht einsam mehr, er hält die Wacht auch in der Nacht. Geh mit ihm den Weg, denn Jesus hält dich fest, bist du allein, wird er bei dir sein. Halt einmal still, sprich mit dem Herrn, ruf ihn um Hilfe an, er ist dir nicht fern. Wenn du Jesus kennst, bist du nicht einsam mehr, er ist dir nah, immer für dich da.

In den nächsten Strophen heisst es dann: 'Wenn du Jesus kennst, bist du nicht furchtsam mehr... Wenn du Jesus kennst, bist du nicht traurig mehr... 

Als Jugendlicher habe ich im Stillen gedacht, das stimmt so nicht. Ein Leben mit Jesus ist nicht alle Tage Sonnenschein. Ich kenne Jesus und fühle mich trotzdem immer einmal wieder einsam, furchtsam und traurig. Die Bibel und insbesondere die Psalmen zeigen uns, dass uns mit dem Glauben nicht alle Steine aus dem Weg geräumt werden, dass der Glaube aber eine tragfähige Basis ist um das Leben zu meistern.

Kennst du auch fromme Sätze, die so für dich nicht hilfreich sind?"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Donnerstag, 16. März 2023

Einer für alle

Ein Zitat

Star im Prachtkleid auf einem Baum in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Was keiner wagt, das sollt Ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. / Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus! / Wenn keiner Ja sagt, sollt Ihr’s sagen. Wenn keiner Nein sagt, sagt doch Nein! / Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben. Wenn alle mittun, steht allein! / Wo alle loben, habt Bedenken. Wo alle spotten, spottet nicht! / Wenn alle geizen, wagt zu schenken. Wo alles dunkel ist, macht Licht!" Gedicht von Lothar Zenetti, hier vertont von Reinhard Mey

Ein Bibelvers - Psalm 2,2-4

"Die Könige der Welt erheben sich. Und die Fürsten tun sich zusammen gegen den Herrn und seinen Gesalbten: 'Lasst uns ihre Fesseln zerreißen! Lasst uns ihre Stricke durchtrennen, dann können wir das Joch abwerfen!' Doch der im Himmel wohnt, lacht darüber. Der Herr spottet über ihr Tun."

Eine Anregung

Erst meldet sich eine Dohle aus dem Baum. Dann erkennt die App auf dem Mobiltelefon einen Girlitz an seiner Stimme. Weiter geht es, immer aus dem selben Baum, mit der Kohlmeise, der Singdrossel und der Bachstelze. Und nun meldet sich auch der Star. Bei so vielen Vögeln in einem relativ gut einsehbaren, noch blattlosen Baum muss doch etwas von all dem Geflatter zu entdecken sein. Doch erst ist da gar nichts. Ich gehe noch einmal zurück, um den Baum von der andern Seite zu durchsuchen. Nun endlich sehe ich ihn, den einen, einzigen Vogel im Geäst. Unverkennbar sitzt dort der Star und gibt die Stimmen all der anderen Vögel zum Besten. Er "spottet". So wird diese Fähigkeit, andere Stimmen und Geräusche nachzumachen, unter Ornithologinnen und Ornithologen genannt.

In der Welt der Comedians ist das spöttische Nachäffen von Stimme und Gehabe bekannter Personen ein beliebtes Unterhaltungselement. Entsprechende Begabung vorausgesetzt macht es auch Freude. Doch St. Galler kennen es alle. Es klingt einfach nur peinlich, wenn ein unbegabter Berner den St. Galler Dialekt nachäfft und "Hopp San Galle" sagt statt "Hopp Sanggale". Es kommt eben auf die Feinheiten an.

Auch interessant: Sprachlich ist spotten verwandt mit dem Ausspucken (Siehe Post von gestern!). Das Wort bedeutete wohl einst "vor Abscheu ausspucken". Ja, zwischen "spotten" und "speuzen" stehen nur kleine Lautverschiebungen.

Der Star jedenfalls ist ein richtiger Spottvogel. Ich würde mich nicht wundern, wenn es manchem so nachgeahmten Vogel wie mir ergeht. Er wird getäuscht, und statt Seinesgleichen trifft er nur diesen kleinen schwarzen, schillernden und begabt spottenden Vogel an. Auch nicht schlecht, bei dieser Schönheit!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 15. März 2023

Die ganze Welt spuckt auf die Schweiz

Ein Zitat

Spuckaushang im Lift des Altersheims Haus zur Heimat in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Das Anspucken einer Person, insbesondere in deren Gesicht, stellt eine auf den Körper gerichtete Aggression dar, die massiven Ekel hervorruft."
Aus einem schweizerischen Bundesgerichtsentscheid

Ein Bibelvers - Johannes 9,6

"Nachdem er [Jesus] das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden. Aus der Erde und dem Speichel machte er eine Paste und strich sie dem Blinden auf die Augen."

Eine Anregung

Ich weiss, Jesus heilte mit Spucke. Und früher putzten Mütter damit  den Kindern Essensreste aus dem Gesicht oder glätteten so deren Haare. Tatsächlich enthält Spucke Substanzen, die gegen Bakterien und Viren wirken, darunter auch Opiorphin, das Schmerzen lindert. Doch Spucke enthält auch rund 800 unterschiedliche Bakterien. Vor 45 Jahren hingen in den Umkleidekabinen meines Arbeitgebers etwas vergilbte Plakate, auf denen vor der Übertragung von Tuberkulose durch Spucke gewarnt wurde. Spätestens seit Corona wissen auch wir wieder, dass durch Spucke so manche Krankheit weitergegeben wird. Wenn also Spucke bei der Wundbehandlung zum Einsatz kommen soll, dann nur die eigene.

Doch das scheint keinen Menschen zu kümmern. Bei jeder Sportübertragung, bei der die Akteure das Gesicht nicht hinter einem Visier oder Helm verstecken und bei dem sie sich im Freien bewegen, wird gespuckt, was das Zeug hält. Da will die Fernsehkamera den Superstar bei den Rennvorbereitungen filmen, doch jedes Mal, wenn er ins Bild kommt, spuckt er auf den Boden. Es vergeht kein Tag, an dem ich auf meinem Arbeitsweg nicht der Spucke anderer ausweiche. Alle spucken sie auf den Boden, bevorzug die Männer, und etwas weniger, wenn sie in Begleitung von Frauen unterwegs sind. Es spucken selbst die Patrioten, die so stolz sind auf die Schweiz, ganz ungeniert auf diese.

Darum sei das einmal gesagt: Ich mag es nicht, wenn man auf das Land spuckt, dem ich so viel zu verdanken habe. Ich mag es nicht, diese Spuckerei, die in unserer Gesellschaft so eingerissen hat. Wer dann auch noch direkt Menschen anspuckt, erfüllt den Straftatbestand einer Tätlichkeit.

Unlängst habe ich in der Zeitung von der Schlottergotte gelesen. Das war bei Kindertaufen die Ersatzpatin, die zum Einsatz kam, wenn aus irgend einem Grund die Taufgotte verhindert war. In manchen Gegenden gehörte die Schlottergotte auch fest zur Taufe dazu und trug jeweils den Täufling. Zusammen mit Gotti und Götti wurde dieses Dreiergespann "Schlotterete" oder "Gschlötter" genannt.

"Schlottrig" steht für wackelig, zittrig, lose herabhängend. Man könnte auch "schlampig" sagen. Und so kommen wir von der Schlottergotte langsam aber sicher wieder zur Spucke, zum Schlämpe, oder Schlämperlig. Oder noch einmal anders: Wer andern einen "Schlötterlig anhängt" bezeichnet diese oder diesen mit einem Schimpfwort oder unerwünschtem Übernamen. Jeder Mensch weiss was eine "Schlampe" ist, und keine Person will so bezeichnet werden. 

So genug des Unappetitlichen! Ich wünsche uns einen Tag ohne angehängte Schlötterlige, ohne Spuckattacken und mit blitzblank gefegten, minen- und stolperfallenfreien Wegen unter den Füssen.

(Wer aber jetzt vom "Speuz" immer noch nicht genug hat, mag bei einem "Bergler auf Abwegen", beim Muger, reinschauen.)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 14. März 2023

Das Skiliftgleichnis und die Kirche der Zukunft

Ein Zitat

Stefan Moll an einer Kirchentagung im Sommer 2021.
Foto © Jörg Niederer
"Manchmal leide ich daran, dass Kirche zu einer Routine wird... Man kommt. Es ist gut. Man geht... In dem Milieu, in dem wir uns hier bewegen, ist das anders. Hier gibt es diese Routine nicht. Sehr viele dieser Leute gehen sonst nicht in die Kirche... Kirche wird anders bedeutungsvoll bei Menschen, die nicht in die Kirche gehen." Stefan Moll über Erfahrungen in seinen beiden Kirchen

Ein Bibelvers - Jeremia 4,3

"So spricht der Herr zu den Männern von Juda und zu Jerusalem: 'Pflügt einen neuen Acker ganz um und sät nicht unter die Dornen!'"

Eine Anregung

In einem 20-minütigen Videobeitrag begegnet man zwei speziellen Gemeinden, die gemeinsam haben, dass sie sich den Pfarrer Stefan Moll teilen: Die interkulturelle Methodistenkirche in Baden und die Schlagerfamilie. Im selben Videobeitrag erklärt Stefan Moll anhand der Erfahrungen aus der aktuellen Wintersaison, worauf es in Zukunft bei der Kirche ankommen wird. Sein "Gleichnis" finde ich sehr treffend. 

Hier die Worte von Stefan Moll: "Die Kirchen sind wie ein Skilift. Der Winter dieses Jahr war für die Skigebiete schwierig. Es gab einfach keinen Schnee. Es zeichnet sich ab, dass gut die Hälfte der Skigebiete schliessen müssen. Denn die Schneefallgrenze steigt. Das ist unausweichlich. Die können machen, was sie wollen. Jetzt versuchen sie mit Kunstschnee, Marketing, familienfreundlichen Angeboten, Rabatten, also mit allen Mitteln, ihre Skianlagen zu erhalten.

Das ist vergleichbar mit der Situation der Kirche. Wir geben uns sehr viel Mühe, sie zu erhalten. Doch die 'Schneefallgrenze' steigt und steigt.

Wie bei den Skiliften werden auch viele Kirchgemeinden schliessen müssen. Der Skilift wird nicht bleiben. Aber der Berg. In den Bergen kann man nicht nur Skifahren: Man kann auch Wandern, Stauseen bauen... was weiss ich. Wir wissen nicht, was in den Skigebieten geschieht, die schliessen müssen – wie in Zukunft dort die Berge den Menschen dienen, wie sie uns gut tun werden. Mit den Kirchen ist es ähnlich. Für mich ist das Evangelium der Berg. Was bleibt, ist das Ja Gottes zu den Menschen. Was bleibt ist Christus unter uns. Das ist unverrückbar. Ob der Skilift noch fahren wird? Ob es Kirchgemeinden im klassischen Sinn an allen Orten geben wird? Da bin ich mir nicht so sicher. Dieser Abschied von Altvertrautem schmerzt. Doch da gibt es auch viele 'Wiesen', auf denen Neues blühen kann."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Montag, 13. März 2023

Singen und orgeln

Ein Zitat

Eine Singdrossel geniesst die letzten Sonnenstrahlen bei Gesang auf einem hohen, ausgetrockneten Baum.
Foto © Jörg Niederer
"Für mich sind Kirchen spannende Räume, vor allem auch in Bezug auf die Akustik. Ich habe mir vorgenommen, möglichst viele Kirchen zu besuchen und deren Klang aufzuzeichnen." Marcel Gschwend aka Bit-Tuner

Ein Bibelvers - Psalm 68,5+6

"Singt ein Lied für Gott, preist seinen Namen! Jubelt über den, der über die Wolken fährt! Herr ist sein Name, empfangt ihn mit Jubel! Ein Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen: Das ist Gott in seiner heiligen Wohnung."

Eine Anregung

So wie sie heisst, so klingt sie: die Singdrossel. Das melodiöse, abwechslungsreiche Jubilieren ist jetzt im Frühling ausgiebig zu hören. Nicht nur am Morgen, auch vor dem Einnachten sucht sich der Vogel auf einer hohen Warte seine Bühne. Dann legt die Drossel los. Vielleicht ist sie damit so etwas wie ein DJ unter den Vögeln. Eine Tonkünstlerin, die mit Musik der Dunkelheit trotzt.

Marcel Gschwend nennt sich in der Musikszene Bit-Tuner, und reichert neuerdings seine Technomusik mit Orgelklängen aus einem Aufenthalt in Rom an. Inspiriert von den 100 Kirchen und ihrem je eigenen Sound, ist etwas Neues entstanden. Wem das nicht so gut gefällt, kann ja einfach der Singdrossel zuhören. Denn wir haben die Wahl und die Möglichkeit, nicht nur bei der Musik.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 12. März 2023

Fritzli

Ein Zitat

Das heute zurechtgemachte markante Mehrfamilienhaus in Olten nannten wir in meiner Kindheit nur "Kaserne". Damals wohnten in dem heruntergekommenen Wohnblock Gastarbeiter unter ärmlichen Bedingungen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Krankheit gehört zu mir – das bin ja ich." Sarah Staub

Ein Bibelvers - Jesaja 53,3

"Er wurde von den Leuten verachtet und gemieden. Schmerzen und Krankheit waren ihm wohl vertraut. Er war einer, vor dem man das Gesicht verhüllt. Alle haben ihn verachtet, auch wir wollten nichts von ihm wissen."

Eine Anregung

Wir nannten das markante und heruntergekommene Haus mit den wohl hundert Kleinstwohnungen "Kaserne". Als Kind dachte ich dabei an Soldaten; mein Vater dagegen dachte an eine Mietskaserne. Dort lebten die Gastarbeiter unter ärmlichen Verhältnissen. Wir wohnten kleinbürgerlich, gut 500 Meter westlich davon. Ging man von der Mietskaserne zu uns hinunter, kam man zuerst in das Gebiet der Kinder, mit denen wir harmlose Strassenschlachten ausfochten. Dann kamen die Kinder, mit denen wir zusammen auf der Strasse vor dem Haus spielten. Und dann kamen die Kinder auf der anderen Seite des Wilerwegs, mit denen wir nur ausnahmsweise zusammen etwas unternahmen. Alle kannten sich, und alle grüssten sich. Darunter war auch einer, den alle nur Fritzli nannten. Fritzli war geistig behindert. Fritzli war für uns tabu. Mit ihm machte man keine Scherze, schon gar nicht auf seine Kosten. Niemand sagte etwa von ihm, er sei ein VEBO (Die Behindertenwerkstätte VEBO von einst nennt sich heute "Unternehmen der beruflichen und sozialen Inklusion für Menschen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung"). Das sagte man nur zu "Gesunden", die man beleidigen wollte. Aber alle sagten im Fritzli. Wenn er vorbei kam, grüssten wir in: "Hallo Fritzli", und wechselten einige belanglose Worte. Das war so, als er 7 Jahre alte war, und es war so, als er 18 Jahre alt war. Er blieb der Fritzli, und wäre es wohl immer noch, wäre nicht eines Tage der Moment gekommen, als ich ihn wieder einmal mit den Worten grüsste: "Halle Fritzli, wie geht es?" Er hielt in seinem Gang inne, blickte mich an, und sagte mit seiner für einen Erwachsenen zu hohen Stimme so ernsthaft er nur konnte: "Ich bin jetzt erwachsen, ich möchte, dass du mich in Zukunft nicht mehr Fritzli sondern Fritz nennst." 

Unlängst bei einem Besuch in meiner Heimatstadt Olten sah ich ihn wieder. Wir beide sind nun 40 Jahre älter. Ich sah ihn, und freute mich. Er ist schon etwas Besonderes. Wohl deshalb habe ich ihn sofort wieder erkannt. Mich dagegen hat er nicht einmal beachtet. Ich war halt einfach nur einer von vielen, die ihm einst ohne böse Absicht "Fritzli" sagten.

Gerade habe ich mir eine Sendung angehört, in der es auch um Behinderung geht; nämlich um die Frage, was sich in unserem Denken und Handeln verändert, wenn wir uns Gott oder Jesus mit Behinderung vorstellen. In dieser Sendung von Radio SRF 2 bin ich auch wieder Sarah Staub begegnet, von der ich schon im gestrigen Beitrag geschrieben habe. Der Moderatorin erzählt sie, wie sie mit ihrer schmerzhaften Erbkrankheit umgeht, und wie sehr ihr dabei ein Buch und das Malen von Bildern geholfen haben. Ich kann diese Sendung nur wärmstens empfehlen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 11. März 2023

Zweifeln

Ein Zitat

Die Dekonstruktion ist wie eine Wanderung im Nebel. Beim Voranschreiten werden Ansichten klarer, verlieren ihre geheimnisvolle Aura, mutieren zu banalen oder bedeutungsvollen Erkenntnissen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn ich zurückschaue, und realisiere, wie hartherzig ich mit Menschen war, die abgetrieben haben, dann wird mir 'im Fall halbe schlecht' denn ich habe doch ein Bild von mir, dass ich ein Menschenfreund bin..." Sarah Staub im Podcast über Dekonstruktion.

Ein Bibelvers - 1.Thessalonicher 5,21

"Prüft aber alles und behaltet das Gute."

Eine Anregung

Früher hörte man Radio, heute hört man Podcasts. Dani und Sarah produzieren einen solchen Podcast. Dabei diskutieren sie, launisch, fundiert, frisch von der Leber weg, ohne Scheuklappen und ohne Selbstzensur. Sie bezeichnen sich als Ex-Evangelikale, die irgendwie schon noch glauben, ohne ganz sicher zu sein, an was genau.

Sarah Staub ist Mitarbeiterin bei GemeindeEntwicklung der Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz. Daniel Schönknecht ist Theologiestudent im Masterstudium, und engagiert sich im Asylbereich. "Ja voll!" ist eine der Floskeln von Dani. Und Sarah möchte gerne ein Vogel sein, um einigen Zeitgenossen so richtig und echt auf den Kopf zu scheissen. 

"Dekonstruktion" ist ihr erstes Thema. Schliesslich heisst der Podcast: "Zweifel-Club". Zwei junge Menschen sind darin auf der Suche nach einem erwachsenen Glauben. Auf diesem Weg der Dekonstruktion geht es um den Abbau falscher, überlebter Glaubensvorstellungen.

Es ist den beiden abzuspüren, dass das, was sie da diskutieren, sie selbst betrifft. Sie sprechen aus Erfahrung, wollen mit Vernunft dem Glauben begegnen, schöpfen aus den christlichen Quellen und finden für sich zu einer neuen Synthese ihres postmodernen Bibelverständnisses. Schrift, Vernunft, Tradition und Erfahrung sind das Quadrilateral eines John Wesleys. So gesehen ist das auch ein methodistischer Podcast.

Auf die Frage, für wen der Podcast nicht bestimmt sei, sagen sie: "Unseren Podcast würde ich Leuten nicht empfehlen, die für sich sehr klar definiert haben: Was ist gut? Was ist richtig? Und die sich nicht darauf einlassen können, dass für andere vielleicht anderes gut und richtig ist… Wenn jemand sehr empfindlich ist – oder ruhigere Podcasts lieber hat, dann lieber was anders hören…!"

Ich vermute, mit dieser negativen Empfehlung haben sie nun auch die Leute angefixt, die gerne anderen den Glauben absprechen und die sich ärgern wollen. Doch es hat bestimmt auch etliche, die an den Ausführungen der beiden grosse Freude finden werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 10. März 2023

Vikariatsknechtschaft

Ein Zitat

Vom Alters- und Pflegeheim Abendfrieden in Kreuzlingen sind es nur gerade 300 Meter zu Fuss bis zur Stählistrasse 4, wo einst der Dichter Eduard Mörike für kurze Zeit wohnte.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist die große Stille, die über Stürmen siegt, dass eines Menschen Wille in Gottes Willen liegt." Eduard Mörike (1804-1875)

Ein Bibelvers - Römer 8,15

"Ihr habt ja nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht. Dann müsstet ihr doch wieder Angst haben. Ihr habt vielmehr einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht."

Eine Anregung

In der Zeit, als Eduard Mörike den Weg zum evangelischen Pfarrer einschlug, war das Theologiestudium der kostengünstigste Weg einer akademischen Ausbildung. So war dieser Beruf für den schwäbischen Dichterfürst eine Verlegenheitslösung. Mit dem Ende seines mehr schlecht als recht abgeschlossenen Studiums war die Zeit des Knauserns und Sparens aber noch nicht vorbei. Die festen Anstellungen für Pfarrer waren allesamt vergeben. Die frisch gebackenen Theologen wurden als Vikare für Hilfsdienste eingesetzt, oft nur für kurze Zeit. So zogen sie von Ort zu Ort, immer in der Hoffnung, an einem dieser Vikariatsstellen dann doch noch eine Festanstellung zu bekommen. Eduard Mörike nannte diese Praxis treffend "Vikariatsknechtschaft"

Heute in Zeiten des Pfarrmangels hätte man Mörike wohl an vielen Orten mit Handkuss genommen, auch wenn er sich nicht als besonders fleissiger Seelsorger herausstellen sollte. Damals ging es ihm und den anderen jungen Pfarrpersonen wie so mancher angehenden Kleinkindererzieherinnen heute: Diese werden oft als Praktikantinnen für 3 Monate auf Probe angestellt, verbunden mit dem leeren Versprechen einer Festanstellung in Kombination mit der Ausbildung, jedoch mit dem Ziel, sie als billige Arbeitskräfte auszubeuten.

Nun, mit 39 Jahren liess Mörike sich von König Willhelm I. aufgrund von gesundheitlichen Problemen pensionieren. In diese Zeit fielen erste literarisch lukrative Erfolge und er lernte seine zukünftige Frau, die 14 Jahre jüngere Offizierstochter Margaretha von Speeth kennen. Obwohl über beide Ohren verliebt zögerte er die Heirat mit ihr über länger Zeit hinaus, wohl, um erst ein sicheres Einkommen zu finden, aber wohl auch, weil er und seine Schwester Klara immer noch zusammen zur Miete im Haus ihres Vaters wohnten.

Schwester und Dichter reisten 1851 ins Dorf Egelshofen, heute ein Stadtteil von Kreuzlingen. Dabei erkundete Mörike die Möglichkeiten, in Konstanz ein Pensionat für sechs- bis vierzehnjährige Mädchen zu gründen: Ein wie sich herausstellen sollte unrealistischer Plan. In der Kreuzlinger Zeit vom 19. April bis 12 Juni stiegen die beiden in einem Zimmer an der Stählistrasse 4 ab. Das Haus steht immer noch und ist mit einem Durchgang im ersten Stock mit dem heutigen Restaurant Paprika verbunden.

Da komme ich nun zu einer kleinen Randnotiz: Nicht weit vom Ort entfernt, wo einst der Dichterfürst nächtigte, 300 Meter zu Fuss (Luftlinie 120 Meter) über den "Steinbruch"-Graben hinweg, steht seit 1954 das Alters- und Pflegeheim Abendfrieden. Dieses Haus ist in methodistischen Kreise gut bekannt, entstand es doch als eine diakonische Arbeit der Kirche und wird bis heute in Form der "Stiftung Abendfrieden, Wohnen & Pflege" als selbständiges Sozialwerk der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) der Schweiz geführt.

Für die Kindererziehung konnte Mörike in Kreuzlingen nichts erreichen. Die Methodisten aber hatten später mit einem Haus für älteren Menschen mehr Glück.

Zu Eduard Mörike siehe auch den Beitrag vom 9. März 2023!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 9. März 2023

Eduard Mörikes heilige Sünderin

Ein Zitat

Das Peregrina-Haus in Wilen bei Wil, in dem Eduard Mörikes Jugendliebe Maria Meyer in späteren Jahren lebte.
Foto © Jörg Niederer
"Schelmisches Kind, / Lieb' ist wie Wind, / rasch und lebendig, / ruhet nie, ewig ist sie, / aber nicht immer beständig." Eduard Mörike (1804-1875)

Ein Bibelvers - Hohelied 4,11

"Von Honig triefen deine Lippen, meine Braut. Wie süße Honigmilch schmeckt deine Zunge, und deine Kleider duften nach dem Libanon."

Eine Anregung

Wilen ist ein Vorort von Wil SG. Eine kleine Gemeinde, viele Villen. Ein weiteres, unauffälliges Dorf, wie so manches in der Schweiz. Um so überraschter bin ich, hier dem Dichter der Biedermeierzeit, Eduard Mörike (1804-1875) zu begegnen, und das, obwohl der bedeutende Lyriker und evangelische Pfarrer Zeit seines Lebens nie einen Fuss an diesen Ort gesetzt hatte. Den Thurgau bereiste er schon. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.

Dass Mörike in Wilen präsent ist, verdankt er seiner Jugendliebe Anna Maria Meyer (1802–1865). Die gebürtige Schaffhauserin lebte hier mit ihrem späteren Ehemann, dem Tischler Andreas Kohler im Haus Peregrina. Vor diesem Haus stehe ich nun, und lese auf einer Inschrift von der "leidenschaftlich-leidvollen Begegnung der Jahre 1823 bis 1826 zwischen Maria Meyer und dem schwäbischen Dichterfürsten". Mörike verlieh Maria Meyer Unsterblichkeit in seinem Erstling und einzigen Roman "Maler Nolten". Darin ist sie in der Gestalt einer Landstreicherin, der "Peregrina" beschrieben.

Tatsächlich war Maria Meyer in ihren Jugendjahren eine Herumtreiberin und Landstreicherin. Geboren in bürgerlicher Familie als uneheliches Kind hatte sie es nicht leicht. Ihre Mutter wurde als stadtbekannte Hure auf unbestimmte Zeit ins Arbeitshaus eingewiesen. Die in der Jugend zu Diebstählen neigende Maria landete im Gefolge der von den Herrnhutern inspirierten Wanderpredigerin Baronin Barbara Juliane von Krüdener (1764-1824) ein reiche adlige Witwe aus Riga, eine Pietistin und religiöse Mystikerin. Die Zeit mit dieser spannenden, auch sozial tätigen und polarisierenden Person prägte Maria, sang sie doch später in Haushaltdiensten oft geistliche Lieder aus dieser Bewegung. Wie sie sich Lesen und Schreiben beigebracht hatte, weiss niemand so recht. Ohnmachtsanfälle, echt oder vorgetäuscht – die Literaturwissenschaft ist sich da nicht einig – führten Maria immer wieder zu hilfsbereiten Menschen. So landete die bildhübsche Frau mit 21 Jahren in Ludwigsburg als Kellnerin in der Wirtschaft "Zum Holländer" wo sie Eduard Mörike begegnete, der sich unsterblich und letztlich unglücklich in die unstete Person verliebte. Beschrieben wird sie in der Folge in einem Gedichten von Mörikes Freund Ludwig Bauer als Heilige, Wahnsinnige und Sünderin.

Nun, irgendeinmal wurde auch Peregrina sesshaft, und zwar in Schaffhausen, Winterthur und schlussendlich im Thurgau, eben in Wilen bei Wil, in einem einfachen Haus, in dem ihre Erinnerung bis heute wach geblieben ist. Auch Mörike fand noch ein spätes Glück in der Ehe. Als er in jener Zeit die Schweiz bereiste, hielt er sich mehrere Wochen nur weinige Kilometer von Peregrina entfernt in Kreuzlingen auf. Doch da er nichts von dieser Nähe wusste, hätte er ebensogut auch am anderen Ende der Welt gewesen sein können, es hätte nichts geändert am Leben der Maria Meyer.

Wer eine Kurzfassung von Maria Meyers Geschichte lesen möchte, kann ins Thurgauer Jahrbuch von 2010 schauen. Der Artikel "Der Dichter Eduard Mörike und seine Jugendliebe Maria Meyer im Thurgau" ist auch online verfügbar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 8. März 2023

Frühlingserwachen

Ein Zitat

Die Skultur keimender Blumenzwiebeln vor dem Sekundarschulzentrum Ägelsee.
Foto © Jörg Niederer
"Was sich in uns in späteren Jahren zu Bäumen auswächst, findet seine Wurzelkeime in frühen Jugendeindrücken." Heinrich Seidel (1842-1906)

Ein Bibelvers - Jesaja 61,11

"Denn wie die Erde Pflanzen hervorbringt, so lässt Gott, der Herr, Gerechtigkeit wachsen. Wie ein Garten den Samen aufgehen lässt, so macht Gott unseren Ruhm groß bei allen Völkern."

Eine Anregung

Aus Blumenzwiebeln keimen erste Blättern. Die Skulptur steht vor dem Sekundarschulzentrum Ägelsee und gefällt mir ausgesprochen gut. Sie passt zu einer Schule, in der Jugendliche sich wie Pflanzen im Wachstum entwickeln. Und sie passt auch dazu, dass die Sekundarschule Ägelsee die erste im Thurgau ist, welche die Auszeichnung "Energieschule" erhalten hat. Der sorg- und sparsame Umgang mit natürlichen Ressourcen ist ein sympathischer Zug und heute pädagogisch von grosser Wichtigkeit.

Jetzt würde ich natürlich gerne auch den Künstler nennen, der diese Skulptur geschaffen hat. Nur dumm, dass ich es wieder einmal verpasst habe, dies noch vor Ort ausfindig zu machen. Auf der Webseite der Sekundarschule habe ich den Künstlernamen peinlicherweise (für mich oder auch für die Schule) auch nicht gefunden. Da muss ich wohl noch einmal vorbei und nachschauen, wer da einst den Wachstumsprozess so ästhetisch und naheliegend umgesetzt hatte.

Die originalen Vorlagen zur Skulptur, die echten Knollenpflanzen, haben einen realen Vorteil: Sie wachsen und vermehren sich. Gott sei Dank dafür.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. März 2023

Der schönste Friedhof der Schweiz

Ein Zitat

Abendstimmung auf dem kleinen Urnenfriedhof der Klinik Littenheid.
Foto © Jörg Niederer
"Einmalig im Kanton Thurgau ist die Kette grossflächig erhalten gebliebener Feuchtgebiete... An verschiedenen Stellen konnten Hangriede überdauern. Die Waldränder sind verwinkelt, auf dem Talboden mäandriert ein unverbauter Bach." Amt für Raumentwicklung

Ein Bibelvers - Psalm 135,3

"Lobt den Herrn! Denn der Herr ist gut. Preist seinen Namen! Denn er ist schön."

Eine Anregung

Das Amt für Raumplanung weist das Trockental Littenheid als "Gebiet mit Vorrang" aus. Zur Psychiatrischen Klinik Clienia Littenheid führt der Fussweg entweder von Osten am auch schon einmal trocken fallende Ägelsee, oder dann von Westen am Mooswanger Weiher vorbei. Oder man kommt gleich von Wil her über den Hummelberg oder von Sirnach über den Areenebärg. 

 Dort, auf dem südwestlichen Ausläufer des Areenebärgs (nicht der bekannte Arenenberg auf dem Seerücken bei Salenstein), über dem Klinikareal Littenheid, findet sich auf der Chirchhalde einer der schönsten Friedhöfe der Schweiz. Von einer Mauer umgeben passt sich der Bestattungsplatz dem Gelände an. Angelsächsischen Friedhöfen nachempfunden stehen Grabsteine unterschiedlichen Alters unregelmässig verteilt auf dem baumbestandenen Wiesenareal. Es sind Urnengräber von mehrheitlich mit der Klinik Littenheid verbundenen Menschen. Ein Joh. Evangelist Blum ist hier beigesetzt. Er lebte von 1837-1929. Auf seinem Grabstein steht der doch traurige Satz: "Sein Leben war Arbeit". Da finden sich Grabsteine einer Diakonisse, einer Wäschereileiterin und viele Grabsteine, die von der Familie Schwyn zeugen, welche über mehrere Generationen die Klinik massgeblich bestimmt haben.

Vögel singen in den Bäumen. Weit über uns Kreisen Bussarde und Milane. Eine Herleitung des Namens "Arenenberg" verweist auf "aro" für Adler: Adlerberg. Dort also versuche ich die verwitterten Grabinschriften zu lesen und bewundere die faszinierenden Muster der Flechten auf den alten Stelen. Die wohl letzte Beisetzung auf dem Friedhof ist noch kein Jahr her. Hanna Schwyn-Müller ruht nun an der Seite ihres schon 2011 verstorbenen Ehemanns Hans. Ihre Enkelkinder haben auf eine Schiefertafel geschrieben: "Liebe Mola / Wir werden nie vergessen, was du alles für uns getan hast. / Wir vermissen dich und lieben dich sehr. / Viele liebe Küssli und Bussis." 

Schon einmal habe ich von Littenheid geschrieben. Von Johann Jakob und Marie Uehlinger-Schwyn, welche 1897 das "Asyls Littenheid" kauften und dort "...auf der Basis des christlichen-methodistischen Glaubens...", wie Marianne Schwyn-Weber in der Geschichte von Littenheid schrieb, Gutes getan haben: Es gibt methodistische Spuren auf einem der schönsten Friedhöfe der Schweiz.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 6. März 2023

Himmel auf Erden

Ein Zitat

Sternengarten von Rahel Müller bei der neuen Turnhalle der Primarschule in Wilen bei Wil.
Foto © Jörg Niederer
"Der Achtfachstern ist ein Kompass und erinnert an den Morgenstern am Firmament." Rahel Müller

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

"Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: 'Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.'"

Eine Anregung

Es ist in gewisser Weise das Gegenstück zur Decke der Reformierten Kirche St. Laurenzen in St. Gallen: Der Sternengarten der Künstlerin Rahel Müller bei der neuen Turnhalle der Primarschule Wilen bei Wil. In St. Laurenzen prangen die fünfstrahligen Sterne an der Decke. In Wilen finden sich die achtarmigen Sterne auf dem Pausenhof. "Der Himmel wird symbolisch auf den Boden geholt", schreibt die Künstlerin auf ihrer Webseite.

Damit hat Rahel Müller das getan, was in gewisser Weise auch Aufgabe der Kirche ist: Den Himmel auf die Erde bringen, den Himmel im Hier und Jetzt verorten. Dass dies an einem Ort des Lernens und Spielens symbolisch umgesetzt wurde, erzählt auch etwas über den Himmel. Und dass die Künstlerin nicht das Pentagramm, den fünfstrahligen Stern gewählt hat wie in St. Laurenzen oder auf dem Walk of Fame in Hollywood, sondern das Oktogramm, also den achtstrahligen, halte ich auch nicht für zufällig. Das Pentagramm mit seiner Nähe zu Aberglauben und Zauberei hat auf einem Pausenhof nichts zu suchen.

Geometrisch sind die beiden Sternformen verwandt. Ihre Eckpunkte lassen sich fortlaufend durch gerade Linien verbinden. Angeordnet sind die Oktogramme im Sternengarten streng geometrisch in 9x17 Reihen. Durch diese linienförmige Ausrichtung passt der Sternengarten auch architektonisch hervorragend zum Turnhallenneubau.

Die Kinder können mit den Sternen spielen, vom einem Stern zu nächsten hüpfen, können dabei das Einmaleins üben, können wie beim Slalom um die Sterne herumkurven, und noch mehr. 

Mir gefällt die gradlinige Art, wie die Künstlerin den Himmel auf die Erde gebracht hat. Das möchte ich auch tun: Gradlinig den Himmel auf die Erde holen, und so zur Orientierung auf das Wesentliche beitragen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 5. März 2023

Im Hause des Herrn - Das Schlafzimmer

Ein Zitat

Musterschlafzimmer in einer Wohnung an der Wassergasse 19 in St. Gallen.
Foto © EMK St. Gallen
"Das Bett ist der Himmel der Armen." Redensart aus Venedig

Ein Bibelvers - 3. Mose 26,6

"Ich werde eurem Land Frieden schenken: Ihr legt euch schlafen und müsst niemanden fürchten. Auch die Raubtiere vertreibe ich aus eurem Land. Selbst das Schwert halte ich von euch fern."

Eine Anregung

Sich in eine Decke wickeln, auf einer bequemen Matratze im frisch duftender Bettwäsche liegen und träumen, das tut so richtig gut. Im Schlafzimmer erholen und erregen sich Menschen. Im Schlafzimmer kommen sie zur Ruh und liegen stundenlang wach. In Schlafzimmern wird geboren und gestorben. In Schlafzimmern gibt es Kissenschlachten und Taschenlampen-Lesen. Das Schlafzimmer ist ein unglaublich vielseitiger Lebensraum. Wohl dem, der weiss, wo er oder sie zur Ruhe kommen und sein Haupt niederlegen kann.

In Schlafzimmern wird gebetet und geflucht. Also Grund genug, sich dem Schlafzimmer auch theologisch anzunähern. Heute denken wir im Gottesdienst der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen über diesen vielseitigen Raum nach. Ab 10.15 beginnt es vor Ort an der Kapellenstrasse 6. Um 10.30 ist dann auch der Livestream aktiv. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 4. März 2023

Von Luft- und Gotteslöchern

Ein Zitat

Ein Flugzeug startet über Rümlang bei Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand." Christliche Redensart

Ein Bibelvers - Psalm 139,5

"Von hinten und von vorn hast du [Gott] mich umfasst und hast deine Hand auf mich gelegt."

Eine Anregung

Sprachlich gibt es Dinge, die es in der Wirklichkeit so nicht gibt: der Sonnenauf- und -untergang, die Sonnenfinsternis, die Schnapsidee, die Singstimme, die Flugschneise und das Luftloch. Denn natürlich geht nicht die Sonne auf oder unter und ist auch nie finster, der Schnaps hat keine Ideen, die Stimme singt nicht nur, die Schneise fliegt nicht und physikalisch gibt es keine Löcher in der Luft. Und doch wissen wir alle, was mit diesen Ausdrücken gemeint ist. Sprachlich gibt es sie also, und sie bringen uns nicht in Verlegenheit. 

Jörg Kachelmann greift den Begriff "Luftloch" in einem Video auf und erklärt, was damit gemeint ist. Denn natürlich ist die Luft kein Emmentalerkäse mit Löchern. Gäbe es in der Luft Stellen ohne Luft, würden diese sofort wieder mit Luft gefüllt. Luft drängt in alle Ritzen und Räume.

Was es aber gibt, sind Turbulenzen, hervorgerufen etwa durch unterschiedlich schnelle Winde oder durch starke Auf- oder Fallwinde. Wechselt ein Flugzeug von einer Aufwindzone in einen Fallwindbereich, sinkt es sehr schnell ab, was den Eindruck erweckt, man fiele in ein Loch. Während Flugzeuge diese Turbulenzen aushalten, verhilft sie unbefestigten Dingen und Menschen durch deren Trägheit zu Flugeinlagen im Flugzeug. Das ist nicht sonderlich lustig, ausser auf einem Parabelflug, bei dem die Schwerelosigkeit bewusst simuliert wird.

Ich glaube, dass es auch keine "Gotteslöcher" gibt. Denn auch Gott in seiner Güte drängt in jeden noch so dunklen oder schrägen Raum und Zustand. Ganz im Sinn von Lied 378 aus dem Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche. Arno Pötsch lässt die 1. Strophe mit den Worten beginnen: "Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand...". In der 3. Strophe heisst es folgerichtig: "Wir sind von Gott umgeben / auch hier in Raum und Zeit / und werden in ihm leben / und sein in Ewigkeit."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 3. März 2023

Der zweite und der dritte Blick

Ein Zitat

Olten bei Nacht
Foto © Jörg Niederer

"Mache ein unterbelichtetes Foto, damit die Highlights gut aussehen, und ein überbelichtetes Foto, damit die Schatten richtig sind. Kombiniere dann die besten Teile jedes Fotos."
Aus der Anleitung zu einer fotografischen Belichtungsreihe

Ein Bibelvers - Matthäus 21+22

"Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte ihn: 'Herr, wenn mein Bruder oder meine Schwester mir Unrecht tut, wie oft soll ich ihnen vergeben? Bis zu siebenmal?' Jesus antwortete: 'Nicht nur siebenmal! Ich sage dir: Bis zu siebenundsiebzigmal!'"

Eine Anregung

Die menschliche Wahrnehmung setzt ununterbrochen Bilder der Welt zusammen. So haben wir den Eindruck, dass unsere Augen eine grosse Schärfentiefe und Helligkeitsdifferenz wahrnehmen können. Doch dieser Umfang an Details erfassen wir, weil wir in sehr kurzer Zeit unterschiedliche Bilder zu einer Gesamtsicht zusammenfügen. 

Mein Mobiltelefon kann das auch. Bei Nachtaufnahmen erstellt es eine Folge von unterschiedlich belichteter Bilder und fügt diese dann zu einem Einzelbild zusammen. Dieses Einzelbild ist dann meist heller und detailreicher, als der Blick von blossem Auge. Als ich gestern das Bild von Olten mit der Alten Brücke und dem erneuerten Aare-Fussgängerweg fotografierte, lag die Altstadt im Dunkeln, der Stadtturm etwa wurde an diesem Wochentag nicht beleuchtet. Doch das Städtchen wirkt auf der Fotografie, als würde es von unzähligen Lichtquellen hell erleuchtet.

Auch in übertragener Weise macht es Sinn, wenn wir einen zweiten und dritten Blick auf ein Ereignis, eine Gegebenheit riskieren. "Schau genau hin!" wurde ich immer einmal wieder aufgefordert. Oft ist die Sache nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Gehe ich einen Weg mehrfach, werde ich immer wieder Neues entdecken. Dunkle Stellen der Erkenntnis werde ausgeleuchtet; eine neue Sicht auf die Dinge entsteht. Ich kann das Beste aus verschiedene Sichtweisen kombinieren.

Heute will versuchen, bewusst und genau hinzuschauen, und vor allem Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Ich möchte die Gestalt und Grösse ihres Herzens entdecken, auf die Tiefe und Weite ihres Lebens schauen, das erkennen, was nicht einfach so vor Augen ist. Ich glaube, wir alle verdienen eine zweite und dritte und vierte und fünfte Sichtweise auf unser Leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 2. März 2023

Die Katze und die Trauernden

Ein Zitat

Eine Katze besucht die Urnengräber auf dem Friedhof Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Dann kam er an. / Die Tür des Hauses stand offen, / ohne in den Angeln zu quietschen. / Dort war es. Der Hafen der Gnade. // Niemand fragte ihn / nach seinem letzten Wohnort, / nach seiner Geburtsurkunde. / Niemand drängte ihn zu gehen, / bei Sonnenaufgang." Georges Rouault, Maler und Grafiker (1871-1958)

Ein Bibelvers - 4. Mose 6,24-27

"Der Herr segne dich und beschütze dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden!"

Eine Anregung

Die Katze geht ganz unbefangen über den Friedhof. Für manche ist ihr Anblick zwischen den Urnengräbern tröstlich. Ob sie auch an diesem Tag uneingeladen die Trauernden begleitet?

Segensworte habe ich gesucht für diesen Tag. Gefunden habe ich die schöne Worte in einem Facebook-Eintrag einer Pfarrkollegin. Es ist ein Text von Georges Rouault über das Sterben. Geboren wurde er im Französisch-preussischen Krieg in einem Bunker. Ich habe seine Gedanken in einen Segen verwandelt. 

Ewiger
Wir wollen ankommen,
da, wo die Tür des Hauses immer offen steht,
wo sie geschmeidig dem Druck nachgibt,
ohne in den Angeln zu quietschen. 
Genau dahin zieht es uns. In den Hafen deines Erbarmens. 

Gesegnet sind wir,
Wenn nicht die eigene Sichtweise das Mass unserer Zuwendung und Akzeptanz bestimmt. 

Gesegnet seid ihr,
Wenn nicht die Geburtsurkunde das Mass der Zugehörigkeit bestimmt.

Gesegnet bist du,
vom einen Sonnaufgang bis zum nächsten Tageserwachen.
Denn du wirst bleiben im sicheren Hafen des göttlichen Erbarmens. 

So geh in Frieden!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde