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Samstag, 2. November 2024

Reformationseiferer

Ein Zitat

Die Reformatoren Guillaume Farel, Johannes Calvin, Théodore de Bèze und John Knox, dargestellt am Reformationsdenkmal in Genf.
Foto © Jörg Niederer
"Zwingli tut nichts gegen die nun einsetzenden Verfolgungen der Täufer und lässt es sogar zu, dass sein ehemaliger Freund Balthasar Hubmaier eingekerkert und 1528 als Ketzer verbrannt wird." Joachim Hildebrandt

Ein Bibelvers - Epheser 2,8

"Denn aus Gnade seid ihr gerettet – durch den Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk."

Eine Anregung

Der November beginnt immer mit dem Reformationssonntag. Besonders in evangelischen Kirchen wird dieser Tag begangen. Seit einigen Jahren frage ich mich, ob das wirklich ein feiernswerter Tag ist. Wenn ich mir so die Folgen der Reformation vergegenwärtige, dann wird mir bewusst, dass es kaum einen Reformator gibt, der nicht in irgendeiner Weise Blut vergossen hat. Während der Reformation kam es zu Kriegen, politischen Ränkespielen, religiös begründeten Vertreibungen, Zerstörungen von religiöser Kunst, Hinrichtungen von Andersdenkenden, Gesetzlichkeit und Rechthaberei. Selbst im evangelischen Lager zerstritt man sich untereinander und bekämpfte sich aufgrund spitzfindiger theologischer Differenzen.

Zugleich ermöglichte die Reformation aber auch, dass die Menschen erstmals selbst die Bibel lesen und auslegen konnten. Auch entstanden in deren Folge moderne Demokratien, Skeptizismus, Kapitalismus, Individualismus, die Bürgerrechte und damit auch die Religionsfreiheit, die es vor 250 Jahren ermöglichte, dass die methodistische Bewegung auch ausserhalb der Vereinigten Staaten und angelsächsischen Gebieten dauerhaft Fuss fassen konnte. Ohne die Reformation gäbe es keine methodistische Kirche in der Schweiz und andernorts. 

Also doch ein Glücksfall, dass es die Reformation gab? 

Die Reformation als friedliche Bewegung wäre mir lieber gewesen. Doch das war sie nun einmal nicht. So gesehen ist der Reformationssonntag für mich ein Dank- und Trauertag. Beides. So wie auch die ganze Geschichte der Christenheit beides kennt: Die Freude über die Geburt von Jesus Christus genauso wie die Klage über die Kreuzigung des Gottessohns.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 19. Oktober 2021

Ein Türkenfreund verteidigt die Reformation in Ungarn

Ein Zitat

Der reformierte Fürst István Bocskai ist Teil des Reformationsdenkmals in Genf
Foto © Jörg Niederer
"Die Unabhängigkeit unseres Glaubens, unsere Gewissensfreiheit und unsere alten Gesetze sind für uns wertvoller als Gold." István Bocskai 1606 in Košice

Ein Bibelvers - 1. Samuel 22,1+2

"David ging von dort weg nach Adullam und brachte sich in einer Höhle in Sicherheit. Als seine Brüder und alle Verwandten davon hörten, kamen sie zu ihm. Auch andere schlossen sich ihm an: Leute, die verfolgt wurden, die Schulden hatten oder die mit ihrem Leben unzufrieden waren. Er wurde ihr Anführer, bei ihm waren etwa 400 Mann."

Ein Anregung

Wiener Konferenzen gab es mehr als eine. Für die Reformation war die von 1606 und ein daran beteiligter siebenbürgischer Fürst wesentlich. Und weil ich in diesen Tagen nach Rumänien reisen sollte, nun aber aus Pandemiegründen nach Ungarn reisen werde, nehme ich diesen Wegbereiter der Reformation in Siebenbürgen und Ungarn, István Bocskai (1557-1606), genauer in Augenschein. An der Reformationswand in Genf steht er ganz rechts in orientalischer Tracht mit dem Krummschwert auf seinem Sockel. 

Bocskai (Ausgesprochen Botschkai) war ein Siebenbürgischer Fürst, aufgewachsen am habsburgischen Hof, von dem er sich später endtäuscht abwandte und sich dem ungarischen Aufstand gegen die Habsburger anschloss. Dieser Aufstand richtete sich gegen den Wiener Zentralismus und die Gegenreformation.

In Siebenbürgen wurde er von den dort ansässigen Ungarn zum Fürsten von Siebenbürgen gewählt. Auch die Siebenbürger Sachsen anerkannten seine Führung. Speziell: Der reformierte Fürst erhielt von Sultan Achmet I. das eroberte Königreich Ungarn als Lehen. 

Dies war an der Wiener Friedenskonferenz dann ein Glück für den Protestantismus in Ungarn. Der "Frieden von Wien vom 23. Juni 1606 war ein Friedensschluss zwischen dem ungarischen Adligen Stephan Bocskai, Fürst von Siebenbürgen, und dem habsburgischen späteren römisch-deutschen Kaiser, dem damaligen Erzherzog Matthias von Österreich. Er beendete den von Bocskai angeführten anti-habsburgischen Aufstand in Oberungarn 1605–1606." 

In diesem Vertrag wurde den calvinistischen und lutherischen Ungarn in Oberungarn und Siebenbürgen die Religionsfreiheit zugestanden. Bocskai wurde als Fürst anerkannt.

Bocskai selbst hatte von diesem Frieden aber nicht mehr viel. Er wurde kein halbes Jahr später vermutlich vergiftet.

Auch das ist eine Sache, die am Reformationsdenkmal augenfällig ist. Der evangelische Glaube wurde auch militärisch durchgesetzt. Und das nicht nur mit sauberen Mitteln. So setzte Bocskai bei seinen Feldzügen auch die Hajducken ein, bandenmäßig organisierte Gesetzlose, Wegelagerer, Plünderer und Freischärler. Auf politischer Ebene nutzte er opportunistisch die Kontakte zu den muslimischen (ungläubigen) Türken, um seine Ziele durchzusetzten.

Beim Reformationsdenkmal in Genf finden sich neben der Statue Bocskais die ersten Zeilen des Wiener Friedensvertrags von 1606. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 18. Oktober 2021

Das Reformationsdenkmal in seiner monumentalen Begrenztheit

Ein Zitat

Das Reformationsdenkmal in Genf
Foto © Jörg Niederer
"Freilich, einen ganz grossen, überwältigenden Eindruck, wie ihn nur das einheitliche, in sich geschlossene Kunstwerk auszuüben vermag, wird man von dieser geschmückten Mauer, die nie als Einheit, sondern nur partiell genossen werden kann, nicht empfangen, und mancher wird die unangenehme Vorstellung von einer Plakatwand oder einer modernen italienischen Kirchhofmauer nicht ganz loswerden." Zitat zum Reformationsdenkmal aus: "Die Schweiz" XII 1908, S. 502

Ein Bibelvers - Kolosser 3,12

"Gott hat euch als seine Heiligen erwählt, denen er seine Liebe schenkt. Darum legt nun das neue Gewand an. Es besteht aus herzlichem Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld."

Ein Anregung

Genf ohne Besuch beim Reformationsdenkmal, das geht nicht. Mich erinnert dieses Monument an die Denkmäler in Washington DC, an Lincoln, Roosevelt und Martin Luther King. Monumental und unüberschaubar. 

Was vor über 100 Jahren den Schreiber eines Beitrags in der Zeitschrift "Die Schweiz" störte, stimmt schon. Es ist ein Denkmal, durch das und entlang dem man schreiten muss. Anders ist es nicht zu überblicken.

Wer der Mauer entlangschreitet, begegnet bedeutenden Persönlichkeiten der Reformation. Sie alle wollten einst Licht ins Dunkel bringen, gemäss dem über dem Denkmal stehenden Wahlspruch Genfs und der Reformation: "Nach der Dunkelheit Licht"

Dafür stehen die Statuen bedeutender Männer der Reformation. Begonnen bei Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688), Wilhelm von Nassau (1533–1584), Gaspard de Coligny (1519–1572), Guillaume Farel (1489-1565), Johannes Calvin (1509-1564), Theodor Beza (1519-1605), John Knox (1514-1572), Roger Williams (1603–1683), Oliver Cromwell (1599–1658), bis und mit Stephan Bocskai (1557–1606). Weitere Namen von Reformatoren sind zu finden. In der Treppe aus Granit vom Mont Blanc entdeckt man Martin Luther (1483-1546) und Huldrych Zwingli (1484-1531) eingraviert. 

Inklusiv ist dieses Denkmal nicht. Alles Männer aus dem Kulturraum Europas. Das änderte sich mit der Ergänzung von weiteren Namen im Jahr 2002 nur unwesentlich: Hinzu kamen die Vorläufer der Reformation Petrus Waldes (gestorben vor 1218), John Wyclif (1330-1384) und Jan Hus (1370-1415).

Der grosse Quantensprung aber ist die Erwähnung der ersten Reformatorin Marie Dentière (ca. 1495–1561). Natürlich habe ich ihren Namen auf einem der Blöcke am Rande des Monuments bei meinem Besuch glatt übersehen.

Übersehen; das jahrhundertelange Los aller Frauen, auch bei den fortschrittlichen Reformatoren. Sie wurden übersehen, von der Bildung ausgeschlossen, trotz Bildung nicht ernst genommen, gesellschaftlich geächtet und als wissenschaftliche Partnerinnen nicht anerkannt. Man lese nur vom Geschick Marie Dentière

In ihrer Zeit verhaftet hat die Reformation noch manches nicht reformiert und Jahrhunderte hinausgeschoben, was dringend nötig gewesen wäre. Der Umgang mit den Täufern, Juden und Hexen war kein Ruhmesblatt. Und so frage ich mich, wo wir heute unsere blinden Flecken haben, wo heute dringender Handlungsbedarf wäre, wir aber der festen Meinung sind, dass das unnötig sei. Denn auch über uns wird man dereinst in manchen Bereichen unseres Handelns und Glaubens zu Recht den Stab brechen.

Mich hat das Reformationsdenkmal bescheiden gemacht. Gerade in seiner Monumentalität zeigt es unverstellt auch die Beschränktheit vergangener Jahrhunderte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde