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Dienstag, 14. November 2023

Kein Vortritt in die Kirche

Ein Zitat

Strassenszene an der Wassergasse vor der Methodistenkirche St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt zwei Arten von Fussgängern - die schnellen und die toten." Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - 4. Mose 20,14

"Bitte erlaube uns, durch dein Land zu ziehen! Wir werden deine Felder und Weinberge nicht betreten und kein Wasser aus einer deiner Quellen trinken. Wir bleiben auf der königlichen Strasse und verlassen sie nicht, weder nach rechts noch nach links. Wir bleiben auf ihr, bis wir dein Land durchquert haben."

Eine Anregung

Wer die Methodistenkirche in St. Gallen durch den unteren Ausgang an der Wassergasse verlässt, wird wohl gleich die Strasse auf einer flächig farbmarkierten Stelle hinüber zum Trottoire überqueren. Noch nicht lange her befand sich hier ein Fussgängerstreifen. Warum wurde dieser ersetzt durch diese Farbfläche auf der Strasse, und was bedeutet das für die Strassenverkehrsteilnehmenden?

Gelbe oder weisse Fussgängerstreifen bedeuten immer, dass Fussgängerinnen und Fussgänger vortritt haben. Bei den Farbmarkierungen ist das aber nicht mehr so. Diese zeigen lediglich an, wo jemand die Strasse überqueren soll. Die auf dem Foto eingefangene Szene, wo sich eine Frau mit Rollator noch auf der farbig markierten Strasse befindet, während ein Gewerbeauto bereits an ihr vorbeirauscht, zeugt zwar von wenig Rücksicht, ist aber kein Vergehen des Autofahrers. Das wäre es gewesen bei einem Fussgängerstreifen.

Farbmarkierungen wollen einfach die Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmenden erhöhen, da wo sich Fussgänger und Autofahrer kreuzen. Mit anderen Worten: Man hat also uns, die wir zu Fuss in die Kirche gehen, an dieser Stelle vor der Kirche den Vortritt genommen.

Wer Genaueres wissen möchte, wird bei diesem Espresso-Beitrag von Radio SRF gut informiert.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 22. September 2023

Strassen nach Kinderart

Ein Zitat

Auf einer Quartierstrasse haben Kinder vor ihrem Haus mit Kreide einen Zebrastreifen und viele Tiere auf dem Asphalt gezeichnet.
Foto © Jörg Niederer
"Unser Ziel muss es sein, die Erwachsenen von den Strassen weg zu bekommen, damit die Kinder sich darauf unbefangen und frei entfalten können." (Das Originalzitat der Stadt Winterthur lautet dagegen so: "Unser Ziel ist es, die jungen Verkehrsteilnehmenden zu befähigen, sich sicher und verkehrsgerecht im Strassenverkehr zu bewegen.")

Ein Bibelvers - Matthäus 19,14

"Aber Jesus sagte: 'Lasst doch die Kinder! Hindert sie nicht daran, zu mir zu kommen. Denn für Menschen wie sie ist das Himmelreich da.'"

Eine Anregung

"Der Weg kommt, indem wir gehen", so heisst ein Satz aus der Feder von Kurt Marti. Genau so ist es. Wege entstehen durch Gewohnheit. Das sehe ich jeden Tag auf dem Weg zum Bahnhof. Da geht eine Treppe zu einer Fuss- und Fahrradbrücke hoch. Oben kann ich aber nicht direkt einbiegen, sondern muss erst fünf Meter an einer Rabatte entlang schreiten, bevor ich mit einer 180°-Wendung endlich in die richtige Richtung weitergehen darf. Diesen Umweg machen nicht alle mit. So zeichnet sich immer deutlicher ein Trampelpfad über die Rabatte ab. Zu Fuss geht man schliesslich effizient und kräftesparend. Es soll Liegenschaften geben, bei denen die Wege über das Grundstück erst erstellt werden, wenn sich die Trampelpfade abzeichnen, und so einsichtig wird, wo Wege auch Sinn machen.

Was aber wäre, wenn wir den Kinder die Verkehrs- und Mobilitätsplanung überlassen würden? Ich gehe, aufgrund der Erfahrung mit den eigenen drei Söhnen davon aus, dass es auch dann noch Autobahnen geben würde. Jedoch denke ich, dass der Strassenverlauf stärker von kindlichen Eigeninteressen und spontanen Einfällen geprägt wäre. So wie auf dem Foto, wo die Kinder vor ihrem Haus einen Zebrastreifen auf die Strasse gemalt haben. Weiter sehe ich Tiere auf dem Gehsteig und die Namen der Künstlerinnen und Künstler. Auf einer Seite des Zebrastreifens steht gross "Achtung". Bestimmt gäbe es dann vor jedem Haus, in dem Kinder wohnen, Raum, um auf der Strasse zu spielen. Die anderen Verkehrsteilnehmenden müssten sich folglich anpassen, sich hinter den Kinderdreirad-Artistinnen und -Artisten einordnen, und vor dem improvisierten Strassen-Fussballfeld warten, bis Halbzeit ist.

Also ich möchte einmal sehen, was geschieht, wenn Kinder den Verkehr planen. Vielleicht könnten wir Erwachsenen ja noch etwas von ihnen lernen. Warum nicht einmal einen Stadtteil in die Hände der Kinder geben. Was da entstehen könnte, wäre möglicherweise wegweisend für die Zukunft der Menschheit.

Nach Jesu Worten gehört den Kindern, wenn nicht die Erde, dann aber sicher das Himmelreich. Also macht euch gefasst darauf: Im Himmel werden Kinder laut und bestimmend mitreden bei der Gestaltung der himmlischen Verkehrswege.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 27. Juni 2022

Wunder geschehen auf dem Weg des Lebens

Ein Zitat

Vom Leben gezeichnete Hain-Bänderschnecke mit schwarzem Körper
Foto © Jörg Niederer
"Du hast keine Chance – aber nutze sie!" Herbert Achternbusch (1938-2022)

Ein Bibelvers - Jona 2,11

"Da befahl der Herr dem Fisch, Jona an Land zu bringen. Dort spuckte der Fisch ihn aus."

Ein Anregung

Wenn Schnecken kriechen, hinterlassen sie eine gut sichtbare Spur. Mit anderen Worten: Sie stehen zum Weg, den sie zurücklegen. 

Wie verläuft deine Lebensspur? Kannst du dazu stehen? Oder versuchst du sie zu vertuschen? Ist es eine Lebensspur, durch die Menschen Einblick in die Ewigkeit erhalten?

Eine Schnecke kriecht über eine viel befahrenen Strassen. Sie kriecht und kriecht und kriecht. Autos brausen über sie hinweg. Sie wird nicht wahrgenommen von den Menschen in den Wagen. Die Schnecke hat keine Chance. Doch dann, nach Stunden voller Gefahr, erreicht sie unbeschadet das andere Strassenbord.

Gottes Wunder geschehen alltäglich, während wir unsere Spuren ziehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 31. Mai 2022

Als es auf Schweizer Strassen noch lebensgefährlich war

Ein Zitat

Das Schloss Eppishausen beim thurgauischen Erlen
Foto © Jörg Niederer

"Es geht auch keine Woche hin, dass man nicht von Unglücksfällen hörte, und Du magst fragen, wen Du willst, jeder ist schon vielmals umgeworfen und hat auch mitunter Schaden genommen, wäre es auch nur ein zerschlagener Kopf oder geschundenes Bein, aber die Leute meinen, das gehöre so dazu."
Annette von Droste-Hülshoff über den Strassenverkehr in der Schweiz um 1836

Ein Bibelvers - Epheser 5,33

"Es gilt aber auch für euch: Jeder Einzelne von euch soll seine Frau in der gleichen Weise lieben wie sich selbst. Aber die Frau soll ihren Mann achten."

Ein Anregung

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) war die wohl bedeutendste deutschsprachige Dichterin ihrer Zeit. In ein westfälisches Adelsgeschlecht hineingeboren stand sie unter den üblichen Zwängen der damaligen Zeit, die Frauen wenig Entfaltungsmöglichkeiten boten. Mit 19 Jahren schrieb sie in einem Gedicht: "Fesseln will man uns am eigenen Herde, unsere Sehnsucht nennt man Wahn und Traum". 

Noch bevor Sie mit der Novelle "Die Judenbuche" 1842 den Durchbruch schaffte, verbrachte sie 1835-1836 einige Monate in der Schweiz; im Schloss Eppishausen bei ihrer Schwester Jenny und deren Mann Joseph von Laßberg. Doch da sie kaum Zugang hatte zu den zeitgenössischen Dichter und Denker, war es ihr bald langweilig. Die Ostschweiz blieb ihr fremd. An Karl von Haxthausen schrieb sie am 8. August 1836: 

"Aber vorerst hast Du kaum einen Begriff von der Öde eines hiesigen Winters, wenigstens wie wir ihn erlebt haben – fast sechs Monate lang Schnee, schon im Oktober lag er einigemal so tief, dass man nicht wusste, wie man die Weinlese bewerkstelligen solle. Von der Mitte November an blieb er liegen, ohne einen Tag Tauwetter bis hoch im März, und noch fast durch den ganzen April war es den einen Tag grün und den andern weiß. Das schlimmste aber war ein Nebel, aus dem man Brei hätte kochen können, der gar nicht fortging, und ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich das unmittelbar vor uns liegende Dorf mehrere Monate lang nur gehört, aber nicht gesehn habe, den ganzen Tag klingelten Schlitten und bellten Hunde, die nebenher liefen, und Mama sagte ein ums andere Mal 'Lappland!'... 

Wir, nämlich Mama und ich, mit noch vier anderen, haben vor vierzehn Tagen eine kleine Bergreise gemacht, in die Appenzeller Alpen, wo wir fleißig Milch getrunken, Alpenrosen gepflückt und mitten im August an Schneefeldern gestanden haben. Das Merkwürdigste aber ist, dass wir binnen vier Tagen drei verschiedene Kutscher gehabt haben, wovon uns der erste umwarf, der zweite ein noch ungebrauchtes und der dritte ein kolleriges Pferd vorspannte, sodass wir dreimal in die größte Lebensgefahr geraten sind. Es gibt überhaupt nichts Elenderes als einen Schweizer Kutscher, grenzenlos ungeschickt, furchtsam wie alte Weiber und doch aus Habsucht das Unvernünftigste unternehmend..." 

In dieser Zeit entstand aber auch ein wunderschönes Gedicht vom Säntis. All das und noch mehr über diese bemerkenswerte Frau weiss ich nur, weil ich auf einer Wanderung vorbei am Schloss Eppishausen durch eine Inschrift auf die Dichterin neugierig gemacht wurde. Ich finde, es hat sich gelohnt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Die Strasse zur Karosseriewerkstätte

Ein Zitat

Strassenschild zur Rue de la Carrosserie in Crans-près-Celigny
Foto © Jörg Niederer
"Auf einer geteerten Straße kann man den richtigen Weg nicht finden." Bob Marley

Ein Bibelvers - Matthäus 7,13+14

Jesus: "Geht durch das enge Tor! Denn das Tor zum Verderben ist weit, und der Weg dorthin ist breit. Diesen Weg wählen viele Menschen. Aber wie eng ist das Tor zum Leben, und wie schmal ist der Weg dorthin! Diesen Weg finden nur wenige Menschen."

Ein Anregung

Keine Frage: Nach Mühlen sind viele Gassen, Strassen und Wege benannt. Und selbst arbeite ich an einem Kapellenweg und einer Kapellenstrasse. Da es auch Metzgergassen und Schmiedewege gibt, und ein Pier auch einmal nach dem Fischer benannt sein kann, spricht nichts dagegen, auch eine Strasse nach einer Karosseriewerkstätte zu benennen. Im abgebildeten Fall ist es die Carrosserie Bussy in Crans-près-Celigny. Der Gewerbebetrieb hat vielen Mühlen- und Kapellenstrassen eines voraus: Die Karosseriewerkstätte gibt es noch. An vielen Mühlen- und Kapellenstrassen dagegen sind die Mühlen und Kapellen schon längst verschwunden. Genauso wie auf Lindenplätzen oft gar keine Linden mehr stehen.

Wie ist das mit der Strasse, an der du wohnst: Stimmt deren Namen noch mit der Realität überein?

Und wie steht es mit deinem Leben? Stimmt es noch mit deinen Werten überein?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde