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Montag, 13. Januar 2025

Ein wenig Thurgau im Aargau

Ein Zitat

Die Bronzeplastik der römischen Göttin Pomona des Künstlers Eduard Spörri an einer Ecke des Zofinger Stadthauses.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt angesehene Bürger, die niemals auf die Idee kämen, einen Apfel vom Nachbarbaum zu stehlen, aber ihr Geld ins Ausland schaffen, um es vor dem Fiskus zu verstecken." Erwin Huber, deutscher Politiker (*1946)

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,2+3

"Die Frau [Eva] erwiderte der Schlange: 'Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen. Nur die Früchte von dem Baum, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott uns verboten. Er hat gesagt: Esst nicht davon, berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!'"

Eine Anregung

Kennst du Pomona. Bei ihr handelt es sich um die römische Göttin der Baumfrüchte und des Obstes. Also in gewisser Weise eine ideale Göttin für den Apfelkanton Thurgau. Ich bin Pomona in Form einer Skulptur an einem Ort begegnet, an dem ich wohl schon hunderte Male vorbeigegangen bin. Die Bronzeplastik der "Apfelgöttin" vom Wettinger Künstler Eduard Spörri steht auf einem Podest in einer Ecke des Stadthauses von Zofingen. Dort in der Nähe war ich vor einigen Jahren zuhause. Doch erst neulich habe ich mir gesagt: Jetzt schaue ich einmal nach, was diese Bronze darstellen soll.

Sie passt ziemlich gut zu meinem gestrigen Beitrag (Siehe Blog vom 12. Januar 2024!). Denn es geht um Bäume, diesmal speziell um Apfelbäume und deren Früchte. In Ovids nicht jugendfreiem Werk "Metamorphosen" muss Pomona von Vertumnus erst zur Ehe mit ihm überredet werden, was dieser mit dem Verweis auf eine Ulme tut, die mit einer Rebe zusammengewachsen ist.

Die Pomona am Stadthaus Zofingen hält in beiden Händen Äpfel. Sie sind die Merkmale, dass es sich um diese römische Göttin handelt. Mir fällt die Parallele zu den Heiligendarstellungen auf. Auch da gibt es solche Erkennungsmerkmale, die es zulassen, den Heiligen oder die Heilige sicher zu identifizieren. In der Kirchlichen Kunst ist der Apfel eher negativ bewertet. So gehört der Apfel als Attribut zum Heiligen Sabas, der einst trotz bitterem Hunger den saftigen Apfel als Bild der Sünde verschmähte.

Die kirchliche Tradition hat die verbotene Frucht aus der Paradiesgeschichte der Bibel (1. Mose 3) immer als Apfel interpretiert. Er war folglich ein Symbol des Sündenfalls und der Erbsünde. Doch dann gibt es eben auch die Apfelmadonna: Maria mit dem Kind, wobei entweder das Jesuskind oder die Maria einen Apfel in Händen hält.

Mit der Geburt Jesu durch Maria hat diese den Weg zurück ins Paradies vorbereitet. Maria ist die neue Eva, und Jesus der neue Adam. Die Erbschuld ist überwunden. Nun ist der Apfel nicht mehr Zeichen menschlicher Hybris, sondern Ausdruck der Gnade und des Lebens.

Wer mehr über den Apfel und die Apfelmadonna erfahren möchte, findet hier oder da mehr Informationen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 3. Januar 2025

Am Arsch

Ein Zitat

Östlich des Bommerweiers im Thurgau ist eine Wiese mit 'Arsch' benannt.
Foto © Jörg Niederer
"Eine noch nie dagewesene Fülle an Aktbildern malte Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle, also an einem der heiligsten Orte der katholischen Christenheit." Ingrid Bertel in einer Buchbesprechung über das Buch "Das Heilige und das Nackte" von Markus Hofer

Ein Bibelvers - 2. Mose 33,21-23

"Und der Herr fügte hinzu [zu Mose]: 'Aber siehe, da ist ein Platz in meiner Nähe. Stell dich da auf den Felsen! Wenn dann meine Herrlichkeit vorüberzieht, will ich dich in den Felsspalt stellen. Solange ich vorüberziehe, werde ich meine Hand über dich halten. Danach werde ich meine Hand wegziehen, und du kannst hinter mir hersehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen.'"

Eine Anregung

Ein eher schlechtes Foto von einer langweiligen Landschaft und der Titel, der zwar nicht Fäkalsprache wiedergibt, aber wohl doch etwas ins Vulgäre abgleitet; passt das für kirchliche Texte?

Als ich vor einigen Tagen an der abgebildeten Wiese vorbeikam, sie liegt direkt östlich angrenzend an den Oberen Bommerweier bei Siegershausen auf dem Thurgauer Seerücken, entdeckte ich, dass dieses Stück Land tatsächlich "Arsch" genannt wird. Flurnamen sind oft abgleitet aus alten unverfänglichen Bezeichnungen. Eine Wiese im aktuell landläufigen Sinn als Arsch zu bezeichnen könne doch wohl nicht zutreffen, dachte ich.

Zuhause schaute ich im Verzeichnis der Flurnamen nach. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass es erstens in vielen Kantonen Ortsbezeichnungen gibt, die "Arsch" im Namen enthalten. Allein im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St. Gallen sind es drei davon. Und zweitens bedeuten sie genau das, was du und ich dabei assoziieren. Sie bezeichnen den Allerwertesten, den Hintern, das Hinterteil, das Gesäss, das Füdli, den Po.

Aus der Reihe tanzt eine Ortsbezeichnung mit "Arsch" im Kanton Glarus. Dort kommt die einstige rätoromanische Ortsbezeichnung "Ars" aus dem Lateinischen und bedeutet "verbrannt" und weist folglich auf eine durch Brandrodung entstandene Landwirtschaftsfläche hin. Die später dort siedelten Alemannen verstanden das Wort nicht mehr richtig, und deuteten es als Bezeichnung für einen Hintern.

Nun ist die Wiese beim Bommerweier ziemlich flach, und damit gar nicht wie ein Gesäss geformt. Wie auch immer, ich war also für einen kurzen Moment am Arsch des Thurgaus.

Um nun diesen Ausführungen auch noch eine theologische Relevanz zu geben, sei hier auf Michelangelo und die Sixtinische Kapelle verwiesen. Unter seinen dortigen Fresken gibt es an zentraler Stelle direkt über dem Altar ein Bild, das Gott zeigt bei der Erschaffung von Sonne, Mond und Sterne. Dabei ist Gott einmal von vorn und einmal von hinten dargestellt.

In einer interessanten Rezension von Ingrid Bertel, überschrieben mit "Der Hintern Gottes", zum Buch "Das Heilige und das Nackte. Eine Kulturgeschichte" von Markus Hofer bezieht sie sich genau auf besagtes Fresko von Michelangelo, der darin den an sich körperverhüllten Gott mit blankem Hinterteil dargestellt hat. So habe wohl, gemäss Michelangelo, Mose Gott von hinten gesehen, als dieser an ihm vorüberzog.

Ziemlich gewagt, was sich da Michelangelo geleistet hat, am Ort der Papstwahl in Rom.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 21. Oktober 2024

Seeadler im Thurgau

Ein Zitat

Am Hugiweiher bei Frauenfeld pausiert ein einjähriger Seeadler auf seinem Zug.
Foto © Jörg Niederer
"Wer will dem Adler die Bahn vorschreiben, wenn er die Schwingen entfaltet und stürmischen Flugs sich zu den Sternen erhebt?" Georg Büchner (1813-1837)

Ein Bibelvers - 2. Mose 19,3+4

"Da rief ihm der Herr vom Berg aus zu: 'Sag es dem Haus Jakob! Verkünde es den Israeliten: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe. Euch aber habe ich wie ein Adler auf Flügeln getragen und hierher zu mir gebracht.'"

Eine Anregung

Seit zwei Tagen kann am Hugiweiher bei Frauenfeld ein Seeadler beobachtet werden. Statistisch schwanken dessen Sichtungen in der Schweiz zwischen keinem bis 3 Tieren pro Jahr. In Frauenfeld ist es die allererste Beobachtung des grössten europäischen Greifvogels.

Der Adler ist nicht beringt. Er kommt somit nicht aus der französischen Zuchtstation am Genfersee. Heute Morgen habe ich mir dieses beeindruckende Wildtier angesehen können.

Solche besonderen Beobachtungen ziehen immer viele Vogelkundlerinnen und Vogelkundler an. Es ist also gerade einiges los rund um den Hugiweiher.

Seeadler sind mit einer Flügelspannweite von bis zu  2,4 Metern deutlich grösser als der bei uns oft zu sehende und auch schon beachtlich grosse Rotmilan. Seine Hauptnahrung sind bis fünf Kilogramm schwere Fische, aber auch Vögel und Säugetiere bis zur Grösse einer Graugans. Für die Berufsfischerei sind Seeadler nützlich, weil sie für Unruhe unter den Kormoranen sorgen. Der Seeadler in Frauenfeld ist wohl etwa einjährig und auf dem Zug in den Süden ans Meer oder zu einem bewaldeten See.

Beim Betrachten dieses eindrücklichen Vogels verstehe ich, warum Adler in der Bibel immer wieder in positiver Weise für Gottes Kraft und Stärke steht, aber auch für Kraft und Vitalität der Menschen, die durch Gottes Eingreifen bewirkt wird. (Psalm 103,5).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 9. August 2024

Landvogt Gessler im Thurgau

Ein Zitat

Die Gesslerbrücke im Griesenbergtobel ist nach dem Landvogt aus der Tellssage benannt.
Foto © Jörg Niederer
"Hier ist Grisslers Hochmuoth vom Thäll erschossen und die Schweitzer edle Freyheit entsprossen." Inschrift von 1781 in der Tellskapelle bei Küssnacht

Ein Bibelvers - Judas 1,20

"Dagegen sollt ihr, meine Lieben, euer Leben auf eurem allerheiligsten Glauben aufbauen. Lasst euch im Gebet vom Heiligen Geist leiten."

Eine Anregung

Griesenberg hat nicht nur eine historische Trülle und gehört zu den schützenswerten Ortsbildern der Schweiz (siehe Beitrag vom 7. August 2024). Da wäre auch das Griesenbergtobel, angeblich das tiefste im Thurgau, in dem sich eine 2008 erbaute Fussgängerhängebrücke befindet. Diese hat einen unerwarteten Namen: Gesslerbrücke. 

Gessler ist der Landvogt in der Tellssage. Warum gerade diese verhasste Person hier im tiefsten Thurgau mit der Benennung einer Brücke geehrt wird, hat seine durchaus spekulativen Gründe. Bei Gessler solle es sich um Heinrich VI. von Griesenberg gehandelt haben. Dieser hatte auf Seiten der Habsburger an der Schlacht von Morgarten teilgenommen. Hinzu kommt, dass bis Ende des 18. Jahrhunderts der Gegenspieler von Wilhelm Tell als Griessler oder Grissler bekannt war. Erst danach wird der Landvogt Gessler genannt. Griessler und Griesenberg, das könnte passen. Auch dass Heinrich VI. in der fraglichen Zeit habsburgischer Landvogt in Aarau war, und damit auch mit der Innerschweiz zu tun hatte.

All das kann man nachlesen in einem Beitrag des Tagblatts vom 15. November 2018. Darin steht auch, dass diese Gleichsetzung von Gessler mit Heinrich VI. von Griesenberg unwahrscheinlich sei. Eher hätten verschiedene Gestalten beigetragen zum eidgenössischen Feindbild des Landvogts Gessler.

Sicher ist, dass in Griesenberg heute keine Gesslerburg steht. Die wurde nämlich Neu-Griesenberg genannt und ist bedingt durch Erosion ins tiefe Tobel abgestürzt.

Ob es wohl auch irgendwo eine Judas-Brücke gibt? Judas Iskariot war es ja, der Jesus verraten hatte. Würde ihn jemand mit einer Brücke ehren wollen?

Es gibt eine Judasbrücke. Im holländischen s-Hertogenbosch steht sie. Vermutlich ist sie aber nach Judas, dem Bruder von Jakobus benannt, und nicht nach dem Jesusverräter Judas Iskariot. Mit Abtrünnigen tut man sich halt schwer. Ausser im Thurgau, wo man es aus touristischen Gründen noch so gerne hätte, wenn Gessler ein Griesenberger gewesen wäre.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 9. August 2023

Kein schöner Land

Ein Zitat

Anschrift der Kantonalen Ausweisstelle am Bahnhof in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Wer stets mit seinem Lob geizt, zeigt damit seine eigene Mittelmäßigkeit." Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715-1747)

Ein Bibelvers - Jeremia 5,21b

"Ja, sie haben Augen, aber sie sehen nicht! Sie haben Ohren, aber sie hören nicht!"

Eine Anregung

Auf Facebook bin ich mit Verena Birchler befreundet. Kennengelernt habe ich sie an einem Medienkurs beim christlichen Fernseh- und Radiosender ERF Medien. Am 1. August postete sie auf Facebook einen Beitrag zum Motto: "In was für einem Land leben wir eigentlich." Meist ist das ja eine Floskel, welche negative Erfahrungen einleitet. Doch nicht so bei Verena Birchler. Sie hebt positiv das Besondere der Schweiz hervor anhand von Erfahrungen beim Ersatz ihrer Identitätskarte. Diese hatte sie wohl verloren und erlebte sowohl bei der Polizei wie auch im Passbüro (oder wie es richtig heisst: auf der Kantonale Ausweisstelle) wie schnell, unkompliziert und reibungslos an beiden Amtsstellen für die Bürgerinnen und Bürgern gearbeitet wird. Als Fazit schrieb sie: "Ich weiss nicht, in welchem Land man Pass und ID so schnell, unkompliziert und unbürokratisch erhält."

Gestern musste ich meinen Pass erneuern lassen. Und so kommt nun von mir ein weiteres Erlebnis dazu, welches die Beobachtung und Erfahrung von Verena Birchler unterstreicht.

Per Internet hatte ich mir vor einigen Tagen für die Passerneuerung den ersten Termin des Tages um 8 Uhr reserviert. Mit mir stieg eine weitere Person die zwei Stockwerke zur Kantonalen Ausweisstelle Frauenfeld hoch. Ich wunderte mich, dass da noch jemand zu dieser Zeit einbestellt war. Vermutlich Parallelbetrieb, dachte ich. Der andere Mann trat vor mir an den Schalter. Ich hörte richtig, auch er hatte einen Termin um 8 Uhr. Aber wie sich kurz darauf herausstellte, nicht in Frauenfeld, sondern im Passbüro in Weinfelden. Nun hätte die Beamtin in abweisen können, und er hätte wohl einen weiteren Termin in einigen Tagen beantragen müssen. Doch dann hörte ich die Frau hinter dem Schalter sagen: "Ich schaue mal nach, ob wir ausnahmsweise auch für Zeit haben". So ist es dann gekommen. Der Mann musste zwar etwas länger warten, während ich in 10 Minuten alles erledigen konnte. Aber dann wurde auch er ausserplanmässig aufgerufen, ganz ohne Vorwürfe, ohne Rückweisung, einfach so.

Ich kann nur Einstimmen in das Loblied von Verena Birchler auf diese Schweiz, die es auch gibt, mehr, als man sich manchmal bewusst ist. Wer Augen hat, das zu sehen, der sehe, in was für einem Land wir leben dürfen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 29. Mai 2023

Pfingstblume oder Marienfrauenschuh

Ein Zitat

Der Gelbe Frauenschuh blüht auch im Thurgau.
Foto © Jörg Niederer
"Wer meine Blume zur Unzeit bricht, steht im Waldgericht!" Zitat aus einem Märchen zu Frau Holle und dem Gelben Frauenschuh

Ein Bibelvers - 2. Mose 3,5

"Gott sprach: 'Komm nicht näher! Zieh deine Schuhe aus! Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.'"

Eine Anregung

Insidertipps braucht es dann, wenn man besondere Pflanzen und Tieren aufsuchen will. So ein Tipp hat uns in diesen Tagen an eine Stelle, etwa fünf Kilometer entfernt von unserer Wohnung zu einer kleinen beaufsichtigten Waldlichtung geführt, wo der Gelbe Frauenschuh (Cypripedium calceolus) in voller Blüte steht. Die Orchidee ist in der Schweiz vollständig geschützt und in ihrem Bestand gefährdet.

Wir waren nicht die einzigen Gäste an diesem heimlichen Ort. Zwei Fahrradfahrer wollten diese besonders eindrückliche einheimische Orchideenart auch bewundern. Doch kaum kniete der eine auf dem extra angelegten Fussweg nieder, um die Blume zu fotografieren, begann er zu husten. Sie blieben nicht lange. Es ist bekannt, dass der Frauenschuh allergische Reaktionen auslösen kann. Ob das aber so schnell geht oder ob andere Sporen in der Luft die Schuldigen waren? 

Nomen est Omen. Der Gelbe Frauenschuh hat Ähnlichkeiten - wie könnte es auch anders sein - mit einen Frauenschuh. Wie sähe wohl ein Männerschuh in Blumenform aus? Würde man ihn Stiefelväterchen nennen? Auch möglich: Halbschuh, Schlarpe, Pantoffel. Tatsächlich gibt es Pantoffelblumen, und sie sehen dem Frauenschuh nicht unähnlich.

Dass wir diese schöne Pflanze um Pfingsten besucht haben, passt gut. Da der Frauenschuh im Mai und Juni blüht, wird er im Volksmund auch "Pfingstblume" genannt. Weiter wird der Frauenschuh in Legenden mit der Jungfrau Maria in Zusammenhang gebracht, und deshalb auch Herrgotts-, Jungfernschuh oder Marienfrauenschuh genannt. Dass eine einzelne Kapselfrucht des Gelben Frauenschuhs bis 17'000 Samen enthalten kann, hat mit Maria dann wohl doch wieder wenig zu tun. Es dauert aber 16 Jahre, bis die Orchidee ihre erste Blüte treibt. Darum wurde sie zu einem Symbol der Empfängnis und Fruchtbarkeit.

Fehlt noch Frau Holle, im Spessart als Frau Schunkel bekannt. Und weil der Frauenschuh die Lieblingsblume der Frau Schunkel sei, heisst sie in diesem Teil Deutschlands auch Frauschunkelblume. Märchenhaftes dazu gibt es auf einer Seite zur Göttinnengestalt von Frau Holle zu lesen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 19. Januar 2023

Altpapier auf Bahnhöfen

Ein Zitat

In Vierfach-Mülleimern auf Bahnhöfen im Kanton Thurgau wird seit einigen Jahren kein Papier mehr separat gesammelt.
Foto © Jörg Niederer
Eva hatte keine Wahl. Im Paradies gab es nur Adam.

Ein Bibelvers - Johannes 14,2

"Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: 'Ich gehe dorthin, um für euch einen Platz vorzubereiten'?"

Eine Anregung

Mülltrennung hat schon seit einigen Jahren auf den Bahnhöfen der Schweiz Einzug gehalten. Seither werfen Reisende PET, Aluminium, Papier und Zeitungen sowie den Restmüll in je eigene Bereiche der Vierfach-Mülleimer. Zumindest auf den Bahnhöfen der Kantone Zürich und St. Gallen ist das so. Doch nicht auf den Bahnhöfen des Thurgaus. Hier landen Papier und Zeitungen im Restmüll. Die Vierfach-Mülleimer wurden entsprechend modifiziert. Es gibt nun zwei Restmüllabteile.

Warum schafft es die SBB im Kanton Thurgau nicht, Papier separat zu sammeln? Das Frage ich mich nun schon seit einigen Jahren. Oder ist für die Abfuhr des Mülls der Kanton zuständig? Dann geht die Frage an ihn. 

Vielleicht will man so die Kehrichtverbrennungsanlagen besser mit Brennbarem "füttern". Seit es Mülltrennung gibt, sind die Anlagen ja nicht mehr ausgelastet, habe ich vor einiger Zeit gelesen. Vielleicht sind die Thurgauerinnen und Thurgauer zu unbedarft, und haben zu wenig sorgfältig Papier vom übrigen Müll getrennt. Vielleicht müsste die SBB oder der Kanton all das Papier nun auch noch sauber bündeln, bevor es der Wiederverwertung zugeführt werden könnte. In der Stadt St.Gallen jedenfalls ist das nicht nötig. Dort kann der Papierabfall vom Bahnhof ungebündelt auf Paletten abtransportiert werden. 

Aber vielleicht ist man im Kanton Thurgau einfach auch ehrlich, und will den Reisenden nicht vormachen, man trenne Papier vom Restmüll, während in anderen Kantonen zwar alles getrennt gesammelt wird, aber dann schlussendlich doch wieder zusammen in der Kehrichtverbrennung landet. Unter diesen Umständen würde ich mir ziemlich blöd vorkommen, wenn ich meine Zeitungslektüre im Zug so anpasse, dass ich diese im Kanton St.Gallen oder Zürich auf dem Bahnhof entsorgen kann, und nicht im Kanton Thurgau. 

Zuletzt: Weil dies ein christlicher Blog ist, noch drei andere Fragen: Wie sieht die Mülltrennung dereinst im Himmel aus? Wird dort mit Fernwärme geheizt? Und gibt es überhaupt noch Zeitungen, wenn Krieg, Verbrechen und Zoff der Vergangenheit angehören?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 30. September 2022

Kirchen feiern Gottesdienst an der WEGA in Weinfelden

Ein Zitat

Das Riesenrad im Jahrmarktsbereich der WEGA Weinfelden, direkt beim Bahnhof gelegen.
Foto © Jörg Niederer
"Also die WEGA war so ziemlich das Erste, was ich nach meinem Mann kennengelernt habe, und als Nichtweinfelderin merkte ich bald, dass das die heiligen fünf Tage für Weinfelden sind." Olivia Langer, Gasthaus zum Trauben

Ein Bibelvers - Lukas 19,3

"Er [der Zöllner Zachäus] wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber er konnte es nicht, denn er war klein, und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht."

Ein Anregung

Nun finden landauf, landab die Herbstmessen statt. Am vergangenen Wochenende etwa die Messe meiner Jugend, die MIO (Messe in Olten), in zwei Wochen dann die viel berühmtere OLMA, die "Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung". (Die Abkürzung kommt noch von der bis 1945 gebräuchlichen Benennung "Ostschweizerische Land- und Milchwirtschaftliche Ausstellung".)

WEGA-Gottesdienst
Ganz aktuell seit gestern findet die WEGA statt. Das ist nicht die Abkürzung für "Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung", die es auch einmal gab, sondern steht für "Weinfelder Gewerbeausstellung". Sie gilt als grösste und bedeutendste jährlich stattfindende Publikumsmesse im Kanton Thurgau und wirbt mit der Bezeichnung "Familienmesse".

Ob es auch schon eine Tradition ist, weiss ich nicht? Aber zum zweiten Mal findet ein Gottesdienst statt mitten auf dem Messegelände, durchgeführt von den Kirchen und Freikirchen in Weinfelden. Dieser Festakt geht am Sonntag um 10.15 Uhr über die TKB-Bühne beim Rathausplatz. Dabei wird der diesjährige Slogan der WEGA aufgenommen: "entdecken - erleben - geniessen". Der Gottesdienst ist eine gute Möglichkeit, um beschwingt und motiviert zu einem Rundgang durch die Vergnügungen der WEGA zu starten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 31. Mai 2022

Als es auf Schweizer Strassen noch lebensgefährlich war

Ein Zitat

Das Schloss Eppishausen beim thurgauischen Erlen
Foto © Jörg Niederer

"Es geht auch keine Woche hin, dass man nicht von Unglücksfällen hörte, und Du magst fragen, wen Du willst, jeder ist schon vielmals umgeworfen und hat auch mitunter Schaden genommen, wäre es auch nur ein zerschlagener Kopf oder geschundenes Bein, aber die Leute meinen, das gehöre so dazu."
Annette von Droste-Hülshoff über den Strassenverkehr in der Schweiz um 1836

Ein Bibelvers - Epheser 5,33

"Es gilt aber auch für euch: Jeder Einzelne von euch soll seine Frau in der gleichen Weise lieben wie sich selbst. Aber die Frau soll ihren Mann achten."

Ein Anregung

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war die wohl bedeutendste deutschsprachige Dichterin ihrer Zeit. In ein westfälisches Adelsgeschlecht hineingeboren stand sie unter den üblichen Zwängen der damaligen Zeit, die Frauen wenig Entfaltungsmöglichkeiten boten. Mit 19 Jahren schrieb sie in einem Gedicht: "Fesseln will man uns am eigenen Herde, unsere Sehnsucht nennt man Wahn und Traum". 

Noch bevor Sie mit der Novelle "Die Judenbuche" 1842 den Durchbruch schaffte, verbrachte sie 1835-1836 einige Monate in der Schweiz; im Schloss Eppishausen bei ihrer Schwester Jenny und deren Mann Joseph von Laßberg. Doch da sie kaum Zugang hatte zu den zeitgenössischen Dichter und Denker, war es ihr bald langweilig. Die Ostschweiz blieb ihr fremd. An Karl von Haxthausen schrieb sie am 8. August 1836: 

"Aber vorerst hast Du kaum einen Begriff von der Öde eines hiesigen Winters, wenigstens wie wir ihn erlebt haben – fast sechs Monate lang Schnee, schon im Oktober lag er einigemal so tief, dass man nicht wusste, wie man die Weinlese bewerkstelligen solle. Von der Mitte November an blieb er liegen, ohne einen Tag Tauwetter bis hoch im März, und noch fast durch den ganzen April war es den einen Tag grün und den andern weiß. Das schlimmste aber war ein Nebel, aus dem man Brei hätte kochen können, der gar nicht fortging, und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich das unmittelbar vor uns liegende Dorf mehrere Monate lang nur gehört, aber nicht gesehn habe, den ganzen Tag klingelten Schlitten und bellten Hunde, die nebenher liefen, und Mama sagte ein ums andere Mal 'Lappland!'... 

Wir, nämlich Mama und ich, mit noch vier anderen, haben vor vierzehn Tagen eine kleine Bergreise gemacht, in die Appenzeller Alpen, wo wir fleißig Milch getrunken, Alpenrosen gepflückt und mitten im August an Schneefeldern gestanden haben. Das Merkwürdigste aber ist, dass wir binnen vier Tagen drei verschiedene Kutscher gehabt haben, wovon uns der erste umwarf, der zweite ein noch ungebrauchtes und der dritte ein kolleriges Pferd vorspannte, sodass wir dreimal in die größte Lebensgefahr geraten sind. Es gibt überhaupt nichts Elenderes als einen Schweizer Kutscher, grenzenlos ungeschickt, furchtsam wie alte Weiber und doch aus Habsucht das Unvernünftigste unternehmend..." 

In dieser Zeit entstand aber auch ein wunderschönes Gedicht vom Säntis. All das und noch mehr über diese bemerkenswerte Frau weiss ich nur, weil ich auf einer Wanderung vorbei am Schloss Eppishausen durch eine Inschrift auf die Dichterin neugierig gemacht wurde. Ich finde, es hat sich gelohnt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 8. Februar 2022

2,3 Kilometer verhindern den Knast

Ein Zitat

Hochsicherheitsgefängnis für Gartenzwerge
Foto © Jörg Niederer
"Diebstahl, der: Enteignung ohne gesetzliche Grundlage." Karsten Mekelburg (*1962), deutscher Satiriker

Ein Bibelvers - 1. Mose 39,19-21a

"Josefs Herr hörte sich den Bericht seiner Frau an. Als sie sagte: 'Das hat mir dein Sklave angetan!', packte ihn der Zorn. Er ließ Josef ergreifen und ins Gefängnis werfen – dorthin, wo die Gefangenen des Königs waren. Josef blieb im Gefängnis. Aber der Herr war mit Josef."

Ein Anregung

2,3 Kilometer Luftlinie sind es von unserer Wohnung bis in den Kanton Zürich. Diese kurze Distanz verhindert, dass ich ins Gefängnis komme. Aber der Reihe nach. 

In meinem Blogbeitrag vom 2. Juli 2021 schrieb ich, dass ich mich als Gefangener bewerben möchte für den Testbetrieb des neuen Gefängnisses Zürich-West (GZW). Seit etwa drei Tagen nun gilt es ernst. Nun können sich alle eintragen lassen, welche die Erfahrung von Gefangenen im einem Schweizer Gefängnis machen möchten. 

Alle? Leider nicht. Der Zugang zu dieser "Dienstleistung" ist nur noch für Bürgerinnen und Bürger möglich, welche im Kanton Zürich wohnhaft sind. Es habe eine so grosse Zahl von Interessierten gegeben, dass die Gefängnisleitung sich zu dieser Beschränkung entschieden habe.

So ein Pech aber auch. 2,3 Kilometer weiter Richtung Westen, und ich würde im Kanton Zürich und nicht im Kanton Thurgau leben. So aber darf ich nicht ins Gefängnis. Und das finde ich nun echt schade. Freiwillig wäre ich gerne eingesessen. So aber geniesse ich halt für einmal meine nicht so geschätzte Freiheit im Kanton Thurgau. 

Warum die Thurgauer neckisch als Langfinger verschrienen waren, erfährt man auf dieser Webseite. Und auch wenn ich ein Thurgauer bin, ich werde jetzt nicht, um doch noch ins Gefängnis zu kommen, mit Stehlen beginnen. Sosehr zieht es mich denn doch nicht hinter Gitter.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 29. Januar 2022

Ein Brunnen, getauft für Weinfelden

Ein Zitat

Der Weinfelder Brunnen an der Zürcherstrasse in Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"O Thurgau, wie liebe, wie schätze ich dich! / Wohl locken viel schönere Gegenden mich. / O Thurgau, mich fesselt ein engeres Band / An dich, du geliebtes, du wonniges Land!" Aus dem Thurgauer Lied

Ein Bibelvers - 1. Mose 26,20

"Die Hirten von Gerar und Isaaks Hirten stritten um die Quelle und sagten: 'Das Wasser gehört uns!' Weil sie sich um den Brunnen zankten, nannte Isaak ihn Esek, das heißt: Zank."

Ein Anregung

Der Brunnen an der Zürcherstrasse in Frauenfeld steht nicht gerade an vorteilhafter Stelle. Ich werde den Verdacht nicht los, dass dies bewusst so ist. Denn beim Brunnen handelt es sich um den Weinfelder Brunnen. Seine Inschrift lautet: "2003 / Weinfelder Brunnen / getauft anlässlich der / 200 Jahrfeier Kanton Thurgau / und Kantonshauptstadt Frauenfeld."

Weinfelden und Frauenfeld stehen ja in einer gewissen Konkurrenz. Einst wollten beide Orte Kantonshauptort sein. Frauenfeld wurde es, Weinfelden gilt bis heute als heimliche Hauptstadt. Auch darum tagt das Kantonsparlament in beiden Flecken. Die Thurgauer "Pendelregierung" sei eine Besonderheit in der Schweiz.

Darüber hinaus fasziniert mich auch, dass man Brunnen offensichtlich taufen kann. Ich frage mich, wie das geht. Tauft man den Brunnen mit dem Wasser des Brunnens. Also tauft sich der Täufling gleich selbst? Oder wurde Wasser von einem anderen Brunnen genommen, um diesen Weinfelder Brunnen zu taufen? Bedeutet dies, dass das Wasser, das dieser Brunnen spendet, nun Weihwasser ist? Ist ein getaufter Brunnen ein besserer Brunnen? Darf - weil getauft - in diesem Brunnen getauft werden? Und dürfen auch andere darin getauft werden als Weinfelder, Frauenfelder oder Zürcher (weil an der Zürcherstrasse) Bürger?

Und nun noch die Gretchenfrage: Wurde der Brunnen als kindlicher oder erwachsener Bronn getauft? Den Brunnen (auf dem Trog steht die Jahrzahl 1863) gab es schon, bevor er zum Weinfelder wurde; also wohl Erwachsenentaufe mit Konversion. So gibt es seit nicht einmal 20 Jahren ein bisschen Weinfelden in Frauenfeld, dort am wenig vorteilhaften Platz an der Zürcherstrasse.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde