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Donnerstag, 26. September 2024

Herbstmeditation

Ein Zitat

Ein Baum im Salatfeld bei Kloten.
Foto © Jörg Niederer
"Man ist nie zu alt, um in einen Laubhaufen zu springen." Unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 104,19

"Den Mond hast du für die Festzeiten gemacht. Die Sonne weiß, wann sie untergehen soll."

Eine Anregung

Ein typisches Herbstbild. Die Ambivalenz der Natur. Unkräuter zwischen Salatköpfen. Licht und Schatten. Himmel und Erde. Leben und Tod. Ein üppiges, letztes Aufleuchten. Bald wird die Ernte eingefahren. Was so vital und lebendig, währt nur kurz. Der halbverwelkte Baum dagegen wird wohl auch im nächsten Jahr seinen Schatten werfen. Angeschlagen, aber nicht besiegt.

Was möchte ich sein: Dieser alte Baum, gezeichnet und versehrt, oder ein Salatkopf, jung, saftig, austauschbar und kurzlebig? Bin ich gar das Unkraut, störe ich das schöne Bild, dränge mich ungefragt dazwischen?

Sicher ist: Mein Sommer liegt hinter mir. Es ist Herbst geworden, ganz und gar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 15. Oktober 2023

Das Kreuz in den Bergen

Ein Zitat

Ein einfaches Kreuz steht beim Rizli auf dem Oberalppass mitten in der herbstlich eingefärbten Heide.
Foto © Jörg Niederer
"Aber was begreift man überhaupt. Der Mensch und die Natur kommen nie überein. Wir legen immer unsern Maßstab an sie, und der ist so klein." Hermann Löns (1866-1914), Heidedichter

Ein Bibelvers - Psalm 95,4

"In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge gehören ihm."

Eine Anregung

In der Heidelandschaft des Oberalppasses verschwindet das Kreuz auf dem Rizli beinahe in der leuchtenden Landschaft. Es ist ein Ort, der erwandert werden will. Die Autos bleiben auf dem Übergang zurück, dann geht es wenige hundert Meter weiter und etwa 30 Meter höher zu diesem kleinen Gupf in der verzauberten Herbstlandschaft. Langsam, Schritt für Schritt komme ich dem christlichen Zeichen näher. Das Kreuz ist leer. Es ist zum Hoffnungssignal geworden. Auch wenn der Winter vor der Tür steht, und schon bald das Heidekraut unter meterdicken Schneeschichten verschwindet, kommt der Bergfrühling bestimmt wieder. Auferstehung kann nicht ausbleiben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 30. September 2023

Übergänge

Ein Zitat

Die Ringelblume im Klostergarten St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Wie leuchten Blütenkorb und Krone / Der Ringelblume uns entgegen. / Was täten Menschen wirklich ohne / Der Pflanze weit gestreuten Segen?" Ingo Baumgartner im Gedicht "Ringelblume"

Ein Bibelvers - Galater 5,22+23a

"Der Geist Gottes dagegen bringt als Ertrag: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Güte und Großzügigkeit, Treue, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung."

Eine Anregung

Wir stehen am Übergang zur dunklen Jahreszeit. Auf meinem Weg zur Arbeit ist es finster, genauso wie am Abend, wenn ich wieder nach Hause komme. Dazwischen leuchten die Farben des Herbstes. Gewerbeausstellungen häufen sich. Erntedankfeste werden gefeiert. 

Übergänge zeigen sich auch auf dem Foto der Ringelblume. Die eine Blüte leuchtet wunderschön gelb, die andere hat sich schon zusammengezogen, eingerollt, aufgekringelt. 

In dieser Übergangszeit ist es besonders hilfreich, wenn wir einander Gutes tun, einander Freude bereiten und pfleglich behandeln. Dazu kann die Ringelblume mit ihren vielfältigen guten Wirkungen ein leuchtendes Beispiel sein. Die "Internationale Gesellschaft GartenTherapie" schreibt über diese Blume: "Sie wirkt wundheilend, antiseptisch, entzündungshemmend, erweichend, blutreinigend, krampflösend, menstruationsregulierend, schweiss- und wurmtreibend." Und wer kennt nicht die Ringelblumensalbe mit ihrer guten Wirkung?

Also: Gerade wenn sich Vieles ändert und mit Blick auf die Ringelblumen dürfen wir auf einen Rat aus dem Hebräerbrief (13,16) hören: "Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen." Gutes teilen hilft in Übergangszeiten.

Übrigens: In manchen deutschen Regionen wird die Ringelblume auch "Jesus-", "Christus-" oder "Herrgottsauge" genannt, sowie "Jesus-" und "Christusblume". Das gefällt mir, weil ich nun immer an Christus erinnert bin, wenn ich eine Ringelblume sehe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 27. August 2023

Abschiedszeiten

Ein Zitat

Erste Herbstzeitlosen künden in der Allmend Frauenfeld das Ende des Sommers an.
Foto © Jörg Niederer
"Am Ende wird alles gut sein! Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende." Anselm Grün (*1945)

Ein Bibelvers - Psalm 139,2+3

"Ob ich sitze oder stehe: Du weißt es. Meine Absicht erkennst du von fern. Ob ich gehe oder ruhe: Du merkst es. Alle meine Wege sind dir bekannt."

Eine Anregung

Erste Herbstzeitlosen künden in der Allmend Frauenfeld das Ende des Sommers an. Bald färben sich die Blätter. Dann mündet ein überschwängliches Aufleuchten der Natur in den Winter.

In St. Gallen werden wir heute noch einmal dankbar auf die Arbeit der Koreanischen Gemeinde zurückschauen und von ihr in einem Gottesdienst Abschied nehmen. In diesem Jahr fanden keine koreanischen Gottesdienste oder andere Anlässe mehr in St. Gallen statt. Ein Arbeitsbereich der Evangelisch-methodistischen Kirche geht zu Ende. Aber Gottes Liebe wird alle daran Beteiligten weiterbegleiten an den je verschiedenen Orten und in den je unterschiedlichen Umständen.

Der Abschiedsgottesdienst beginnt um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen. Schon um 9.40 Uhr treffen sich die Kinder von 3 bis 8 Jahren zur Sonntagschule. Den Sonntagmorgen lassen wir mit einem Spaghettiessen ausklingen. Alle sind herzlich dazu eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 20. Oktober 2022

Sinnlose schön

Ein Zitat

Herbstmischwald am Säli zwischen Olten und Aarburg.
Foto © Jörg Niederer
"Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht." Leo N. Tolstoi (1828-1910)

Ein Bibelvers - 2. Mose 2,2

"Die Frau wurde schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Als sie sah, wie schön er war, versteckte sie ihn drei Monate lang."

Ein Anregung

Was ist der tiefere Sinn der herbstlichen Farbenpracht? Warum sind Tiere, Pflanzen und Gesteine schön. Warum keimen die Blätter der Bäume im Frühling in diesem bezaubernden hellen Grün? Warum leuchten die Früchte in knalligen Farben? Könnten die Blätter nach getaner Arbeit nicht einfach so abfallen, wie sie geworden sind? 

Dass die Welt nebst ihrer Nützlichkeit von uns Menschen auch noch als schön wahrgenommen wird, ist das nicht Verschwendung? Und können Tiere diese Schönheit erkennen? Da gibt es diesen Vogel, der ein Platz mit allerlei blauem Zierrat schmückt. Da ist ein Kugelfisch, der für das Gelege der Eier ein kunstvolles Mandala in den Sand am Meeresgrund zeichnet. Dieses Mandala kanalisiert das Wasser, so dass der Laich ideal mit Sauerstoff versorgt wird. Doch zu allem Überfluss ist dieses kreisrunde Werk auch noch schön und wird von uns Menschen in seiner funktionalen Ästhetik bestaunt. Als würde unsere Bewunderung dem Tierchen in irgendeiner Weise helfen.

Auch die Hässlichkeit wäre nicht nötig in dieser Welt. Und doch gibt es sie. Empfinden Spinnen Ihresgleichen als schön?

Oder ist es anders herum? Empfinden wir Dinge als schön, weil sie für uns Sinn ergeben?

Ganz schön viele Fragen zu einer Sache, die unser Leben überraschend erhellt und zum Glänzen bringt. Mich verweist die Ästhetik der Welt über das Funktionale und Nützliche hinaus auf die Erkenntnis, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, und ich ohne diesen Anteil an Unerklärlichem in dieser Welt ein armseliges Leben führen müsste.

Zuletzt eine "letzte" Frage: Ist Gott schön?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 21. September 2022

Vogelschwarm und Volkweise

Ein Zitat

Stare sammeln sich in grösseren Schwärmen. Hier rasten sie auf einer Stromleitung bei Müllheim
Foto © Jörg Niederer
"Klag' ist ein Misston im Chore der Sphären! / Trägt denn die Schöpfung ein Trauergewand?" Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762 - 1834), Schweizer Dichter

Ein Bibelvers - Psalm 71,22

"Mit dem Spiel der Bassleier will ich dir danken, dass du zu mir gehalten hast, mein Gott. Zur Leier will ich Loblieder für dich singen – für Gott, den Heiligen Israels."

Ein Anregung

Stare versammeln sich und bereiten sich auf den grossen Abflug vor. Immer wieder fliegen die Vögel gruppenweise auf, oder landen in der nahen Wiese. Der Herbst kündet sich an. 

"Bunte sind schon die Wälder", so beginnt ein deutschsprachiges Volkslied. Ich haben es in der Primarschule zu singen gelernt. Es handelt sich um ein deutsch-schweizerisches Gemeinschaftswerk. Der Text ist vom Schweizer Dichter Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834). Die Musik dazu schrieb der deutschen Komponisten Johann Friedrich Reichardt (1752-1814). Später dann hat Franz Schubert (1797-1828) eine weitere Vertonung beigetragen.

So wie Hannes Wader das Lied singt, im flotten Tempo, verliert es etwas von seiner Melancholie. Das gefällt mir. Grosse Klasse ist auch die eher klassische Version des Jugendkonzertchors der Chorakademie Dortmund.

Zum Schluss zwei Fragen: 1. Was bestimmt mich im Herbst: Melancholie oder Dankbarkeit? 2. Sehen die Stare auf der Stromleitung nicht ein bisschen wie die Noten eines Musikstücks aus? 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 26. Oktober 2021

Herbst und Nostalgie

Ein Zitat

Stare fliegen zwischen Äcker und Bäumen hin und her
Foto © Jörg Niederer
"Bunt sind schon die Wälder, / gelb die Stoppelfelder, / und der Herbst beginnt. / Rote Blätter fallen, / graue Nebel wallen, / kühler weht der Wind." Johann Gaudenz von Salis-Seewis (1762-1834)

Ein Bibelvers - Jesaja 35,1

"Die Wüste und das dürre Land werden fröhlich sein. Die Steppe wird jubeln und blühen wie eine Lilie."

Ein Anregung

Herbst. Zeit der trüben Gedanken, der dunkler werdenden Tage. Der Frühling ist viele Tage weit, kein Sommer tröstet mehr über die Zeit. Melancholie, Nostalgie.

Wohl bei einem Lehrer bin ich auf eine Sammlung aus dem alten Lehrmittel "Kurzweiliges Schuljahr" gestossen. Damals in der Schule mussten wir solche Gedichte lernen, manche auswendig. Eine Qual.

Heute lösen sie in mir Gefühle der Vertrautheit aus. Etwa: "Schneeflöckchen, Weissröckchen". Oder Hoffmann von Fallerslebens "Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm". Auch von ihm: "Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle!". Natürlich Matthias Claudius: "Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land". Oder: "Winter ade! Scheiden tut weh...". Dann "Maikäfer, flieg! Dein Vater ist im Krieg..." von Johannes Trojan. Sehr bekannt, auch in Dialekt: "Regen – Regentröpfchen, es regnet auf mein Köpfchen, es regnet in das grüne Gras, da werden meine Füsschen nass." 

Bisher nicht gekannt habe ich das Gedicht "Kartoffelernte" von Adolf Holst. Nicht dass ich selbst noch diese Form der Ernte miterlebt hätte. Aber in und mit den Worten des Gedichts bin ich doch dabei, rieche die Erde, die gebratenen Kartoffeln am Feuer. Und die Stare, die auffliegen, sehe ich auch heute noch über den abgeernteten Feldern. Ja, sie fliegen immer noch, wenn auch nicht mehr alle in den Süden.

"Nach Süden ziehn nun Storch und Star. / Wir ziehen auch als Wanderschar / mit Hacke, Korb und Spaten. 
Verschlossen liegen Hof und Haus. / Heut graben wir Kartoffeln aus, / und die sind gut geraten.
Die Furchen lang mit hack und hack, / erst in den Korb, dann in den Sack. / Das Schütteln nicht vergessen!
Das ganze Feld in einem Zug; / der Winter dauert lang genug, / dann haben wir zu essen.
Und mit dem dürren Kraute dann, / da zünden wir ein Feuer an, / Kartoffeln drin zu rösten.
Die Schale schwarz, das andre weiss, / gleich aus der Asche glühend heiss, / so schmecken sie am besten!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde