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Samstag, 23. Dezember 2023

Weihnachten mit Bischof Stefan Zürcher

Ein Zitat

Fotomontage: Bischof Stefan Zürcher vor einem Glasfenster des Casinos in Lausanne.
Foto © Jörg Niederer
"War die Botschaft der Engel nicht 'Good News' sondern 'Fake News'?", fragt Bischof Stefan Zürcher in seiner aktuellen Weihnachtsbotschaft 2024

Ein Bibelvers - Lukas 2,13+14

"Plötzlich war der Engel umgeben vom ganzen himmlischen Heer der Engel. Die lobten Gott und riefen: 'Gottes Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe! Sein Frieden kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet!'"

Eine Anregung

Da ich ja angekündigt habe, bis Weihnachten Bilder von Glasfenstern zu zeigen, musste ich für heute zu einem Trick greifen. So habe ich den Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche, Stefan Zürcher, kurzerhand per Photoshop vor ein Glasfenster des Lausanner Casinos gestellt. Denn ich möchte euch mit diesem Beitrag herzlich einladen, die Video-Weihnachtsbotschaft von Bischof Stefan Zürcher anzuhören. Ich finde, es lohnt sich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 10. Februar 2022

Kassandra wacht über der Stadt

Ein Zitat

Bei den Glocken auf dem Turm der Kathedrale Lausanne
Foto © Jörg Niederer
"Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: unsere Glock hat zwölf geschlagen! Zwölf, das ist das Ziel der Zeit! Mensch bedenk die Ewigkeit!" Aus dem Nachtwächterlied (Volksweise)

Ein Bibelvers - Psalm 127,1

"Wenn nicht der Herr das Haus baut, nützt es nichts, dass sich die Bauleute anstrengen. Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, nützt es nichts, dass der Wächter wachsam bleibt."

Ein Anregung

Es gibt sie in 63 europäischen Städten, darunter auch in Schaffhausen, Bischofzell, Stein am Rhein und Lausanne. Die Rede ist von Nachtwächtern oder Turmwächtern. Bis im August 2021 waren das ausschliesslich Männer. Doch nun gibt es die erste Turmwächterin - in der Schweiz - in Lausanne. Dort üben Männer das Amt eines Turmwächters seit 1405 ununterbrochen aus. Und jetzt also auch ein Frau; Cassandre Berdoz heisst sie und amtet so drei bis fünf Mal pro Monat auf dem Turm der Kathedrale. An der Seite des Hauptwächters ist sie nun eine von sechs Hilfswächter:innen. Zwischen 22.00 und 02.00 Uhr sagt sie die Stunden an über der Stadt.

Während früher die Turmwächter auch vor drohenden Unwettern, Feuern und feindlichen Heeren warnten, ist dieses Amt heute eine rein folkloristische und touristische Aufgabe. Ein Video, das Cassandre Berdoz bei der Arbeit zeigt, knüpft ein wenig an Gruselfilmen an. Ein Käuzchen ruft, dramatische Musik ist zu hören, knarrende Türen, schwere Schritte auf den Wendeltreppen. 

In der griechischen Mythologie ist Kassandra die Unheilsprophetin. In Lausanne aber ist Cassandre eine Friedensbotin zu nächtlicher Stunde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 8. August 2021

Die Welt entsteht im Aufblick zu den Fenstern

Ein Zitat

Die Rosette aus dem 13. Jahrhundert in der Kathedrale von Lausanne
Foto © Jörg Niederer
"Je mehr ich nachdenke, desto mehr erstaune ich über mein Dasein, mein Werden, meine Führung; ich freue mich meines Seins und meiner Fähigkeit, über mein Dasein und meine Menschheit nachdenken zu können." Johann Kaspar Lavater, 1741-1801, Schweizer evangelischer Theologe, Religionsphilosoph und Schriftsteller

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,1+2

"So wurden Himmel und Erde vollendet mit allem, was darin ist. Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte. An diesem Tag ruhte er aus von all seiner Arbeit, die er getan hatte."

Ein Anregung

Eines der Prunkstücke der Kathedrale von Lausanne ist die Rosette im südlichen Querarm. Dargestellt wird die Stellung des Menschen innerhalb der im 13. Jahrhundert bekannten Welt. Da sind Erde und Meer, Luft und Feuer, die Jahreszeiten, Monate und Sternzeichen, aber auch mythische Ungeheuer am Rand der Welt.

Wer dieses Werk geschaffen hat, ist nicht bekannt. Der "Meister der Rose" orientierte sich an der Gotik, wie sie damals in Frankreich aufkam. 

Dieser dargestellte mirror mundi, dieser "Weltspiegel", ist ein faszinierendes Werk, in das man sich vertiefen kann. Gerade an einem Sonntag können die bunten Fenster anregen, über Fragen nachzudenken: Woher kommt der Mensch? Wie wird die Welt zu einem Ganzen? Was sind die heutigen Ungeheuer, die das Leben bedrohen? Wer schafft den Ausgleich zwischen Werden und Vergehen, zwischen Schöpfung und Tod?

Wem das Foto von der Rosette zu wenig detailreich ist, der oder die kann sich auf eine virtuelle Begehung der Kathedrale aufmachen.

Und noch dieses: Die Rosette wurde 1978 auf einer Schweizer Briefmarke verewigt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 7. August 2021

Frauen, Frauen, Frauen und auch einige Männer

Ein Zitat

Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne
Foto © Jörg Niederer
"Gott gibt Talent; Arbeit verwandelt Talent in Genialität." Anna Pavlova, Russische Primaballerina

Ein Bibelvers - Micha 6,4

Gott zum Volk Israel: "Ich habe dich doch aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit. Ich habe Mose, Aaron und Mirjam dazu bestimmt, dass sie dir auf dem Weg vorausgehen."

Ein Anregung

Ist es dir auch aufgefallen? Gerade werden die Frauen hoch gehandelt. Am 1. August predigten vielerorts ausschliesslich Frauen. Auf das Bundeshaus werden aktuell die Bilder von verdienten Schweizerinnen projiziert. Und unter den aktuell bekannten Schweizerinnen und Schweizer, welche Olympia-Medaillen gewonnen haben, sind drei Männer und sage und schreibe zehn Frauen.

Ohne die Leistungen von Frauen ginge es nicht. Jedoch drang diese Erkenntnis nur sehr langsam ins Bewusstsein der Gesellschaft. Gut, dass es aus sportlicher Sicht mittlerweile keine Frage mehr ist, dass die Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen können. Sonst sähe die aktuelle Schweizer Bilanz eher bescheiden aus.

Die Evangelisch-methodistische Kirche brauchte Zeit, bis Frauen gleichwertig alle Ämter in der Kirche ausüben konnten. Andere Kirchen sind immer noch nicht so weit. Kein Wunder, halten das viele für einen stossenden Anachronismus. Mit dieser Haltung, Frauen zu diskriminieren, schaden Kirchen sich selbst, ja könnten zusehends in die Bedeutungslosigkeit abgleiten.

Auch wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC - Auf dem Foto der Hauptsitz in Lausanne) kein Hort von Menschenrechten und Machtenthaltung ist; wenn es darum geht, begabten Frauen eine Plattform zu bieten, hat es gegenüber den Kirchen die Nase vorn.

An dieser Stelle nun die Namen der schweizerischen Medaillen-Gewinner*innen (inklusive der Männer) von diesem Jahr: 

Gold:
Tennis: Belinda Bencic; Mountainbike: Jolanda Neff; Schiessen: Nina Christen

Silber:
Tennis: Belinda Bencic und Viktorija Golubic; Radsport: Marlies Reusser; Mountainbike: Sina Frei; Mountainbike: Mathias Flückiger

Bronze:
Schiessen: Nina Christen; Mountainbike: Linda Indergand; Schwimmen: Jérémy Desplanches; Schwimmen: Noè Ponti; Radsport: Nikita Ducarroz; Beachvolleyball: Anouk Vergé-Dépré und Joana Heidrich

Welches ist aus deiner Sicht die Frau, die dich - einmal abgesehen von deiner Mutter - am meisten beeindruckt hat?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 3. August 2021

U-Bahn-Anschluss für die älteste Schweizer Methodistenkirche

Ein Zitat

Chapelle du Valentin am Place de la Rippone in Lausanne, gesehen von Turm der Kathedrale.
Foto © Jörg Niederer
"Architektur ist zu Stein gewordene Musik." vermutlich Paul Valéry (1871-1945)

Ein Bibelvers - 2. Chronik 5,13

"Die Trompeter und Sänger musizierten mit einer Stimme. Sie lobten und dankten dem Herrn. Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: 'Ja, er ist gut! Für immer bleibt seine Güte bestehen.' Im gleichen Moment erfüllte eine Wolke das Haus, das Haus des Herrn."

Ein Anregung

Ursprünglich hätte sie "Fletcher Memorial Chapel" heissten sollen. Gebaut wurde sie mit Geld von den Methodisten aus England durch deren wesleyanische Mission in Frankreich und der Schweiz. Das Grundstück lag, wie so oft bei Freikirchen, ausserhalb der Stadtmauer von Lausanne. Und wie man auf dem Foto sieht, ist sie (unten in der Bildmitte direkt am Place de la Riponne gelegen) ausgezeichnet zu sehen vom Turm der Kathedrale in Lausanne. (Wir bestiegen das alte Gemäuer übrigens zum vergünstigten Pilgertarif.)

Die Chapelle du Valentin, wie sie heute heisst, wurde 1867 als erstes methodistisches Gebäude in der Schweiz errichtet, und steht seit 1986 unter Denkmalschutz. Bischof Patrick Streiff, lange Zeit Pfarrer in Lausanne, schrieb den informativen Beitrag zur Kapelle im Buch "Historische Stätten des Methodismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz". 

Zwischen 1986 und 1990 muss es auch gewesen sein, dass ich eben von besagten Patrick Streiff gebeten wurde, in der Chapelle du Valentin eine evangelistische Reihe zu halten. Dies auf Deutsch (etwas anderes konnte ich damals auch gar nicht), denn es handelte sich um eine deutschsprachige Gemeinde. Ich erinnere mich daran, dass ich das Kreuz der benachbarten ersten, in Lausanne nach der Reformation erbauten Römisch-katholischen Kirche "Église Notre Dame du Valentin" aus dem mir zugewiesenen Gastzimmer sehen konnte. Und schon damals kam es mir seltsam vor, dass eine deutschsprachige Gemeinde in der französischsprachigen Schweiz existieren konnte. Patrick Streiff schreibt dazu: "Für die soziale und evangelistische Arbeit sah die deutschsprachige methodistische Gemeinde jahrzehntelang ihr Zielpublikum in Hunderten von Deutschschweizer Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sie büsste dafür ihre Integrationskraft für die gemeindeeigene, französischsprachig aufgewachsene Jugend ein. Erst 1985 entschied die Gemeinde, sich für eine Arbeit in französischer Sprache (wieder) zu öffnen.
In einer langsam älter und kleiner werdenden methodistischen Gemeinde stellte die Transformation in die Zweisprachigkeit und schliesslich in eine hauptsächlich französischsprachige Arbeit eine grosse Herausforderung dar."

Und ich füge an: Veränderungsprozesse brauchen Zeit, aber wenn sie zur falschen Zeit kommen oder zu spät eingeleitet werden, dann wird es schwierig. In Lausanne hat die Gemeindearbeit "...in jüngster Zeit [mit] Schwerpunkte[n] im musikalischen Bereich und in der internationalen Zusammensetzung der Mitglieder..." eine neue, hoffnungsvolle Ausrichtung erhalten.

Nebenbei: In der Schweiz ist die Chapelle du Valentin die einzige methodistische Kirche, die eine Metroanbindung aufweist. Zwar stand die Kapelle einst ausserhalb der Stadtmauern. Aber längst ist sie mitten in der Stadt angekommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 2. August 2021

Was ist nur aus dem radikalen Protestantismus geworden?

Ein Zitat

Hauptportal der Kathedrale von Lausanne einmal von aussen, dann von innen.
Foto © Jörg Niederer
"Den größten Sinneswandel, den das Bewusstsein bereithält, wird verursacht durch die Liebe." Karl Talnop

Ein Bibelvers - 5. Mose 16,21+22

"Du darfst neben dem Altar des Herrn, deines Gottes, den du errichten wirst, keinen Kultpfahl aufstellen. Du darfst auch keinen Kultstein aufstellen. Denn das hasst der Herr, dein Gott."

Ein Anregung

Das Hauptportal der Kathedrale Notre-Dame in Lausanne wurde für das 500-Jahr-Reformationsjubiläum von 2017 gereinigt und restauriert. Nein, es war nicht die römisch-katholische Kirche, welche sich für das protestantische Fest ins Zeug legte. Seit der Reformation ist der gotische Prachtbau fest in reformierter Hand.

Delikat: Genau diese Figuren, die seit drei Jahren in neuem Glanz erstrahlen, wurden 1536 von den damaligen protestantischen Truppen entfernt. Der "Bildersturm" wurde dann von 1892 bis 1909 wieder korrigiert. Ja, diese Erneuerung ging sogar noch weiter. Denn das "Portal Montfalcon" - benannt nach dessen Initianten, dem Bischof Aymon de Montfalcon (1443-1517) - war zum Zeitpunkt seiner Zerstörung noch nicht vollendet. Erst die protestantische Rekonstruktion nach den historischen Originalen zeigte den Kirchenzugang in seiner Vollendung. Dargestellt sind Heilige und Gestalten der Bibel.

Auch das Glasfenster, das sich erst richtig erschliesst, wenn die Kathedrale durch das Portal Montfalcon wieder verlassen wird, ist jüngeren Datums, also in der reformierten Zeit entstanden. Abgebildet sind die vier Evangelisten, wobei der Evangelist Markus ein bisschen so aussieht wie der Reformator Pierre Viret.

In 500 Jahren ist aus einer radikalen Bewegung eine Kirche entstanden, die über die Bücher gegangen ist und nun sich selbst der einst verpönten Bilder bedient. Natürlich in protestantisch nüchterner Weise. Zu diesem gotischen Monument pilgern die Jakobspilger, und stempeln sich ein protestantisches Zeichen in den katholischen Pilgerpass.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde