Dienstag, 31. August 2021

Eine spirituell-diakonische Weg-Gemeinschaft

Ein Zitat

Diakonisse in Basel an der Jährlichen Konferenz von 2005
Foto © Sigmar Friedrich
"Denn eine Diakonissin darf kein Alltagsmensch sein, sonst wird die Welt belogen." Friederike Fliedner

Ein Bibelvers - Johannes 5,2+3

"Beim Schaftor in Jerusalem gibt es einen Teich mit fünf Säulenhallen. Auf Hebräisch wird dieser Ort Betesda genannt. In den Hallen lagen viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Menschen mit verkrüppelten Gliedern."

Ein Anregung

Dreissig Jahre zurück gehörten methodistische Diakonissen noch ins Strassenbild von Schweizer Städten. Ihren Dienst taten sie in öffentlichen Einrichtungen, aber auch als Gemeindeschwestern oder Pfarrerinnen. Eben habe ich im Nachruf einer Diakonisse erfahren, dass sie lange Zeit als OP-Schwester im Kantonsspital Frauenfeld gearbeitet hat. Und auch in St. Gallen wurde einst im Kantonsspital eine ganze Abteilung von methodistischen Diakonissen gleitet. 

Heute sind die meisten Diakonissen betagt und leben gemeinsam in ihren eigenen Alters- und Pflegeheimen.

Im Lauf der Zeit verlor diese Lebensform unter der Haube an Attraktivität. Die Verfügbarkeit für gemeinsame Aufgaben, den einfachen, zeichenhaft schlichten Lebensstil und die Ehelosigkeit in verbindlicher Lebensgemeinschaft wählen immer weniger Frauen. 

An die Stelle der Diakonissen-Schwesternschaft treten andere, zeitgemässere Formen spirituellen Lebens. Eine davon ist die Bethesda Weg-Gemeinschaft. Ihre Vision lautet kurz und knapp: "Wir unterstützen einander, im GeHEIMnis Gottes zu wohnen, Menschen gerecht zu werden, Hoffnung zu stärken". Konkret sieht das so aus: "Wir stärken einander darin, aus der Verbindung zu Jesus Christus zu leben. Wir wachsen aneinander und mit anderen an unserer Beziehungsfähigkeit. Wir beten für das Diakonat Bethesda und sind mit dem Diakonat als geistliche Trägerschaft verbunden. Wir sind bereit, für und mit Menschen da zu sein und gemeinsam Zukunft zu gestalten. Wir sind verbindliche Mitglieder für Zeitspannen: 1 Jahr / 3 Jahre / 5 Jahre. Wir sind bereit, das Leben der Gemeinschaft mit regelmässigen Spenden zu unterstützen. Die Höhe legt jedes Mitglied nach eigenem Ermessen fest. Für unseren Lebensunterhalt kommen wir je selber auf." Mehr erfährt man im Flyer der Bethesda Weg-Gemeinschaft. Aber auch ein einmal wöchentlich erscheinender Blogbeitrag gibt Einblick in diese besondere Lebensform. Und wer weiss, vielleicht wäre diese Weg-Gemeinschaft gerade jetzt das Richtige in deinen Lebensumständen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 30. August 2021

Von goldenen, grünen und anderen Daumen

Ein Zitat

Wuchernde Nutzpflanzen vor einer Wohnung
Foto © Jörg Niederer
"Es ist ein perfekter Sommertag, wenn die Sonne scheint, der Wind weht, die Vögel singen, und der Rasenmäher kaputt ist." James Dent

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,8+9a

"Dann legte Gott der Herr einen Garten an – im Osten, in der Landschaft Eden. Dorthin brachte er den Menschen, den er geformt hatte. Gott der Herr ließ aus dem Erdboden alle Arten von Bäumen emporwachsen."

Ein Anregung

Zwei Hochbeete, den Jahreszeiten entsprechend bepflanzt, auf dem Balkon ein Tomatenspalier, die Arbeitswerkzeuge griffbereit, Kürbispflanzen, die weit in den Garten wuchern: Da hat jemand einen "grünen Daumen"

Und wieder einmal frage ich mich, woher eine Redensart kommt. Ich bin damit nicht der Erste. Am meisten leuchtet mir die Antwort auf der Webseite von "Bedeutung Online" ein. Danach kommt die Redensart aus den USA. In England spricht man dagegen vom "grünen Händchen". Beide Redeweisen wurden während des 2. Weltkriegs in der populären BBC-Radiosendung "In your Garden" durch Cecil Henry Middleton mehrfach verwendet und so einer breiten Öffentlichkeit bekannt. 

Der grüne Daumen hat nichts mit Verfärbungen bei der Gartenarbeit zu tun. Wahrscheinlicher ist eine andere Erklärung. So schrieb im Mittelalter Geoffrey Chaucer in seinem berühmten Werk der Canterbury Tales (entstanden 1387-1400) "Ein ehrlicher Müller hat einen goldenen Daumen." Dabei scheint nun tatsächlich auf eine Verfärbung des Daumens angespielt, die entstand, wenn der Müller das damals bräunliche Mehl zwischen Daumen und Zeigefinger auf Qualität prüfte. Analog für den "goldenen Daumen" beim Müller könnte jemand später auf die Idee gekommen sein, bei begabten Gärtner*innen von "grünen Daumen" zu reden. 

Wie könnte man nun bei besonders begabten Christinnen und Christen von deren Daumen reden? Haben diese einen "Heiligenschein-Daumen", einen "Jesusdaumen", einen "Demutsdaumen", einen "Agapedaumen" (Liebesdaumen könnte auf die falsche Fährte führen!) oder einen "Kreuzdaumen"? Wie wäre es mit "Dornenkronendaumen"? Noch befriedigt mich keine der Formulierungen. 

Aber vielleicht liege ich schon damit falsch, wenn ich von "besonders begabten" Christinnen und Christen sprechen und damit andere als "weniger begabt" mitdenke. Dafür gäbe es wohl von vielen kein "Christusdaumen hoch".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 29. August 2021

Spielerisch Herausforderndes verstehen

Ein Zitat

Das Faltpuzzle ist nicht einfach, aber faszinierend
Foto © Jörg Niederer
"Es ist schön, wenn man sich aussuchen kann, welchen Zwängen man folgt." Erik Demaine in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen 

Ein Bibelvers - Galater 2,20

"Deshalb lebe ich also nicht mehr selbst, sondern Christus lebt in mir. Zwar lebe ich noch in dieser Welt, aber ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes. Er hat mir seine Liebe geschenkt und sein Leben für mich hingegeben."

Ein Anregung

Der kanadisch-amerikanische Doppelbürger Erik Demaine ist der jüngste je ans MIT berufene Professor, Computerwissenschaftler, Mathematiker und Künstler. Ich bin vor 15 Jahren auf ihn und seinen Vater Martin gestossen. In besonderer Weise haben sich die beiden mit Papierfaltkunst beschäftigt, und diese mathematisch untersucht und weiterentwickelt. Jedes Jahr veröffentlichen die beiden ein Faltpuzzle. Was einfach aussieht, ist meist recht knifflig. Gelegentlich gibt es dazu auch keine Lösung. So wird ersichtlich, dass nicht alles machbar ist. Oder dann sind da die Schriften, die sie computergeneriert und -animiert kreieren. Eine der Schriften besteht aus Buchstaben, die je für sich genommen und aneinandergefügt eine geschlossene Fläche bilden. Oder dann dienen Bücher als Bausteine für allerlei Möbel.

Auf der Webseite findet sich Anregendes für viele Stunden.

Als Illustration zur heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen habe ich mir ein Faltpuzzle von Erik und Martin Demaine ausgeliehen und gestalterisch angepasst. Das beidseits zu bedruckende A4-Blatt soll zugeschnitten und so gefaltet werden, dass das selbe Bildchen auf beiden Seiten durch ein Papierfenster sichtbar wird. Klingt einfach, ist es aber nicht. Hier kannst du die Vorlage mit Anleitung herunterladen.

In der Predigt geht es um das Bundeserneuerungsgebet von John Wesley. Das ist in seinen Aussagen sehr herausfordernd. So beginnt das Gebet mit den Worten: "Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir".

Heute ab 10.30 können meine Ausführungen dazu auf Youtube oder vor Ort an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen mitgehört und diskutiert werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 28. August 2021

Wenn der Baumschatten dem Weltuntergang widersteht

Ein Zitat

Die Linde von Linn hat einen mächtigen Stamm
Foto © Jörg Niederer
"Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigegeben auf den Himmel." Viktor Frankl (1905-1997)

Ein Bibelvers - Josua 10,12-14

"Damals betete Josua zum Herrn. Es war an dem Tag, an dem der Herr die Amoriter den Israeliten preisgab. Vor den Augen der Israeliten sprach er: 'Sonne, steh still über Gibeon, und du, Mond, über dem Tal von Ajalon. Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis das Volk Rache genommen hatte an seinen Feinden. Und so ist es aufgeschrieben im Liederbuch der Helden. Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen und bewegte sich nicht von der Stelle. Das dauerte fast einen vollen Tag. Nie wieder gab es einen solchen Tag wie diesen, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Der Herr hörte auf die Stimme eines Menschen. Ja, der Herr selbst kämpfte für Israel."

Ein Anregung

Die Linde von Linn ist ein mächtiger Baum. Entgegen der Sage ist es keine Pestlinde. Die verheerenden Pestzüge hat sie alle überstanden, ist der 25 Meter hohe Baum doch rund 800 Jahre alt. Der Stammumfang ist mit 11 Metern bemerkenswert. 

Eine Geschichte macht das Ausbleiben des Weltuntergangs davon abhängig, dass mindestens einmal pro Jahr der Schatten der Linner Linde auf das Schloss Habsburg fällt: "Leit d linde nüm ihres chöpfli ufs Ruedelis hus, so eschs met allne wälte us." Mit "Ruedelis Hus" ist die Habsburg gemeint, der Stammsitz von Rudolf von Habsburg.

Zweimal im Jahr ist es soweit, dass das Schloss von der Linde beschattet wird. Am 26. August und am 17. April stehen die Sonne, die Linde und die Burg auf einer Linie. 

Solche Phänomene gibt es noch einige. Am 30. September und 1. Oktober wirft die Sonne ihr Licht durchs Martinsloch auf die Elmer Kirche. Und die Majas in Mittelamerika richteten Pyramiden so aus, dass durch den Schattenwurf der Sonne steinerne Schlangen lebendig wirken.

All diese Beobachtungen helfen den Menschen, sich im Leben und der Zeit zu orientieren. Sie geben Sicherheit.

Umso eindrücklicher ist es, wenn das Erwartete nicht eintrifft. Da soll nach der Bibel zur Zeit Josuas ein Tag lang die Sonne stillgestanden sein. Eine solcher Einbruch in jahrtausendelang währende Ordnungen muss erschreckend sein. Vielleicht ist dies vergleichbar mit dem, was wir im Kleinen erleben, wenn das veränderte Klima heute den gewohnten Gang der Jahreszeiten durcheinander wirft.

Ich jedenfalls frage mich an diesem Tag: Was gibt mir Sicherheit und Struktur in meinem Leben? Vermutlich nicht der Schattenwurf eines Baums...

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 27. August 2021

Noch genau einmal: Arno & Andreas treten gemeinsam auf

Ein Zitat

Hippiekreuze aus Arizona
Foto © Jörg Niederer
"Das ist der Schmerz Gottes, dass er in die Welt, die er geschaffen hat, nicht hineinpasst." Arno Backhaus, aus dem Buch: Woran starb das Tote Meer, Brendow, 2011

Ein Bibelvers - Psalm 96,1+2

"Singt dem Herrn ein neues Lied! Singt dem Herrn, alle Länder! Singt dem Herrn, preist seinen Namen! Verkündet seine Hilfe von Tag zu Tag!"

Ein Anregung

Die Hippiekreuze können immer noch gekauft werden in der Wüste von Arizona. In der Hippiezeit war es, als Andreas Melasse und Arno Backhaus die christliche Musikszene in den USA entdeckten, und selbst begannen, mit deutschen Songs aufzutreten. 1400 Konzerte später beendete das Duo Arno & Andreas ihre Gesangskarriere. Und nun, erneut 30 Jahre später, treten sie ein einziges Mal wieder gemeinsam auf, bei einem Youtube-Konzert.

Siegfried Fietz brachte das Schlagzeug, und mit Arno & Andreas hielt die deutschsprachige christlichen Rockmusik im deutschen Sprachraum Einzug. Die beide Pioniere sind heute mit Vorträgen unterwegs. Andreas Melasse schreibt auch Songs, etwa für das Musical "Martin Luther King", das am 5. und 6. November 2022 in St. Gallen aufgeführt werden soll.

Die beiden Herren sehen nicht mehr wie Hippies aus. In Interview auf livenet.ch erzählen beide aus ihrem Leben. Andreas Melasse meint da zum Beispiel: "Wir bereuen nicht, was wir von unserem Glauben von 1972-1991 gesungen haben, aber... Unser Glauben hat Häutungen und Entwicklungsstufen erlebt. Das uralte Versprechen... 'Wenn du den Herrn Jesus lieb hast und regelmässig stille Zeit machst, wir dein Leben gelingen', dieses Versprechen wurde nicht gehalten... Es gibt Evangelikale beim Scheidungsanwalt, beim Arbeitsgericht und sogar im Knast.".

In einem Beitrag vom "Fenster zum Sonntag" erzählt Arno Backhaus, wie er noch nach seiner Bekehrung mit 16 Jahren geklaut habe, nur habe er dann den Erlös aus dem Verkauf des Diebesguts der Mission gespendet.

Im Rückblick ist Arno Backhaus überzeugt: "Heute sage ich, das was mein Leben ausmacht ist Gott, meine Frau und ADHS."

Es ist faszinierend, diesem begnadeten Redner zuzuhören. Ein Beispiel ist seine Predigt zum Thema: "Am Anfang schuf Gott Papier und Bleistift"

Wer einen der Songs von Arno & Andreas schon vor dem Konzert anhören möchte, dem empfehle ich das Liebeslied.

Das Konzert wird am Samstag, 4. September 2021 um 20 Uhr ausgestrahlt. Es ist kostenlos, oder besser gesagt, es kann für einen freiwilligen finanziellen Beitrag angeschaut werden, und das bis Ende Jahr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Donnerstag, 26. August 2021

Der Vorteil kulturellen Vielfalt

Ein Zitat

Viele verschiedene Menschen in St. Gallens Strassen
Foto © Jörg Niederer
"Menschen aus andern Ländern bringen die Freundschaft und die Vielfalt der Welt zu uns." Gerhard Cromme, deutscher Industriemanager

Ein Bibelvers - 1. Korinther 12,20-22. 27

"Nun sind es zwar viele Teile, aber sie bilden einen Leib. Deshalb kann das Auge nicht zur Hand sagen: 'Ich brauche dich nicht.' Oder der Kopf zu den Füßen: 'Ich brauche euch nicht.' Vielmehr sind gerade die Teile des Körpers, die schwächer zu sein scheinen, umso notwendiger... Ihr seid nun der Leib von Christus! Jeder Einzelne von euch ist ein Teil davon."

Ein Anregung

Am 15. August titelte das St. Galler Tagblatt: "Migration erhöht den Schweizer Wohlstand". Im Artikel wird auf eine Studie der Boston Consulting Group verwiesen, welche belegt, dass Migration sowohl für Einwanderungs- wie Auswanderungsländer zu einem höheren Wohlstand führe. Kulturell gemischte Gesellschaften seien innovativer und weisen eine höhere Produktivität und ein höheres Einkommen aus. Aber auch Auswanderungsländer gewinnen, etwa von den grossen Geldsummen, die durch Ausländer*innen in die Heimatländer zurückfliessen und dort in Bildung, Gesundheit, Strom, Wasser und Toiletten investiert werden, alles wichtige Grundlagen für wirtschaftliches Wachstum und Wohlfahrt.

Mir leuchtet das ein. Es ist doch klar, dass mehrere Menschen mehr wissen und ausprobieren, als ein Einzelner oder eine Einzelne. Und wenn diese Menschen dann noch aus verschiedenen Kulturen stammen, dann kommen weitaus mehr Ideen und Erfahrungen zusammen, als wenn alle Personen in derselben Kultur gross geworden sind. Je vielfältiger eine Gesellschaft, desto ideenreicher und dynamischer entwickelt sie sich.

Für Christen ist das eine alte Erkenntnis. Schon Paulus betonte im Bild eines Körpers, dass die verschiedenen Glieder notwendig sind für das zielgerichtete Zusammenwirken, für die vollständige Umsetzung des göttlichen Auftrags. Miteinander, nicht gegeneinander. In Vielfalt und nicht gleichgeschaltet.

Darum ist Kirche nie nur eine nationale Grösse. Kirche muss international und multikulturell sein. Es lohnt sich mit diesen Erkenntnissen die Gedanken von Paulus in 1. Korinther 12,12-31 zu lesen, und das Bild von Leib Christi auf die gesamte Vielfalt der Menschheit anzuwenden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Mittwoch, 25. August 2021

Kann man sich an Corona gewöhnen?

Ein Zitat

Selfie am Seniorenausflug - mit oder ohne Maske
Foto © Jörg Niederer
"In dir ist Freude / in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ. / Durch dich wir haben / himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / ... / Zu deiner Güte / steht unser G'müte, / an dir wir kleben / im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja." Liedtext vermutlich von Cyriakus Schneegaß

Ein Bibelvers -
1. Thessalonicher 5,21-23

"Prüft aber alles und behaltet das Gute. Haltet euch vom Bösen fern – wie auch immer es aussieht. Gott, der Frieden schenkt, mache euch ganz und gar zu Heiligen. Er bewahre euch unversehrt an Geist, Seele und Körper."

Ein Anregung

Wie kann man nur jahrelang in einem Kriegsgebiet leben? Das habe ich mich schon oft gefragt. Ganz offensichtlich: man kann. Tausende von Menschen haben keine Wahl. Und irgendeinmal nehmen sie die Bombeneinschläge einfach so hin, die Übergriffe der Soldaten. Das Leben geht weiter, oder auch nicht.

Genauso ist es in dieser Coronapandemie. Wir haben uns daran gewöhnt. Noch nicht so ganz, aber immer öfter. Das zeigen die bei steigenden Ansteckungszahlen irrationalen Forderungen nach mehr Öffnung, nach weniger Restriktionen. Fatalistisch ergibt man sich ins Unabänderliche, selbst dann, wenn es sich ändern liesse. Oder ist das nun Gottvertrauen? Unlängst sass ich an einem religiösen Treffen und war einer der wenigen, der die Maske trug. Ich war der Meinung, es sei selbstverständlich für Christ*innen, seine Mitmenschen zu schützen, vor allem, wenn es so einfach ist wie mit den Coronamassnahmen. Irgendwann habe ich die Maske dann aber auch abgenommen. Wenn die andern nicht an meinem Schutz interessiert sind, warum soll ich dann sie schützen. Kein sehr christlicher Gedanke. (Das Foto hat damit nichts zu tun. Darauf sind nur Personen zu sehen, welche geimpft sind, und die auch nur für das Selfie im Freien schnell die Maske abgenommen haben.)

Kann man sich an die Pest gewöhnen. Es scheint so. Kann man sich an die Arbeitslosigkeit gewöhnen? Kann man sich an Armut gewöhnen? Kann man sich an Reichtum gewöhnen? An sexuelle Übergriffe, an Geschwätz, an Oberflächlichkeit, an chronische Schmerzen, an...

Es sind nie alle, die sich daran gewöhnen können. Aber viele können es. Und sie tun es. Andere verzweifeln daran, werden krank, können sich nicht anpassen, gehen - wie von Charles Darwin beschrieben - unter.

Anpassungsfähigkeit ist eine Stärke. Aber sie ist auch eine Schwäche. An Unrecht sollte kein Mensch sich gewöhnen. Auch nicht an Lieblosigkeit. Oder an Fatalismus.

Der christliche Glaube richtet sich gegen Gottferne und Menschenverachtung. Jesus Christus hat die Gottverlorenheit, die in all der menschlichen Not und Gleichgültigkeit zum Ausdruck kommt, nicht hingenommen. Er hat sich nicht daran gewöhnt. Das ist unser Glück, und das war sein Kreuz. Darin liegt die Hoffnung dieser Welt, dass er uns nicht einen fatalistischen Gott vermittelte, sondern die Liebe schlechthin. Wenn ich mich an etwas gewöhnen will, dann an die Liebe. Eine rücksichtsvolle, tätige Liebe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 24. August 2021

Gestrickte Kunst oder Werbegag?

Ein Zitat

Strassenlaternen in Wollstrümpfen
Foto © Jörg Niederer
"Kann Stricken Kunst sein?" Blogtitel von Kulturflaneur

Ein Bibelvers - Jesaja 61,10

"Ich will mich freuen über den Herrn. Aus vollem Herzen will ich jubeln über meinen Gott. Denn er umgibt mich mit seiner Hilfe wie mit einem Kleid. Er hüllt mich in seine Gerechtigkeit wie in einen Mantel. Ich freue mich wie ein Bräutigam, der seinen Kopfschmuck anlegt. Ich bin fröhlich wie eine Braut, die sich für die Hochzeit schmückt."

Ein Anregung

Urban Knitting, gestrickte Kunst, ist in der Schweiz angekommen. In Weinfelden entdecke ich Strassenlaternen in bunten, gestrickten Wollstumpen. Statt kühlgrau lackierte Stahlrohre, farbenfrohe Maschenreihen.

Andernorts wurden ganze Bäume zugestrickt, Skulpturen bekamen Wollkleider und Mauern eine Garnisolation.

Der Blogger Kulturflaneur schreibt darüber: "'Auch wenn mit Urban Knitting nichts beschädigt wird, ist es nicht erlaubt.' sagte der Sprecher der Zürcher Stadtpolizei zum Tagi. Entweder handle es sich um eine illegale Benutzung des öffentlichen Grunds zu Werbezwecken oder um Unfug. Die VerursacherInnen würden so oder so verzeigt." Siehe dazu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Guerilla_Knitting

Also mir gefällts. In Weinfelden ist die Installation wohl mit den Behörden abgesprochen, vermutlich sogar unauffällige Werbung des nahen Handarbeitsgeschäfts. Vor dem Wollladen jedenfalls steht ein Fahrrad in "hautengem" Wolltenü.

Farbe und Freude in den Alltag bringen, das ist doch auch eine Teil der Aufgabe der Christinnen und Christen, der Kirche. Glück vermitteln. Für Wesley gehörte verantwortliches Handeln und Freude zusammen (Holiness and Happiness).

Ich fragt mich gerade, ob es auch statthaft ist, ein Kreuz zu umgarnen? Oder ist das ein Sakrileg?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 23. August 2021

Vom Punk zur grauen Maus

Ein Zitat

Raupe der Ahorn-Rindeneule
Foto © Jörg Niederer
"Es ist besser auszubrennen denn wegzudämmern." Neal Young

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

Jesus zu Petrus: "Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel umgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird ein anderer dir den Gürtel umbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst."

Ein Anregung

Aus manchen grauen Entchen wird ein "Schwan, so weiss wie Schnee". Und dann gibt es Punks, die nicht auffälliger daherkommen können, in jeder Hinsicht ins Auge stechen, gerade so wie diese Raupe. Es ist die Larve der Ahorn-Rindeneule, ein Falter, der sich meist von Bergahorn und Rosskastanien ernährt. Wir sind diesem grellen Tierchen unweit der Bommer-Weiher begegnet. Es überquerte in Raupenmanier das Natursträsschen. Und da fiel es natürlich auf, zwischen all den grauen Steinchen.

Nun stellt euch einmal den Falter vor, der aus der Puppe dieser Raupe schlüpft. Alles Auffällige ist im Kokon zurückgeblieben, Vergangenheit, Jugendsünde. Der Schmetterling macht auf seriös, ist gräulich unauffällig, an Baustämmen kaum auszumachen.

Wie sehen deine Lebensstadien aus? Gab es da die verrückten Jahre? Wurde aus dir zwischenzeitlich ein grauer Falter? Oder soll es in deinem Leben jetzt noch einmal so richtig krachen?

Petrus musste sich mit den Phasen seines Lebens beschäftigen. Von der Selbständigkeit zur Fremdbestimmung. Das ist die häufigste Entwicklung. Es macht Sinn, sich rechtzeitig über den Herbst des Lebens Gedanken zu machen. Ich frage mich gerade, ob das der Moment werden könnte, wo wir Menschen fliegen lernen. Wenigsten im Herzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Sonntag, 22. August 2021

Kopf- und Herzbilder

 Ein Zitat

Zweisamkeit am Hochzeitstag
Foto © Jörg Niederer
"Sei dir bewusst: Gute Bilder entstehen in deinem Kopf und deinem Herzen, und kommen nicht vom Fotofachgeschäft." Mike DuBose, Preisgekrönter Fotojournalist der Evangelisch-methodistischen Kirche

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

"Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: 'Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.'"

Ein Anregung

Ich gebe zu, dass ich ein Bewunderer von Mike DuBose bin. Er ist so etwas wie der Hoffotojournalist der Evangelisch-methodistischen Kirche. Auf der ganzen Welt dokumentiert er die Arbeit der Kirche. In einem englischsprachigen Video gibt er Einblick in seine Arbeit. Diesem Filmbeitrag ist auch das eingangs erwähnte Zitat entnommen. Moderne Kameras und Objektive können zwar die Qualität der Bilder massiv verbessern. Aber nach wie vor entscheidender ist die Einstellung des Menschen hinter der Kamera. "Gute Bilder entstehen in deinem Kopf und deinem Herzen...".

Gelegentlich sagt das Herz, jetzt darfst du nicht den Auslöser drücken, sonst zerstörst du den Moment. Das heisst aber auch, dass es Bilder gibt, die nur in deinem Kopf und in deinem Herzen zu finden sind. Vielleicht bedauerst du, dass andere diese Bilder nicht auch sehen können. Doch dich begleiten sie ein Leben lang. Es sind Erinnerungen, die du bis zuletzt nicht vergessen möchtest.

Herzenserinnerungen haben viel mit berührenden Momenten zu tun. Als meine Kamera das Hochzeitspaar und den Fotografen in einer Momentaufnahme festhielt, wurde diese Erinnerung reproduzierbar. Und doch ist darauf nicht alles zu sehen. Unsichtbar geblieben ist, wie herzhaft die Braut lachte, als der Bräutigam ihre Füsse berührte; wie vertraut sie beide in diesem Moment waren und wie sehr sie sich freuten, bald Ja zu sagen in der Kirche nebenan.

In ihrem Herzen wird diese Bild lebendig, mehr erzählen, als den Unbeteiligten. Vielleicht erinnern sie sich an die Gerüche, an die Spannung, an die Töne um sie herum.

Welche Bilder deines Lebens sagen dir mehr, als irgend einer anderen Person? Und von welchen unvergesslichen und schönen Ereignissen gibt es nur in deinem Herzen ein Bild?

Mehr von Mike DuBose: Interview und Schnappschüsse.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 21. August 2021

Eine Geburt zum Geburtstag

Ein Zitat

Eine Schottisches Hochlandrind leckt das frischgeborene Kalb einer andern Kuh trocken.
Foto © Jörg Niederer
Das grosse Glück beginnt hilflos und auf wackeligen Beinen.

Ein Bibelvers - Hiob 39,3+4

"Die Hirschkühe kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und sind schnell ihre Geburtsschmerzen los. Ihre Jungen wachsen, werden groß und stark. Sie laufen ins Freie und kommen nicht wieder."

Ein Anregung

Dem Schottischen Hochlandrind schauten zwei Hufe aus dem Hintern. Die Nabelschnur pendelte zwischen den Beinen. Sie ging unruhig hin und her, setzte sich hin, stand wieder auf, legte sich hin, presste, atmete schwer.

In einem Häuschen neben der Weide sagten sie: "Da ist alles in Ordnung. Hochlandrinder muss man allein lassen, die kalben ohne Hilfe." So recht trauten wir der Sache nicht.

Doch dann muhte die Kuh, und erhob sich. Im Dämmerdunkel war im Gras ein Schatten auszumachen. Eine zweite Kuh und das Muttertier begannen, den Knäuel am Boden zu beschnuppern und abzulecken. Dann bewegte sich der Schatten, streckte Hufe empor. Es lebte. Doch nun geschah etwas Eigenartiges. Die zweite Kuh begann das Kalb gegen das Muttertier zu verteidigen. Immer wieder verjagte sie die Mutter, wollte das Kalb für sich allein. Das Muttertier begann nun aus etwa fünf Metern ganz sanft nach dem Kalb zu rufen.

Dann kam der Stier, und mit dem Stier weitere Tiere aus der Herde. Wir aber mussten weiter, der Bus würde nicht warten.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, fragen wir uns, wie der Kampf der Mütter um das Kalb ausgegangen sein mag. Und ich höre noch einmal die Stimme meiner Frau, wie sie beim Anblick des Neugeborenen sagte: "Das Kalb hat am selben Tag Geburtstag wie du". Beschenkt wurde ich, ganz unerwartet, mit der Geburt eins Kalbes. Das Wunder des Lebens vor unsern Augen, hineingeboren in die Welt, auf einer Weide unweit der Kartause Ittingen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 20. August 2021

Lachen, bis Tür und Herz sich öffnen

Ein Zitat

Mit Lächeln in ein neues Lebensjahr eintreten
Foto © Jörg Niederer
"Wir alle müssen sichergehen, dass wir KI [Künstliche Intelligenz] zum Wohle der Menschheit nutzen und nicht umgekehrt." Tim Cook, CEO bei Apple

Ein Bibelvers - Jeremia 11,20a

"Doch du, Herr Zebaot, bist gerecht. Du prüfst Herz und Nieren."

Ein Anregung

Immer mehr Zugänge in Geschäftshäuser sind mit einer Gesichtserkennung versehen. Beim Kamerahersteller Canon China ist das auch so. Nur dass es dort Büros gibt, in die man nur mit einem freundlichen Gesicht hineinkommt. Die Künstliche Intelligenz erkennt, ob eine Person lächelt, und öffnet dann die Tür. Ohne Lächeln gibt es durch die "Smile Recognition"-Technologie keinen Einlass.

Begründet wird das damit, dass Lächeln die Gesundheit erhöhe, entspanne und und die Arbeitsmoral der Mitarbeitenden steigere. Ob auch erkannt wird, ob das Lächeln echt ist oder gestellt, wird nicht gesagt.

Ich orte noch weitere Anwendungsbereiche. Militärische Einrichtungen könnten nur Personen Einlass gewähren, die den Ramboblick vorzeigt. In Neuseeland käme man in die Einrichtungen der Maori, wenn man die Zunge wie beim Haka-Tanz weit hinausstreckt. Altersheime würden sich öffnen, wenn mindestens 50% des Gesichts mit Runzeln bedeckt wären. An Kirchentüre müsste man möglichst unschuldig in die Kamera schauen. Aber auch Weinenden könnte die Tür geöffnet werden. Priesterseminare blieben zu, würde eine Frau vor dem Eingang auftauchen. In Luxushotels müsste statt des Gesichts die mindestens 5'000 Franken teure Uhr der elektronischen Eingangskontrolle vorgezeigt werden.

Doch mit dieser Technik würde noch lange nicht erfasst, wie es im Herz eines Menschen aussieht. Fragt sich, ob das wünschenswert ist oder nicht, dass es noch keinen verlässlichen Detektor für die Güte der Menschen gibt? Was denkst du?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 19. August 2021

Die Renaturierung der Kirche

Ein Zitat

Der Stadtbach Giesse in Weinfelden glitzert in der Abendsonne
Foto © Jörg Niederer
"Dass das weiche Wasser in Bewegung, mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst? Das Harte unterliegt." Bertolt Brecht (1898–1956)

Ein Bibelvers - Johannes 7,37+38

"Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, trat Jesus vor die Menschenmenge und rief laut: Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: 'Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.'"

Ein Anregung

Gestern war ich an meinem neu hinzugekommenen Wirkort. Seit diesem Monat arbeite ich im Teilpensum als Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche Weinfelden. Auf dem Weg in die Kapelle kam ich zum Giessen, dem kleinen Stadtbach. In der untergehenden Sonne glitzerte mir das schnurgerade in ein Betonkorsett gefasste Wasser einer Silberschnur gleich entgegen. Eine Lebenslinie aus quirligem Nass, das tapfer den Weg durch die steinerne Rinne eilt. Bis zur Einmündung in die Thur hat es keine Zeit zu verweilen, wird es, abgesehen von ein paar präzis gezirkelten Kurven, nie die gerade Linie verlassen. Dabei fliesst der Giessen nahe an der Methodistenkirche in der Hermannstrasse 10 vorbei. Ein Gleichnis für die Kirche?

Gradlinig, lebendig, ins Korsett gezwängt, gefangen in der Betonwüste, sich nach Freiheit sehnend. Ob der Bach je einmal wieder renaturiert wird? Ob er wieder mäandern darf, neue Wege ausprobieren, wild sein, sanft sein, Lebensraum werden?

Die Evangelisch-methodistische Kirche in Weinfelden. Auch sie ist gradlinig, lebendig, ins Korsett gezwängt, gefangen in Traditionen, sich nach Freiheit sehnend. Die "Renaturierung" der Kirche jedoch ist erwünscht. In den bisher wenigen Begegnungen mit Gemeindegliedern habe ich wache, aufgestellte, hoffnungsvolle und liebe Menschen kennengelernt. Ich wünsche der Gemeinde, dass sie sich ausbreitet, mäandert, neue Wege ausprobiert, wild ist, sanft ist, Lebensraum bleibt und Lebensraum wird für die Menschen der Region.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 18. August 2021

Sieben Generationen in die Zukunft gedacht

Ein Zitat

Mutter und Kind spielen an einem Brunnen in Zug
Foto © Jörg Niederer
"Das erste Kamel einer Karawane hält alle auf; das letzte erhält die Prügel." Äthiopische Sprichwort

Ein Bibelvers - 5. Mose 7,9+10

"Der Herr, dein Gott, er ist Gott. Er ist ein treuer Gott und hält seinen Bund. Die ihn lieben und seine Gebote befolgen, erfahren seine Güte noch in tausend Generationen."

Ein Anregung

Im Buch "Rivertime" von Anna Zirner erzählt sie von ihrer Reise entlang des Colorado Rivers von den Rocky Mountains bis nach Mexiko. Diese führt auch durch Stammesgebiete verschiedener Ureinwohner Amerikas, und so ist es unvermeidlich, dass auch die eine oder andere indianische Weisheit ihren Weg ins Buch findet. Eine Weisheit der Hopi gefällt mir sehr gut: "Bevor du eine Entscheidung triffst, erwäge ihre Auswirkungen auf die sieben Generationen nach dir."

Sieben Generationen - ich überblicke nicht einmal vier Generationen. Den Namen meiner Ur-Urgrossmutter müsste ich erst nachschauen. Wenn ich an die Umbrüche denke in der Zeit meiner bald 62 Lebensjahre - 30jährige Autos gelten als Oldtimer; Mobiltelefone die an den Ohren kleben; Blaumatrizen sind keine Vögel - dann habe ich den Eindruck, dass kein Mensch sieben Generationen in die Zukunft denken kann.

Insofern passt diese Hopiweisheit so gar nicht in unsere schnelllebige Zeit. Wir haben uns daran gewöhnt, der kommenden Generationen die Lösung von Problemen von Gestern zu überlassen, während wir neue Probleme schaffen für die übernächste Generation.

Rechnet man 20 Jahre pro Generation, dann ist die Evangelisch-methodistische Kirche St. Gallen gerade einmal 8 Generationen alt. Wie stellten sich die Methodistinnen und Methodisten damals wohl die heutige Gemeinde, die heutige Welt vor?

Versuche dir einmal auszumalen, wie die Welt deiner Kinder aussehen wird, wenn sie so alt sind wie du! Und nun versuche es bei deinen Grosskindern, Urgrosskindern, Ur-Urgrosskindern und dann noch drei Generationen weiter! Die Hopi sagen: Du musst so denken und handeln, dass diese Menschen im Jahr 2160 noch ein mindestens so gutes Leben haben können wie du heute.

Kein Mensch kann abschätzen, was durch sein Handeln in 140 Jahren sein wird. Die Bibel aber sagt, dass Gottes Segen in deinem Leben noch in 20'000 Jahren (1000 Generationen zu 20 Jahren) Auswirkungen haben wird. Die Schuld der Väter und Mütter dagegen habe Auswirkungen gerade einmal 3 oder 4 Generation lang (2. Mose 34,6+7).

Ich glaube, für die Zukunft der Menschheit wäre es gut, wenn wir weniger auf das Menschenmögliche setzen und viel mehr auf Gott. Das wäre wohl auch in sieben Generationen noch ein Segen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 17. August 2021

Wer verwandelt schon Wein in Wasser?

Ein Zitat

Votivtafeln für erlebte Heilung in der Verenakapelle am Zugerberg
Foto © Jörg Niederer
"Du verehrst die Heiligen, du freust dich, ihre Reliquien zu berühren. Doch du verachtest das Beste, was sie überliefert haben: das Beispiel des reinen Lebens." Erasmus von Rotterdam (1466 - 1536)

Ein Bibelvers - Johannes 2,7-9a

"Jesus sagte zu den Dienern: 'Füllt die Krüge mit Wasser.' Die füllten sie bis zum Rand. Dann sagte er zu ihnen: 'Schöpft jetzt etwas heraus und bringt es dem, der für das Festessen verantwortlich ist.' Sie brachten es ihm. Als der Mann einen Schluck davon trank, war das Wasser zu Wein geworden."

Ein Anregung

Endlich einmal eine Heilige, die nicht den Märtyrertod gestorben ist. Sie muss sowieso eine bemerkenswerte Person gewesen sein. Oder kennst du eine Christin, die das Gegenteil von Jesus getan hat, und trotzdem zur Heiligen erklärt wurde?

Ich spreche von Verena, der Ägypterin aus Theben, die im Gefolge der Thebäischen Legion nach Mailand, dann nach St-Maurice und weiter nach Solothurn bis ins römische Kastell Tenedo, dem heutigen Zurzach, reiste, wo sie im Jahr 344 (?) im Alter von 94 Jahren friedlich und im Kreis vieler Frauen verstarb.

Auf einer Wanderung von Unterägeri nach Zug haben wir die ihr geweihte Kapelle auf dem Zugerberg besucht.

Verena war zuerst Totengräberin. Sie bestattet in Mailand verstorbene gefangene Christinnen und Christen. Als sie von der Hinrichtung der Thebäischen Armee erfuhr, reiste sie nach St-Maurice, um auch dort den Enthaupteten die letzte Ehre zu erweisen.

Nächste Station war die Verenaschlucht bei Solothurn, ein Ort, an dem ich erstmals auf einer Schulreise war und dann - weil es so schön ist - noch etliche weitere Male. Auch dorthin wurde sie von Verstorbenen gerufen, von Victor (nach der Legende ihr Verlobter) und Ursus, die in dieser Stadt den Märtyrertod erlitten hatten. Weil Verena viele Menschen heilte, zum christlichen Glauben bekehrte, und die Aussätzigen pflegte, wurde sie vom christenfeindlichen Stadtkommandanten Hirtacus gefangen genommen. Als Hirtacus schwer erkrankte, heilte sie ihn auf wundersame Weise. Das führte zu Verenas Freilassung und gleichzeitigen Wegweisung aus Solothurn.

Darauf sei sie auf einem Mühlstein die Aare hinabgereist und nach einem Zwischenhalt auf einer Insel bei Koblenz (da soll sie die Schlangen vertrieben haben, was ich schade finde, weil ich Schlangen mag) kam sie in Zurzach an. Als Hausgehilfe eines Priesters versorgte sie auch immer wieder die Kranken. Ihnen brachte sie zu Trinken und wusch die Aussätzigen. Darum wird sie jeweils mit Kamm und Krug dargestellt. Ebenda geschah es, dass man sie des Wein- und Brotdiebstahls bezichtigte. Als sie kontrolliert wurde, war aus dem Wein Wasser geworden.

Es gibt dann noch die Geschichte mit dem ihr anvertrauten Ring des Priesters, der gestohlen und im Rhein versenkt von einem Fisch gefressen wurde. Eben dieser Fisch landete dann als Geschenk eines Fischers wieder bei Verena auf dem Mittagstisch, und der Ring fand zurück zum rechtmässigen Besitzer.

Kein Wunder, ist Verena mit dieser Biographie die Patronin der Armen und Notleidenden, der Pfarrhaushälterinnen, Müller, Fischer und Schiffer. Mir macht an ihr Eindruck, wie sie sich für die Ärmsten und unheilbar Kranken eingesetzt hat.

Zuletzt: Es gibt ein Verenalied, dessen Text von der verstorbenen Dichterin und Ordensfrau Silja Walter stammt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Montag, 16. August 2021

Liebe ist die Sollbruchstelle Gottes

Ein Zitat

Eidechse mit abgeworfenem Schwanz
Foto © Jörg Niederer
"Noch sind wir zwar keine gefährdete Art, aber es ist nicht so, dass wir nicht oft genug versucht hätten, eine zu werden." Douglas Adams (1952-2001) Autor von "Per Anhalter durch die Galaxis"

Ein Bibelvers - Matthäus 18,9

Jesus: "Wenn dich dein Auge von mir abbringt: Reiß es aus und wirf es weg. Es ist besser für dich, mit nur einem Auge bei Gott zu leben – jedenfalls besser, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden."

Ein Anregung

Sollbruchstellen sind eine Erfindung der Natur (eine Erfindung Gottes). Sollbruchstellen sind vorprogrammierte Schwächungen im Material, an dem es, wenn es den brechen oder reissen soll, auch bricht oder reisst.

Bruchweiden weisen Sollbruchstellen auf, damit bei Hochwasser der Wasserdruck lediglich Äste und nicht den ganzen Baum mitreisst. Und, wie im Bild ersichtlich haben viele Eidechsenarten Sollbruchstellen im Schwanz, der bei einem Angriff abgeworfen wird, um das Raubtier mit dem wild zappelnden Ende so lange zu beschäftigen, bis die Echse sich in Sicherheit gebracht hat. Der Echse wächst der nächste Schwanz nicht mehr vollständig nach, aber sie hat die Attacke überlebt. Sie hat losgelassen, verzichtet, und damit ihr Leben gerettet.

Sollbruchstellen gibt es an harmlosen Produkten, wie etwa beim WC-Papier (die Perforierung) oder der Schokolade (Einkerbungen). Wichtiger sind Sollbruchstellen dort, wo sie die Sicherheit erhöhen. Poller weisen Sollbruchstellen auf, damit ein Fahrzeug nicht zu heftig aufprallt. An Flugzeugen schützen Sollbruchstellen am Hauptfahrwerk Flügel und Treibstofftanks davor, beim Abreissen getroffen zu werden. Mehr zu Sollbruchstellen 

Sollbruchstellen. Angenommen, es gibt sie auch in den Bereichen, die uns heute besonders beschäftigen. Auf welcher Seite der Echse befindet sich dann die Menschheit: Auf der weiterlebenden Kopf- und Körperseite, oder der verlorenen Schwanzseite?

Ich sehe das in den folgenden Lebensbereichen so:

Klimawandel: Schwanzseite. Die Menschheit kann nur verlieren. Die Natur/Schöpfung wird die Menschheit abschütteln, wenn das ihr Überleben sichert.

Covid-19: Kopf- und Körperseite. Das Virus wird die Menschheit nicht auslöschen, aber es wird uns alle verändern.

LGBTQ-Thematik in der Kirche: Kopf- und Körperseite. In fast allen Kirchen führt die damit verbundene Polarisierung zu Abspaltungen. Diese sind wohl unvermeidlich, aber werden letztlich das Überleben und die Glaubwürdigkeit der Kirchen wenigsten teilweise retten.

Armut-Reichtum-Gefälle: Ich bin unschlüssig. Bisher hat die Menschheit die sich ausweitende Kluft zwischen Reich und Arm überlebt. Doch irgendeinmal könnte die Kluft zu tief werden und alle verschlingen.

Wirtschaftswachstum: Kopf- und Körperseite. Die Menschheit wird wieder den Verzicht lernen, vielleicht auf die harte Tour, vielleicht aus Einsicht.

Liebe: Echte Liebe braucht keine Sollbruchstelle. Liebe ist die Sollbruchstelle Gottes.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 15. August 2021

Christus ist zentral für die kirchliche Entwicklung

Ein Zitat

Rosettenfenster mit Christus im Zentrum. Kirche St. Michael in der Stadt Zug
Foto © Jörg Niederer
Christsein hat mit "Working by doing" zu tun. In der methodistischen Tradition geschah dies nicht bei der Predigt, wo einer lehrte und die andern mehr oder weniger lernten. In der methodistischen Tradition geschah dies in Hauskreisen und im Lebensvollzug. Dabei unterstützte man sich gegenseitig, ermahnte sich gegenseitig, las die Bibel gemeinsam, lobte sich gegenseitig. Es war eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, von Lernenden und Lehrenden. (Aus der heutigen Predigt)

Ein Bibelvers - Matthäus 28,19+20

Christus: "Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt."

Ein Anregung

Morgen Sonntag kann die Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen um 10.30 Uhr wieder live auf Youtube miterlebt werden. Unter diesem Link kann sie angehört werden.

Pfarrer Jörg Niederer versucht den folgenden Fragen auf den Grund zu gehen: Wie erneuert sich eine Gemeinschaft? Was ist nötig, dass Menschen hinzukommen; dass sie das, was sie erfahren, weitergeben und zugleich Raum schaffen für weitere Personenkreise? Dazu wird er die vier Bereiche des Jüngerschaftszyklus' genauer anschauen.

In allen neuen Begegnungen, überall da, wo Menschen zur Kirche dazu finden, in allem, was in einem christlichen Leben gelehrt und gelernt wird und bei jeder Beauftragung dreht sich alles um Jesus Christus. Wenn Christus im Zentrum ist, kann sich eine kirchliche Gemeinschaft um ihn herum entfalten und erneuern. Sie wird bunt und leuchtend und schön, wie das Glasfenster in der Kirche St. Michael in der Stadt Zug.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde


Samstag, 14. August 2021

Ehe für alle - Methodistische Befürworter*innen äussern sich

Ein Zitat

Regenbogen vor dem Sigriswiler Rothorn
Foto © Jörg Niederer
"Bei der Abstimmungsmöglichkeit über die 'Ehe für alle' gönne ich allen Mitmenschen die Rechte, die mir selber zustehen." Marietjie Odendaal

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 10,13-15

"Eine Stimme sprach zu ihm: 'Steh auf, Petrus! Schlachte und iss!' Aber Petrus erwiderte: 'Auf gar keinen Fall, Herr! Denn ich habe noch nie etwas Unvorschriftsmäßiges oder Unreines gegessen.' Da forderte ihn die Stimme ein zweites Mal auf und sagte: 'Was Gott rein gemacht hat, das sollst du nicht unrein nennen!'"

Ein Anregung

Der Ausschuss Kirche und Gesellschaft hat einige Voten veröffentlicht zum Thema "Ehe für alle". Es sind ausschliesslich befürwortende Kommentare: 

Selbst wenn man mit dieser Haltung nicht einverstanden sein sollte, lohnt es sich, die Beiträge zu lesen. Mich haben besonders zwei Textabschnitte sehr angesprochen.

Nachdem David Field über seine gescheiterte Freundschaft mit einer lesbischen Frau erzählt hat, und über die Kränkung, die das für ihn bedeutete, aber auch von seinem Weg zu einer versöhnlicheren Haltung, schreibt er: 

"Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass die zentrale Botschaft des Evangeliums eine Botschaft der Gerechtigkeit und der Inklusion ist. Jesus identifizierte sich mit denen, die durch die Reinheitsvorschriften des Alten Testaments ausgeschlossen worden waren, und schloss sie ein. Die Situation schwuler und lesbischer Menschen erschien mir als Parallele zur Situation derer, die Jesus einbezog und bejahte. Paulus' Botschaft der Rechtfertigung allein durch den Glauben bedeutete, dass keine weitere Bedingung für die Annahme durch Gott und damit für die volle Teilnahme an der christlichen Gemeinschaft hinzugefügt werden konnte... Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Forderung an Schwule und Lesben, entweder 'ihre Orientierung zu ändern' oder zölibatär zu bleiben, die sexuelle Orientierung dem Glauben... hinzufügt. Ein christliches Verständnis der Ehe beginnt mit 1. Mose 2,18, wo Gott sagt: 'Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.' Daher können wir nicht sagen, dass es gut ist, wenn Schwule und Lesben allein bleiben..." 

Und Marcel Schmidt schreibt: "Zum Schluss möchte ich ein paar Worte des EKD-Landesbischofs Christian Stäblein vom April 2021 zitieren: 'Wir als Kirche haben uns schuldig gemacht an gleichgeschlechtlich Liebenden. Wir haben sie über Jahrhunderte diskriminiert, abgewiesen, in Nischen und ins Abseits gedrängt, aus der Öffentlichkeit und von Ämtern ferngehalten, an vielen Stellen ihr Leben zerstört, seelisch und körperlich. Ich selber spüre Schuld über mein eigenes früheres Reden.'
Gott ist die Liebe. Und die Liebe gewinnt."

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Morgen Sonntag kann die Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen um 10.30 Uhr wieder live auf Youtube miterlebt werden. Pfarrer Jörg Niederer versucht den folgenden Fragen auf den Grund zu gehen: Wie erneuert sich eine Gemeinschaft? Was ist nötig, dass Menschen hinzukommen; dass sie das, was sie erfahren, weitergeben und zugleich Raum schaffen für weitere Personenkreise? 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 13. August 2021

Sehnsuchtsort Jerusalem

Ein Zitat

Lange Abschnitte des Jakobswegs sind auch Teil des Jerusalem Way
Foto © Jörg Niederer
"Nächstes Jahr in Jerusalem!" Traditioneller Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends und des Versöhnungstags

Ein Bibelvers - Lukas 19,28

"Nachdem Jesus das Gleichnis erzählt hatte, zog er weiter nach Jerusalem."

Ein Anregung

Im Life Channel Newsletter lese ich, dass Pilgern das Wochenthema sei. Da wird auch wieder auf den Beitrag des Senders über meine Pilgerreise nach London hingewiesen. Aber noch mehr hat mich fasziniert, was in einem noch älteren "Fenster zum Sonntag"-Beitrag von 2013 mit Annemarie und Hanspeter Obrist zu erfahren war. Das Ehepaar pilgerte rund 6000 Kilometer zum Sehnsuchtsort Jerusalem. Dafür brauchten sie gut ein Jahr. Gespickt war die Reise mit vielen Unsicherheiten, aber auch voller Erfahrungen mit Gott und Menschen. Etwa ein Jahr dauerte der Fussmarsch von Basel nach Jerusalem.

Während ich dies lass, kamen mir die unscheinbaren Aufkleber in den Sinn, die wir vor zwei Wochen an verschiedenen Stellen zwischen Freiburg und Nyon auf dem Jakobsweg entdeckten. Die Aufschrift "Jerusalem Way" verriet uns, dass wir hier wohl auch auf dieser längsten Pilgerroute der Welt unterwegs waren, jedoch genau in entgegengesetzter Richtung. In der Tat verbindet der Jerusalem Way Finisterre in Spanien mit Jerusalem.

Hier kann der Beitrag zur Pilgerreise von Annemarie und Hanspeter Obrist angeschaut werden.

Und auch der Beitrag über meine Pilgerreise nach London ist weiter verfügbar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Donnerstag, 12. August 2021

Berglandschaften und Diagramme

Ein Zitat

Berglandschaft am Genfersee und auf dem PC
Foto © Jörg Niederer
"Denn das entscheidende Tun in unserem Leben ist das, was wir Gott an uns tun lassen... Und dazu müssen unsere Hände eben manchmal ruhen." Holger Panteleit, Pfarrer

Ein Bibelvers - Lukas 5,15b+16

"Die Leute strömten in Scharen herbei, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Aber Jesus zog sich immer wieder in einsame Gegenden zurück und betete dort."

Ein Anregung

Es kommt vor, dass ich mich fasziniert vertiefe in das entstehende Diagramm, welches beim Kopieren von grossen Datenmengen auf dem Bildschirm entsteht. Ich schaue zu, wie da eine Berg-und-Tal-Landschaft entsteht, beobachte, wie es rauf und runter geht, vergesse die Zeit, schaue nur. Vielleicht wartet viel Arbeit, aber für den Moment ist da nur diese künstlich Alpenlandschaft, die leuchtend grün vor meinen Augen entsteht.

In der Zeitschrift "unterwegs" der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland geht es gerade um die Musse, um die Zeit, zu tun, was gefällt, um die Momente, die nicht fremdbestimmt sind. 

Schöner ist es natürlich, sich in eine reale Kette von Bergen zu vertiefen, wie zum Beispiel beim Blick über den Genfersee in die französischen Alpen. Sie verändert sich vielfältiger; durch die Reflektionen des Lichts auf dem bewegten Wasser des Sees, durch das Ziehen der Wolken vor und über den Gipfeln, durch die Vögel, die ins Bild hinein und wieder hinausfliegen.

Wer die Landschaft betrachtet, sich durch das, was vor dem Fenster geschieht ablenken lässt, ist noch kein Hanns Guck-in-die-Luft. Einfach zu sein und zu schauen, zu beobachten, auch die kleinen Veränderungen wahrzunehmen, das tut der Seele gut.

Dagegen braucht es beim Betrachten eines entstehenden Diagramms auf dem Bildschirm schon deutlich mehr Phantasie, um ins Träumen zu kommen oder sich dabei zu erholen. Ist das nun sinnvolles Durchatmen, oder pure Faulheit? Auch bei der Musse ist das nicht immer so klar. Doch die Erholung liegt wohl auch im Auge des Betrachters, der Betrachterin.

Wie erholst du dich? Wie kommst du zur Ruhe? Was führt dich in die Dankbarkeit gegenüber deinem Leben, den Menschen und Gott?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Mittwoch, 11. August 2021

Multitasking und der freie Wille

Ein Zitat

Im Gespräch ganz bei der Sache. Am Genfersee
Foto © Jörg Niederer
"Habe ich gewollt, was ich will, wenn ich tue, was ich will?" nach Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Ein Bibelvers - Römer 9,19+20

"Du könntest jetzt einwenden: 'Wieso zieht Gott uns dann überhaupt zur Rechenschaft? Seinem Willen kann sich doch niemand widersetzen!' Du Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott streiten willst!"

Ein Anregung

In der aktuellen Ausgabe von "The Red Bulletin", einer Beilage zur Sonntagszeitung, las ich, dass nach Erkenntnissen der Gehirnforschung Multitasking nicht funktioniere. Wer mehrere Dinge gleichzeitig versuche zu tun, wolle vermutlich unbewusst eine Änderung seines Lebens. "Im Detail: Wer mehrere Dinge zur gleichen Zeit macht, schenkt keiner von ihnen die nötige Aufmerksamkeit. Das führt zu Schlampereien und Fehlern, Im Wiederholungsfall wird womöglich der Chef reagieren - etwa mit Versetzung oder Kündigung - und so für die unbewusst herbeigesehnte Veränderung sorgen." (ebd. Seite 70)

Irgendetwas in unserem Unterbewusstsein lässt uns also so handeln, dass das geschieht, was wir eigentlich wollen.

Philosophisch und theologisch geht es hier um die Frage nach dem freien Willen. Angenommen, Gott weiss alles, auch das, was ich in Zukunft tun werden, kann ich dann diesem Willen Gottes entgegengesetzt handeln?

In der Gehirnforschung hat man festgestellt, dass der bewusst empfundenen Handlung eine Hirnaktivität vorausgegangen ist, die nicht bewusst gesteuert war. Das Gehirn agiert, bevor ich weiss, was es mich zu tun veranlasst. Neuerdings hat man aber auch nachgewiesen, dass solche unwillkürlich gestarteten Gehirnaktivitäten willentlich gestoppt werden können. Wir können also bewusst Nein sagen zu einem bereits begonnenen, unserem "Willen" vorgegebenen Prozess. Oder theologisch gesagt: Wenn wir zur Sünde verführt werden, können wir ihr noch vor der Tat bewusst widerstehen.

Nach Augustinus hat der Mensch den freien Willen beim Sündenfall verloren. Doch durch die Gnade Gottes könne sich der Mensch dennoch frei entscheiden. Gott stoppt also die totale Abhängigkeit des Menschen, indem er sich selbst zurückzieht, und Platz schafft für die Willens- und Handlungsfreiheit der Menschen. Es entsteht Raum für menschliche Entscheidungen, weil Gott aus freiem Willen nicht mehr alles bestimmt. Man könnte - wie in der Hirnforschung - auch hier von Faktoren sprechen, welche den Menschen bestimmen (die Gnade Gottes, seine Allwissenheit) und Faktoren, die der Mensch bewusst bestimmt (seine Entscheidung für oder gegen Gott, für oder gegen das Gute).

 Paulus gibt den Christen in Rom dazu ein einleuchtendes Beispiel. Zu finden sind seine Gedanken zur Willensfreiheit in Römer 9,19-24. Sie zu lesen lohnt sich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde