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Samstag, 14. September 2024

Von der Frau gekettet

Ein Zitat

Wappentafel im 1. Stock des Frauenfelder Rathauses.
Foto © Jörg Niederer
"Da die Welt nicht würdig war, den Sohn Gottes direkt aus den Händen des Vaters zu empfangen, gab er seinen Sohn Maria, damit die Welt ihn von ihr empfangen kann." Hl. Augustinus von Hippo (354-430)

Ein Bibelvers - Markus 3,31

"Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand, der ihn rufen sollte."

Eine Anregung

Ist das Adam mit dem Feigenblatt, der hier das gespiegelte Stadtwappen von Frauenfeld den Betrachtenden entgegenhält. Es könnte auch irgend ein wilder Mann sein, eine Gottheit der Griechen oder Römer. Urchig sieht der Kerl aus mit seinem Eichenkranz und dem behaarten Körper. 

Diese Darstellung findet sich im 1. Stock des Rathauses in Frauenfeld. Da der Name "Frauenfeld" meint: Feld der (Jung-)Frau (Maria), handelt es sich bei der Frau auf dem Wappen logischerweise um die Jungfrau Maria. Irritierend ist, dass sie als Bürgerfrau dargestellt wird. Maria als verheiratete Frau mit Familie kommt aber auch in der Bibel vor. Anstelle eines Nimbus trägt sie eine goldfarbene Haube.

Mich verunsichert der dunkle Teint der Dame. Zwar passt das zu einer Frau aus dem Nahen Osten. Aber war das wirklich die Idee des Künstlers oder der Künstlerin? Es wäre bemerkenswert, angesichts der blonden Jesuskindchen auf anderen Darstellungen jener Zeit.

An der Kette führt Maria einen roten Löwen. Er stehe für die Habsburger, welche für das Kloster Reichenau als Vögte von Frauenfeld amteten. Noch eines fällt auf: Maria und der Löwe tragen Partnerinnenlook. Sie gehören, so verschieden sie sind, zusammen. Dabei ist klar, wer das Sagen hat. Nicht die Habsburger, sondern das Kloster Reichenau, nicht die weltliche, sondern die kirchliche, göttliche Gewalt.

Man beachte beim Löwen auch die Stellen, die golden ausgezeichnet sind. Symbolisch sind so Gewalt und Sexualität unter Kontrolle der Jungfrau Maria. Es ist die heilige Frau, die den potenten und bedrohlichen (Löwen-)Mann an der Kette führt.

Gut möglich, dass gelegentlich eine Frau auf das Wappen von Frauenfeld zeigte, und zu ihrem Mann sagte: Siehst du wer da Chefin ist?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 12. Dezember 2023

Gottes kleine Kuh

Ein Zitat

Ein Marienkäferchen ruht sich auf einer Gallrose aus.
Foto © Jörg Niederer
"Das Röslein, das ich meine, / davon Jesaja sagt, / hat uns gebracht alleine / Marie, die reine Magd. / Aus Gottes ewgem Rat / hat sie ein Kind geboren, / welches uns selig macht." 2. Strophe des Lieds "Es ist ein Ros entsprungen..." von Michael Praetorius (1571-1621)

Ein Bibelvers - Jesaja 11,1+2

"Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Spross hervor. Ein Trieb aus seiner Wurzel bringt neue Frucht. Auf ihm ruht der Geist des Herrn: Der schenkt ihm Weisheit und Einsicht, Rat und Stärke, Erkenntnis und Ehrfurcht vor dem Herrn."

Eine Anregung

Er hat viele Namen. Aus der Reihe fällt die russische Version: "Gottes kleine Kuh" wird dort der Marienkäfer genannt. Die religiöse Anspielung steckt aber auch hier im Namen. In der deutschen, englischen, dänischen, kroatischen, und spanischen Sprache ist Maria, die Mutter von Jesus, Namensgeberin. In Nordfrankreich wird der kleine rote Käfer mit den sieben Punkten und ähnlich aussehende Arten "bête de la vierge" genannt, Jungfrauentier. In den schweizerischen Dialekten heisst der Marienkäfer auch Frauwen-Tierli, Mueter-Gottes-Tierli und Marien-Tierli. Hinzu kommen als Bezeichnungen Herr-Gotts-Tierli, Heilands-Tierli, Himels-Tierli, Jeses-Tierli, und über das religiöse Namensspektrum hinaus auch Ägersten-Tierli, Flüg-uf-Tierli und Gigen-Tierli. So lese ich im Idiotikon, dem Schweizerischen Wörterbuch. 

Verschiedene Gründe werden in der Literatur aufgeführt, warum der Marienkäfer nach Maria benannt ist. Bei Coccinella septempunctata, so der lateinische Namen, sind die sieben Punkte angesprochen, und diese wurden wohl auf die sieben Schmerzen der Jungfrau Maria bezogen. Andere Erklärungen sehen im Marienkäfer ein von der Jungfrau Maria gesandter Nützling, der die Läuse vertilgt und damit Ernten retten kann. Früher glaubte man auch, dass die Marienkäfer vor Hexen und Unheil schützen. So sind sie denn bis in die säkulare Zeit hinein zu Glücksbringern geworden. Vielleicht liegt es auch daran, dass man mitten im Winter, manchmal sogar am Weihnachtstag, die Marienkäfer in der Wohnung findet. Vermutlich werden sie mit den Tannzweigen oder anderen, in der Adventszeit als Weihnachtsschmuck üblichen Pflanzen in die Innenräume verfrachtet. Im Freien können sie aber gut überwintern, da sie eigene Frostschutzmittel produzieren. 

Auf dem Foto hat sich ein Marienkäfer auf einer Rosengalle niedergelassen. Letzteres sind Wucherungen an Hagenbutten, also Wildrosen, welche durch andere Käferlarven verursacht werden. Damit sind auf diesem Foto gleich zwei Hinweise auf Maria vereint. So wie es etwa im alten Kirchenlied "Es ist ein Ros entsprungen" von Michael Praetorius anklingt, hier in einer Interpretation von "Vosec Suaves".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Mittwoch, 30. August 2023

Einfach verblüffend, diese Natur

Ein Zitat

Die Gallen der Knopperngallwespe finden sich an bestimmten Stieleichen.
Foto © Jörg Niederer
"Die unbefleckte Empfängnis erledigt heute jeder praktische Arzt." Michael Richter (*1952), Dr. phil., deutscher Historiker und Aphoristiker

Ein Bibelvers - Jesaja 7,14

"Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben. Ihr werdet sehen: Die junge Frau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Den wird sie Immanuel, 'Gott mit uns', nennen."

Eine Anregung

Der Sturm der letzten Tage hat die Eiche vor meinem Bürofester tüchtig durchgeschüttelt und von Eicheln befreit, die seltsam aussehen. Aber für einmal kenne ich die Ursache.

Gelernt habe ich dies vor einem Jahr am Auftakt zur Schöpfungszeit im Botanischen Garten St.Gallen. Nebenbei: Genau diese Schöpfungszeit beginnt am nächsten Freitag mit einem Vogelspaziergang durch St. Gallen (siehe Beitrag vom 22. August und Flyer!), und mündet dann in einen Apéro mit Abendsegen. Alle sind dazu herzlich eingeladen.

Zurück zu den seltsam geformten Eicheln. Geschaffen hat sie die Eiche. Dazu angeregt, ja geradezu genötigt wurde diese jedoch von einem winzig kleinen, schwarzen Tierchen; der Gallwespe. Genauer: der Knopperngallwespe. Bei der seltsam geformten Eichel handelt es sich um die Kinderstube dieses Tierchens. Doch dass es überhaupt soweit kommen konnte, dazu braucht es noch eine zweite Eichenart. Und die ist in der Schweiz eigentlich nicht heimisch, wächst aber doch ab und zu in Parks und privaten Gärten: die Zerreiche.

Und so geht dieses Spiel der Natur. Im März legt das unbefruchtete Weibchen der Knopperngallwespe die unbefruchteten (!) Eier an die Blütenknospen der Zerreiche ab und stirbt danach. An den männlichen Blüten der Zerreiche wachsen nun zwei Millimeter grosse Gallen, in denen je eine Larve heranwächst. Etwa im Mai schlüpfen dann die ca. 1,2 Millimeter grossen Gallwespen, und zwar sowohl Weibchen wie Männchen. Diese paaren sich, und das Weibchen legt nun die befruchteten Eier in das Hütchen (Kupula), in dem die Frucht der Stieleiche sitzt. Während die Eichel sich nicht verändert, fängt der Becher darunter an zu wuchern und bildet eine oder auch mehrere Gallen um die Eichel herum. Darin wachsen wieder Larven der Knopperngallwespe heran, und zwar ausschliesslich weibliche. Nun kann es bis drei Jahren gehen, bis die jungfräulichen (agamen) Weibchen schlüpfen und ihre unbefruchteten Eier wieder in die Blütenknospen der Zerreiche legen. Das Spiel beginn von vorne.

Ganz schön verblüffend, zu welchen scheinbaren Irrwegen es in der Natur kommt, die dann aber doch ans Ziel führen.

Weil ich nun diese Gallen gefunden habe, weiss ich noch etwas Neues. Irgendwo, nicht allzu weit weg, muss eine weitere Eiche wachsen, eine Zerreiche. Denn ohne die gäbe es die Schlupfwespengallen nicht, die ich unter der Stieleiche vor meinem Büro gefunden habe. Vielleicht finde ich die Zerreiche. Ich halte die Augen offen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen