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Dienstag, 5. August 2025

Geistlich mündig werden

Ein Zitat

Eine flügge junge Rauchschwalbe lässt sich weiter von ihren Eltern füttern.
Foto © Jörg Niederer
"Das Einzige deiner Kinder, das nie erwachsen wird, ist dein Ehemann." Demi Moore (*1962)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 13,11

"Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind. Ich urteilte wie ein Kind und dachte wie ein Kind. Als ich ein Mann geworden war, legte ich alles Kindliche ab."

Eine Anregung

Übergangszeiten sind schwierig. Das ist auch bei den Vögeln so. Aktuell kann man viele flügge junge Vögel beobachten, die immer noch ihre Eltern um Futter anbetteln. In Stein am Rhein sehen wir Turmfalken, welche von ihren Jungen um die Kirche herum in wildem Flug verfolgt werden, weil sie ihnen das Futter abluchsen wollen. In der Allmend Frauenfeld ist es ein junger Kuckuck, der längst das Nest verlassen hat und gut fliegen kann, und doch immer noch auf das Futter seiner oft fünfmal kleineren Zieheltern wartet. In den Städten sind es die jungen Spatzen, welche ihren Eltern nachhüpfen und sie um Futter anbetteln. Selbst wenn die Körner neben ihnen auf dem Boden liegen, nehmen sie diese nicht selbst auf, sondern wollen damit gefüttert werden. Auch die Rauchschwalben kennen dieses Problem, dass ihre Halbwüchsigen sich von ihnen weiter verwöhnen lassen wollen (Siehe Foto!).

Wenn wir ehrlich sind, dann kennen wir dieses Verhalten auch von uns selbst. Wem kommt da nicht das berühmte "Hotel Mamma" in den Sinn?

Gibt es aber auch in Glaubensfragen etwas Vergleichbares? Wollen wir uns da auch einfach verköstigen, möglichst vorverdaut und mundgerecht? Wollen wir von der Berufstheologin zurechtgemachte Predigten, die nicht zu sehr auf den geistlichen Magen schlagen? Ab wann sind wir in der Lage, mündige Christ:innen zu sein? Ab wann können und wollen wir, wie einst in einem Werbespot der Reformierten behauptet wurde, "selber denken"?

Es geht um ein mündiges Christsein. Es geht um das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Es geht darum, den Weg von der Kinderbibel zur Erwachsenenbibel zu finden, vom Kinderglauben zum Glauben von Mündigen.

Wie gut ist mir das bisher gelungen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 20. April 2025

Mit Christus leben

Ein Zitat

Die drei Frauen begegnen am Grab von Jesus einem Engel. Glasfenster in der Kirche St. Otmar in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Ach, frag du mich nach der Auferstehung. / Frag, was ich dazu denke, fühle oder auch nicht fühle. / Halte aus, dass ich womöglich nur stammeln kann, / denn das Ganze ist ja viel zu groß und überhaupt nicht zu begreifen." Christiane Quincke

Ein Bibelvers - Markus 16,1

"Als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle. Sie wollten die Totensalbung vornehmen."

Eine Anregung

An Ostern feiert die Christenheit die Auferstehung Jesu von den Toten. Es brauchte Zeit, bis die Nachricht, das Christus auferstanden sei, von den Christ:innen geglaubt wurde. Denn die Botschaft von der Auferstehung führte anfänglich bei den Christusnachfolgenden zu zwiespältigen Gefühlen. 

Auch heute ist es für viele Menschen nicht recht klar, wie sie die Aussagen von der Auferstehung Jesu einordnen sollen. Darum gehe ich in meiner heutigen Predigt auf die Suche nach Antworten, die selbst mit zweifelnden Glauben möglich sind.

Wer dabei sein will, kann gerne hinzustossen: Der Gottesdienst findet um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche St. Gallen statt. Diese befindet sich an der Kapellenstrasse 6. Da wir ein offenes Abendmahl feiern, sind alle ohne Ausnahme auch dazu herzlich eingeladen. Zum Kirchenkaffee natürlich auch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 5. April 2025

Versöhnung

Ein Zitat

Jugendliche drücken ihre Solidarität über Grenzen hinaus aus an der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung von 1997 in Graz.
Foto © Jörg Niederer
"Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es." Frère Roger (1915-2005)

Ein Bibelvers - 2. Korinther 5,19

"Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt."

Eine Anregung

Mit der bevorstehenden Pensionierung miste ich auch meine Bücherschränke aus. Dabei kam ich gestern zu den Unterlagen der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung (2EÖV), die 1997 im österreichischen Graz stattfand. Ich durfte im Auftrag der Methodistenkirche daran teilnehmen. "Versöhnung" war das Thema. Nebst den intensiven Gesprächen und Begegnungen denke ich gerne an das abschliessende Fest zurück. Es war eine bunte, fröhliche, tiefgreifende Sache. Besonders viele Menschen aus Rumänien fanden sich dazu ein, nachdem die Visapflicht für dieses einstige Ostblockland weggefallen war.

Wenn ich aus Distanz heute zurückschaue, frage ich mich, wie viel von dieser Aufbruchstimmung und der Hoffnung auf Versöhnung geblieben ist. Die Zeit heile alle Wunden, sagt man. Doch ist es nicht auch so, dass die Zeit so manche Zuversicht zunichte machen kann. Überall sehen wir, wie Grenzen wieder aufgerichtet werden. Strafzölle sind das Thema in den Medien. Invasionsgelüste der Grossmächte bedrohen Freund und Feind. Menschen sterben an Kriegsfronten, darunter viele Zivilist:innen. Missbrauch ist das grosse Thema in den Kirchen. Zugleich verlieren die Religionsgemeinschaften in der westlichen Welt immer mehr an Einfluss.

Was ist von der Versöhnung geblieben? So habe ich mir den Neuanfang und die weitere Entwicklung nicht vorgestellt.

Ich glaube, es ist heute nötiger denn je, dass die Menschen des Glaubens zusammenzustehen, um das Wort von der Versöhnung mitten in der Welt zu leben, gegen alle Trends und Entwicklungen. Lassen wir die theologischen Differenzen beiseite. Das braucht niemand in diesen Tagen, in denen wir zur Hoffnung der Welt beitragen müssen, und dies mit aller Kraft und Ausdauer.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 19. März 2025

Atheistisch glauben

Ein Zitat

Das Kommunistische Parteihaus in Warschau war Sitz des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, wurde dann zur Börse und gehört heute einer Bank.
Foto © Jörg Niederer
"Als ich den Leuten in Nordirland erzählte, dass ich Atheist sei, stand eine Frau im Publikum auf und fragte: 'Nun gut, aber ist es der katholische oder der protestantische Gott, an den Sie nicht glauben?'" Quentin Crisp (1908-1999)

Ein Bibelvers - Prediger 7,13+14

"Gib acht auf das, was Gott tut: 'Wer kann geradebiegen, was er gekrümmt hat?' Am Glückstag sei guter Dinge, am Unglückstag aber denke daran: Den einen wie den anderen hat Gott gemacht. Deshalb verhalte dich entsprechend. Denn kein Mensch kann herausfinden, was die Zukunft bringt."

Eine Anregung

Gleich dreimal bin ich in der letzten Zeit auf Menschen gestossen, welche den Christ:innen hohe Sympathie entgegenbringen, und sich zugleich als Atheisten oder Nichtglaubende verstehen. 

Beginnen wir mit dem erst kürzlich verstorbenen Peter Bichsel: Von Andres Eberhard lese ich in einem Beitrag von ref.ch über Peter Bichsels Verhältnis zu Gott: "'Ich muss ein religiöser Mensch sein, das habe ich zu akzeptieren, damit habe ich zu leben', schrieb Bichsel als eine Art Fazit. Sein ambivalentes Verhältnis zum Glauben brachte er in späteren Jahren mit unterschiedlichen Worten zum Ausdruck. Einmal sagte er: 'Ich glaube an Gott, aber ich weiss, dass es ihn nicht gibt.' Bei anderer Gelegenheit erklärte er: 'Ich glaube nicht an Gott, aber ich brauche ihn.' In einem seiner letzten Interviews formulierte er es so: 'Ich liebe Gott, aber er liebt mich nicht, weil es ihn nicht gibt.'"
Weiter ist da auch das oft wiederholte Zitat von Peter Bichsel über die Kirche, die ihren Gründer nicht los werden kann. Noch einmal Peter Bichsel, von Andres Eberhard zitiert: "'Der Kirche wird es nicht gelingen, ihren Gründer über Bord zu werfen.' Anders als etwa politische Parteien, die sich kurzerhand neu erfinden können, sei die Kirche auf immer und ewig an Christus gebunden. 'Das macht sie spannend und interessant.'"

Dann wäre da Wolf Biermann. In seinem Buch "Mensch Gott!" schreibt er in seiner gewohnt direkten und herben Sprache in einer Art Vorwort mit der Überschrift "All meine Gläubigkeit": "Und genauso ermutigte der Glaube an Gott auch eine tapfere Schar echter Christen in der DDR zur Insubordination. Solch echte Protestanten und Katholiken wurden von der Partei bevorzugt … verfolgt. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Christenmensch in der DDR zum Menschenschweinehund mutiert, war kleiner als im Westen. Ich erlebte, daß wirklich treue Hirten und echt fromme Schafe – was Wunder! –, daß diese gläubigen Menschen meine natürlichen Verbündeten waren im Kampf gegen den Stalinismus. An welchen Gott, egal welcher Konfession ein Menschenkind glaubt, das soll mich nicht von ihm trennen. Und wenn ich so einen Frommen treffe, der das Markenzeichen seiner Firma demonstrativ vor sich herträgt, dann argwöhne ich skeptisches Lästermaul automatisch: Hoffentlich glaubt dieser Mensch wirklich an seinen auserwählten Gott! Ich jedenfalls, das gebrannte Kind Karl-Wolf Biermann, kann weder an Gott noch an Götter glauben." 

Zuletzt las ich in einem Sonntagszeitung-Interview mit dem Starphilosophen Slavoj Zizek. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Christlicher Atheismus." Hier ein Auszug aus dem Interview: "Wir sollten uns auch auf den subversiven Kern des Christentums besinnen... Ich meine damit nicht diese Vorstellung von Gott als einem guten alten Mann oder einer höheren Macht, die einen glücklichen Ausgang garantiert. Nein diese Idee stirbt am Kreuz. ... die Botschaft des Christentums lautet: Gott kehrt als Heiliger Geist zurück. der Heilige Geist ist eine egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, die völlig frei und für ihr eigenes Handeln verantwortlich sind. Deshalb mag ich ja auch Ihren Typen, also Calvin... Er war ein bisschen totalitär. aber er hat immer auf ein Misstrauen gegenüber den Mächtigen bestanden – und darauf, eine Regierung zu stürzen. Ich denke, ein authentisches Christentum als eine Gemeinschaft der Gleichberechtigten braucht einen neuen Calvin."

Darüber werde ich nun noch etwas weiter nachdenken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 10. März 2025

Eine Tür, drei Angebote

Ein Zitat

Eingangsbereich der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen, neu mit der Anschrift des Gebetshauses.
Foto © Jörg Niederer
"Als überkonfessionelle Initiative treten wir nicht in Konkurrenz zu den Kirchen und Gemeinden." Aussage auf der Webseite des Gebetshauses

Ein Bibelvers - Psalm 42,9

"Am Tag schenkt der Herr mir seine Güte und in der Nacht dank ich ihm mit einem Lied – mit einem Gebet zum Gott meines Lebens!"

Eine Anregung

Ab heute finden die Angebote des Gebetshauses St. Gallen in den Räumen der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 statt. Nach etlichen Gesprächen haben sich die Methodist:innen von St. Gallen entschlossen, ihre Räume in einem Mietverhältnis dem Gebetshaus zur Verfügung zu stellen. 

Das Gebetshaus ist keine Kirche oder Gemeinde, aber will den Kirchen und Gemeinden dienen. Überkonfessionell trifft man sich, um für die Nöte der Welt und für die Stadt St. Gallen zu beten und um den dreieinige Gott Tag und Nach anzurufen. Geleitet wird das Gebetshaus St. Gallen durch Andreas Recher und ein Team. Das Büro des Gebetshauses befindet sich nun auch in der Methodistenkirche.

Das heisst nicht, dass es die Methodistenkirche in St. Gallen nicht mehr gibt. Deren Anlässe finden parallel zu den Angeboten des Gebetshauses St. Gallen statt.

Hinzu kommt noch eine evangelische Gemeinde von Ukrainerinnen und Ukrainer, welche jeweils am Sonntagnachmittag und am Mittwochabend ihre Gottesdienste und Versammlungen im Haus an der Kapellenstrasse abhalten.

So führt nun eine Tür zu drei christlichen Angebote. Drei Organisationen teilen sich in die Räume. Es wird interessant sein, zu beobachten, was sich an Synergie daraus ergeben wird. Vorerst heisst es, sich an die unterschiedlichen Lebens- und Glaubensvollzüge zu gewöhnen. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingen wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 26. Januar 2025

(M)Ein Glaubensbekenntnis

Ein Zitat

Orgel in der Kirche St. Laurenzen in  St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich glaube, dass Gott in Jesus Christus sein letztes, schönstes, tiefstes Wort in diese Welt gesprochen hat. Ich glaube, dass Jesus Christus das Ja zu allem ist, was Gott verheissen hat. Und dass ich in dieser Spur nicht fehl gehe." Beat Grögli, Dompfarrer St. Gallen

Ein Bibelvers - Römer 10,10

"Denn aus dem Herzen kommt der Glaube, der gerecht macht. Und aus dem Mund kommt das Bekenntnis, das zur Rettung führt."

Eine Anregung

Das OrgelWort in St. Laurenzen und der Kathedrale in St. Gallen ist vorbei. Für alle, die an diesem eindrücklichen Anlass zum Nicaenischen Glaubensbekenntnis nicht dabei sein konnten, und auch nicht die von den vier beteiligten Pfarrpersonen formulierten eigenen Bekenntnissen gehört haben, gibt es hier ein Muster.

In meinem Glaubensbekenntnis geht es vor allem um einen spielerischen Umgang mit der Aussage: "Ich glaube". "Ich glaube, in einigen Stunden wird es Regnen"; so gesagt ist "glauben" eine unsichere Sache, drückt Wahrscheinlichkeit aus, aber nicht mehr. Dagegen will die Aussage: "Ich glaube an Gott" Gewissheit über die Existenz und das Wirken Gottes ausdrücken.

Doch wie wird der Glaube an Gott verstanden und gehört? Hat Gottglauben in der heutigen Zeit noch sein Gewicht, oder ist damit Unsicherheit verbunden?

Hier also eines meiner Glaubensbekenntnisse, so wie ich es beim OrgelWort-Anlass vorgetragen habe: 


Ich glaube an den einen Gott, der alles geschaffen hat,
und ich glaube noch so einiges mehr: 

  • Ich glaube, dass friedlich Schlafen ein Menschenrecht ist.
  • Ich glaube, dass der Mensch von Grund auf gut ist; wenigsten prinzipiell.
  • Ich glaube, dass die Sonne weder im Osten noch an einem anderen Ort auf- oder untergeht.
  • Ich glaube, dass das Leben kein Ponyhof ist, was mir recht ist, da ich nicht reiten kann.
  • Ich glaube, dass da immer irgendwo eine Krähe sitzt.
  • Und ja, auch an Agrarwüsten und die Vergänglichkeit des Matterhorns glaube ich. 

Ich glaube an den einen Jesus Christus, der für uns Menschen gekommen ist,
und ich glaube noch so einiges mehr: 

  • Ich glaube an das Funktionieren des Kanalisationssystems und an die Müllbeseitigung.
  • Ich glaube, dass Glatteis auf dem Gehweg der Gesundheit schadet.
  • Ich glaube, dass auf einen Kilometer Heimweg 500 weggeworfene Zigarettenstummel kommen.
  • Ich glaube, dass der 'Kater' nach durchzechter Nacht tausendfüssig daherkommt.
  • Und ja, auch an den menschbewirkten Supergau und die kommende Herrschaft der Kakerlaken glaube ich.

Ich glaube an die Heilige Geistkraft, die lebendig macht,
und ich glaube noch so einiges mehr:

  • Ich glaube an unnützes Wissen.
  • Ich glaube an die Vorherrschaft der Banalität.
  • Ich glaube, dass Pellkartoffeln überbewertet sind.
  • Ich glaube an Sixpacks im Getränkeregal.
  • Ich glaube, dass weder ärgern noch nicht ärgern etwas bring.
  • Ich glaube, dass es immer irgendwie weitergeht, bis es hier auf dieser Erde nicht mehr weitergeht. 

Und ich glaube, dass all das sein muss, um Gott als den zu erfahren, der mit mir und nicht über mich lacht.
Ja, ich glaube an Gott, welche mich leise, schrill, laut und bunt lehrt zu sein, wie ich nun einmal bin. Ich glaube viel, aber einer Sache bin ich mir ganz gewiss: Gott liebt die Welt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 22. Januar 2025

OrgelWort

Ein Zitat

Beim Brunnen sprudelt das eiskalte Wasser, während sich Trauernde auf dem Friedhof Huttwil versammeln.
Foto © Jörg Niederer
"Die Mutigen wissen / Dass sie nicht auferstehen / Dass kein Fleisch um sie wächst / Am jüngsten Morgen / Dass sie nichts mehr erinnern / Niemandem wiederbegegnen / Dass nichts ihrer wartet / Keine Seligkeit / Keine Folter / Ich / Bin nicht mutig." Marie Luise Kaschnitz (1901-1974)

Ein Bibelvers - Römer 10,9+10

"Wenn du also mit deinem Mund bekennst: 'Jesus ist der Herr!' Und wenn du aus ganzem Herzen glaubst: 'Gott hat ihn von den Toten auferweckt!' Dann wirst du gerettet werden. Denn aus dem Herzen kommt der Glaube, der gerecht macht. Und aus dem Mund kommt das Bekenntnis, das zur Rettung führt."

Eine Anregung

Über den Friedhof Huttwil verteilt finden sich Texte über Sterben und Tod, über Abschied, Hoffnung und Vergänglichkeit. Sie werden begleitet von Kunstwerken regionaler Kunstschaffender. So auch das oben abgedruckte eindrückliche Gedicht von Marie Luise Kaschnitz. In den kommenden Tagen werde ich einige Impressionen und Texte vom Friedhof Huttwil hier wiedergeben. Doch heute geht es mir auch besonders um den Hinweis auf das "Ökumenische OrgelWort" von morgen Donnerstag. Es beschäftigt sich mit dem Glaubensbekenntnis. Der eigene Glauben hat ja auch viel zu tun, wie ich durchs Leben und besonders durch die letzte Zeit meines Seins auf dieser Erde gehe.

Das "Ökumenische OrgelWort" nimmt das Glaubensbekenntnis von Nicäa auf. Vor 1700 Jahren entstanden wird es noch heute in vielen christlichen Kirchen gesprochen. Es beginnend mit den Worten: "Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen." 

Ist die Sprache dieses Bekenntnisses noch zeitgemäss? Ist der Inhalt noch stimmig? Was davon glaube ich und wie würde ich es in Worte fassen? Dieser Herausforderung stellen sich Dompfarrer Beat Grögli, Laurenzenpfarrerin Kathrin Bolt, Jörg Niederer, Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche sowie Peter Grüter, Pfarrer der christkatholischen Kirchgemeinde.

Im sogenannten "Ökumenischen OrgelWort", einer zweiteiligen musikalisch-literarischen Feier, werden die vier Pfarrpersonen je ihr persönliches Glaubensbekenntnis vorlesen. Dazu musizieren die beiden versierten Hausorganisten; Bernhard Ruchti in der Laurenzenkirche und Christoph Schönfelder in der Kathedrale. Das "Ökumenische OrgelWort" ist ein Beitrag zur Gebetswoche zur Einheit der Christen 2025. 

Es findet statt in St. Gallen am Donnerstag 23. Januar, 18.00 Uhr in der Kirche St. Laurenzen und anschliessend in der Kathedrale. Im Anschluss sind alle zu Maroni und Punsch eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 7. Januar 2025

Die drei Könige und der Gekreuzigte

Ein Zitat

Die drei Königen aus der Weihnachtskrippe vor dem Gekreuzigten in der Wallfahrtskapelle Klingenzell.
Foto © Jörg Niederer
"Die Kreuzigung Jesu Christi ist der zwingendste Beweis dafür, dass Gottes Liebe allen Zeiten gleich nah und gleich fern ist." Dietrich Bonhoeffer (1906-1946)

Ein Bibelvers - Matthäus 2,1+2

"Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren. Zu dieser Zeit war Herodes König. Da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem. Sie fragten: 'Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten.'"

Eine Anregung

Nachdem der gestrige Dreikönigstag im Zeichen des Hirtenbriefs der Bischöfinnen und Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche stand, komme ich halt heute erst auf die drei Könige zu sprechen.

Da gibt es ja die Erzählung von einem vierten König, der - von den andern drei abgehängt - erst Jahre später nach Jerusalem fand, just an dem Tag, als Jesus gekreuzigt worden war. 

Nun kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass die anderen drei Könige nicht nur dem neugeborenen Heiland begegnet sind, sondern ganz offensichtlich auch dem Gekreuzigten. Das wird uns, wie man auf dem Foto sehen kann, in der Wallfahrtskapelle Klingenzell vor Augen geführt. Was hätte die drei auch daran hindern sollen, Jahre nach Christi Geburt in Jerusalem nachschauen zu gehen, was aus dem Baby von Bethlehem geworden war.

Es wäre interessant, zu sehen, wie sie auf die Kreuzigung von Jesus reagiert hätten. Einfach ist es, die Hoffnung nicht zu verlieren beim Anblick eines neugeborenen Kindes. Viel schwieriger ist es, angesichts des Gekreuzigten die Hoffnung zu behalten. Genau das aber wird uns Christ:innen zugemutet.

Nun, angesichts der vielen aktuell in Spitzenpositionen gewählten Rassisten, Lügnern, und Kriegsgurgeln schein mir der Glaube an einen hingerichteten Heiland gar nicht sonderlich dumm und abwegig.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Glaubenskrise

Ein Zitat

Bronze aus dem Kreuzweg-Zyklus in der Chiesa di San Carlo Borromeo in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Damals habe ich begonnen, durch die Bibel wie durch eine Landschaft zu stolpern. Wo ich nicht durchkam, kam ich nicht durch. Manchmal rannte ich dagegen an oder ging beleidigt weg. Wo es schön war, hielt ich mich lange auf, wo es fremd war, hockte ich und wartete." Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht, Reinbek b. Hamburg 2024, 6. Auflage, S. 209

Ein Bibelvers - Hiob 38,12+13

"Hast du jemals in deinem Leben dafür gesorgt, dass ein neuer Tag anbricht? Hast du der Morgenröte ihren Platz gezeigt, dass sie an den Rändern der Erde aufleuchtet und die Frevler von ihr vertreibt?"

Eine Anregung

Irgendwo in der Mitte wollte ich nicht mehr weiterlesen, habe es dann aber doch getan. Zum Glück. Was Esther Maria Magnis schreibt in ihrem Buch "Gott braucht dich nicht", ist berührend und fordernd. Vordergründig geht es um die Krebserkrankung und den Tod des Vaters. Für die jugendliche Esther führt das in eine Glaubenskrise gigantischen Ausmasses; so wie es in der Bibel von Hiob erzählt wird. Absolut ehrlich setzt sich die junge Frau mit sich selbst auseinander, eine Achterbahnfahrt des Glaubens. Totale Desillusionierung, Abstürze in die Teilnahmslosigkeit, in die Selbstaufgabe. Dann wieder schiesst sie wie ein Korken, der in tiefen Wassern losgelassen wird, hoch über alles hinaus. Einige Zeit spricht sie nicht mit Gott, weil dies Gott klein mache. Irgendwann findet sie sich wieder, kann Gott glauben auf eine existenzielle Art, die keine Plattitüden zulässt.

Im Buch stehen dann Sätze wie: "Vielleicht hielt Gott damals die Luft an. Vielleicht hatte er seine Brust tief eingezogen und mir davor einen neuen Platz eingeräumt, an dem ich mich frei bewegen konnte - frei von ihm, sofern man das als Mensch überhaupt kann."

Oder: "Die Erde mit dem Menschen - aufgeblüht wie ein Kaktus, der nur einmal blüht - fällt in sich zusammen - niemand wird darum wissen."

Oder: "Und erlebe zum ersten Mal die Verzweiflung, dass man sich selbst nicht löschen kann. Dass man sich als Träger seines Lebens aushalten muss."

Oder: "Und dieses Schweigen werde ich nie vergessen. Heute denke ich manchmal, dass in seinem [Gottes] Schweigen eine Macht liegt... die wir uns gar nicht vorstellen können." 

Oder: "Und wenn du schreist: 'Es gibt keine Wahrheit', dann beweis mir die Wahrheit an dem Satz, und wenn du es nicht kannst, dann geh zurück in die Gräber und zersetz die Leiber, die wirklich tot sind, aber nicht meinen Geist..."

Oder: "Jede Religion, die Blut an den Händen hatte und das nicht verdrängte, schien mir vertrauenswürdig. Denn mich interessierte keine blanke Idee, ich wollte die Wirklichkeit - mit Gott." 

Oder: "Dieses Buch hier, das ich schreibe, ist voll von Müll und halbfertigen Gedanken - und das, obwohl ich es wage, von Gott zu erzählen." 

Der Glaube nach dem Glaubensverlust ist tiefer und absolut fordernd. Das erlebt sie noch einmal, ganz zum Schluss des Buches. Kurz zuvor schreibt sie: "Gott ist schrecklich. Gott brüllt. Gott schweigt. Gott scheint abwesend. Und Gott liebt in einer Radikalität, vor der man sich fürchten kann." 

Das ist kein Wohlfühlbuch. Zuweilen ist es auf eine gute Art vulgär. Das ist ein Bekehrungsbuch für Glaubende. 

Zitate aus: Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht, Reinbek b. Hamburg 2024, 6. Auflage

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 17. Juli 2024

Vielfalt statt Einfalt

Ein Zitat

Gartenhummel auf weissem Duftlavendel.
Foto © Jörg Niederer
"Jeder Verlust an Biodiversität ist oder wird zu einem Verlust an Lebensqualität." Aus meinem Statement zur Biodiversitätsinitiative

Ein Bibelvers - Psalm 24,1+2

"Dem Herrn gehört die Erde mit allem, was sie erfüllt. Ihm gehört das Festland mit seinen Bewohnern. Denn über dem Meer hat er die Erde verankert, über den Fluten der Urzeit macht er sie fest."

Eine Anregung

Es ist kein Geheimnis, dass ich mich für die Biodiversität in der Schweiz stark mache. Die Vielfalt an Pflanzen und Tieren ist aus meinem theologischen Verständnis heraus gottgewollt. Darum reden Christinnen und Christen ja immer auch von der Schöpfung, von dem, was Gott geschaffen hat.

Natürlich ist der Glaube an den Schöpfer keine alternative Sichtweise zu den Erkenntnissen der Biologie und Wissenschaft. Was ich mit Schöpfung ausdrücke, ist eine theologische Ergänzung zur empirischen Wissenschaft. Ich glaube, dass die unglaublich komplexe Natur nicht der menschlichen Verfügbarkeit überlassen werden darf, sondern letztlich Gott gehört. Ja wir selbst sind ein Teil der Natur, ein Teil der Schöpfung. Wenn nun durch Gottes Willen oder auch durch einen evolutionären Prozess so unglaublich viele Lebewesen entstanden sind und miteinander agieren, kann es nicht gut sein, wenn davon immer mehr unwiederbringlich verschwinden. Genau das geschieht aber in der Schweiz in viel stärkerem Ausmass als im übrigen Europa: "Ein Drittel der einheimischen Arten und die Hälfte der Lebensräume sind in der Schweiz vom Aussterben bedroht, stehen also auf der Roten Liste." So steht es in einem Beitrag von BirdLife. Statt dass wir aber etwa dagegen tun, befördern wir diesen Prozess. Da wird lieber über die Regulierung von Grossraubtieren diskutiert, statt bestehende Schutzgebiete sorgfältig zu pflegen, oder wie international beschlossen, auszubauen.

Die Schweiz gehört vor Bosnien Herzegowina und der Türkei zu den Schlusslichtern bei der Ausweisung von Naturschutzgebieten. In der Folge ist auch der Biodiversitätsverlust in der Schweiz einer der höchsten in Europa. Das hat nichts damit zu tun, dass wir in der dichtbesiedelten Schweiz dafür keinen Platz hätten. Luxemburg ist noch dichter bevölkert, und hat über 50% seiner Fläche unter Schutz gestellt, die Schweiz gerade einmal 10%.

Was bisher in der Schweiz fehlt, ist der politische Wille, etwas zu tun. Mit anderen Worten: In der Schweiz betreiben wir Raubbau an Gottes Schöpfung. Die Biodiversitätsinitiative ist daher ein Anliegen, das ich aus christlicher Sicht mittragen will und kann. Mit ihr können Weichen in eine vielfältigere, natürlichere und gesündere Zukunft der Schweiz gestellt werden. Auf dass das Loblied von allem Erschaffenem bei uns nicht verstummt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 31. März 2024

Auferstehungshoffnung

Ein Zitat

Grabtafel mit Darstellung der Auferstehung Christi im Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen." Peter Kuzmic

Ein Bibelvers - Johannes 20,19

"Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: 'Friede sei mit euch!'"

Eine Anregung

Es sei eine typisch protestantische Grabdarstellung. Die Auferstehung Christi, oft kombiniert mit dem Verstorbenen, der einem Zeugen gleich das Geschehen betrachtet. So habe ich es erfahren bei einer Führung im Vorbeigehen beim Stephansdom in Wien.

Den folgenden Osterwitz - dadurch soll österliches Lachen gefördert werden - habe ich im "Unterwegs", der Zeitschrift der Methodisten in Deutschland gefunden: 

"Friedrich der Große, der Preußenkönig – wir erinnern uns: Jeder soll nach seiner Façon selig werden – bekommt eine Akte vorgelegt. In ihr geht es um die Amtsenthebung eines Pfarrers, der er zustimmen soll. Dem Pfarrer wird Freigeisterei vorgeworfen. Er habe in seiner Osterpredigt öffentlich geäußert, dass er aus Vernunftgründen nicht an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag glauben könne. Der König soll die Eingabe mit folgenden Worten abgewiesen haben: 'Dit is janz und jar seine Sache, wenn er nich auferstehen will, denn soll er doch meinetwejen am Jüngstn Tach liejen bleibm.'"

Ostern feiern wir heute Sonntag in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 mit einem Brunch um 09.30 Uhr und einem Familiengottesdienst um 10.30 Uhr. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 7. Februar 2024

Weisheit und Frömmigkeit

Ein Zitat

Mose lässt aus einem Stein Wasser fliessen. Statue vor der Bibliothek des in Washington D.C. beheimateten Wesley Theological Seminary.
Foto © Jörg Niederer
"Vereint das so lange getrennte Paar, Wissen und lebendige Frömmigkeit - Lernen und christliches Leben zusammen." Charles Wesley im Lied "A Prayer for Children" (Ein Gebet für Kinder, 5. Strophe)

Ein Bibelvers - 4. Mose 20,11

"Dann hob Mose seine Hand. Er schlug zwei Mal mit seinem Stab gegen den Felsen. Sofort floss so viel Wasser heraus, dass die Gemeinde und ihr Vieh davon trinken konnten."

Eine Anregung

So wie auf dem Foto stelle ich mir Gandalf der Graue vor, dieser Zauberer aus dem Werk "Herr der Ringe". Nur wenn diese Plastik Gandalf wäre, dann würde sie dafür total am falschen Ort stehen. Sie befindet sich nämlich vor der Bibliothek des Wesley Theological Seminary in Washington D.C..

Nein, es ist nicht Gandalf, der mit einem Stab einen Stein traktiert. Es ist die Darstellung von Mose, wie er in Kadesh aus einem Felsen Wasser fliessen lässt. Vor der Bibliothek einer Theologischen Ausbildungsstätte darf die Erkenntnis schon fliessen und den Durst nach Gotteserkenntnis stillen.

Nicht allein eine Statue von Mose steht an dieser Stelle. Auch John Wesley auf Pferd reitend findet sich auf dem Campus nahe bei der Universitätskirche. Methodisten haben seit den Anfängen in die Bildung der Menschen investiert. Auch die grosse American University in Washington D.C. wurde durch methodistische Christen gegründet. Stolz verweist die Webseite dieser Universität auf deren Herkunft und Gründung im Jahr 1893 durch Bischof John Fletcher Hurst. Weiter steht da: 

"Der Methodismus hat eine lange Tradition im Streben nach offener und ehrlicher intellektueller Forschung. Die frühen Methodisten wurden ermutigt, sich so gut wie möglich zu bilden. Charles Wesley, der Bruder von John Wesley, er ist der Begründer des Methodismus, schrieb in einem Kirchenlied: 'Vereint das so lange getrennte Paar, Wissen und lebendige Frömmigkeit - Lernen und christliches Leben zusammen'. Spirituelles Wachstum und intellektuelle Strenge wurden nicht als Widerspruch, sondern als notwendig angesehen. Infolgedessen haben Methodistinnen und Methodisten allein in den USA über 110 Schulen und Universitäten gegründet, die dieses Engagement für das Lernen widerspiegeln."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. Januar 2024

Das Fundament im Leben

Ein Zitat

Beim Bundeshaus in Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Ich würde jetzt heute sagen, diese befreiende Dimension habe ich viel stärker in der Methodistenkirche erlebt..." Eric Nussbaumer, Nationalratspräsident

Ein Bibelvers - Galater 5,13

"Brüder und Schwestern, ihr seid zur Freiheit berufen! Aber benutzt eure Freiheit nicht als einen Vorwand, um eurer menschlichen Natur zu folgen. Dient euch vielmehr gegenseitig in Liebe."

Eine Anregung

Das Bundeshaus ist seit gut 16 Jahren Wirkort von Eric Nussbaumer. In den Perspektiven von Radio SRF 2 Kultur hat nun der aktuelle Nationalratspräsident sich auch zu seinem Glauben und seiner Zugehörigkeit zur Methodistenkirche geäussert. Dabei wird deutlich, wie stark geprägt der SP-Mann von einer christlichen Grundhaltung her politisiert. Pointiert äussert er sich: "Kirche muss uns helfen, das Leben gemeinsam zu meistern. Sonst hat sie keine Berechtigung." Über den Glauben selbst meint er: "Der christliche Glaube hat eine persönliche Dimension. Er hat aber immer auch eine zwischenmenschliche, gesellschaftliche Dimension. Und das versuche ich auch heute noch immer so zu praktizieren."

Auch interessant ist, wie wohlwollend der Sender im Zusammenhang mit dem Interview den Methodismus beschreibt.

Mir hat dieses Gespräch mit Eric Nussbaumer Mut gemacht. Mut, politisch aus dem Glauben heraus die Gesellschaft und die Schweiz mitzugestalten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 7. Dezember 2023

Himmel über Zürich

Ein Zitat

Regisseur Thomas Thümena äussert sich zu seinem Film "Himmel über Zürich".
Foto © Jörg Niederer
"Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, in London, wo William Booth die Heilsarmee gründete, war Karl Marx damit beschäftigt, sein Hauptwerk 'Das Kapital' zu schreiben. Beides je verschiedene Versuche, die Not der Menschen zu adressieren." Regisseur Thomas Thümena sinngemäss an der Filmvorschau "Himmel über Zürich" im Kino Kinok in St. Gallen

Ein Bibelvers - Johannes 12,8

Jesus: "Arme wird es immer bei euch geben. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch."

Eine Anregung

Der Titel des Films ist gut gewählt. Das Portrait von Menschen am Rand der Gesellschaft spielt unter dem Himmel von Zürich. Für die Randständigen selbst ist dieser einmal bewölkte, einmal winterliche, dann wieder sonnig blaue Himmel von Zürich nicht selten ihr Dach über dem Kopf. Für die Heilsarmee ist der Himmel in geistlicher Hinsicht die Botschaft, die sie durch ihren sozialen Einsatz aber auch durch Worte vermitteln; ein Ort der Hoffnung. Die Heilsarmee mit ihren rund 3000 Mitgliedern in der Schweiz ist ihrerseits selbst randständig, wäre wohl nicht der Rede oder eines Filmes wert, wenn da nicht diese besondere Zuwendung zu den Ärmsten und Bedürftigen gelebt wird. Das geschieht besonders in Zeiten, in denen bei uns im Westen das Religiöse und die Armut privat versteckt werden. Doch wer sehen will, wird beides sehen.

Regisseur und Drehbuchautor Thomas Thümena wollte nicht mehr wegschauen, und so ist ein berührender Film entstanden über Menschen in der Heilsarmee und, woran man bei der Heilsarmee nie vorbeikommt, über Armutsbetroffene mitten unter uns. Davon handelt der Film. Anhand von einigen Protagonistinnen und Protagonisten wird ein Bild gezeichnet von einerseits gelebter Fürsorge und Nächstenliebe, andererseits von grosser Not. Der Film lebt von den portraitierten Menschen, vom Heilsarmee-Offiziersehepaar Fredi und Mirjam Inniger, von den Armutsbetroffenen Jack, Kheira, Josef und Jürg. Alle haben sie ihre Herkunft, ihr Schicksal, ihre Höhepunkte und Tiefschläge und ihren Glauben. "Himmel über Zürich" ist ein berührender und verstörender Film. Er stört die oberflächlich heile Welt und ist darum auch so wichtig.

Corinne Riedener hat auf www.saiten.ch mehr dazu geschrieben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 13. November 2023

Unausweichlich

Ein Zitat

Trauerstatue in der alten Urnenhalle des Friedhofs Meisenhard in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Das ist unsere Lebensaufgabe, nicht war? Uns auf die Rückkehr zu Gott vorzubereiten." Erika K. R. Stalcup

Ein Bibelvers - Kolosser 2,12

"In der Taufe wurdet ihr mit ihm [Christus] begraben. Mit ihm wurdet ihr auch auferweckt. Denn ihr habt an die Kraft Gottes geglaubt, der Christus von den Toten auferweckt hat."

Eine Anregung

In der aktuellen Theologie für die Praxis (48. Jahrgang 2022), die von der Theologischen Hochschule Reutlingen herausgegeben wird, finden sich auch der Beitrag "Unserer Sterblichkeit ins Auge sehen" meiner Kollegin Erika K. R. Stalcup. Darin geht es um eine gesunde Haltung gegenüber dem Tod in der Liturgie. Hier einige Zitate aus diesem Text, der erstmals im Rahmen des Internationalen Worship Forums der Evangelisch-methodistischen Kirche vom 15. Oktober 2022 als Vortrag gehalten wurde. 

  • "Was ist falsch daran, alt zu sein? Und warum ist der Tod so stigmatisiert?"
  • "Manche befürchten, dass schon die blosse Erwähnung des Todes ihren eigenen Tod herbeiführen wird."
  • "'Haben Sie Angst vor dem Tod?' Ich weiss nicht, ob sie [diese Frage] wirklich als Lackmustest für den christlichen Glauben taugt, aber ich glaube, dass sie eine wesentliche Frage ist, die wir als Teil unserer christlichen Reise verhandeln müssen. Was ist der Sinn des Lebens ohne den Tod?"
  • "Über den Tod zu sprechen ist eines der 'gegenkulturellsten' Dinge, die wir heutzutage tun können."
  • "Was ist falsch daran, vergessen zu werden?"
  • "...im Gespräch mit einem Freund wurde mir plötzlich klar, dass meine Vorstellung vom Himmel aus blondhaarigen, hellhäutigen, Harfe spielenden Engeln bestand. Ich selbst habe weder blondes Haar noch helle Haut. Mein eigenes Bild vom Himmel schloss mich aus, ganz zu schweigen von 98 Prozent der Weltbevölkerung."
  • "Als Lazarus starb, weinte Jesus. Diese Tränen zeugen von einem Gott, der ganz und gar menschlich ist, der die Traurigkeit und den Kummer erlebt hat, die wir alle beim Tod derer empfinden, die wir lieben."
  • "Ich habe einmal ein Gebet gelesen, in dem es in etwa hiess: 'Oh Gott, hilf mir zu lernen, wie ich den Tag beenden kann, sonst weiss ich nicht, wie ich sterben soll.'"
  • "Das ist unsere Lebensaufgabe, nicht war? Uns auf die Rückkehr zu Gott vorzubereiten." 

Montag, 31. Juli 2023

Jesus: 'Kei Luscht!'

Ein Zitat

Werk 'Lassitude' von Floriane Tissières. Mischtechnik.
Foto © Jörg Niederer
"Floriane Tissières leistet in der modernen Kunst Erinnerungsarbeit, indem sie mit ihren Werken eine vergangene Welt heraufbeschwört." Abguss-Sammlung Antiker Plastik der Freien Universität Berlin

Ein Bibelvers - Psalm 121,4+5

"Sieh doch: Der über Israel wacht, der schläft und schlummert nicht. Der Herr wacht über dich. Der Herr ist dein Schutz, er spendet Schatten an deiner Seite."

Eine Anregung

An einem Regentag der vergangenen Woche besuchte ich die Stadt Leuk und dort das Beinhaus (Siehe Blogbeitrag vom 25. Juli 2023) und andere Besonderheiten. Natürlich verschlug es mich auch ins Schloss Leuk, ein genial von Mario Botta restauriertes, altes Gemäuer. In der dort gerade laufenden Ausstellung hat mich ein kleines Werk von der Künstlerin Floriane Tissières angesprochen. Die Frau mischt Altes und Neues auf überraschende Weise. 2002 waren ihre Werke Teil einer Ausstellung zum 1. August der Schweizer Botschaft in Berlin.

Das kleine Werk mit dem Titel "Lassitude" passt ganz gut zum Beitrag von Gestern. Zu sehen ist ein einfaches Kruzifix. Die Künstlerin hat nicht viel daran verändert. sie hat lediglich die Arme des Gekreuzigten vom Leib abgetrennt, mit den schwerkraftbedingt zu erwartenden Folgen. Auf dem Sockel der Installation steht das Wort "Lassitude".

Für dieses eine französische Wort gibt das Übersetzungsprogramm "DeepL" eine Vielzahl an deutschen Entsprechungen wieder. Hier die ganze Liste: Erschöpfung, Ermüdung, Überdruss, Langeweile, Lustlosigkeit, Lassen, Müdigkeit, Mutlosigkeit, Lebensmüdigkeit, Mattigkeit, Abstumpfung, Gelassenheit, Lebensüberdruss, Müssiggang, Abgespanntheit, Lassitude, Erschöpftheit, Abgestumpftheit, Abgeschlagenheit, Lebensmüde, Müssigkeit, Abgedroschenheit, Abgedrosselt.

Jedes dieser Worte könnte nun zu einer kleinen Predigt führen. Gestern schrieb ich, dass mit der Kreuzigung Jesu weitere Opfer ein Affront gegen Gottes Willen sind. Angesichts der in den letzten 2000 Jahren unglaublich hohen Zahl sinnlos geopferter Menschen, Naturräume, Tiere und Pflanzen, könnte ich verstehen, dass der Gekreuzigte seinen Halt verliert, dass sich "Erschöpfung", "Ermüdung" und "Überdruss" bei ihm einstellen. Haben wir wirklich verstanden, wenn wir wieder einmal vor einem Wegkreuz, oder in einer Kirche vor einem Kruzifix stehen? "Kei Luscht!", meinte einst ein Bundesrat. Mich würde nicht überraschen, wenn der Gekreuzigte in zunehmender Weise unter "Lustlosigkeit" leiden würde. (Was für ein skurriler Satz und Gedanke: "Kei Luscht" aufs Weiterleiden am Kreuz, für eine Menschheit, die das Leiden nicht beenden will.)

Dieses Werk von Floriane Tissières kann aber auch als Gleichnis für den Niedergang des Christentums in der westlichen Welt stehen. Unsere Gesellschaft ist "abgestumpft", kann die "abgedroschenen" Floskeln nicht mehr hören. Der eigentlich Sinn des Glaubens ist für viele nicht mehr ersichtlich. In ihren Augen hat der Heiland der Kirche den Halt am Kreuz verloren. Mehr und mehr Menschen setzen in der Steuererklärung bei der Frage nach der Konfession ihr Kreuz (!) neben "keine" oder "andere". Das ist die Realität. Dagegen möchte ich glauben, dass Gott sich weiter für uns Menschen interessiert, dass er unser nicht überdrüssig geworden ist, dass er die Lust nicht verloren hat, uns nahe zu bleiben, gerade auch im Leiden. Ich möchte glauben, dass er noch nicht "abgestumpft" vom Unsinn und Unfrieden sich einfach hängen lässt und sich lebensmüde aus unserem Alltag davonschleicht. Ich möchte glauben... und so übe ich den Glauben weiterhin.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 23. Juni 2023

Der christliche Glaube ist ein Eichhörnchen

Ein Zitat

Ein dunkel gefärbtes Eurasisches Eichhörnchen beim KUSPO an der Lenk.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern diejenige, die am besten auf Veränderungen reagiert." Charles Darwin (1809-1882)

Ein Bibelvers - Kolosser 4,6

"Eure Rede sei stets freundlich und mit einer Prise Salz gewürzt. Denn ihr müsst wissen, wie ihr jedem eine angemessene Antwort geben könnt."

Eine Anregung

Schon am ersten Tag an der Lenk viel mir ein Eichhörnchen auf, das direkt vor dem Kurs- und Sportzentrum mit wenig Scheu seiner Arbeit nachging. Da die Tagung der Jährlichen Konferenz (Synode) der Evangelisch-methodistischen Kirche Schweiz-Frankreich-Nordafrika mehrere Tage dauerte, gelangen mir in einer Kaffeepause auch recht gute Aufnahmen des flinken Kletterkünstlers.

Bei den Eurasischen Eichhörnchen gibt es verschiedene Farbvarianten; dunkel gefärbte und rötlich gefärbte. Gelegentlich wird nun fälschlicherweise behauptet, die dunklen Eichhörnchen seien aus Nordamerika eingeschleppt worden und verdrängten die rötlich gefärbten, einheimischen. So stimmt das nicht. Aus den USA gelangten Grauhörnchen nach Europa und haben sich in Grossbritannien und Italien invasiv ausgebreitet. Dort verdrängen sie das Eurasische Eichhörnchen durch ihre robustere Art und eine Krankheit, welche die einheimischen Eichhörnchen befällt und tötet. 

Die Farbvarianten der bei uns heimischen Eurasischen Eichhörnchen sind Anpassungen an den Lebensraum. In den höheren Lagen der Schweiz haben die dunklen Schläge eine grössere Überlebenschance als die roten. Letztere sind für Habicht, Mäusebussard und Marder leichter zu entdecken. Sie werden in Fichtenwäldern häufiger von diesen Fressfeinden erwischt. In hellen Laubwäldern dagegen haben rötliche Eichhörnchen aufgrund ihrer Tarnung die grösseren Überlebenschancen.

Vielleicht sind die verschiedenen Ausprägungen - man könnte auch von Farbschlägen sprechen - des christlichen Glaubens auch so etwas wie Eichhörnchen. Nur die Variante überleben, welche sich besser an ihren Kontext anpasst. Gelingt es nicht mehr, den Glauben so zu vermitteln, dass er von der Gesellschaft als relevant und glaubwürdig verstanden wird, dann schwindet das Interesse daran. Das wäre dann wie ein rotes Eichhörnchen, weit sichtbar ausgestellt vor dem dunklen Hintergrund eines Tannenwalds. Exotisch, aber kaum überlebensfähig. 

Der christliche Glaube in bestimmter Ausprägung muss zur Welt passen, in der er gelebt wird. Er muss, wie Eichhörnchen für den Wald, nützlich sein für die menschliche Gesellschaft. Sonst wird er vielleicht noch einige Zeit als Kuriosum bestehen, aber früher oder später von überzeugenderen Glaubensvollzügen verdrängt werden.

Wie macht sich die Methodistenkirche in der Schweiz in dieser Hinsicht? Stefan Schnegg erinnerte daran, dass keine Frei- oder Landeskirche in den letzten 50 Jahren so viele Mitglieder verloren hat wie die Methodistenkirche. Sie ist in dieser Zeit auf 20% der einstigen Grösse geschrumpft. Da stellt sich die Frage: Sind wir noch bei den Sorgen und Erwartungen der Menschen. Oder sind wir schon wie ein "Rotes Eichhörnchen" im dunklen Tannenwald.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 14. Mai 2023

Geheimnis des Glaubens

Ein Zitat

Einblick durch die spaltweit offen stehende Tür in den Berneggstollen in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Geheimnis des Glaubens ist, dass Gott nicht fern und weltenthoben in seinem Himmel ist, sondern dass er einer von uns Menschen geworden ist – von Geburt bis Tod, mit allen Konsequenzen." Römisch-katholischer Bischof Franz-Josef Bode (*1951)

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 3,9

"Sie [die Diakone] sollen mit reinem Gewissen das Geheimnis des Glaubens bewahren."

Eine Anregung

Die Tür stand offen, Licht brannte in den langen Gängen des Berneggstollens, auch "Herrmann" genannt. Der einst im 2. Weltkrieg in St. Gallen als Zivilschutzzentrale ausgebaute schon vorhandene Tunnel war vorübergehend ein kultureller Ort. Heute ist er meist unzugänglich. Ein Eingang findet sich in der Mülenenschlucht, ein anderer ist erreichbar von der Berneggstrasse über die Stollentreppe. 

Geheimnisvolle St. Galler Unterwelt. Es ist nicht die einzige Katakombe. Da gibt es an der Rosenbergstrasse auf der Höhe der Einfahrt Unterer Graben eine zugedeckte Bahnlinie, die von 1856-1912 genutzt wurde. Das Bahnrelikt ist 134,5 Meter lang. Rohre der Fernwärme führen hindurch.

Zurück in die Gegenwart: Heute Sonntag sind Menschen in meist schöneren, ja manchmal prunkvolleren Räumen auf der Suche nach dem Mysterium fidei, dem "Geheimnis des Glaubens". Mögen die Türen dazu weit offen stehen.

Und dann dürfen heute die Mütter ja auch auf noch geheimnisvolle Überraschungen hoffen. Ich wünsche einen frohen Muttertag!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. Mai 2023

Geistliches aus der Toilette

Ein Zitat

Historisches Pissoir in der Wesley-Chapel in London.
Foto © Jörg Niederer
Mein Onkel rauchte jeweils Pfeife auf dem Klo. Ich meine, dann darf man doch auf der Toilette auch Beten oder geistliche Bücher lesen.

Ein Bibelvers - 1. Samuel 2,8

"Den Geringen zieht er [Gott] aus dem Staub, den Armen holt er aus dem Kot."

Eine Anregung

Kann ein Toilettenraum Anregung sein fürs Glaubensleben? Oder wird daraus eine etwas gar plumpe Sache?

Im Rahmen eines theologischen Rundgangs durch die Räume einer Wohnung kommen wir im heutigen Gottesdienst in der Methodistenkirche St. Gallen zu diesem Bereich, den die meisten nur im verschlossenen Zustand benutzen.

Was sagen uns Begriffe wie Notdurft und Stuhlgang über das Leben und den Glauben? Wer mehr erfahren will, kann um 10.15 Uhr an die Kapellenstrasse 6 kommen, oder ab 10.30 Uhr die Predigt von Pfarrer Jörg Niederer auf YouTube miterleben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 25. Februar 2023

Abschied voll Hoffnung

Ein Zitat

Die Trauergemeinde auf dem Weg von Peter Freis Urnengrab zur Kirche Oberkirch in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Gott ist langsam zum Zorn, wenn ich in die Irre gehe. Lobe den Herrn, meine Seele." Aus dem Lied "Bless the Lord o my soul"

Ein Bibelvers - Psalm 103,2

"Liebe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!"

Eine Anregung

Es ist noch kein Jahr her, als Peter Frei seine Fotografien in der Methodistenkirche St. Gallen ausstellte und zusammen mit Tochter Sabina Stoller-Frei musikalisch zum Gottesdienst beitrug. Gestern nun war seine Beisetzungsfeier auf dem Friedhof Oberkirch in Frauenfeld. 

Gut 180 Menschen fanden sich ums Grab und in der Kirche ein. Auch ich sass da, hörte zu, war berührt von all den Beiträgen musikalischer und gesprochener Art. Der Lebenslauf ist dabei jeweils ein Höhepunkt. Vorgetragen von Tochter Stephanie und Sohn Pascal wurde ein bewegtes und bewegendes Leben sichtbar. Darin tauchte bei einer für die christliche Sozialisation entscheidenden Situation unvermittelt ein mir sehr bekannter Name auf. Dort in der Kirche erfuhr ich, wie mein Praktikantenvater Robi Frischknecht , Missionar in Südamerika und Methodistenpfarrer, grundlegend dazu beigetragen hatte, dass Peter Frei das Vertrauen in Gott fassen konnte. Das war umso bemerkenswerter, als einige böse Stimmen meinten, Robi Frischknecht würde lieber Häuser bauen als die Gemeinde leiten und errichten.

Was war geschehen: Im Lebenslauf erzählt Peter Frei selbst. Ich übertrage das in Dialekt Geschriebene ins Hochdeutsche. "Damals kannte ich Ruth schon und begleitete sie immer einmal wieder in den Gottesdienst. In einer Predigt erwähnte Robi Frischknecht, er wolle die Fassade am Pfarrhaus machen (...) ob wohl jemand Freude daran hätte, ihm zu helfen. Weil gerade Ferien waren, sind wir ihm zur Hand gegangen. Stundenlang haben wir dabei diskutiert, und er hat mir alles [den Glauben] erklärt, auf so klare und so einfache Weise. In dieser Zeit – das hat wohl so drei bis vier Tage gedauert – kam ich zur Überzeugung, dass das stimmt [mit der Liebe von Gott]."

Wer sagt denn, dass nicht beides zusammen möglich ist: Häuser errichten und Menschen dabei begleiten auf dem Weg zu einem lebenslang tragenden Vertrauen in Christus?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde