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Mittwoch, 21. Mai 2025

Ein Himmel aus Schürzen

Ein Zitat

Der Bahnhof St. Gallen ist beflaggt mit 2000 gebrauchten Schürzen aus feinsten Spitzen.
Foto © Jörg Niederer
"Während der Arbeit gab es viele schöne Momente. Die Mithelfer freuten sich, Teil des Projekts zu sein." Projekt-Initiantin Denise Hofer

Ein Bibelvers - Psalm 78,26

"Dann liess er [Gott] den Ostwind am Himmel auffrischen und führte den Südwind mit Macht herbei."

Eine Anregung

Was macht man mit 8000 gebrauchten Servierschürzen aus feinsten St. Galler Spitzen? Besonders dann, wenn die Empfängerorganisation Offcut sich die Wiederverwertung und den bewussten Umgang mit Materialien zum Ziel gesetzt hat.

Nachdem 2000 der Schürzen nun im Bahnhof St. Gallen an einer 1500 Meter langen Girlande aufgehängt sind, wissen wir es. Daraus ist ein Kunstprojekt entstanden, um die Wegwerfmentalität zu thematisieren. Die Schürzen wurden zuvor alle gewaschen und faltenfrei gebügelt. Nun flattern sie im Wind. Zu einer Girlande geknüpft haben sie die Pensionär:innen der Alters- und Pflegeheime Sömmerli, GHG Rosenberg und Wienerberg sowie der Verein Mosaik.

Entstanden ist das "Schösslimeer" am Bahnhof, wo es bis Ende Juni bestaunt werden kann. "Verknüpft" nennt sich das Projekt, auch weil es Menschen im Entstehen der Girlanden und darüber hinaus verbunden hat. Die Installation sei der Abschluss. Entscheidend sei aber der gemeinsame Prozess der Gestaltung gewesen, so die Projekt-Initiantin Denise Hofer.

Besonders faszinierend ist es, wenn der Wind die Schössli wellenartig in Bewegung versetzt. Dazu lohnt es sich, einige Zeit zu diesem Himmel hinaufzuschauen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Mittwoch, 20. März 2024

Bäcker unter Wasser

Ein Zitat

Zweierlei Ellenmasse und eine als Brotmass bekannte, kreisförmige Anomalie finden sich auf der linken Seite des Hauptportals in den Stephansdom von Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Bäckerlein, Bäckerlein, / Lass dein Brot gewichtig sein! / Sonst zieh'n wir dich bei Schnee und Wind / Zur Donaulände hin geschwind." Aus einem Spottlied beim Bäckerschupfen

Ein Bibelvers - 1. Mose 40,16+17

"Als der Hofbäcker die erfreuliche Deutung hörte, sagte er zu Josef: 'Auch ich hatte einen Traum. Ich trug drei Körbe mit feinem Gebäck übereinander auf dem Kopf. Im obersten Korb lagen Backwaren für den Pharao. Doch die Vögel fraßen sie auf – aus dem Korb auf meinem Kopf heraus.'"

Eine Anregung

Gleich links vom Haupteingang in den Wiener Stephansdom sind zwei Gusseisenstangen waagrecht in die Mauer eingelassen. Dabei handelt es sich um früher übliche Längenmasse. Oben findet sich die kleine Tuchelle (776 mm) oder Wiener Elle (777,6 mmm), unten die grosse Leinenelle oder Brabanter Elle (896 mm). Dass die Tuchelle um 1,6 mm von der Wiener Elle abweicht, ist auffällig. Die Brabanter Elle hängt wohl mit flandrischen Tuchhändlern zusammen, welche um 1200 ein Handelsprivileg in Wien erhielten. Letzteres Mass war später nicht mehr in Gebrauch. Händler und Kunden konnten also hier öffentlich ihre Stoffe abmessen und kontrollieren.

Über den Ellen findet sich ein Kreis, der unter den Wienern als "Brotmass" bekannt ist, in Wirklichkeit aber nichts mit Brot zu tun hat. Dieser Kreis soll die Normgrösse des Brotes darstellen, an die sich ein Bäcker zu halten hatte. Tatsächlich sind es Einritzungen eines beweglichen Hackens, mit dem auf beiden Seiten des Haupteingangs das Eisentor, das es früher hier gab, befestigt wurde. Durch die Verwendung des Hackens zeichneten sich dessen Spuren eben kreisrund auf dem Sandstein ab.

Eine andere Sache aber gab es zwischen dem 13. Jahrhundert und dem Jahr 1773 in Wien wirklich: Das Bäckerschupfen. Bäcker, die beim Brotmass oder Brotgewicht betrogen, wurden in einem Käfig mehrfach in der Donau untergetaucht. Für den Bäcker war das gar nicht lustig. Beim Untertauchen wurde er mit Spott der Zuschauenden belegt. Auch historisch gesichert ist, dass es beim Bäckerschupfen in Wien mindestens einmal zu einem tödlichen Unfall gekommen war. Diese Strafe war folglich in der Bäckerzunft noch gefürchteter als Geldstrafen, Schandmasken und Pranger.

Dass es Bäcker auch schon zu Pharaos Zeiten schwer hatten, davon zeugt die biblische Josefsgeschichte. Darin wird einem inhaftierten Bäcker, der beim Pharao in Ungnade gefallen war, durch Josef ein Traum gedeutet mit dem Ergebnis: Todesstrafe durch Erhängen. So kam es dann auch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 8. Oktober 2021

Türkischrot, weiherblau und wiesengrün

Ein Zitat

Der Tröckneturm in Lachenquartier St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Wenn ein Schwarz-Weiß-Denker Farbe bekennen muss, sieht er normalerweise rot." Ernst Ferstl, Schriftsteller

Ein Bibelvers - Jesaja 1,18

"'Kommt, lasst uns miteinander vor Gericht ziehen', spricht der Herr. 'Auch wenn eure Sünden scharlachrot sind, können sie weiß werden wie Schnee. Und wenn sie purpurrot sind, können sie weiß werden wie Wolle.'"

Ein Anregung

Beim Burgweiher im Lachenquartier steht seit 1828 der Tröckneturm. Heute ist er ein Kulturgut von nationaler Bedeutung und eng verknüpft mit der Textilindustrie der Stadt. Es war der St. Galler Kaufmann Johann Jakob Täschler (1786-1830), der dort eine Garn und Rotfärberei einrichtete.

Türkischrot wird die Farbe genannt, die durch Wurzeln des Färberkrapps (Rubia tinctorum) erzeugt wurden. Im und aussen am Turm unter dem weit auskragenden Dach wurden die frisch gefärbten Stoffbahnen zum trocknen aufgehängt. Das sah dann vielleicht ein bisschen so aus, als hätte das Ehepaar Christo den Turm in roten Stoff eingekleidet. 

Heute befindet sich im Turm ein Raum mit 50-60 Sitzplätzen für Anlässe, und eine Dokumentationsstelle zur Geschichte der sanktgallischen Textilindustrie.

Der Tröckneturm steht beim Burgweiher, der grössten Grünfläche innerhalb der Stadt St. Gallen. Seit 2020 ist das 14 Fussballfelder grosse Areal wieder auf Wegen erschlossen und dient als Naherholungsgebiet und Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Daran vorbei führt der Jakobsweg von St. Gallen nach Herisau. Und ebenfalls gibt es seit neuestem dort Stationen des einen von zwei Naturpfaden als Teil der "Tobelwelt Sitter für alle".

Mehr dazu dann im morgigen Blog. Für heute empfehle ich den Besuch des Burgweiherareals.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde