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Mittwoch, 6. August 2025

Bei den Anarchisten im Wald

Ein Zitat

Biberdamm im Wald bei Hersiwil.
Foto © Jörg Niederer
"Weil er [der Biber] seine Burg gegen Regen und Kälte abdichten will, holt er Schlamm aus dem Boden der Gewässer. Aus diesem Schlamm wachsen manchmal Pflanzen, die in der Region seit Jahrzehnten verschwunden waren. Ihre Samen überdauerten in den Sedimenten und der Biber holt sie hervor." Reportage im St. Galler Tagblatt vom Montag, 4. August 2025

Ein Bibelvers - Sacharja 8,12

"Ja, ich lasse den Frieden aufgehen wie eine Saat: Der Weinstock wird Früchte tragen. Das Land wird wieder Erträge liefern, und der Himmel befeuchtet den Boden mit Tau. Das alles gebe ich dem Rest dieses Volkes."

Eine Anregung

Es war genauso wie in der Reportage "Wie ein Anarchist das Ökosystem flickt" im St. Galler Tagblatt vom vergangenen Montag. Da waren diese toten Baumstämme, die sich aus einem kleinen See gen Himmel recken. Auch der schwarze Vogel, der Schwarzspecht, kam angeflogen und machte sich mit seinem lauten Ruf bemerkbar. Da ist der Burggraben des Bibers mit dem von Wasserlinsen überzogenen kleinen Teich im Wald. 

Wie auch in der Nähe von Marthalen hat der Biber hier die Landschaft radikal umgestaltet. Nach einer Bachsanierung ist er in den kleinen Ort Hersiwil, etwa 6 Kilometer von Gerlafingen entfernt, zurückgekehrt und hat erst mal Befürchtungen und Unsicherheit ausgelöst. Doch dann fand man eine Lösung für Menschen und Tier. Nun ist aus dem Bibergebiet ein Vorzeigeprojekt der Organisation Pro Natura geworden. 

Biber sind Landschaftsgestalter; jedoch nicht immer da, wo dies von uns Menschen erwünscht ist. In der Schweiz werden in den nächsten 70 Jahren 4000 Kilometer Gewässer renaturiert. So sieht es das Gewässerschutzgesetz vor. Jeder Kilometer davon kostet eine Million Franken. Der Biber macht dies beinahe gratis. Zudem leben an Orten mit Bibern sechsmal mehr Tier- und Pflanzenarten.

Etwas irritierend sind die Schilder, die grossräumig um die Biberburg herum im Wald aufgestellt wurden. In roten Warnfarben steht geschrieben: "ACHTUNG! Nutzungsverzicht. Betreten der Wege auf eigene Gefahr. Herabfallende Äste und umstürzende Bäume." Wir haben uns dieser Gefahr ausgesetzt. Es hat sich gelohnt und war wohl nicht gefährlicher als eine Autofahrt auf der Autobahn. Auf jeden Fall war es die schönere und erholsamere Ausgesetztheit dort im Solothurnischen, bei den Bibern von Hersiwil.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 19. August 2021

Die Renaturierung der Kirche

Ein Zitat

Der Stadtbach Giesse in Weinfelden glitzert in der Abendsonne
Foto © Jörg Niederer
"Dass das weiche Wasser in Bewegung, mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst? Das Harte unterliegt." Bertolt Brecht (1898–1956)

Ein Bibelvers - Johannes 7,37+38

"Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, trat Jesus vor die Menschenmenge und rief laut: Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: 'Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.'"

Ein Anregung

Gestern war ich an meinem neu hinzugekommenen Wirkort. Seit diesem Monat arbeite ich im Teilpensum als Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche Weinfelden. Auf dem Weg in die Kapelle kam ich zum Giessen, dem kleinen Stadtbach. In der untergehenden Sonne glitzerte mir das schnurgerade in ein Betonkorsett gefasste Wasser einer Silberschnur gleich entgegen. Eine Lebenslinie aus quirligem Nass, das tapfer den Weg durch die steinerne Rinne eilt. Bis zur Einmündung in die Thur hat es keine Zeit zu verweilen, wird es, abgesehen von ein paar präzis gezirkelten Kurven, nie die gerade Linie verlassen. Dabei fliesst der Giessen nahe an der Methodistenkirche in der Hermannstrasse 10 vorbei. Ein Gleichnis für die Kirche?

Gradlinig, lebendig, ins Korsett gezwängt, gefangen in der Betonwüste, sich nach Freiheit sehnend. Ob der Bach je einmal wieder renaturiert wird? Ob er wieder mäandern darf, neue Wege ausprobieren, wild sein, sanft sein, Lebensraum werden?

Die Evangelisch-methodistische Kirche in Weinfelden. Auch sie ist gradlinig, lebendig, ins Korsett gezwängt, gefangen in Traditionen, sich nach Freiheit sehnend. Die "Renaturierung" der Kirche jedoch ist erwünscht. In den bisher wenigen Begegnungen mit Gemeindegliedern habe ich wache, aufgestellte, hoffnungsvolle und liebe Menschen kennengelernt. Ich wünsche der Gemeinde, dass sie sich ausbreitet, mäandert, neue Wege ausprobiert, wild ist, sanft ist, Lebensraum bleibt und Lebensraum wird für die Menschen der Region.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde