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Freitag, 22. Dezember 2023

Advent mit Johannes

Ein Zitat

Glasfenster von Hermann Meyer, Ausgeführt von Hans Drenckhahn (1878-1953) in der Reformierten Kirche Degersheim.
Foto © Jörg Niederer
"Die Stille der Heiligen Nacht, die das wohl bekannteste Weihnachtslied besingt – wie verträgt sie sich mit der Weihnachtsbotschaft aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums, das die Menschwerdung, ja Fleischwerdung des göttlichen Wortes ansagt?" Prof. Dr. Eberhard Jüngel (1934-2021). 2009 in der NZZ

Ein Bibelvers - Johannes 1,4+5

"Er, das Wort, war zugleich das Leben in Person. Und das Leben war das Licht für die Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht angenommen."

Eine Anregung

Hast du dir den Evangelienschreiber Johannes so vorgestellt? Dunkle Haut, fast schwarzes Haar! Aber vielleicht ist ja der Täufer Johannes auf dem Glasfenster von Hermann Meyer (1878-1961) in der Reformierten Kirche Degersheim abgebildet. Nun, das Aussehen ist nicht so wichtig, und die dunklen Haare und die braungebrannte Haut passen ja gut zu einem Menschen aus dem Nahen Osten.

Der Evangelienschreiber Johannes hat, wie schon Markus, einen speziellen Zugang zur Geburtsgeschichte von Jesus. Wie bei Markus gibt es sie beim ihm nicht. Dafür spricht er auf ganz eigene Weise von Jesus. Vom Wort Gottes, das von Anfang an war, das alles geschaffen habe, was auf Erden ist, und (so übersetzt die Lutherbibel), dieses Wort wurde Fleisch beziehungsweise diese Wort wurde Mensch (Basisbibel). Aber nicht nur dieses Bild von Jesus wird durch Johannes gezeichnet. Im gleichen Atemzug spricht er auch vom Wort Gottes, von Christus, als vom Licht das in die Finsternis leuchtet.

Auch ohne Maria, Josef, Engel und Jungfrauengeburt gelingt es dem Evangelisten mit den ersten Zeilen seines Evangeliums, das ganz Besondere von Jesus herauszustreichen. Gott wird Mensch, Wort wird Fleisch. Im Leben von Jesus sieht Johannes Gottes Licht in der Dunkelheit aufleuchten. Genau das ist doch die Botschaft von Weihnachten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Mittwoch, 7. Dezember 2022

Eine unglaubliche, wahre Geschichte

Ein Zitat

Der Evangelist, die einstige Zeitschrift der Bischöflichen Methodistenkirche in Deutschland und der Schweiz.
Foto © Jörg Niederer
"Das Lächeln, das du aussendest, kehrt immer zu dir zurück." Sprichwort aus Indien

Ein Bibelvers - Matthäus 6,7+8

"Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin wie die Heiden! Denn sie meinen, ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen. Macht es nicht so wie sie! Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet."

Eine Anregung

Es war kein Stern, der mich in dieses ältere Haus in Pfyn führte. Es war etwas weitaus Profaneres. Doch der Reihe nach. 

Seit 13 Jahren leben wir wenige Kilometer vom thurgauischen Pfyn entfernt. Dort verbrachte meine Frau vor etwa 45 Jahren Ferien bei einer einstigen Schulkollegin, die an diesen Ort umgezogen war. Danach verlor sie deren Familie aus den Augen.

Als wir am Samstag auf einer Wanderung durch Pfyn zogen, schaute meine Frau sich jedes Haus ganz genau an, in der Hoffnung, dass sie irgendetwas an die damalige Zeit erinnern würde; ohne Erfolg. Und so blieb es beim unerfüllten Wunsch, dieser Familie und der Schulkollegin noch einmal zu begegnen. Weder meine Frau noch ich ahnten, dass die Erfüllung des Wunsches schon in Auftrag gegeben war.

Es war in der vergangenen Woche, da erhielt ich von einer mir unbekannten Frau aus Pfyn eine E-Mail. Darin bot sie mir die Jahrgänge 1887 und 1891 der Zeitschrift "Der Evangelist" an, dem Missionsblatt der einstigen Bischöflichen Methodistenkirche in Deutschland und der Schweiz. Wie diese Jahresausgaben den Weg in ihre Familie fanden, wusste sie selbst nicht. Auf mich gekommen war sie wahrscheinlich, weil ich Pfarrer in der Methodistenkirche bin. Ich ging auf das Angebot ein; es kostet mich auch nicht viel mehr als eine kurze Fahrt nach Pfyn und zurück.

So kam es, dass mir eine nette ältere Frau die Tür öffnete, mir die beiden Bände überreichte und einen Kaffee anbot. Während das Wasser durch den Espressokocher aufstieg, kamen wir auf unsere Herkunft zu sprechen. Ich erzähle, sie erzählte, und irgendeinmal fiel der Name des Wohnorts meiner Frau. Das war der Augenblick, als uns beiden die Augen aufgingen. Ich befand mich in dem Haus, in dem meine Frau vor Jahren die Ferien bei der Schulfreundin verbrachte. Mir gegenüber sass die Mutter ebendieser Schulfreundin!

Nein, es war kein Stern, der mir den Weg gewiesen hatte. Es waren kirchliche Zeitschriften aus dem vorletzten Jahrhundert, die unerwartet meiner Frau  bald schon ein spezielles Wiedersehn ermöglichen werden. Die Einladung dazu ist schon ausgesprochen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 19. Juli 2022

Diebische Kaufleute und wirtschaftlich weitsichtige Äbte

Ein Zitat

Die Nachbildung des Reliquienschreins von Markus im Münster St. Maria und Markus auf der Insel Reichenau
Foto © Jörg Niederer
"Die Insel (Reichen-)au, auf der keine Schlange dem Menschen schaden kann." Zitat auf der Ebstorfer Weltkarte (13. Jahrhundert)

Ein Bibelvers - Markus 1,1

"Die Gute Nachricht von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Anfang und Grundlage."

Ein Anregung

Es war nicht einfach, den Markusschrein in Münster St. Maria und Markus auf der Insel Reichenau einigermassen gut zu fotografieren. Und dann ist es erst noch nur eine Nachbildung. Das Original aus dem Jahr 1313 befindet sich in der dortigen Schatzkammer und war gerade nicht zugänglich.

Im Reliquienschrein sollen die Gebeine des Evangelisten Markus aufbewahrt werden. Diese wurden einst im Jahr 828 in Alexandria von diebischen Kaufleuten verkauft und kamen so nach Venedig. Zwei Jahre später dann gelangten Teile der Markusreliquie durch Bischof Ratold auf die Insel Reichenau. Ein Venezianer hatte ihm die Gebeine verkauft, dabei aber verlangt, dass der Bischof die wahre Herkunft zu seinen Lebzeiten nie verraten dürfe. Zugleich sei die Echtheit der Reliquien von den venezianischen Kaufleuten durch den sogenannten "Kesselfang" belegt worden. Der Kaufmann hielt dabei seine Hand in einen Kessel mit siedendem Wasser, ohne sich zu verbrennen.

Auf die Insel kamen die Gebeine als Reliquien des Hl. Valens. Im Verlauf der nachfolgenden Jahrzehnte wurde dann bekannt, dass die Gebeine viel wertvoller waren, da sie vom Evangelisten Markus stammen sollen. Unter den Äbten Witigowo und Berno (1008-1048) begann auf Reichenau die Verehrung des Evangelisten Markus. 

Wirtschaftlich war der Erwerb der Reliquie von Markus ein geschickter Schachzug. Dies sicherte dem Kloster und der Kirche hohe Einnahmen und Schenkungen adliger Familien, so auch etwa 40 Mark Silber von Königin Elisabeth, der Gemahlin König Albrechts I.; mit diesem Geld wurde in der Folge der Reliquienschrein erstellt. Dieser Reliquienschrein wird jeweils am 24./25. April in einer Prozession über die Insel getragen.

Wie bei vielen Reliquien gibt es grosse Zweifel an der Echtheit. Als die Markusgebeine von Bischof Ratold erstanden wurde, gab es ja keine verlässlichen Nachweise zur Echtheit und Datierung von Knochen. Hinzu kommt die Verschleierung der waren Herkunft. Ein grosses wirtschaftliches Interesse an den Gebeinen verdrängte wohl die Zweifel des Bischofs. Es wurde damals (und wohl auch heute) auch in der Kirche immer wieder einmal getrickst.

Nun, man kann Dümmeres anstellen mit einigen menschlichen Gebeinen, als den Grundstein zu legen für das UNESCO-Welterbe Insel Reichenau. Was die Alchemisten nicht vermochten, nämlich aus unedlem Material Gold zu machen, das ist den Äbten von Reichenau weitaus besser gelungen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde