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Mittwoch, 24. Mai 2023

Reinheit hoch Zwei

Ein Zitat

Skulptur der Anna Selbtritt über dem Marienaltar in der Propsteikirche Wislikofen.
Foto © Jörg Niederer
"Am 8. Dezember 1854 verkündete Papst Pius IX. das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis nicht nur des Gottessohnes Jesus durch Maria, sondern auch der Maria durch Anna." katholisch.de

Ein Bibelvers - Lukas 2,36+37

"Hanna war schon sehr alt. Nach ihrer Hochzeit war sie sieben Jahre mit ihrem Mann verheiratet gewesen. Seitdem war sie Witwe und nun vierundachtzig Jahre alt."

Eine Anregung

Weiterbildung in der ehemaligen Propstei Wislikofen, dem Bildungszentrum der Römisch-Katholischen Landeskirche des Kantons Aargau.

In der Propsteikirche, die unter dem Patrozinium des heiligen Oswald steht, finden sich Kopien von spätgotischen Skulpturen aus den Jahren 1480/90. Über dem Marienaltar, an der nach Süden gerichteten Wand, ist eine Anna Selbdritt zu erkennen. Unter der Bezeichnung "Anna Selbdritt" versteht man die Darstellung von Anna, der Mutter Mariens gemeinsam mit Maria und Jesus. Die Figurengruppe in der Propstei gehört zu den Werken, in welchen Maria verhältnismässig klein und mädchenhaft dargestellt ist. In anderen Darstellungen werden die beiden Frauen auch als Erwachsene abgebildet.

Ausserbiblische Quellen haben in der Kirche dazu beigetragen, die Vorfahren von Maria und Jesus zu bestimmen. Da wäre nebst Anna, der Mutter von Maria auch der Vater Joachim zu nennen, sowie Esmeria, die Schwester Annas.

Unter diesen in ausserbiblischen Werken belegten Gestalten ist Anna die bekannteste Heilige. Wie ihre Tochter Jesus unbefleckt empfangen haben soll, so soll sie selbst auch Maria unbefleckt empfangen haben. 

Es ist, als wolle man durch diese Ausweitung der Jungfräulichkeit von der Tochter auf die Mutter jeden Verdacht an einer unreinen Herkunft von Jesus ganz und gar ausschliessen. Gott wurde zwar Mensch, aber auf eine ganz anständige Art. Lust und Sexualität durften dabei keine Rolle spielen.

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise: So wird bei der Skulpturengruppe von Anna Selbdritt die Frauenlinie betont. Jesus ist der Sohn einer Frau, welche wiederum die Tochter einer Frau ist. Die männliche, sonst übliche Abstammungslinie wird ausgeblendet. Jesus, der Sohn der Frauen. Was bedeutet das für das Jesusbild? Und was bedeutet dieser Jesus für das Frauenbild?

Und noch eine Frage stellt sich mir: Was bedeutet eine Anna Selbdritt für das Selbstverständnis des (abwesenden) Mannes?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 18. Dezember 2021

Parthenogenese und Jungfrauengeburt

Ein Zitat

Auslage in einem Laden mit Devotionalien. Maria in allen Variationen.
Foto © Jörg Niederer
"Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater gezeugt seiner Gottheit nach, in den letzten Tagen aber wurde derselbe für uns um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau, der Gottesgebärerin, der Menschheit nach geboren." Konzil von Chalcedon 451

Ein Bibelvers - Matthäus 1,16

"Josef war der Mann von Maria. Maria war die Mutter von Jesus, der Christus genannt wird."

Ein Anregung

Es ist ja nicht überraschend, dass die Parthenogenese gerade in der Advents- und Weihnachtszeit thematisiert wird. Es geht um die Zeugung von Nachkommen ohne männliche Schützenhilfe. Das passt wunderbar zur Jungfrauengeburt der Maria. 

In der Tierwelt spricht man von Jungfernzeugungen. Hornmilben, Springschwänze, Blattläuse, Faden- und Regenwürmer, aber auch Haie, Geckos, Schlangen und Truthähne können Nachwuchs ohne männliches Zutun zeugen. Sogar bei Komodowaranen weiss man von belegten Fällen, bei denen es zu Jungfernzeugungen gekommen ist. Das ist in einem Artikel in der Sonntagszeitung von 12. Dezember, überschrieben mit "Ohne Sex zu Nachwuchs" nachzulesen.

Jedoch ist die Jungfernzeugung bei höheren Tieren wohl deshalb die Ausnahme, weil ein Mischen des Erbguts beim Nachwuchs deutliche Vorteile bringt. Etwa wenn es um den Schutz vor Krankheitserregern und Seuchen geht. Doch manchmal ist die Parthenogenese buchstäblich nötig für das Überleben einer Art. Wird etwa ein Komodowaran-Weibchen durch einen Sturm auf eine einsame Insel abgetrieben, dann ist sie auch ohne Männchen vermehrungsfähig. Aus der fruchtbaren Hälfte ihres Geleges schlüpft nur männlicher Nachwuchs. Und so ist für die nächste Fortpflanzungsrunde mit Sex und weiblichem und männlichem Nachwuchs wieder alles bereit. Das Leben kann weitergehen. 

Jungfernzeugung bedeutet also Rettung, Leben, Hoffnung. Das sind genau die gleichen Themen, die auch durch die Jungfrauengeburt in der Weihnachtsgeschichte eingeläutet werden. Da ist Rettung: "Christ, der Retter ist da". Da ist Leben: "Ein Kind in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegend". Und es gibt Hoffnung: "Uns zum Heil[-werden] erkoren".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde