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Sonntag, 25. Mai 2025

Ein Tag- und Nachtfalter

Ein Zitat

Ein Ockergelber Blattspanner, gefunden in der Reussebene bei Unterlunkhofen.
Foto © Jörg Niederer
"Erziehung ist alles. Der Pfirsich war einst eine Bittermandel, und der Blumenkohl ist nichts als ein Kohlkopf mit akademischer Bildung." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - Psalm 66,20

"Gepriesen sei Gott! Er hat mein Gebet nicht abgewiesen und seine Güte nicht von mir genommen."

Eine Anregung

Sonntage erinnern an die Auferstehung. Dafür sind Schmetterlinge oft Symboltiere.

Heute Sonntag grüsse ich mit einem Foto des Ockergelben Blattspanners. Der Nachfalter fliegt auch tagsüber. Sonst gibt es nicht viel Besonderes von ihm zu erzählen. Schön ist er allemal. Grossartig, würde ich sagen, wäre er nicht nur 30 Millimeter gross.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 20. April 2025

Mit Christus leben

Ein Zitat

Die drei Frauen begegnen am Grab von Jesus einem Engel. Glasfenster in der Kirche St. Otmar in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Ach, frag du mich nach der Auferstehung. / Frag, was ich dazu denke, fühle oder auch nicht fühle. / Halte aus, dass ich womöglich nur stammeln kann, / denn das Ganze ist ja viel zu groß und überhaupt nicht zu begreifen." Christiane Quincke

Ein Bibelvers - Markus 16,1

"Als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle. Sie wollten die Totensalbung vornehmen."

Eine Anregung

An Ostern feiert die Christenheit die Auferstehung Jesu von den Toten. Es brauchte Zeit, bis die Nachricht, das Christus auferstanden sei, von den Christ:innen geglaubt wurde. Denn die Botschaft von der Auferstehung führte anfänglich bei den Christusnachfolgenden zu zwiespältigen Gefühlen. 

Auch heute ist es für viele Menschen nicht recht klar, wie sie die Aussagen von der Auferstehung Jesu einordnen sollen. Darum gehe ich in meiner heutigen Predigt auf die Suche nach Antworten, die selbst mit zweifelnden Glauben möglich sind.

Wer dabei sein will, kann gerne hinzustossen: Der Gottesdienst findet um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche St. Gallen statt. Diese befindet sich an der Kapellenstrasse 6. Da wir ein offenes Abendmahl feiern, sind alle ohne Ausnahme auch dazu herzlich eingeladen. Zum Kirchenkaffee natürlich auch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 31. März 2024

Auferstehungshoffnung

Ein Zitat

Grabtafel mit Darstellung der Auferstehung Christi im Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören. Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen." Peter Kuzmic

Ein Bibelvers - Johannes 20,19

"Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: 'Friede sei mit euch!'"

Eine Anregung

Es sei eine typisch protestantische Grabdarstellung. Die Auferstehung Christi, oft kombiniert mit dem Verstorbenen, der einem Zeugen gleich das Geschehen betrachtet. So habe ich es erfahren bei einer Führung im Vorbeigehen beim Stephansdom in Wien.

Den folgenden Osterwitz - dadurch soll österliches Lachen gefördert werden - habe ich im "Unterwegs", der Zeitschrift der Methodisten in Deutschland gefunden: 

"Friedrich der Große, der Preußenkönig – wir erinnern uns: Jeder soll nach seiner Façon selig werden – bekommt eine Akte vorgelegt. In ihr geht es um die Amtsenthebung eines Pfarrers, der er zustimmen soll. Dem Pfarrer wird Freigeisterei vorgeworfen. Er habe in seiner Osterpredigt öffentlich geäußert, dass er aus Vernunftgründen nicht an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag glauben könne. Der König soll die Eingabe mit folgenden Worten abgewiesen haben: 'Dit is janz und jar seine Sache, wenn er nich auferstehen will, denn soll er doch meinetwejen am Jüngstn Tach liejen bleibm.'"

Ostern feiern wir heute Sonntag in der Methodistenkirche St. Gallen an der Kapellenstrasse 6 mit einem Brunch um 09.30 Uhr und einem Familiengottesdienst um 10.30 Uhr. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 19. März 2024

Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt...

Ein Zitat

Der Friedhof von Wien Meidling grenzt unmittelbar an den dortigen Bahnhof.
Foto © Jörg Niederer
"Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin, / Oh, du lieber Augustin, alles ist hin. / Und selbst das reiche Wien, / Hin ist's wie Augustin; / Weint mit mir im gleichen Sinn, / Alles ist hin!" Wiener Volkslied

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 4,16-17

"Der Herr selbst wird vom Himmel herabsteigen – wenn der Befehl ergeht, die Stimme des Erzengels erklingt und die Trompete Gottes ertönt. Dann werden zuerst die Toten auferweckt, die zu Christus gehören. Und danach werden wir, die dann noch am Leben sind, zusammen mit ihnen weggeführt. Wir werden auf Wolken in die Höhe emporgetragen, um dem Herrn zu begegnen. Dann werden wir für immer beim Herrn bleiben."

Eine Anregung

Unten Zugreisende, oben Gräber: Der Bahnhof Wien Meidling grenzt unmittelbar an den dortigen Friedhof. Und wieder zeigt sich in Österreichs Hauptstadt dieser vertraute Umgang der Lebenden mit den Toten. "Wien hat etwas Morbides", hat mir am Abend zuvor ein einheimischer Pfarrkollege gesagt. Hier wird es einmal mehr sichtbar. 

Da ist auch noch das Fahrstuhlsymbol auf Friedhofshöhe. Mir kommt das Lied vom Hazy Osterwalder Sextett in den Sinn: "Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt, wir müssen warten". Zweifellos müssen sie warten, die Verstorbenen. Warten auf den Tag, an dem es - wie wir so sagen - nach oben geht, Gott und dem Himmel entgegen.

Eine Liftsymbol wird so an einem Wiener Bahnhof zu einem modernen Andachtsbild für Ostern, für die Auferstehung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 19. November 2023

Glaubensmittelpunkt

Ein Zitat

Fresken über die Passion und Verherrlichung von Jesus Christus in der Kirche Buch bei Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben steht die St. Sebastianskapelle mitten im Dorf und verleiht der Ortschaft seit je einen besonderen Reiz." Aus Urs Elsner/Hans Peter Mathis: St. Sebastianskapelle in Buch bei Frauenfeld, Bern 1993

Ein Bibelvers - Johannes 11,25+26

"Da sagte Jesus zu ihr: 'Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt'."

Eine Anregung

Das Dorf Buch, südlich des Hüttwilersees in einer sanften Mulde gelegen, ist klein und unscheinbar. Wer von Aussen an die dortige St. Sebastianskapelle tritt, ahnt nichts von den Schätzen, die sich in diesem Gotteshaus befinden. Es sind Wandmalereien, die um 1320 entstanden sind, in der sogenannten Manessezeit, aber erst 1938 wiederentdeckt wurden.

Tritt man durch die Seitentür ein, steht man gegenüber einem wandfüllenden, mehrteiligen Fresko der Passion und Verherrlichung Christi. Zwei Dinge, die mir auffallen. Juden sind auf diesen Gemälden leicht an spitzen, trichterförmigen Hüten zu erkennen. Und dann werden die Misshandlungen von Jesus besonders hässlich und brutal dargestellt.

Kreuz und Auferstehung sind die identitätsstiftenden Merkmale des Christentums. Daran kommt man an keinem Sonntag und in keiner Kirche vorbei. Auch heute nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 7. November 2023

Königskerzenschwarz

Ein Zitat

Ausschnitt eines Fruchtstands der Königskerze, auf einer Buntbrache beim Ort Nussbaumen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Bewusstsein eines erfüllten Lebens und die Erinnerung an viele schöne Stunden sind das grösste Glück auf Erden." Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 15,37+38

"Und was du säst, ist ja nicht die ausgewachsene Pflanze. Du säst nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel vom Weizen oder von irgendeiner anderen Pflanze. Aber Gott gibt ihm die Gestalt, die er vorgesehen hat. Und zwar jeder Samenart ihre eigene."

Eine Anregung

Heute wäre mein Bruder 62 Jahre alt geworden. Doch soweit ist es nicht mehr gekommen. Das Foto dieser Königskerze auf einer Buntbrache beim Dorf Nussbaumen scheint mir da passend zu sein. Die Samenkapseln dichtgedrängt, sind schwarzgebrannt. Einzelne gelbe Blüten trotzen dem Herbst, dem Tod, Farbtupfer ab. Der Schein aber trügt. Fruchtbar sind nicht die späten Blüten an der Pflanze. Fruchtbar sind die düsteren Samenkapseln, die aus den Blüten des Sommers geworden sind. Könnte es also sein, dass gerade die dunklen Momente neues Leben bedeuten, weit über das Tragische und Traurige hinaus?

Gott, vielleicht hätten wir heute seinen Geburtstag gefeiert. Nun aber erinnert der Tag schmerzhaft an die Vergänglichkeit. Vielleicht hätte es Blumen geregnet zum Wiegenfest. Nun aber kann ich nur hoffen, dass da eine Saat aufgehen wird, eine lichte Frucht heranreifen kann, paradox geboren in den dunklen Schicksalszeiten. So will ich warten und vertrauen. Du hast das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Sonntag, 15. Oktober 2023

Das Kreuz in den Bergen

Ein Zitat

Ein einfaches Kreuz steht beim Rizli auf dem Oberalppass mitten in der herbstlich eingefärbten Heide.
Foto © Jörg Niederer
"Aber was begreift man überhaupt. Der Mensch und die Natur kommen nie überein. Wir legen immer unsern Maßstab an sie, und der ist so klein." Hermann Löns (1866-1914), Heidedichter

Ein Bibelvers - Psalm 95,4

"In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge gehören ihm."

Eine Anregung

In der Heidelandschaft des Oberalppasses verschwindet das Kreuz auf dem Rizli beinahe in der leuchtenden Landschaft. Es ist ein Ort, der erwandert werden will. Die Autos bleiben auf dem Übergang zurück, dann geht es wenige hundert Meter weiter und etwa 30 Meter höher zu diesem kleinen Gupf in der verzauberten Herbstlandschaft. Langsam, Schritt für Schritt komme ich dem christlichen Zeichen näher. Das Kreuz ist leer. Es ist zum Hoffnungssignal geworden. Auch wenn der Winter vor der Tür steht, und schon bald das Heidekraut unter meterdicken Schneeschichten verschwindet, kommt der Bergfrühling bestimmt wieder. Auferstehung kann nicht ausbleiben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 9. Juli 2023

Alles ist für etwas gut

Ein Zitat

Die Sommerform des 'Landkärtchen' genannten Schmetterlings auf Pferdedung. Vermutlich ein Männchen.
Foto © Jörg Niederer
"Im Grabe schläft ein neues Morgenrot." Ludwig Tieck (1773 - 1853)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 15,58

"Meine lieben Brüder und Schwestern, haltet am Glauben fest. Seid unerschütterlich. Setzt euch mit aller Kraft für die Sache des Herrn ein! Ihr wisst ja: Was ihr für den Herrn tut, ist nicht vergeblich."

Eine Anregung

Der Schmetterling auf dem Bild wird aufgrund der Flügelunterseite "Landkärtchen" genannt. In Deutschland ist er gerade Insekt des Jahres. Seine Besonderheiten: Es gibt ihn je nach Jahreszeit in drei verschiedenen Farbvarianten, die sich teilweise erheblich unterscheiden, und daher früher für unterschiedliche Arten gehalten wurden. Welche Farbvariante entsteht, hängt mit der Länge der Tage zusammen. In unserem Fall handelt es sich um eine Sommerform. Weiter gehe ich davon aus, dass es ein Männchen ist, denn nur Männchen (!) saugen an Kot und Dung.

Auch interessant: Diese Schmetterlingsart stapelt ihre Eier zu kleinen Türmen.

Saugen an Dung: Es ist ja nichts in der Natur für Nichts. Auch so ein schöner "Rossbolle" macht durchaus Sinn: Als Dünger im Garten und als Nahrung für allerlei Insekten, etwa auch für den Waldmistkäfer, dem ein Dungbad das Höchste der Gefühle ist.

Dass ich für den heutigen Sonntag einen Schmetterling auf dem Foto zeige, und keinen Mistkäfer, hat mit der Symbolik zu tun. Wir feiern an Sonntagen die Auferstehung von Jesus Christus. Der Schmetterling ist seit Alters her eine Metapher für die Verwandlung: Aus dem Tod wird Leben, aus der Verzweiflung wird Hoffnung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 10. April 2023

Höhle und Himmel

Ein Zitat

Bei den Höhlen Holenstein nahe Sitterdorf.
Foto © Jörg Niederer
"Über jedem Abgrund findet sich ein Himmel."

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 1,3

"Nach seinem Leiden zeigte er [Jesus] sich ihnen [den Apostel] immer wieder und bewies ihnen so, dass er lebt. 40 Tage lang erschien er ihnen und sprach zu ihnen über das Reich Gottes."

Eine Anregung

Die Höhlen Holenstein finden sich in einem Nagelfluh-Klettergarten nahe bei Sitterdorf und können für Übernachtungen gemietet werden. Sie wurden einst künstlich angelegt, und dienten beim Stadtbrand 1419 der Bischofzeller Bevölkerung als Zufluchtsort.

Mich erinnern sie auch an Höhlengräber. Da das Grab, darüber der Himmel.

Die christliche Tradition spricht in diesen Tagen vom leeren Grab Jesu. Die 40 Tage von Ostern bis Himmelfahrt könnte man als Zeit bezeichnen, in der sich der Glaube an die Auferstehung von Christus in der ersten Christenheit verdichtete und zur festen Gewissheit wurde.

Langsam wandert mein Blick vom dunklen Höhlen- und Grabesschlund hinauf in den Hoffnungshimmel. Dazwischen eine Felswand, für viele unüberwindlich; andere aber klettern mit Leichtigkeit darüber hinweg. Wieder andere nehmen einen Umweg um die Felsen in Kauf nähern sich dem Himmel langsam und auf sicheren Wegen.

Ich wünsche uns, dass wir alle unseren Weg finden vom Schlund zum Himmel, von Zweifel zur Hoffnung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 9. April 2023

Auf(er)stehen und dienen

Ein Zitat

Osterglocken - Biologische Auferstehungs-Zeigerpflanzen.
Foto © Jörg Niederer
"Mit der Auferstehung erhalten wir Zeit, um die Blick- und Ausrichtung unseres Lebens auf Christus hin zu ändern." Aus der Predigt von Jörg Niederer von Ostern 2023

Ein Bibelvers - Kolosser 3,23+24

"Was immer ihr tut, das tut von Herzen. Tut es für den Herrn und nicht für die Menschen. Und seid euch bewusst, dass ihr dafür vom Herrn das Erbe als Lohn bekommt. Dient Christus, dem Herrn!"

Eine Anregung

Was verändert die Auferstehung im Leben von Christinnen und Christen? Ändert sich da überhaupt etwas? Verunmöglicht die Skepsis heutiger Menschen nicht vielmehr eine christliche Existenz?

Für mich ist die Auferstehung Anlass, das Leben neu als Chance zu verstehen. Eine Chance, die uns ganz überraschend auf Wege der Hoffnung bringen kann.

Mehr dazu heute in der Predigt über Kolosser 3,23+24. Zu erleben um 10.15 Uhr in der Methodistenkirche St. Gallen (Kapellenstrasse 6), oder ab 10.30 Uhr auf Youtube.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 17. April 2022

Überraschungssonntag

Ein Zitat

Die Auferstehung Jesu als Glasfenster, erstellt von August Wanner in der Augustinerkirche Zürich
Foto © Jörg Niederer
"Im Grabe schläft ein neues Morgenrot." Ludwig Tieck (1773 - 1853), deutscher Dichter

Ein Bibelvers - Matthäus 12,40

"Jona war drei Tage und drei Nächte lang im Bauch des Fisches. Genauso wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte lang im Innern der Erde sein."

Ein Anregung

Das "Photo-a-day"-Wort von heute lautet: "überrascht" (Englisch: amazed). 

Wer in der Augustinerkirche in Zürich sich fragt, warum auf dem Altar ein Pfau als Relief zu sehen ist, sollte sich ebendort umdrehen, und zum schönen Orgelprospekt hochschauen. Unvermeidlich wird das zentrale Glasfenster seine oder ihre Aufmerksamkeit fesseln. Die Hälfte davon nimmt Christus, der Auferstandene ein. Darunter die schlafenden Soldaten vor dem Grab. Zuunterst dann der Fisch, wie er den Propheten Jona ausspuckt.

Das Fleisch des Pfaus galt lange Zeit als unverweslich. Damit wurde der Vogel zu einer Anspielung auf die Auferstehung und das ewige Leben. Genauso ist Jona, der drei Tage im Bauch des Fisches begraben und dann wieder an Land gespuckt wurde, ein Bild für den dreitägigen Tod Christi und dessen Auferstehung.

Die Auferstehung von Christus sprengt alle Erwartungen. Dass gerade von einem Gekreuzigten gesagt wird, er sei von den Toden auferstanden, war für viele eine undenkbare Vorstellung. Diese Auferstehung war in jeder Hinsicht überraschend, unerwartet, buchstäblich verrückte Realität.

Bis heute sind die Zweifel an der Auferstehung da. Beweisen lässt sich dieses Geschehen nicht. Es kommt einer Singularität gleich, ist also vergleichbar mit der Unendlichkeit (die sich auch niemand so wirklich vorstellen kann). Was sich aber belegen lässt: Nach der Kreuzigung ist etwas geschehen, das im Lauf der Zeit Milliarden von Menschen zu Nachfolgerinnen und Nachfolger des Gekreuzigten werden liess. Christus hat uns bis heute alle überrascht.


Photo-a-day Lent 2022: Eine methodistische Webseite schlägt für die Fastenzeit vor, jeden Tag ein Foto zu teilen, das von einem bestimmten Wort inspiriert ist. Diese Sache nennt sich "Photo-a-day Lent 2022". So könne man sich der Fastenzeit auf eine neue Weise annähern. Die Bilder soll man mit #rethinkchurch taggen. Weitere Erklärungen zum Bild brauche es nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Dienstag, 29. Juni 2021

Salomos Pfauen hatten wohl Hände und Füsse

Ein Gedanke

Portrait eines Rad schlagenden Pfaus
Foto © Jörg Niederer
"Ein Mann am Steuer eines Autos ist ein Pfau, der sein Rad in der Hand hält." Anna Magnani, italienische Schauspielerin (1908 - 1973)

Ein Bibelvers - 1. Könige 10,22

"Denn Salomo hatte große Handelsschiffe, die zusammen mit Hirams Schiffen übers Meer fuhren. Alle drei Jahre kamen die Handelsschiffe zurück und brachten Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen."

Eine Anregung

Der Pfau ist das ideale Tier für religiöse Analogien und Fehlinterpretationen. Das Christentum übernahm einige davon aus andern Religionen. So stand der Vogel für die Sonnenverehrung, und dann auch für den Himmel. Weil man annahm, sein Fleisch sei unverweslich, wurde der Pfau zum Symbol der Unsterblichkeit. Weil beobachtet wurde, wie er im Jahresverlauf die Federn verlor und wieder neue bekam, wurde er zu einem Bild der Auferstehung. Die vielen Augen im Federkleid symbolisierten die Allwissenheit von Christus, Gott und der Kirche.

Dass Rad schlagende Pfaue immer wieder weit hallende Schreie ausstiessen, führte zu folgender Erklärung: Immer, wenn der Pfau mitten in seinem eitlen Tanz die hässlichen Füsse bemerkte, hielt der sonst makellos schöne Vogel inne und stiess ärgerlichen Schrei aus. Im Büchlein Physiologus, einer Sammlung mittelalterlicher Tierallegorien, wird dies so auf die Christ*innen übertragen: "Auch du, verständiger Mensch, so du anschaust deine Bestimmung und das Gute, das Gott dir gegeben, freue dich und sei glücklich und frohlocke in deinem Herzen; blickest du aber nach deinen Füßen, das ist: nach deinen Sünden, dann schreie und weine zu Gott, und hasse dein Unrecht wie der Pfau seine Füße, damit du vor dem Bräutigam gerechtfertigt erscheinest."  So ist der Pfau nicht nur ein positives christliches Symboltier, sondern steht auch für die Todsünde "Stolz".

Es ist unsicher, ob in der Bibel der Pfau vorkommt. Ein Importgut von König Salomo mit der Bezeichnung "tukkijjîm" wurde mit dem Pfau gleichgesetzt, wegen der Ähnlichkeit zum einheimischen Namen "tokei" in Sri Lanka. Wahrscheinlicher ist "tukkijjîm" aber ein ägyptisches Lehnwort für Affe, und die importierten Tiere könnten Paviane gewesen sein. Doch sicher ist das nicht, und so kommt auch in neueren Bibelübersetzungen der Pfau an zwei Stellen weiter vor.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde