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Freitag, 8. März 2024

Tanzende Bäume

Ein Zitat

Ein drehwüchsiger Birnbaum in Gerlikon bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ein krummer Baum lebt sein Leben. Ein gerader Baum wird ein Brett." Chinesisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Jeremia 31,13

"Dann werden die Mädchen vor Freude tanzen, Jung und Alt werden miteinander lachen. Ich werde ihre Trauer in Freude verwandeln. Ich werde sie trösten und sie von ihrem Kummer befreien."

Eine Anregung

Es sieht aus, als würden sich viele Bäume im Verlauf ihres Lebens ganz langsam um die eigene Achse drehen. Sie Tanzen im Kreis, um ihren eigenen Mittelpunkt. Sie tun dies nach links und nach rechts. Sie schrauben sich in den Himmel. An Rotbuchen und Kastanien kann das beobachtet werden, aber auch an Birn- und Apfelbäumen. Der Drall im Holz, man nennt ihn in der Fachsprache "Drehwuchs". Es scheint, als wäre er einerseits genetisch bedingt. Nachwuchs von drehwüchsigen Bäumen werden überdurchschnittlich oft auch drehwüchsig. Aber andererseits auch Hanglagen und anderes Standortgegebenheiten verstärken den Drehwuchs.

Dieser Pirouettenwuchs kommt daher, dass die Holzfasern schräg zur Vertikalen um den Holzmittelpunkt herum wachsen. Das erhöht die Stabilität und Bruchfestigkeit der Bäume. Flexibel wie Spiralfedern können sie dem Sturmdruck des Winds besser nachgeben.

Den Dreh behält das Holz auch, wenn es später bearbeitet wird. Das kann man in alten Gebäuden beobachten. Die vielhundertjährigen Balken haben sich über die Zeit oft weiter gebogen und verzogen. Die Bäume tanzen über den Tod hinaus. Sie tanzen, so könnte man sagen, in den Himmel hinein, auch wenn dieser für den Baum oft schon auf Höhe eines Hausgiebels erreicht ist.

In der Holzwirtschaft mag man die Tänzerinnen unter den Bäumen nicht. Mittels Auslese wurden daher vor allem geradewachsende Bäume vermehrt. Was für den Holzbau gut ist, ist bei Sturm ein Problem. Bäume die nicht tanzen fallen schneller hin.

Auch bei Menschen erhöht der Tanz die Standfestigkeit und Koordination. Und auch die Vorstellung, dass wir in den Himmel hineintanzen, findet seinen Niederschlag, etwa im Totentanz zu Basel. (Siehe Blog vom 21. September 2023!) So könnte man also sagen: Tanzen bringt dich im Leben weiter!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 11. Februar 2023

Abschied und Erinnerung

Ein Zitat

Teil des Stammes einer 320-jährigen Stieleiche. Zu finden auf dem Cholfirst nahe Schaffhausen.
Foto © Jörg Niederer
"Zu fällen einen schönen Baum / braucht's eine halbe Stunde kaum. / Zu wachsen, bis man ihn bewundert, / braucht er, bedenk es, ein Jahrhundert." Eugen Roth (1895-1976)

Ein Bibelvers - Psalm 103,2

"Lobe den Herrn, meine Seele! Und vergiss nicht das Gute, das er für dich getan hat!"

Eine Anregung

Oben auf dem Cholfirst, dem Hügelzug, welcher sich von Schaffhausen nach Wildensbuch hinzieht, waren Waldarbeiter zugegen. Lärmende Motorsägen kündeten den Tod von Bäumen. Krachend knallten diese auf den Waldboden.

Was da umgetan wurde, hatte sein Nutzholzalter erreicht. Keiner dieser Bäume konnte aber auf so viele Jahre zurückblicken, wie ein Stieleiche, die vor ca. 380 Jahren in Marthalen einer Eichel entspross, und nicht mehr aufhörte zu wachsen, bis sie 1970 gefällt wurde. Ein Stück des Stammes liegt nun ausgestellt am Waldweg zwischen dem Fernsehturm und dem Hochwachtturm Wildensbuch. (Der Hügelzug weisst gleich drei Aussichttürme auf. Zu den beiden genannten hinzu kommt auch noch der Aussichtsturm Hörnli oberhalb von Uhwisen.) Ein Recke von einem Baum war das, gepflanzt kurz vor Ende des Dreissigjährigen Krieges (1618-1648). Nun ist er eine hölzerne Reliquie, Rest eines staunenswerten Grossereignisses. Auch wenn Bäume sehr alt werden können, ewig leben auch sie nicht. Irgendeinmal ist es zu Ende. 

Da oben beim Baumrelikt dachte ich an einen guten Bekannten, dessen Fotografien seit knapp einem Jahr bei uns in der Methodistenkirche St. Gallen hängen, der vor drei Tagen seinen irdischen Lauf im Alter von 70 Jahren beendet hatte. Ich bin traurig, das Peter Frei nun nicht mehr hier ist. Doch gut, dass er voll Hoffnung und überzeugt von der Liebe Gottes gehen durfte. 

Wir denken heute besonders an seine Familie und alle, die ihn vermissen. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde