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Freitag, 22. September 2023

Strassen nach Kinderart

Ein Zitat

Auf einer Quartierstrasse haben Kinder vor ihrem Haus mit Kreide einen Zebrastreifen und viele Tiere auf dem Asphalt gezeichnet.
Foto © Jörg Niederer
"Unser Ziel muss es sein, die Erwachsenen von den Strassen weg zu bekommen, damit die Kinder sich darauf unbefangen und frei entfalten können." (Das Originalzitat der Stadt Winterthur lautet dagegen so: "Unser Ziel ist es, die jungen Verkehrsteilnehmenden zu befähigen, sich sicher und verkehrsgerecht im Strassenverkehr zu bewegen.")

Ein Bibelvers - Matthäus 19,14

"Aber Jesus sagte: 'Lasst doch die Kinder! Hindert sie nicht daran, zu mir zu kommen. Denn für Menschen wie sie ist das Himmelreich da.'"

Eine Anregung

"Der Weg kommt, indem wir gehen", so heisst ein Satz aus der Feder von Kurt Marti. Genau so ist es. Wege entstehen durch Gewohnheit. Das sehe ich jeden Tag auf dem Weg zum Bahnhof. Da geht eine Treppe zu einer Fuss- und Fahrradbrücke hoch. Oben kann ich aber nicht direkt einbiegen, sondern muss erst fünf Meter an einer Rabatte entlang schreiten, bevor ich mit einer 180°-Wendung endlich in die richtige Richtung weitergehen darf. Diesen Umweg machen nicht alle mit. So zeichnet sich immer deutlicher ein Trampelpfad über die Rabatte ab. Zu Fuss geht man schliesslich effizient und kräftesparend. Es soll Liegenschaften geben, bei denen die Wege über das Grundstück erst erstellt werden, wenn sich die Trampelpfade abzeichnen, und so einsichtig wird, wo Wege auch Sinn machen.

Was aber wäre, wenn wir den Kinder die Verkehrs- und Mobilitätsplanung überlassen würden? Ich gehe, aufgrund der Erfahrung mit den eigenen drei Söhnen davon aus, dass es auch dann noch Autobahnen geben würde. Jedoch denke ich, dass der Strassenverlauf stärker von kindlichen Eigeninteressen und spontanen Einfällen geprägt wäre. So wie auf dem Foto, wo die Kinder vor ihrem Haus einen Zebrastreifen auf die Strasse gemalt haben. Weiter sehe ich Tiere auf dem Gehsteig und die Namen der Künstlerinnen und Künstler. Auf einer Seite des Zebrastreifens steht gross "Achtung". Bestimmt gäbe es dann vor jedem Haus, in dem Kinder wohnen, Raum, um auf der Strasse zu spielen. Die anderen Verkehrsteilnehmenden müssten sich folglich anpassen, sich hinter den Kinderdreirad-Artistinnen und -Artisten einordnen, und vor dem improvisierten Strassen-Fussballfeld warten, bis Halbzeit ist.

Also ich möchte einmal sehen, was geschieht, wenn Kinder den Verkehr planen. Vielleicht könnten wir Erwachsenen ja noch etwas von ihnen lernen. Warum nicht einmal einen Stadtteil in die Hände der Kinder geben. Was da entstehen könnte, wäre möglicherweise wegweisend für die Zukunft der Menschheit.

Nach Jesu Worten gehört den Kindern, wenn nicht die Erde, dann aber sicher das Himmelreich. Also macht euch gefasst darauf: Im Himmel werden Kinder laut und bestimmend mitreden bei der Gestaltung der himmlischen Verkehrswege.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 21. Januar 2022

Das böse Reh

Ein Zitat

Rehe am helllichten Tag in Siedlungsnähe auf dem Lutikerriet
Foto © Jörg Niederer
"Das Reh überquert nicht unsere Strassen. Unsere Strasse durchquert den Lebensraum des Rehs." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Johannes 6,35

"Jesus entgegnete: 'Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern. Und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.'"

Ein Anregung

Für einmal ist es nicht der böse Wolf, der die Gemüter erhitzt. Für einmal sind die Rehe schuld. Seit ein paar Wochen mögen sie Grabschmuck. Besonders die Rosen, Chrysanthemen und Veilchen haben es ihnen angetan. Wintergestecke mit Tannzapfen lassen sie links liegen. Kaum verwunderlich. Davon finden sie im Hätterenwald, ihrem eigentlichen Lebensraum, genug. Und so ziehen sie des Nachts für einen besonderen Dessert auf den Friedhof Feldli in St. Gallen. Dort lassen sie es sich gut gehen an den frischen Grabbeilagen.

Hätte es auf dem Friedhof Wölfe, die Rehe wären wohl kein Problem. Aber wer will schon Wölfe auf einem Friedhof. Und so kommen halt die Rehe, und geben sich der pflanzengewordenen Trauer der Menschen hin. In St. Gallen erscheinen die Tiere des Nachts, wenn sich auf Friedhöfen sonst nur Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Zu sehen bekommt man sie Hierzulande also kaum, anders als etwa in England, wo sie sich in grossen Städten schon so an die Menschen gewöhnt haben, dass sie bei helllichtem Tag den für sie gastlichen Ort bei den Grabkreuzen unsicher machen. Zum Glück gilt die Kartoffel nicht als Grabschmuck, sonst kämen auch noch die Wildschweine.

Wie wird man die Rehe auf Friedhöfen wieder los? Abschiessen geht an diesen Orten nicht. So sollen Duftspuren sie vergrämen, die nach Mensch und Hund riechen. Vermutlich aber beendet der Frühling diesen vielfachen vierbeinigen Spuk. Mit dem Aufkeimen der Pflanzen finden die Rehe dann ihre Nach(t)speise auch wieder im Wald. 

Und sonst empfehle ich für die Winterzeit einheimischen, saisongerechten Grabschmuck. Und die Freude, dass es mitten auf dem Friedhof Lebensraum gibt für diese grazilen Tiere.

Sollte der Friedhof nicht sowieso ein Raum der Hoffnung und des erwarteten Lebens sein?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 23. Juli 2021

Im Keller des Teufels

Ein Zitat

Faszinierende Einblicke in einen sich selbst überlassenen Wald
Foto © Jörg Niederer
"Das Nomen, auf das unser Wort 'Teufel' zurückgeht, ist wohl von dem Verb διαβάλλειν diaballein 'auseinanderbringen / durcheinanderwerfen' abzuleiten." WiBiLex

Ein Bibelvers - Matthäus 13,39

"Der Feind, der das Unkraut sät, steht für den Teufel. Die Ernte steht für das Ende der Welt. Die Erntearbeiter stehen für die Engel."

Ein Anregung

Von den x-tausend Motorisierten, die jeden Tag den Bareggtunnel bei Baden passieren, wissen die wenigsten, dass sie gerade dem Teufel durch den Keller fahren. Teufelskeller heisst die Felssackung über der Limmat, die nach dem Rückzug der eiszeitlichen Gletscher vor rund 100'000 Jahren entstanden ist. Heute ist es eine "...einzigartige kleinräumige Berg- und Tallandschaft mit Felstürmen, Blockschutthalden und Spalten".

Der Teufelskeller ist der einzige in der Schweiz, der diesen Lokalnamen trägt. Teufelsküchen gibt es viele, bekannt ist auch die Teufelsschlucht, und selbst ein Teufelsfriedhof existiert.

Wandernde, die sich in den Teufelskeller hineinbegeben, wundern sich kaum, dass der Ort so genannt wird.  Ein seltsamer Zauber geht von ihm aus. Seit 1987 ist er als Naturreservat ausgewiesen. Vertraglich wurde mit dem Kanton Aargau festgelegt, dass während 50 Jahren kein Holz genutzt wird, und weil auch zuvor im schwer zugänglichen Gebiet kaum Holz geschlagen wurde, wachsen hier die ältesten und höchsten Bäume. In tiefen Mulden wurzelnde Buchen, Eschen und Fichten wachsen bis 50 m hoch. Umgefallene Baumstämme liegen kreuz und quer und werden von bis zu 150 Holzpilzarten und unzähligen Käfern zersetzt. Dazwischen finden sich immergrüne Farne wie die seltene Hirschzunge. Es ist eine grüne Hölle, eben ein Teufelskeller. 

Als wir uns gestern durch diesen "Urwald" kämpften, hörten und sahen wir kaum Tiere. Ganz still dampfte der Wald in der heissen Mittagssonne. Gespenstig und faszinierend eröffnete er immer neue Einblicke voller Zauber. Paradox, dass eine der schönsten Natursehenswüdigkeiten, von denen es in und um Baden herum so einige gibt, nach dem Widersacher Gottes benannt ist. Zuviel der Ehre, könnte man sagen. Doch ganz allein kann sich der Teufel nicht breitmachen. Über seinem Keller thront ein weiterer religiös aufgeladener Ort, der Chrüzliberg (die Sage dazu folgt im Beitrag von morgen), und an seinem Fuss findet sich der Friedhof Liebefels.

Anders als Naturschutzgebiete ist der "...Wald unter Rücksichtnahme auf Tiere und Pflanzen frei begehbar". Jedoch wird auf der Informationstafel davor gewarnt, ihn bei Wind und starken Niederschlägen zu besuchen, "...wegen der Gefahr von abbrechenden Ästen".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde