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Freitag, 11. Juli 2025

Holzschindelgebet

Ein Zitat

Holzschindeln an der Hausfassade der Mediothek Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"O dass doch meine Stimme schallte / bis dahin, wo die Sonne steht; / o dass mein Blut mit Jauchzen wallte, / so lang es noch im Laufe geht; / ach wär ein jeder Puls ein Dank / und jeder Odem ein Gesang!" Johann Mentzer (1658-1734)

Ein Bibelvers - 2. Könige 20,2

"Da drehte Hiskija das Gesicht zur Wand und betete zum Herrn..."

Eine Anregung

Die Mediothek in Bäretswil ist ein modernes Gebäude mit einem Flachdach. Es fällt aber auf, dass sie vollständig mit Holzschindeln eingekleidet ist.

Die Schindeln haben etwas Beruhigendes. Gleichmässig verteilt ergibt sich ein rhythmisches Muster. Keine der Schindeln ist genau gleich, auch sind sie nicht perfekt angeordnet. Die kleinen Abweichungen gehören dazu. Sie sind zu gering, als dass sie stören könnten. Sie sind zu offensichtlich, als dass sie nicht wahrgenommen werden. Eine Litanei aus Holz. Ein sich wiederholendes, Haus gewordenes Gebet. 

Ich stelle mir vor, wie der Schindelmacher eine Schindel nach der anderen ausgesucht und angeordnet hat. Es sind wohl Tausende. Die immer gleichen Bewegungen, Handgriffe, Hammerschläge. Erfüllende Eintönigkeit. Wie beim Stricken hat man Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Ein architektonischer Rosenkranz.

Den Perlen gleich folge ich den Schindeln, spreche meinen Dank, meine Bitten, meine Hoffnungen meine Sehnsüchte aus. Jede Schindel, ein Atemhohlen, "... und jeder Odem ein Gesang".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 6. April 2025

Verfolgung und Glaubensfreiheit

Ein Zitat

Jörg Niederer steht in der Täuferhöhle bei Bäretswil, da wo sich die Täufer während der Reformation heimlich zum Gottesdienst treffen mussten.
Foto © Sabine Möckli Niederer

"Die Religionsfreiheit umfasst auch das Recht, keiner Religion anzugehören, nicht an einen Gott zu glauben (Atheismus) oder religiöse Annahmen prinzipiell als unentscheidbar zu bewerten (Agnostizismus)."
Wikipedia

Ein Bibelvers - Galater 5,1

"Christus hat uns befreit, damit wir endgültig frei sind. Bleibt also standhaft und unterwerft euch nicht wieder dem Joch der Sklaverei!"

Eine Anregung

Gestern war ich wieder einmal in der Täuferhöhle Sie liegt versteckt im Wald am Rand der Gemeinde Bäretswil in der Schweiz. Dort also feierten die Täufer:innen heimlich ihre Gottesdienste, immer in Furcht, entdeckt zu werden. Denn Täufer:innen wurden über längere Zeit von den anderen Kirchen und dem Staat verfolgt. Einige von ihnen wurden hingerichtet.

Diese Zeiten sind vorbei. Ich bin froh, dass wir uns in der Schweiz nicht heimlich zum Gottesdienst treffen müssen, sondern bequem in einer geheizten und gut ausgestatteten Kirche. Nur vergesse ich auch nicht, dass es durchaus Christ:innen gibt in anderen Ländern, die ihr Leben riskieren, um Gottesdienste feiern zu können, oder die im Gefängnis landen. An sie will ich auch an diesem Sonntag denken und für sie beten. Überhaupt alle Menschen, die aus Glaubensgründen diffamiert, verfolgt, verstossen inhaftiert oder getötet werden, lassen mich nicht kalt.

Religionsfreiheit ist eine so wichtige Errungenschaft. Wir dürfen sie nicht aufs Spiel setzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 25. September 2023

Rutschbahn

Ein Zitat

Es gibt sie schon sehr lange, die Kinderrutschbahn auf dem Rosinli bei Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns." Eugène Ionesco (1909-1984), Schriftsteller

Ein Bibelvers - Epheser 3,17+18

"Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet bleiben. So könnt ihr sie zusammen mit allen Heiligen in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen."

Eine Anregung

Dafür nahmen Kinder früher gerne den Aufstieg zum Rosinli oberhalb von Bäretswil in Kauf: die Rutschbahn und andere Spielsachen. Die Anlage ist in die Jahre gekommen, und andere Rutschgelegenheiten haben dem Angebot beim Aussichtspunkt schon längst den Rang abgelaufen. Bei meiner Frau kam Nostalgie auf, als sie nach vielen Jahren und Erfahrungen aus der Kindheit wieder einmal an diesem Ort durchkam.

Nostalgie empfinden Menschen auch angesichts von Kirchen und Gottesdiensten. Sie erinnern sich an die Zeiten, in denen sie, als Kinder etwa, regelmässig in Gotteshäusern ein- und ausgegangen sind. Doch nun, älter geworden, sieht das, was früher noch Freude bereitete, antiquiert und veraltet aus. Da ist zwar immer noch die Sehnsucht nach Annahme und Frieden, aber auch der Eindruck, dass das, was den kindlichen Glauben einst nährte, nicht mehr funktioniert. 

Bei der Rutschbahn auf dem Rosinli steht: "Benutzung der Rutschbahnen auf eigene Verantwortung. Kinder nur unter Begleitung Erwachsener". Welche Anregung oder Warnung sollte sicht- oder unsichtbar an den Eingängen zu unseren Kirchen und Kapellen stehen? Wie wäre es damit: "Suche hier nicht nach dem, was sichtbar vor Augen oder einst gewesen ist, suche vielmehr nach einer Hoffnung über alles Vordergründige hinaus!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen