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Mittwoch, 4. September 2024

Blicke in den Abgrund

Ein Zitat

Ein russiger Aschenbecher an der Wand bei der Stiftsbibliothek St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Abyssus abyssum invocat." (Lateinische Redensart nach Psalm 41,8 der Vulgata) Auf Deutsch: "Eine Tiefe ruft eine andere Tiefe nach." oder "Ein Irrtum zieht einen weiteren nach sich." oder "Man fällt von einer Sünde in die andere."

Ein Bibelvers - Psalm 41,8.9+11

"Da stecken sie schon die Köpfe zusammen. In ihrem Hass auf mich sind sie sich alle einig. Sie führen Böses gegen mich im Schilde. Gehässige Worte schütten sie über mich aus: 'Wie der daliegt! Der steht nicht mehr auf!'... Du aber, Herr, hab Erbarmen mit mir, lass mich doch wieder aufstehen! Dann kann ich’s ihnen heimzahlen."

Eine Anregung

Wolltest du auch immer schon einmal in so einen Aschenbecher hineinschauen, wie sie an vielen Orten im öffentlichen Raum an der Wand befestigt sind? Ich auch nicht. Aber dieser in der Nähe der Stiftsbibliothek stand schon offen, als ich vorbei kam, und so konnte ich an diesem kirchlichen Ort in eine höllische kleine Abyssus schauen und dabei erschauern.

Mir kommen dazu zwei Dinge in den Sinn. Einmal die vielen Höllendarstellungen, welche sich als Abschreckung in den Kirchen finden. Düstere Bilder von Dämonen und Teufeln, welche elende Verstorbene jeden Standes quälen und malträtieren. Damit sollten einst die Menschen von Sünden abgehalten und zugleich zu finanziellem Ablass motiviert werden. Dann denke ich an die abschreckenden Bildern von Raucherlungen etc. auf Zigarettenverpackungen, welche Rauchende auf die Gefahr des Rauchens aufmerksam machen wollen. Beides mag in kleinerem Rahmen funktioniert haben. Bei den meisten Menschen aber hatten oder haben beiderlei Höllenbilder kaum Wirkung.

Nun gibt es sehr wohl Abschreckungsszenarien, die ihr Ziel bisher erreicht haben. Etwa das Arsenal an atomaren Waffen, das so schreckliche Folgen hätte, dass es seit den 2. Weltkrieg nie mehr zu einem Atomwaffenangriff gekommen ist. Real ist auch die Gefahr vor dem menschgemachten Klimawandel mit massivsten Auswirkungen in der nahen Zukunft.

Nur führt das Warnen zwar zu markigen Worten und leider nur zögerlichem politischem Handeln, aber auch zu einer Goldgräberstimmung in manchen Wirtschaftszweigen. Vielleicht steckt dahinter auch das Denken, dass es mich wohl schon nicht so schlimm treffen wird.

Frage: Wirken bei dir die Schreckensbotschaften wie: Überfremdung, Rauchen schadet ihrer Gesundheit, Klimaerwärmung, Terrorismusgefahr, Höllenqualen, Artensterben, etc.?

Dazu auch die andere Frage: Wirken bei dir motivierenden Freudenbotschaften: Himmelsversprechen, friedlicher Lebensabend, ein neugeborenes Kind, Friede auf Erden?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 21. Juni 2021

Der Nach-Konferenz-Blues

Ein Gedanke

Was bleibt nach dem Dank? Holzfiguren als Geschenk an Konferenz-Mitarbeitende.
Foto © Jörg Niederer
"Konferenzen = Problemfestspiele." Wolfram Weidner (*1925), dt. Journalist

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 15,6+7a

"Daraufhin versammelten sich die Apostel und die Gemeindeältesten, um über diese Frage zu beraten. Dabei kam es zu einem heftigen Streit."

Eine Anregung

Die Konferenz war bereichernd, herausfordernd und voller Eindrücke und Begegnungen. Je nach Verantwortung war sie auch belastend. Alles ist gut gegangen, es gab manche motivierende Information und Anregung. Das Resümee ist durchaus positiv.

Dann kommt der Tag danach.

Schon in der Bahn nach Hause, noch zusammen mit anderen Delegierten, schleicht sich bei mir eine eigenartige Stimmung ein, eine Mischung aus Erschöpfung, Erleichterung und Leere: der Nach-Konferenz-Blues. Statt voller Elan zurück an die Arbeit, kostet mich der Weg ins Büro, in die Kirche, grosse Überwindung. Ich bleibe an tausend Kleinigkeiten hängen, ordne unnütze Dinge, lande vor der Glotze, bin mit mir und der Welt unzufrieden, stosse mich schmerzhaft an Details und lande im Selbstmitleid.

Bitte versteht mich nicht falsch: Pfarrer sein ist und bleibt meine Berufung und Leidenschaft. Aber nach der Konferenz ist die Spannung weg, die Freude klein, der Alltag schleppt sich, und leise macht sich das schlechte Gewissen breit, weil ich mich grundlos mies fühle.

Liese sich der Tag nach der Konferenz mit seinem Blues löschen, ich täte es.

Aber dann sage ich mir: Da musst du durch! Und ich rapple mich auf, packe den Post-Konferenz-Blues zur unerledigten Arbeit in die Kiste und mache nach einiger Zeit einmal mehr die Erfahrung, dass er sich - so weggeräumt - erst nach der nächsten Konferenz zurückmelden wird. Dann aber wird er wieder so sicher da sein wie das Amen in der Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde