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Samstag, 26. April 2025

Wortwörtlich

Ein Zitat

Aufkleber des FC Aarau auf einer Verbotstafel an einem Elektrokasten irgendwo in Bahnhofsnähe in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin zwar langsam, aber vor dir." Aufkleber an einem Auto

Ein Bibelvers - 2. Mose 20,16

"Du sollst nichts Falsches über deinen Nächsten sagen!"

Eine Anregung

Ein Aufkleber ist kein Plakat, das ist schon klar. Wenn da steht, Plakate anbringen verboten, dann hält man sich auch daran. Aber von Aufklebern ist da gar nichts zu lesen. Also frisch fröhlich mittendrauf. 

Nun wissen es alle: Die vom Fussballclub Aarau sind helle Köpfe. Die kleben ihre Sticker nur dorthin, wo Aufkleber nicht explizit verboten sind. Also eigentlich überall.

Zugleich gewinnen Verbotstafeln ja auch nicht gerade Schönheitswettbewerbe, und solche Elektrokästen am Strassenrand werden auch nur äusserst selten als denkmalgeschützt ausgewiesen. So gesehen ist der stilisierte Adler noch das Schönste an diesem Foto. Wobei es schon etwas übergriffig ist, wenn sich ein Aargauer Verein im Kanton Solothurn derart manifestiert. Vielleicht ist es auch bewusst eine Demütigung, gibt es doch im ganzen Kanton Solothurn keinen Fussballverein mit Mannschaft in der Challenge League oder darüber. 

Wenn da jetzt statt eines Fussballemblems was von Jesus stehen würde, das wäre doch viel besser, oder?

Mit Aufklebern habe ich so meine Probleme. Immer wieder bekomme ich welche, die ich weder an meinem Bett noch an einem Schrank und auch nicht auf der Gefriertruhe oder sonstwo in der Wohnung anbringen will. Meine Fahrhabe soll diesbezüglich auch unbefleckt bleiben. Also was werde ich mit diesen Dingern tun? Sie im öffentlichen Raum "entsorgen"? Geht doch irgendwie auch nicht. So sammle ich sie, bis ich sie dann mit schlechtem Gewissen weiterverschenke, wohlwissend, dass andere womöglich wenig feinfühlig die Sticker auf fremde Autos, Strassenlaternen und Schaukästen kleben.

Frage: Kennst du einen sinnvollen Verwendung von Aufklebern?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 19. Februar 2024

Plastik und Natürlichkeit

Ein Zitat

Schriftzug und Logo der Clinic Plastica beim Bahnhof Winterthur.
Foto © Jörg Niederer
"Es kostet viel, so billig auszusehen wie ich." Dolly Parton (*1946)

Ein Bibelvers - Klagelieder 4,2

"Wie kostbar waren die Kinder Zions, so wertvoll wie reines Gold. Jetzt gelten sie nur noch als billige Töpferware, von der Hand eines gewöhnlichen Töpfers hergestellt."

Eine Anregung

Immer wenn ich in Winterthur am Bahnhof auf den Zug warte, irritiert mich der Schriftzug "Clinic Plastica" aufs Neue. Natürlich denke ich sofort an Schönheitsoperationen und plastische Chirurgie. Das kann in manchen Fällen sinnvoll sein. Was mich irritiert, ist der sprachlich-bildliche Widerspruch im Signet. Da ist der Verweis auf Plastik, Kunststoff, und zugleich wird das mit einem stilisierten Bund Tulpen oder Ären oder Blätter ergänzt, also einem Rückgriff auf die Natur und Natürlichkeit.

Was ist Natur, was Plastik? Möchte ich angesichts des Microplastiks in der Muttermilch (also überall), sowie der riesigen, aus Plastikmüll bestehenden Wirbel in den Weltmeeren und den überall herumliegenden Plastikteilen mein Unternehmen so benennen?

Ich stelle mir das plastisch vor: Eine Welt, in der niemand mehr wissen kann, was echt ist und was künstlich. Eine Welt, in der das Künstliche natürlicher aussieht als die Natur und wir zugleich dem Natürlichen mit seinen Flecken, Narben und Asymmetrien aus dem Weg gehen, wo immer wir können.

Ist die neue Natürlichkeit aus Plastik? Landen wir dereinst am Ende dieses Prozesses wieder bei der Gummipuppe als unserem Gegenüber? Werden wir vielleicht sogar durch Plastik ersetzt? Es scheint mir, dass die modernen goldenen Kälber zunehmend in Silikon und Plastik gegossen werden. Doch Kunststoff stillt keinen Hunger nach Lebenssinn.

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 3. Februar 2023

Fliegende Meerjungfrauen und ein nackter Tschütteler

Ein Zitat

Skulptur an der Hauptpost der Stadt St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Die Post ist die Trösterin des Lebens, denn sie verwandelt Abwesende in Gegenwärtige." Voltaire (1694-1778)

Ein Bibelvers - Römer 16,22

"Ich, Tertius, grüße euch ebenfalls. Ich habe diesen Brief im Dienst des Herrn für Paulus niedergeschrieben."

Eine Anregung

Ich habe mich redlich bemüht, den Sinn herauszufinden. Erfolgreich war ich nicht. Es ist ein bisschen so, wie bei Paracelsus. Er schriebe in logischen Sätzen, aber inhaltlich bleibt er unverständlich bis mehrdeutig.

Aber zur Sache. Die von 1911-1915 im Jugendstil erbaute Hauptpost in St. Gallen weist eine Reihe von Steinmetzarbeiten auf, darunter auch die abgebildete Skulptur. Drei Meerjungfrauen mit Engelsflügeln tragen eine grosse Kugel. Dazwischen finden sich zwei Knaben, der eine mit einem Fussball (?), der andere mit einem posthornähnlichen Blasinstrument.

Das muss ja – habe ich mir gedacht – irgendetwas mit der Post zu tun haben. Es erinnert mich ein bisschen an das Weltpostdenkmal in Bern. Aber dann doch wieder nicht. Erst dachte ich an Engel, aber was soll der schneckenförmig aufgerollte Schwanz der Wesen?

Weil sich zu diesem Kunstwerk wirklich kaum etwas finden lässt im weltweiten Web, nicht einmal ein Foto gibt es davon (bis jetzt!!), darf ich wohl einfach ein wenig spekulieren.

Die Post liefert in die ganze Welt. Das könnte mit der grossen Kugel zuoberst dargestellt sein. Die Post tut dies zu Luft und zu Wasser. Darum diese zwitterhaften Engelswesen; oder sind es Meerjungfrauen? Der nackte Junge rechts bläst wohl in ein Posthorn. 

Nun wird es schwierig. Was bitte schön hat ein nackter Fussballer mit der Post zu tun. Ist es, weil die Mannschaft des FC St. Gallens einst mit dem Postauto zu den Auswärtsspielen reiste? War der Sohn des Posthalters ein Tschütteler? Testete die Post die Beförderung der Briefpost in Fussbällen, die von Briefträger zu Briefträger gespielt wurden? Und waren die Briefträger damals wirklich nackt? Fragen über Fragen! 

Es könnte aber auch eine in Stein gemeisselte Prophezeiung sein auf den Jahre später beliebten FC Sangalle-Fussballer Tranquillo Barnetta. Ein bisschen gleicht der Junge mit dem Ball ja auch diesem herausragenden Mittelstürmer. (Ich meine bei der Ähnlichkeit natürlich die Gesichtszüge und nicht den Körperbau.)

Die Skulptur bleibt für mich ein Stein mit sieben Siegeln. Wenn mir diesbezüglich niemand auf die Sprünge hilft, werde ich mir wohl ab jetzt jeden Morgen, wenn ich vom Bahnhof St. Gallen zur Hauptpost hinüberschaue, den Kopf zerbrechen, was Barnetta und die drei hübschen Unterwasserengel miteinander zu tun haben. Also: Bitte befreit mich aus dieser Amphibolie!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde