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Dienstag, 17. Oktober 2023

In den Wirbeln des Lebens

Ein Zitat

Der grosse, künstlich erzeugte Wasserwirbel im Technorama Winterthur lädt zum Meditieren über das Leben ein.
Foto © Jörg Niederer
"Man fühlt die Strömung erst, wenn man aufwärts schwimmt." Peter von Amiens (1050-1115), französischer Eremit

Ein Bibelvers - Psalm 74,15

"Du [Gott] hast Quellen und Bäche hervorsprudeln lassen, und reißende Ströme hast du trockengelegt."

Eine Anregung

Das Leben kann einen ganz schön herumwirbeln. Daran dachte ich, als ich im Technorama dem künstlichen Wasserwirbel zusah. Mit der Zeit war die Dynamik der Strömung so gross, dass nicht nur die Sogwirkung im Zentrum zu beachten war, sondern auch die Zentrifugalkraft an den Rändern der konischen Wanne. Wasser schwappte über.

Verschluckt werden auf der einen Seite, aus der Bahn geworfen werden auf der anderen Seite. Wirbel sind schön anzusehen mit ihren spiralförmigen Rippen. Doch wenn es dich selbst darin herumschleudert, wenn du selbst hilflos in der Strömung hängen bleibst, dann ist das gar nicht lustig. Gedanken kreisen, je länger je schneller. Sich daraus zu lösen geht nicht, weil ein Gedanke zum nächsten führt, eine Befürchtung zur nächsten.

Gott, der du die sternenwirbelnden Galaxien ins Universum gestellt hast, halte mich fest wenn ich mich um mich selbst drehe, wenn meine Gedanken zu einem schwarzen Loch werden, wenn es mich total aus der Bahn wirft! Halte mich fest, dann mag kommen, was wolle. Dann treiben mich die Strömungen von Zeit und Unzeit nie von dir weg. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Dienstag, 4. Oktober 2022

Mitten im Morast

Ein Zitat

Das Zollhaus Dazio Grande oberhalb der Schlucht von Monte Piottino
Foto © Jörg Niederer
"Hinaus in Feld und Flur! Hinauf auf Gipfel und Grat! Durch Hag und Heide, durch Moor, Modder und Morast!" Donald Duck, in "Die Eignungsprüfung"

Ein Bibelvers - Psalm 40,3

"Gott zog mich aus der Grube, die mein Ende bedeutet hätte, aus Schlamm und Morast, er stellte meine Füße auf festen Grund und gab meinen Schritten sicheren Halt."

Ein Anregung

Als ich auf der Wanderung entlang des Fernwanderwegs ViaGottardo das einstigen Zollhaus Dazio Grande oberhalb der "Gola (Schlucht) di Monte Piottino" erreichte, fiel es mir noch nicht auf. Erst in diesen Tagen beim Kartenstudium entdeckte ich den Lokalnamen Morasco direkt neben der Dazio Grande, und etwas weiter oben den Weiler "In mezzo di Morasco". Auf gut Deutsch heisst das "Mitten im Morast". 

Da leben also Menschen wohl schon lange "Mitten im Morast". So hätte ich mein Zuhause eher nicht genannt. Noch weiter oben bei einer Wasserfassung gibt es dann auch noch den Morastgipfel (Cima di Morasco).

Vielleicht kommst du dir auch so vor, als würdest du mitten im Morast stecken. Dann darfst du wenigsten sicher sein, dass das nicht amtlich festgeschrieben ist und folglich auch nicht so bleiben muss. An dieser Stelle wünsche ich uns allen, ob wir mitten im Morast oder weit weg davon sind, die Erfahrung, dass Gott uns hält und nicht untergehen lässt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 12. September 2022

Vertrautheit

Ein Zitat

Ein Paar spaziert Hand-in-Hand über einen Feldweg
Foto © Jörg Niederer
"Nur Vertrauen führt zu Vertrautheit. Beide Wörter haben ein- und dieselbe Wurzel." Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker

Ein Bibelvers - Psalm 139,1+2

"Herr, du hast mich erforscht und kennst mich genau. Ob ich sitze oder stehe: Du weißt es. Meine Absicht erkennst du von fern."

Ein Anregung

Wer in einer langdauernden Gemeinschaft lebt, kennt es vielleicht auch. Was zu Beginn der Beziehung noch für Drama sorgte und total verunsicherte, das ist mit zunehmender Vertrautheit kein Grund mehr zu Panik und Sorgen. Genau darum wohl finde ich mich in den Worten von Malachy Tallack, wenn er im Buch "Das Tal in der Mitte der Welt" das ältere Ehepaar Mary und David beschreibt: "Mary hatte Jahre gebraucht, um zu verstehen, wie sie mit ihrem Mann umgehen musste, wenn er so war, wenn er auf diese Art in sich selber verschwand, wie eine sich schliessende Muschel, wenn er die Welt aussperrte. Das war so anders als die Offenheit, die sie an ihm liebte, so anders als der David, den alle anderen kannten." (ebd. S. 203) 

Was von Mary gesagt wird, das scheint mir, könnte auch von meiner Frau gesagt werden. Sie hat gelernt mit meinen Macken umzugehen. Ich werfe sie nicht mehr so leicht aus der Bahn. Sie kennt mich. Ich empfinde das als ein grosses Geschenk.

In der Bibel lese ich, dass Gott uns Menschen durch und durch kennt. Und so bin ich sicher, dass Gott durch nichts, was wir Menschen an Macken und Fehlern haben, was wir tun oder lassen, aus der Bahn geworfen wird. Er weiss, wie er uns nehmen muss, lässt uns Zeit, lässt uns im Fallen nicht los, hält uns in seiner Gegenwart. Ich empfinde das als ein grosses Geschenk.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 1. April 2022

Halte mich fest!

Ein Zitat

Klettern im Alpstein
Foto © Jörg Niederer
"Nur wer mit dem Boden verhaftet bleibt, kann anderen Halt geben. Wer über den anderen schwebt, ist abgehoben und selbst nicht mehr fest verwurzelt, wie will so eine Person anderen Halt geben?" Nadine Rebel, Management-Trainerin

Ein Bibelvers - Psalm 46,2-3

"Gott ist für uns eine starke Zuflucht. In höchster Not steht er uns bei. Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Fundamente der Erde schwanken und die Berge mitten im Meer wanken."

Ein Anregung

Das "Photo-a-day"-Wort von heute lautet "halten" (Englisch: keep). 

Abhängig vom individuellen Empfinden und dem Trainingszustand wird eine Klettertour als Genuss erlebt oder als Überforderung. Entscheidend ist der sichere Halt, der feste Griff. Je schwieriger die Route, desto öfter kommt es vor, dass das gesamte Körpergewicht von einer Hand gehalten wird.

In einer Seilschaft hält eine Bergsteigerin den andern Bergsteiger. Stürze werden durch die zweite Person aufgefangen. Ihr Halt muss gut genug für beide sein. 

Eine Hand hält die andere. Wir leben nur, weil wir eine Gemeinschaft von Haltenden und Gehaltenen sind. Letztlich hält uns Gott in seiner Hand. Was immer auch passiert. 

Im Lied "Ich singe dir ein Liebeslied" wird zu Jesus mit den Worten gebetet: "Halte mich fest, ganz nah bei dir in deinem Arm". Hier kann das Lied angehört werden. 

Morgen folgt ein Bild zum Wort "immer" (Englisch: always).


Photo-a-day Lent 2022: Eine methodistische Webseite schlägt für die Fastenzeit vor, jeden Tag ein Foto zu teilen, das von einem bestimmten Wort inspiriert ist. Diese Sache nennt sich "Photo-a-day Lent 2022". So könne man sich der Fastenzeit auf eine neue Weise annähern. Die Bilder soll man mit #rethinkchurch taggen. Weitere Erklärungen zum Bild brauche es nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde