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Sonntag, 11. Mai 2025

Mehr Leben

Ein Zitat

Der trapezförmige Kreuzgang des ehemaligen Klosters Gnadenthal ist für die Senior:innen des heutigen Altersheims reserviert.
Foto © Jörg Niederer
"Nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben." Cicely Saunders (1918-2005)

Ein Bibelvers - Hebräer 4,14

"Am Glückstag sei guter Dinge, am Unglückstag aber denke daran: Den einen wie den anderen hat Gott gemacht."

Eine Anregung

In der vergangenen Woche habe ich im Altersheim, in dem meine Mutter zu Gast sein darf, einen Abend besucht, an dem der Umgang mit Palliative Care im Haus erklärt wurde. Nebst Angehörigen waren auch einige Pensionär:innen anwesend. Ich sass neben einer sehr gebrechlich wirkenden Frau.

Die Präsentation endete mit einer Folie eines Sonnenaufgangs und dem oben abgedruckten Zitat von Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Palliativmedizin. Da meinte die Pensionärin zu mir: "Das ist ein gutes Zitat."

Recht hat sie. Und so wünsche ich uns, und vor allem auch den Frauen und Müttern, für diesen Sonntag, dass es ein Tag wird voller Leben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 21. Februar 2025

Atelier-Zauber

Ein Zitat

Sammelsurium in einer Werkstätte in Diepoldsau.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist kein Buchhalter. In seiner Bilanz eines Lebens zählt auch, was sich nicht rechnet." Karl-Heinz Karius (*1935)

Ein Bibelvers - Philipper 3,13

"Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt."

Eine Anregung

Ich liebe es, in alte Werkstätten zu schauen. Diese Mischung aus Ordnung und Willkür, von alt und noch älter, dieses kreative Chaos eines Ateliers ist herzerfrischend. Die Gegenstände scheinen keine grosse Bedeutung zu haben, und doch werden sie nicht weggeräumt, bleiben da, wo sie liegen geblieben sind. Ich sehe sie mir gerne an, die alten Hobel, die Stechbeitel einer Schreinerwerkstätte, den antiken Drehbank mit den Eisenspänen und den skurrilen Objekten aus Schrauben, zusammengeschweisst Jahre zurück als Übungsobjekte eines Ausbildungsgangs. Ich liebe es, in Fragmente und Nippes einzutauchen. Da sind so viele Erinnerungen, so viele Geschichten verborgen.

Oft sieht eine Biografie nach einigen Jahrzehnten genau so aus. Eine Mischung aus Ordnung und Willkür, ein kreatives Chaos, in dem Dinge einfach bleiben, weil wir sie aus irgendwelchen sentimentalen Gefühlen nicht loswerden können. Wir hängen an diesen nur für uns selbst wertvollen Erinnerungen. Sie erzählen unsere Geschichte. Wären sie nicht, wir wären nicht die Person geworden, die wir heute sind.

Wie dankbar können wir doch sein für all die bedeutenden und unbedeutenden Momente in unserem Leben. Da gab es Gewichtiges und Federleichtes. Noch ist es nicht fertig, das Sammelsurium des Lebens. "Sammelsurium" kommt übrigens aus dem Niederdeutschen "sammelsur" und meinte ursprünglich ein "saures Gericht aus gesammelten Speiseresten". So etwas mundet nicht immer, und ist doch genau das, was ein Leben auszeichnet: Ein fröhlich-kreatives Durcheinander aus sauren und bekömmlichen Momenten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 23. Januar 2025

Stafette

Ein Zitat

Vermutlich Skulptur 'Seelen-Weg' von Roland Fornaro, Eriswil auf dem Friedhof in Huttwil
Foto © Jörg Niederer
"wie die Läuferinnen einer Stafette / sind die Stunden des Tages / dem Abend entgegengelaufen
nun dunkelt es ein
während die elektrischen Licher aufflammen / hoffen wir / dass du den glimmenden Docht / nicht auslöschen wirst
wie die Läuferinnen einer Stafette / laufen die Tage unseres Lebens / dem Ende entgegen / dem grossen Lichterlöschen
während es finster wird / beten wir / dass Glaube Hoffnung und Liebe / Zukunft haben / glauben wir / dass du diese Welt nicht fallen lässt / sondern bei uns bleibst / wie Jesus versprochen hat / alle Tage alle Nächte / und immer
wie die Läuferinnen und Läufer einer Stafette / laufen wir Menschen / auf dich zu Gott
in deinem Licht / sehen wir das Licht / und finden das Leben"
Elisabeth Bürki-Huggler, ehem. Spitalpfarrerin

Ein Bibelvers - Psalm 25,4+5

"Zeige mir deine Wege, Herr, und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen! Lass mich nach deiner Wahrheit leben und lehre mich! Denn du bist es, Gott, der mir hilft!"

Eine Anregung

Zuerst noch einmal der Hinweis auf das "OrgelWort". Es findet heute um 18.00 Uhr in der Kirche St. Laurenzen und anschliessend in der Kathedrale in St. Gallen statt. Dabei geht es musikalisch-literarisch um Glaubensbekenntnisse. Ein Leckerbissen im Rahmen der Gebetswoche zur Einheit der Christen 2025. Alle weiteren Infos findest du im Beitrag vom Mittwoch, 22. Januar 2025.

Dann fahre ich fort mit Texten und Skulpturen, die auf dem Friedhof Huttwil zu finden sind. Eindrücklich, wie Elisabeth Bürki-Huggler den Weg der Menschen als Stafette beschreibt (siehe oben!). Auch die Skulptur "Seelen-Weg", so vermute ich, von Roland Fornaro, zeigt, wie ein Leben über weite Strecken geradlinig vorangeht, um dann in den letzten Jahren sich verstärkt in Suchbewegungen fortzusetzen. Da, wo diese Suche endet, strahlt uns das Blau des Himmels entgegen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 17. November 2024

Im Katzenhimmel

Ein Zitat

Eines meiner letzten Fotos von Hank, einem rötlich gefärbten Kater, der einige Zeit auch in unserer Wohnung lebte.
Foto © Jörg Niederer
"Eine dösende Katze ist das Abbild perfekter Seligkeit." Jules Champfleury (1821-1889)

Ein Bibelvers - Hiob 10,12

"Leben und Liebe hast du mir eingehaucht. Du hast dafür gesorgt, dass ich lebendig bin."

Eine Anregung

Nun ist er im Katzenhimmel, wenn es denn diesen geben sollte.

Hank kam zusammen mit Chester aus einer Tierauffangstation in unsere Wohnung. Mit den beiden störten bald zwei Katzenkisten, ein riesiger Katzenbaum, eine zusätzliche Plexiglasabschrankung am Balkongeländer und noch weiteres Zeug mein Wohlbefinden. Zumindest waren es Katzen, die nie einen Vogel fangen geschweige denn eine Maus töten konnten. Aufgrund einer ansteckenden Krankheit waren sie ausserhalb von Wohn- und Balkonfläche nicht erwünscht. Gut, einmal versuchten sie, auf der Aussenseite des Hauses vom einen Fenstersims zum nächsten zu kommen. Hank gelang es problemlos, doch Chester verlor das Gleichgewicht und segelte vier Stockwerke tief für wenige Minuten in die unbekannte weite Welt. 

Hank, der ausser von mir von allen liebevoll "Hanky" genannt wurde (ich nannte ihn "Katze"), war nicht von der Sorte, die sich dir ans Bein wirft. Er gehörte zu den zurückhaltenden, einzelgängerischeren Typen. Das wiederum versöhnte mich mit der Zeit mit diesem Hausgast. Und dann sein Blick! Als würde er dir mitten in die Seele schauen, (was er vermutlich auch tat, und darum mehr von mir wusste, als ich selbst).

Dann zogen die beiden Katzen mit ihrem Besitzer in eine eigene Wohnung. Was war ich froh. Aber die beiden Schnurrhaarträger fehlten mir bald auch irgendwie.

Am Freitag ist Hank nun heimgegangen, einem Tumor erlegen. Vor drei Wochen habe ich ihn das letzte Mal besucht. Unsere drei Söhne waren wieder einmal gemeinsam an einem Ort, eben da, wo Hank wohnte. Eine gute Gelegenheit, sie alle zusammen zu treffen. Das hatte irgendwie auch den Charakter eines Krankenbesuchs bei Hank, dem geheimnisvollen, reservierten, philosophisch wirkenden, faszinierenden Kater.

Hank gehörte zur Familie meines Sohnes. Entsprechend schwierig war der Abschied. Da wurde auch über die Beisetzung in einem Urnengrab gesprochen. Manche mögen nun sagen, das sei übertrieben bei einer Katze. Doch geht es wirklich um die Katze? Geht es nicht darum, selbst Frieden zu schliessen damit, dass alles, was lebt, auch wieder stirbt, dass alles was kommt, auch wieder geht?

Hank ist nun im Katzenhimmel, wenn es denn diesen geben sollte. Er hat es verdient. Er, der nie einer Maus oder einem Vogel ein Haar, eine Feder krümmte. Er, der genau wusste, wann er mich in Ruhe lassen sollte, und wann nicht.

Ich muss sagen, diese Katze, jetzt wo sie nicht mehr da ist, fehlt auch mir.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 9. November 2024

Parkplatz Beerdigung

Ein Zitat

Bei Adelboden Oey steht das Vogellisi auf dem kleinen Kreisel, gemeinsam mit einem Wegweiser zu einer Beerdigung.
Foto © Jörg Niederer
"Das Leben ist kein Parkplatz." Titel eines Buches von Dir Rühl

Ein Bibelvers - 1. Mose 24,56

"Haltet mich nicht auf! Der Herr hat meiner Reise Erfolg geschenkt. Lasst mich ziehen! Ich muss zurück zu meinem Herrn."

Eine Anregung

Von der legendären Adelbodner Persönlichkeit Vogellisi habe ich auch schon geschrieben. An dem Tag, an dem ich diesmal das Kreiseldenkmal bei Oey fotografiert habe, weist dort ein Wegweiser zur Beerdigung. 

"Beerdigung Vogellisi", wie soll ich das nun verstehen? Wird das Vogellisi beerdigt? Der Blick der Holzskulptur weist zum Himmel. Soll das eine Anspielung sein, dass wer auf dem Friedhof landet, zugleich Himmelsaussichten hat? Auch möglich: Soll ich den leicht nach unten zeigenden Wegweiser zur Beerdigung gleich dem Vogellisi nicht weiter beachten, und statt dessen den Blick zu den Bergen erheben? 

Friedhof und Freiheit beginnen beide mit dem selben Buchstaben. Was will mir das sagen?

Nun geht es in der Folge dieses Schilds ja gar nicht zum Friedhof, sondern zum Beerdigungsparklatz. Die Beerdigung als Parkplatz? Die Gräber als letzte Parkfelder des Lebens?

Zuletzt: Sind das jetzt ernst zu nehmende Fragen, oder Gedankenspielereien, die ich schnell wieder vergessen kann?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 1. Oktober 2024

Seifenblasenfreude

Ein Zitat

Eine grosse Seifenblase steigt über den Dachgiebel des Altstadthauses in Weinfelden dem Himmel entgegen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn die Puste für Sackhüpfen nicht mehr reicht / und die Knochen für Purzelbäume zu alt sind, dann nimm Seifenblasen, die bringen in jedem Alter / Farbe, Freude und neue Träume in dein Leben." Vera Peiter

Ein Bibelvers - 2.Korinther 6,10

"Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich. Wir sind arm und machen doch viele reich. Wir haben nichts und besitzen doch alles!"

Eine Anregung

Grosse und kleine Seifenblasen tanzen über den Gottesdienstbesuchenden an der WEGA Weinfelden in der Luft und verbreiten Heiterkeit. Zuvor schon übten einige Jugendliche, wie sie die grossen Seifengebilde mittels zweier Stöcke und einer Schnur zum Leben erwecken können. 

Seifenblasen – die einen zerplatzen nach kurzer Zeit an einer Mauer oder am Boden. Andere steigen hoch, tanzen lange im sanften Wind, suchen den Himmel.

Seifenblasen – da sind die, welche wabernd und vibrierend ihre Form verändern. Andere kommen schon kugelrund zur Welt. 

Seifenblasen – transparent geben sie den Blick frei auf die Farben und Formen des Hintergrunds. Ich sehe das Grau der Mauern in der einen und das Blau des Himmels in der anderen.

Seifenblasen – Sie schillern die kurze Zeit ihres Seins. In diesen Augenblicken verbreiten sie Spielfreude, zaubern ein Lachen auf die Gesichter von Kindern und Alten.

Ich schaue zu, wie die Jüngsten voller Begeisterung Seifenblasen-Serien aus den kleinen Ringen blasen. So muss es gewesen sein, als Gott die Welt schuf. Mit jedem Atemzug kam er/sie der Schönheit und Zärtlichkeit nahe, ganz bei der Sache, ganz bei uns auf dieser einen runden irdenen Seifenblase, hervorgegangen aus dem Hauch seiner Worte, leuchtend blau und voller Lebendigkeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 26. September 2024

Herbstmeditation

Ein Zitat

Ein Baum im Salatfeld bei Kloten.
Foto © Jörg Niederer
"Man ist nie zu alt, um in einen Laubhaufen zu springen." Unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 104,19

"Den Mond hast du für die Festzeiten gemacht. Die Sonne weiß, wann sie untergehen soll."

Eine Anregung

Ein typisches Herbstbild. Die Ambivalenz der Natur. Unkräuter zwischen Salatköpfen. Licht und Schatten. Himmel und Erde. Leben und Tod. Ein üppiges, letztes Aufleuchten. Bald wird die Ernte eingefahren. Was so vital und lebendig, währt nur kurz. Der halbverwelkte Baum dagegen wird wohl auch im nächsten Jahr seinen Schatten werfen. Angeschlagen, aber nicht besiegt.

Was möchte ich sein: Dieser alte Baum, gezeichnet und versehrt, oder ein Salatkopf, jung, saftig, austauschbar und kurzlebig? Bin ich gar das Unkraut, störe ich das schöne Bild, dränge mich ungefragt dazwischen?

Sicher ist: Mein Sommer liegt hinter mir. Es ist Herbst geworden, ganz und gar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 16. August 2024

Tief schürfen

Ein Zitat

Sascha Schmiedl spricht an der Jährlichen Konferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Rothrist.
Foto © Jörg Niederer
"Es war eine sehr schreckliche Zeit für mich, als mir mein überlieferter Kindheitsglauben plötzlich weggebrochen ist und ich zwei Jahre durch eine sehr schwierige Zeit ging, bis ich dann in der Tiefe dem sehr robusten Kern vom christlichen Glauben begegnet bin, der sich als sehr stabil durch die Zeit bis heute erwiesen hat." Sascha Schmiedl, Methodistenpfarrer in Klingenberg und Weinfelden

Ein Bibelvers - Galater 5,16

"Damit will ich sagen: Lasst euer Leben vom Geist Gottes bestimmt sein und richtet es danach aus. Dann werdet ihr nicht euren selbstsüchtigen Wünschen nachgeben."

Eine Anregung

Es sind keine kurzen Beiträge und auch kein rhetorisches Feuerwerk. Sperrig sind sie. Etwas für Menschen, die nicht gleich wieder wegklicken. Es braucht Zeit, um Sascha Schmiedl zu folgen. Da ist dieses Bemühen, dem Leben von heute auf der Basis des christlichen Glaubens Sinn zu geben.

"Tief graben" will der Methodistenpfarrer, und einige der gefunden Schätze auf dem YouTube-Kanal teilen. Es geht ihm nicht darum, Menschen vom eigenen Glauben zu überzeugen. Er will sich mit dem, was er aus christlicher Perspektive erlebt hat, einbringen in einer Weise, die vielleicht "für alle, die zuhören" eine Bereicherung sein können. Dabei orientiert er sich an drei Leitlinien: 1. Biblischer Bezug, 2. relevant für die heutige Zeit, und 3. Die Theorie Praxis werden lassen.

Ich habe mir den YouTube-Kanal abonniert, und das nicht nur, weil ich seit mehreren Jahren mit Sascha Schmiedl in der Methodistenkirche Weinfelden zusammenarbeite, sondern weil ich ihn so noch einmal anders, ernsthafter und vertiefter erleben darf. Das tut mir gut.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 20. Juli 2024

Flatternde Überraschung

Ein Zitat

Ein Schwalbenschwanz-Falter labt sich auf der Kartäuser-Nelke.
Foto © Jörg Niederer
"Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben." Hans Christian Andersen (1805-1875) in der Erzählung "Der Schmetterling"

Ein Bibelvers - Sprüche 4,23

"Gib acht auf dein Herz, mehr als auf alles andere! Denn davon hängt dein Leben ab."

Eine Anregung

Seit es mitten in der Stadt St. Gallen vermehrt mit einheimischen Gräsern und Wildblumen bepflanzte kleinere und grössere Brachen gibt, kommt es zu überraschende Begegnungen. So flatterte vor dem Migros-Einkaufszentrum Neumarkt dieser Schwalbenschwanz-Falter von Blüte zu Blüte, von Kartäuser-Nelke zu Malve zu Königskerze und wieder zurück. Neben ihm brummte der Strassenverkehr, eine Frau versuchte, die Blüten in ihr Mobiltelefon zu packen, Menschen eilten zum Mittagessen in irgend eine Bude, zum Einkauf oder wieder an die Arbeit. Auf dem Weg zum Bahnhof und in die Ferienzeit hinein schien es mir, als winkte mir der Falter fröhlich zu. Dann flog er leicht und beschwingt weiter, stehts auf der Suche nach einem nahrhaften Snack.

Schön, wenn der letzte Arbeitstag vor den Ferien so faszinierend mit einem Geschenk des Himmels endet.

Übrigens ist die Erzählung "Der Schmetterling" von Hans Christian Andersen eine schöne Allegorie auf das Leben und die verpassten Gelegenheiten: Ein weiterer Schmetterling, den ich heute entdecken durfte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 9. Juli 2024

Auf den Kopf gestellt

Ein Zitat

Sommerlinde beim Vögeligarten in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist nicht unbedingt schlecht, wenn dein Leben mal auf dem Kopf steht. Es ist wie bei Shampoo-Flaschen: manchmal kommt dann mehr raus." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Hiob 9,5

"Er verrückt Berge, ohne dass sie es merken, und stürzt sie um in seinem Zorn."

Eine Anregung

Die Sommerlinde hat schon einige Jahre überstanden. Gut möglich, dass ich in meiner Kindheit unter diesem Baum gespielt habe. Sie steht unweit vom Haus, in dem ich aufgewachsen bin, da wo man durchkommt, wenn man das Altersheim Haus zur Heimat in Olten besucht. Die kräftigen Äste tragen jetzt im Sommer ein dichtes grünes Kronendach.

Interessant ist, dass dieses Foto auch funktioniert, wenn man es sich auf den Kopf gestellt anschaut. Dann sieht es aus, als stände der Baum auf kräftigen Luftwurzeln, ein bisschen so, wie die Bäume in den Mangroven.

Gut, vielleicht widersetzt sich nun dein Mobiltelefon dem Versuch, das Foto auf dem Kopf zu stellen und dreht es immer wieder in die richtige Ausrichtung. Dann musst du halt das Mobiltelefon flach auf den Tisch legen, und dich selbst so positionieren, dass du das Foto verkehrt herum anschauen kannst.

Manchmal wünsche ich mir, wenn mein Leben Kopf steht, dass dann jemand kommt oder etwas geschieht, dass es wieder normal ausrichtet. Aber vielleicht ist mein Leben auch gut, wenn es auf dem Kopf steht. Entscheidend ist wohl, dass ich den Halt nicht verliere, beziehungswiese dass ich gehalten bin und gehalten bleibe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 31. Mai 2024

Beschirmt und beschattet

Ein Zitat

Schirmdach in der Kirchgasse Olten am Dienstag nach der internationalen Stadt-Orientierungslauf-Veranstaltung.
Foto © Jörg Niederer
"Müll ist die Pest eines überverpackten Zeitalters." Fritz P. Rinnhofer (1939-2020)

Ein Bibelvers - Matthäus 5,43-45

Jesus: "Ihr wisst, dass gesagt worden ist: 'Liebe deinen Nächsten' und hasse deinen Feind! Ich sage euch aber: Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! So werdet ihr zu Kindern eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über bösen und über guten Menschen. Und er lässt es regnen auf gerechte und auf ungerechte Menschen."

Eine Anregung

Schirmdächer sind schön anzusehen, wenn auch nicht mehr besonders originell. Ich habe sie schon in verschiedenen Städten gesehen. Sie bringen Farbe in die Strassen und spenden Schatten. Das ist gemäss Pressemitteilung der Stadt Olten auch das Ziel: Die ästhetische "Beschattung der Kirchgasse im Sommerhalbjahr".

An den Dienstagen ist in Olten auch die Müllabfuhr mit ihrem High-Tech-Müllfahrzeug unterwegs. 700'000 Franken habe es gekostet. Unter dem Schirmbaldachin war es zum Zeitpunkt der Fotografie noch nicht vorbeigekommen. So ergabt sich diese Korrespondenz von gelben Müllsäcken unten mit den farbigen Schirmen oben. Wohl niemand würde sagen: Lasst doch die Müllsäcke noch etwas liegen, sie leuchten so schön gelb. Das Hässliche, auch wenn es eine schöne Fassade zeigt, das Schmutzige, auch wenn es gut verpackt ist, stört und muss weg.

Wir wollen es schön und sauber und gesund haben da bei uns. Doch der bergende Schatten fällt immer auf das ganze Leben in seiner Ambivalenz von gut und böse, von schön und schmutzig, von kitschig und ästhetisch. Unten leben wir wie auf einer unablässig sich ändernden, gesellschaftsformenden und ausschussproduzierenden Baustelle. Da tut es doch gut, dass Gott es in seiner Liebe auf Gute und Böse scheinen lässt, dass sein/ihr kühlender Schatten nicht nur den Sonnenverwöhnten und Artigen gilt, sondern allen, also auch den Junkies und der High Society.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 19. März 2024

Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt...

Ein Zitat

Der Friedhof von Wien Meidling grenzt unmittelbar an den dortigen Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, / Oh, du lieber Augustin, alles ist hin. / Und selbst das reiche Wien, / Hin ist's wie Augustin; / Weint mit mir im gleichen Sinn, / Alles ist hin!" Wiener Volkslied

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 4,16-17

"Der Herr selbst wird vom Himmel herabsteigen – wenn der Befehl ergeht, die Stimme des Erzengels erklingt und die Trompete Gottes ertönt. Dann werden zuerst die Toten auferweckt, die zu Christus gehören. Und danach werden wir, die dann noch am Leben sind, zusammen mit ihnen weggeführt. Wir werden auf Wolken in die Höhe emporgetragen, um dem Herrn zu begegnen. Dann werden wir für immer beim Herrn bleiben."

Eine Anregung

Unten Zugreisende, oben Gräber: Der Bahnhof Wien Meidling grenzt unmittelbar an den dortigen Friedhof. Und wieder zeigt sich in Österreichs Hauptstadt dieser vertraute Umgang der Lebenden mit den Toten. "Wien hat etwas Morbides", hat mir am Abend zuvor ein einheimischer Pfarrkollege gesagt. Hier wird es einmal mehr sichtbar. 

Da ist auch noch das Fahrstuhlsymbol auf Friedhofshöhe. Mir kommt das Lied vom Hazy Osterwalder Sextett in den Sinn: "Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt, wir müssen warten". Zweifellos müssen sie warten, die Verstorbenen. Warten auf den Tag, an dem es - wie wir so sagen - nach oben geht, Gott und dem Himmel entgegen.

Eine Liftsymbol wird so an einem Wiener Bahnhof zu einem modernen Andachtsbild für Ostern, für die Auferstehung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 25. November 2023

Der Lebensfreude auf der Spur

Ein Zitat

Die vom Bildhauer Peter Thommen geschaffene Skulptur aus Laufener Kalkstein auf dem Kirchhof Liestal.
Foto © Jörg Niederer
"Ich suche mit Hilfe von Skulpturen und Bildern organische und architektonische Formen, die an lebende und gelebte Bewegungen erinnern und in ihrer Art überall existieren können, im Kleinen wie im Grossen." Peter Thommen (*1960), Bildhauer und Restaurator

Ein Bibelvers - Prediger 3,18-22

"Ich dachte darüber nach, was mit den Menschen ist: Gott wird mit ihnen ins Gericht gehen. Und dann müssen sie erkennen: Dem Vieh sind sie gleich! Am Ende ergeht es den Menschen wie dem Vieh. Beide trifft ein und dasselbe Geschick. Wie die einen sterben, so sterben auch die anderen. Alle beide haben ein und denselben Atem, durch den Gott sie am Leben erhält. Nichts hat der Mensch dem Vieh voraus. Denn alle beide sind Windhauch! Alle gehen an ein und denselben Ort, von dem es heißt: 'Alle sind aus Staub und kehren zum Staub zurück.' Und was ist mit dem Lebensatem nach ihrem Tod? Wer kann denn wissen, ob er beim Menschen nach oben steigt, bei den Tieren dagegen zur Erde sinkt? Da erkannte ich: Es gibt kein größeres Glück für den Menschen, als dass er sich seines Lebens freut. Ja, das ist sein Anteil."

Eine Anregung

Morgen Sonntag wird in den Kirchen landauf, landab der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres gedacht.

Auf dem Kirchhof vor der Stadtkirche Liestal steht eine Skulptur des Lausener Künstlers Peter Thommen. Sie erinnert mich an den oben zitierten Bibeltext aus dem Buch Prediger. Der Künstler hat den Kalkstein aus Laufen so bearbeitet, als würde er eine Vielzahl von Fossilien bergen. Doch da gibt es diese Irritation. Nicht nur Tiere und Pflanzen aus einem bestimmten Erdzeitalter sind dargestellt, Fisch, Vögel und anderes, sondern auch versteinerte Skelette von Menschen. Es sieht so aus, als wären die Tiere und Menschen in einem Moment, alle gemeinsam ums Leben gekommen.

Der Bildhauer schreibt über sein Schaffen: "Ich suche mit Hilfe von Skulpturen und Bildern organische und architektonische Formen, die an lebende und gelebte Bewegungen erinnern und in ihrer Art überall existieren können, im Kleinen wie im Grossen. Dadurch stellt sich immer die Frage nach dem wirklichen Sinn des Lebens oder wie wir diesen wahrnehmen." Genau das ist auch die Fragestellung des biblischen Buchs Prediger. Was ist der Sinn des Lebens? Die Antwort: Dass du dich deines Lebens freust, solange es dir geschenkt ist!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 7. November 2023

Königskerzenschwarz

Ein Zitat

Ausschnitt eines Fruchtstands der Königskerze, auf einer Buntbrache beim Ort Nussbaumen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Bewusstsein eines erfüllten Lebens und die Erinnerung an viele schöne Stunden sind das grösste Glück auf Erden." Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 15,37+38

"Und was du säst, ist ja nicht die ausgewachsene Pflanze. Du säst nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel vom Weizen oder von irgendeiner anderen Pflanze. Aber Gott gibt ihm die Gestalt, die er vorgesehen hat. Und zwar jeder Samenart ihre eigene."

Eine Anregung

Heute wäre mein Bruder 62 Jahre alt geworden. Doch soweit ist es nicht mehr gekommen. Das Foto dieser Königskerze auf einer Buntbrache beim Dorf Nussbaumen scheint mir da passend zu sein. Die Samenkapseln dichtgedrängt, sind schwarzgebrannt. Einzelne gelbe Blüten trotzen dem Herbst, dem Tod, Farbtupfer ab. Der Schein aber trügt. Fruchtbar sind nicht die späten Blüten an der Pflanze. Fruchtbar sind die düsteren Samenkapseln, die aus den Blüten des Sommers geworden sind. Könnte es also sein, dass gerade die dunklen Momente neues Leben bedeuten, weit über das Tragische und Traurige hinaus?

Gott, vielleicht hätten wir heute seinen Geburtstag gefeiert. Nun aber erinnert der Tag schmerzhaft an die Vergänglichkeit. Vielleicht hätte es Blumen geregnet zum Wiegenfest. Nun aber kann ich nur hoffen, dass da eine Saat aufgehen wird, eine lichte Frucht heranreifen kann, paradox geboren in den dunklen Schicksalszeiten. So will ich warten und vertrauen. Du hast das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Montag, 9. Oktober 2023

Leben in unseren Händen

Ein Zitat

Ein Erlenzeisig, kurz bevor er nach der Beringung wieder in die Freiheit entlassen wird.
Foto © Jörg Niederer
"Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt." Albert Schweitzer (1875-1965)

Ein Bibelvers - Psalm 150,6

"Alles, was lebt durch Gottes Atem, antworte dem Herrn mit Lobgesang! Halleluja!"

Eine Anregung

Vorsichtig hielt der Junge das Vögelchen an seinen Füsschen fest. Sanft streichelte er einige Male über sein Gefieder, dann liess er es fliegen. Im Nu war der Erlenzeisig in einem Baum verschwunden. 

Aktuell werden wieder an verschiedenen Orten der Schweiz Vögel beringt. Dazu stehen an exponierten Stellen, da wo die Zugvögel über die Berge fliegen, feine Netze. Viele der Vögel verfangen sich in den Maschen und werden dann mindestens stündlich eingesammelt und in Säckchen einzeln zur nahen Beringungsstation gebracht. Dort wird das Tier erfasst, bekommt einen Ring, Gesundheitszustand, Geschlecht und Alter wird bestimmt und dann wird es wieder freigelassen.

An vergangene Wochenende besuchten wir gleich zwei solche temporären Stationen, beide im Jura, die eine auf der Subigerhöchi bei Gänsbrunnen, die andere auf der Ulmethöchi etwa 5 Kilometer von der Bergstation der Wasserfallen-Gondelbahn entfernt. In diesen Tagen sind es vor allem die Erlenzeisige, welche zu Tausenden in kleineren Trupps von 12 - 30 Tieren über die Pässe fliegen. Aber auch Blaumeisen sind in grosser Zahl unterwegs und Tannenmeisen. Letztere wehren sich besonders heftig und verheddern sich dabei sosehr in den Netzen, dass es manchmal mehrere Minuten dauert, sie sorgfältig wieder daraus zu befreien. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer gehen dabei überaus behutsam mit den Tierchen um, damit der Stress gering bleibt.

Besonders für die Kinder und Jugendlichen ist es etwas besonderes, die Vögel wieder freizulassen. Und damit sind wir wieder beim Jungen vom Anfang dieses Textes. Er lernt unmittelbar, wie wertvoll auch ein noch so kleines Geschöpf ist. Diese Achtung vor dem Leben wünsche ich mir gerade auch für alle, die sich aktuell im Politbetrieb profilieren, aber auch für die vielen, die der Schöpfung Gottes eher gleichgültig gegenüberstehen. Ich wünsche mir mehr Achtung vor allem Leben. Denn eines können wir nicht: Leben schaffen. Wir können es nur erhalten und bewahren.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 16. Juli 2023

Kreisen in Olten

Ein Zitat

Elitefahrer am Velorennen 'Grand Prix Olten' fahren 100 Runden im Kreis herum.
Foto © Jörg Niederer
"Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null — und das nennen sie ihren Standpunkt." Albert Einstein (1879–1955)

Ein Bibelvers - Jesaja 40,22

"Gott thront so hoch über dem Erdkreis, dass die Menschen darauf wie Heuschrecken erscheinen. Er spannt den Himmel aus wie ein Tuch. Er breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnen kann."

Eine Anregung

Ein Fahrradrennen in Olten als Sonntagsbeitrag in diesem Blog. Doch, das passt. Dorthin war ich am vergangenen Sonntag unterwegs. Nach Olten, meine Mutter besuchen; nicht an das Fahrrad-Kriterium. Dieses Rennen war lediglich Beigemüse auf meinem Weg ins Altersheim. Der GP Olten war in vollem Gang, die 37 Fahrer rasten auf ihren Rädern bereits das zwanzigste Mal im Kreis. Hundert Runden von 775 Metern Länge galt es zu absolvieren. Immer rechts herum. Immer in die gleiche Richtung. Hundert Mal auf die selbe Seite in die Kurve liegen, hundert Mal eine kalte Dusche durchfahren; Erfrischung auf dem Weg, von der Feuerwehr eingerichtet an diesem heissen Tag. Hundert Mal hinauf zur Friedenskirche, hundert Mal hinunter zur Migros, hundert Mal über die Ziellinie. Immer wieder das Gleiche von vorn. 

Gut, von all den Fahrern haben nur 22 alle hundert Runden absolviert. Sich so im Kreis drehen, ohne Chance auf den Sieg, ist halt nicht jedermanns Sache.

Fragt sich noch, ob das hundertfache Zuschauen nicht noch eintöniger ist, als sich hundertfach selbst im Kreis zu drehen?

Andererseits: Sind wir nicht alle im Kreis unterwegs, kommen immer wieder an den gleichen Ausgangsort zurück? Meist ist das eine Wohnung. Und die Wege, die wir zurücklegen, gleichen sich Tag für Tag. Zum Einkaufen, tausendmal die selbe Strecke. Zum Arbeiten, tausend Mal an den gleichen Passanten vorbei, die auch ihren kreisenden Gewohnheiten meist zu den selben Zeiten wie immer nachgehen. Mag sein, dass da mal ein ganz anderer Weg gegangen wird, vielleicht sogar links herum, in den Ferien etwa. Aber immer wieder landen wir am gleichen Ort, bis wir nicht mehr am gleichen Ort landen, so wie meine Eltern; im Altersheim. Da drehen wir dann immer kleinere Runden, bis wir uns schlussendlich ein letztes Mal gedreht haben werden.

Ist das ganze Leben gar nichts anderes, als ein sich Vorbereiten auf diesen Moment, an dem ich aus dem Rennen aussteigen, siegreich oder nicht, hoffnungsvoll oder nicht, fluchtartig oder nicht?

Darüber sinniere ich am vergangenen Sonntag, wie ich nach meinem Besuch bei meiner Mutter im Altersheim wieder an der Rennstrecke stehe. Dort drehen die Fahrer ihre letzten Runden. Ihre Zahl ist kleiner geworden. Sie sind deutlich langsamer unterwegs. Ich gehe der Rennstrecke entlang zum Bahnhof und denke: Bald werde ich meine heutige Runde vollendet haben. Morgen drehe ich mich weiter. Hoffentlich ohne kalten Dusche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 6. Juli 2023

Tanzende Blüten

Ein Zitat

Ein Schachbrettfalter wärmt sich am frühen Morgen in der Wiese.
Foto © Jörg Niederer
"Schmetterlinge sind selbsttreibende Blumen." Robert A. Heinlein (1907-1988)

Ein Bibelvers - Römer 6,8

"Wir sind nun also mit Christus gestorben. Darum glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden."

Eine Anregung

Violett ist ihre Lieblingsgeschmacksrichtung. Von weitem gleichen sie hübschen kleinen Blüten in einer an sich schon recht verblühten Trockenwiese. Doch dann verwandeln sich einige dieser Blümchen in tanzende Schmetterlinge, wirbeln um einander herum, setzten sich wieder und werden zu schwarzweissen Tupfen an den Enden der Grashalme. Es sind wohl hunderte von Schachbrettfaltern, welche sich hier in der Allmend Frauenfeld eingefunden haben. Zeit der Fortpflanzung. Die Eier lassen die Weibchen einfach zwischen die Halme fallen, werfen sie auch schon einmal wie kleine, lebensschaffende Bomben aus der Luft ab. Dann setzten sie sich wieder auf die noch verbliebenen violetten Blüten der Flockenblumen, Kratzdisteln oder Skabiosen. Von diesen naschen sie am liebsten. 

Die Raupen, auch wenn sie noch im Sommer schlüpfen, schlafen erst einmal. Sie verschlaufen sich, ohne etwas zu fressen, im Streu am Erdboden, und träumen sich durch den Winter. Erst im März beginnen sie sich an verschiedenen jungen Gräsern zu laben. Also auch die Raupen sind Gourmets, denen frisches Futter mehr mundet als die trockenen, zähen Gräser des Herbstes. 

In der Fachliteratur wird von diesen Faltern auch einfach vom "Schachbrett" gesprochen. Woher der Name kommt, ist sofort einsichtig. Die Musterung der Flügel sieht in seinem Wechsel von dunklen und hellen Flecken schon einem Schachbrett ähnlich.

Bis vor einigen Tagen kannte ich diesen Falter noch nicht. Also habe ich ihn auch nicht vermisst. Einmal mehr ein Lebewesen, dessen Existenzberechtigung sich nicht auf den ersten Blick erschliesst. Doch alles Leben auf der Erde hat seine Bedeutung und seinen Sinn. Krabbenspinnen und Raubfliegen etwa dient der Falter als Nahrung. Durch seine Vorliebe für violette Blüten beteiligt er sich wohl auch effizient an der Bestäubung dieser Pflanzen.

Mir ist das Schachbrett Teil der morgendlichen Augenweide geworden, ein kleines Wunder, ein Kunstwerk Gottes, ein Lobgesang auf das Leben. Die tanzenden Blüten machen glücklich. Und das ist doch allerhand.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 26. Juni 2023

Vom Leben gezeichnet

Ein Zitat

Feldhase mit Bissverletzung in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Wohl lässt der Pfeil sich aus dem Herzen ziehn, Doch nie wird das verletzte mehr gesunden." Friedrich von Schiller (1759 - 1805) in "Die Braut von Messina oder die feindlichen Brüder"

Ein Bibelvers - Galater 2,20

"Deshalb lebe ich also nicht mehr selbst, sondern Christus lebt in mir. Zwar lebe ich noch in dieser Welt, aber ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes. Er hat mir seine Liebe geschenkt und sein Leben für mich hingegeben."

Eine Anregung

Erst zuhause, als ich die Fotos auf dem Computerbildschirm betrachtete, entdeckte ich die Bisswunde auf dem Rücken des Feldhasen. Irgendeinmal vor nicht allzu langer Zeit musste sich bei Meister Lampe Dramatisches abgespielt haben. Dabei ist Mümmelmann wohl gerade noch so dem Tod von der Schippe gesprungen.

In einem Menschenleben tragen wir Verletzungen davon. Bei manchen bleiben Narben zurück. Andere Wunden verheilen oberflächlich so, dass man auf den ersten Blick nichts mehr sieht. Wieder andere schwären und bluten weiter. Was bleibt dann anderes zu tun, als das, was der Feldhase auch tat: Hinausgehen, die Hand an den Pflug legen, sein Brot weiteressen, hoffen, dass es gut geht, auch wenn niemand weiss, was noch kommen wird?

Gottvertrauen ist auch eine Mischung von Resignation und Zuversicht. Resignation: Ich zeichne nicht mehr selbst für mein Leben verantwortlich. Zuversicht: Ich muss nicht mehr selbst meine Hoffnung sein. Resignation und Zuversicht: Ich lebe (mit aller mir gegebenen Kraft), aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 5. April 2023

Sodom und Gomorra

Ein Zitat

Das Fort de Vaud, Kriegsschauplatz im ersten Weltkrieg, unweit von Verdun.
Foto © Jörg Niederer
"Harret in Sodom aus! Die Welt ist ein Sodom, in Sodom müssen wir leben. Wenn du nur die Guten ertragen kannst, was tust du Gutes?" Martin Luther (1483-1546), Reformator

Ein Bibelvers - 1. Mose 18,32

"Abraham redete weiter: 'Mein Herr, sei mir nicht böse, wenn ich noch ein letztes Mal das Wort ergreife. Vielleicht gibt es dort [in Sodom und Gomorra] nur 10 Gerechte.' Er erwiderte: 'Wegen der 10 werde ich die Stadt nicht zerstören.'"

Eine Anregung

Die Städte Sodom und Gomorra sind sprichwörtlich. Im negativen Sinn wird dabei ausgedrückt, dass an einem Ort ausnahmslos Unrecht, Ausschweifung und Gewalt herrschen. Sodom und Gomorra stehen in der Bibel für die vollkommene Verderbtheit einer Gesellschaft. Aufgezeigt wird dies in den biblischen Texten durch die totale Missachtung der Gastfreundschaft, ja in der Bereitschaft der Stadtbewohnenden von Sodom und Gomorra, selbst Gäste und Fremde in jeder Form zu missbrauchen und zu demütigen (1. Mose 19). Es geht um die Entmenschlichung der andern. Etwas, das besonders auch in Kriegen geschieht. Deshalb ein Bild von einem Ort des Kriegs; das Fort de Vaud unweit vom Weltkriegsfriedhof Verdun im Norden Frankreichs.

Sodom und Gomorra sind negativ besetzt. So war ich doch irritiert, als meine gute Bekannte Maria B. davon sprach, sie halte sich sowieso an das "Sodom-und-Gomorra-Prinzip". Nun meinte sie damit natürlich etwas anderes, als die total Missachtung der Würde von Menschen. Sie meinte genau das Gegenteil. Falls 10 Gerechte in Sodom und Gomorra leben sollten, solle Gott die Städte nicht zerstören. Das rang ein feilschender Abraham einst Gott ab (1. Mose 18,23-33). Auch wenn es "nur" 10 sind, dann ist das schon eine gute Sache. Das meinte Maria B. mit dem Sodom-und-Gomorra-Prinzip.

Ich frage mich immer, warum einst Abraham nicht versucht hat, Gott auf eine Person herunterzuhandeln. Ich könnte mir vorstellen, Gott wäre auch darauf eingegangen. Denn jedes Leben zählt. Jeder Mensch ist von Gott geliebt. Wie wir von Jesus wissen, sind sogar die Ungerechten von Gott geliebt; ja auch die, welche immer in den andern die Ungerechten sehen.

Es war Jesus selbst, der sich als Gerechter mit seinem Leben und Sterben einsetzte für die Ungerechten, oder anders gesagt: Für eine Welt in der Sodom und Gomorra nach wie vor eine traurige Realität ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 27. März 2023

Atemraum des Lebens

Ein Zitat

Familie Storch vor der Weite des Weltalls.
Foto © Jörg Niederer
"Eine Seele voller Dankbarkeit ist wie ein Fluss voller Wasser, der nie versiegt." Esther Jonhson (1965-)

Ein Bibelvers - Johannes 1,1-3

"Von Anfang an gab es den, der das Wort ist. Er, das Wort, gehörte zu Gott. Und er, das Wort, war Gott in allem gleich. Dieses Wort gehörte von Anfang an zu Gott. Alles wurde durch dieses Wort geschaffen. Und nichts, das geschaffen ist, ist ohne dieses Wort entstanden."

Eine Anregung

Kosmologien gibt es viele. Also Erklärungen, wie die Welt, das Universum und wir Menschen entstanden. Die Gängige ist die über den Urknall. Begründet wird dies mit der vom einem Punkt ausgehenden beständigen und sich gleichzeitig verlangsamenden Ausdehnung des Universums.

Folgendes habe ich gelesen: "Wir sehen sie nicht – aber Mikroorganismen sind überall. Ein Kubikzentimeter Erde enthält etwa eine Milliarde Bakterien, ein Teelöffel Wasser aus einem See eine Million, ein Kubikmeter Luft etwa 1.000 Keime." Was wissen die Mikroben und Bakterien davon, dass sie selbst Teil viel grösserer Organismen sind? Könnte es nicht wiederum sein, dass wir selbst Mikroben gleich Teil eines noch viel grösseren Seins sind ohne dies erkennen zu können. Oder sind wir vielleicht nur Teil der Atemluft einer jenseits unserer Welt lebenden Existenz. Was wäre, wenn unsere Welt genau einen solchen Atemzug lang existieren würde, und das, was wir Ausdehnung des Universums nennen, nichts weiteres ist, als der sich ausweitende Atemraum? In diesem Atem, irgendwo in den dabei entstandenen Verwirbelungen und Bewegungen sind Moleküle, und auf einem dieser Moleküle, der Erde, leben wir, und versuchten die Welt zu verstehen.

Doch dann kommt der Moment, an dem das Ausatmen endet, die Ausdehnung des Universums sein Maximum erreicht, und diese jenseitige Existenz alles Ausgeatmete wieder einatmet. Himmel und Erde vergehen, und ein neues Ausatmen lässt einen neuen Himmel und eine neue Erde entstehen.

Ach ja, und natürlich könnte dieses jenseitige Wesen selbst wieder ein Fäserchen des Atems eines noch viel jenseitigeren Sein sein.

Gut, das alles ist nun nicht mehr als eine Montagmorgenphantasie eines Menschen, der letztlich diese Welt nie ganz verstehen wird. Darum gab es schon immer Schöpfungsgeschichten, welche das Unerklärliche zu erklären versuchen: Dass nämlich irgendeinmal das Bewusstsein über das eigene Sein entstanden, die Verwunderung, dass es Leben gibt und dass da nicht einfach nur Nichts ist. Es ist halt schon ein grosses Wunder, das Leben, und etwas Heiliges, Ehrfurchtgebietendes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde