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Sonntag, 8. September 2024

Eine Volkslied-Predigt

Ein Zitat

Sich seiner bewusst wird man in der Anschauung Christi. Ikone im Eingangsbereich der Griechisch-orthodoxen Kirche in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"I weiss nid, wär i bi, / i weiss nid, was i cha; / weiss nume s'zieht mi zue der hi, / i cha nid vo der lah." (Ich weiss nicht wer ich bin, ich weiss nicht was ich kann, weiss nur es zieht mich zu dir hin, ich kann nicht von dir lassen.) 2. Strophe des Riggisberglieds

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 26,15

"Da fragte ich: 'Wer bist du, Herr?' Der Herr antwortete: 'Ich bin Jesus, den du verfolgst."

Eine Anregung

Das Riggisberglied kann man als Dialog zwischen Mensch und Gott verstehen, auch wenn es natürlich in erster Linie ein traditionelles Liebeslied ist. Verfasst wurden die ersten beiden Strophen vom einflussreichen Kinderanalytiker und Lehrer Hans Zulliger (1893-1965); die beiden folgenden Strophen sind von Liselotte Truog aus Riggisberg.

Dieses Volkslied bildet die Grundlage zur heutigen Predigt in der Methodistenkirche St. Gallen. Ebenfalls Teil dieses Nachdenkens ist der Bericht über die Gottesbegegnung des Apostels Paulus. Gott fragt, und der Mensch wird sich bewusst wer er ist, nämlich ein von Gott geliebtes Geschöpf. In der Bezogenheit aufeinander entstehen Identität. Der Mensch wird sich der Liebe bewusst.

Einfacher und schöner als im Riggisberglied ist das nur noch an wenigen anderen Stellen beschrieben. Mehr zum Lied erfährt man im Volksliederarchiv. Da kann man sich auch alle bekannten Strophen anhören. Den Text der Predigt gibt es in Kürze auf der Webseite der Kirche.

Noch besser ist es, dabei zu sein im Gottesdienst um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen. Alle sind herzlich willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 23. Januar 2023

Schräge Vögel

Ein Zitat

Ein Gänsesäger-Weibchen posiert für ein spezielles Portrait.
Foto © Jörg Niederer
"Der Teufel ist ein Pflanzenfresser, er hat Hufe und Hörner." Georges Léopold Chrétien Frédéric Dagobert, Baron de Cuvier (1769-1832)

Ein Bibelvers - 1. Mose 27,21+22

"Da sagte Isaak zu Jakob: 'Komm doch näher, mein Sohn, damit ich dich betasten kann. Bist du mein Sohn Esau oder nicht?' Jakob trat an seinen Vater Isaak heran. Der betastete ihn und sagte: 'Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände.'"

Eine Anregung

Ist sie nicht eine ganz besondere Dame? Das Gänsesäger-Weibchen zeigt sich von der schönen Seite. Man beachte die frisch geputzte Schwingen, den strubbeligen Kopf und die feinen Sägezähne, die dem Vogel zu seinem deutschsprachigen Namen verholfen haben. Bei uns sind die Gänsesäger die grössten Entenvögel. Es gibt etwa 600-800 Brutpaare, und doch ist dieser schöne Fischjäger und Tauchvogel potentiell gefährdet.

Ein anderer schräger Vogel ist mir gestern begegnet. Es begann damit, dass ich in der Morgendämmerung beim Bahnhof St.Gallen einen Storch klappern hörte. Verwundert schaute ich hoch in die Richtung, aus welcher das Geräusch kam. Da war aber weit und breit kein Adebar zu sehen. Später dann klapperte der Storch wieder, diesmal direkt vor meinem Bürofenster. Draussen sass lediglich eine Rabenkrähe zuoberst auf der Eiche und schaute zu mir herunter. Dann öffnete sie den Schnabel und krächzte nicht etwa, sondern klapperte, wie es die Störche tun. Das intelligente Tier (Rabenkrähen verwenden Werkzeuge) ahmte das Begrüssungsritual der Störche perfekt nach: Selbst das Anschwellen und Abschwellen des Klapperns war deutlich zu hören. Ich war fasziniert.

Ob die Rabenkrähe einfach Spass daran hat, andere Vogellaute nachzumachen? Ob sie sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann? Haben wir es mit einem Fan des Storchs zu tun?

Auch Menschen geben sich immer einmal wieder für etwas anderes aus, als sie sind. Oder sie eifern äusserlich und in der Sprache ihren Idolen nach. Da frage ich mich, ob ich nicht auch ab und zu jemand anderes sein möchte, unzufrieden bin mit mir selbst? Oder bin ich gar ein schräger Vogel, und sollte alles tun, um genau das zu bleiben: ein schräger Vogel?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde