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Mittwoch, 16. Juli 2025

Bier analog, Meditation digital

Ein Zitat

Eine meditative Umgebung an einem der Strände auf der griechischen Insel Kos. (Foto: Sabine Möckli Niederer)
Foto © Sabine Möckli Niederer
"Gott ist über, jenseits, für dich, unnahbar nah und alles in allem. Entdecke Weite und Freiheit in Glaube und Gottesbild." Webseite Netzkloster

Ein Bibelvers - Offenbarung 8,1

"Als das Lamm das siebte Siegel öffnete, wurde es still im Himmel, etwa eine halbe Stunde lang."

Eine Anregung

Fast vier Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal (Siehe Beitrag vom 11.11.2021!) vom Netzkloster berichtet. Seither ist viel geschehen. Dave Jäggi, wurde abgelöst als Netzabt durch Simon Weinreich, Pfarrer in der reformierte Kirche Illnau-Effretikon. Die reformierte Zürcher Landeskirche ging für die Förderung des Netzklosters aus dem Innovationsfonds eine Kooperationsvereinbarung mit der Gründungsträgerschaft Evangelisch-methodistische Kirche ein. Nebensächlicher ist, dass es nun auch ein analoges Netzklosterbier gibt, das man in Flaschen in Zürich, Bern und Effretikon beziehen kann.

Die meditativen Angebote sind aber nach wie vor weitgehend digital und richten sich an Menschen, die sich vertieft dem Meditieren im Alltag hingeben möchten.

Sascha, 33 Jahre alt, schreibt über das Angebot der Novatio: "Für mich ist Achtsamkeit eine der zentralen Eigenschaften, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen, Wenn eine gerechte, freie und sichere Welt unser Ziel ist, dann ist Achtsamkeit der Weg dorthin. (Christliche) Meditation befähigt Menschen zu einem grösseren Mass an Empathie und Resilienz, in dem sie den Kapazitätsraum in uns vergrössert. Darum bin ich so ungeheuer dankbar für die Angebote aus dem Netzkloster. Diese helfen, eine Lücke im christlichen Kontext zu schliessen."

Abgesehen vom Schnupperangebot Inspectio kosten die Kurse und Ausbildungsgänge zwischen CHF 90.- bis CHF 360.-. Versprochen wird, dass die "...kontinuierliche Meditationspraxis dich in Verbindung bringt: mit dir selbst, mit Gott und mit der faszinierend komplexen Welt, in der du lebst."

Auch wenn man es sich nicht vorstellen kann, in dieser mystischen Weise nach der Meditationsform des Herzensgebet still zu werden, ist ein Blick auf die sehr gelungene Webseite in jedem Fall lohnend.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 11. Juli 2025

Holzschindelgebet

Ein Zitat

Holzschindeln an der Hausfassade der Mediothek Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"O dass doch meine Stimme schallte / bis dahin, wo die Sonne steht; / o dass mein Blut mit Jauchzen wallte, / so lang es noch im Laufe geht; / ach wär ein jeder Puls ein Dank / und jeder Odem ein Gesang!" Johann Mentzer (1658-1734)

Ein Bibelvers - 2. Könige 20,2

"Da drehte Hiskija das Gesicht zur Wand und betete zum Herrn..."

Eine Anregung

Die Mediothek in Bäretswil ist ein modernes Gebäude mit einem Flachdach. Es fällt aber auf, dass sie vollständig mit Holzschindeln eingekleidet ist.

Die Schindeln haben etwas Beruhigendes. Gleichmässig verteilt ergibt sich ein rhythmisches Muster. Keine der Schindeln ist genau gleich, auch sind sie nicht perfekt angeordnet. Die kleinen Abweichungen gehören dazu. Sie sind zu gering, als dass sie stören könnten. Sie sind zu offensichtlich, als dass sie nicht wahrgenommen werden. Eine Litanei aus Holz. Ein sich wiederholendes, Haus gewordenes Gebet. 

Ich stelle mir vor, wie der Schindelmacher eine Schindel nach der anderen ausgesucht und angeordnet hat. Es sind wohl Tausende. Die immer gleichen Bewegungen, Handgriffe, Hammerschläge. Erfüllende Eintönigkeit. Wie beim Stricken hat man Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen. Ein architektonischer Rosenkranz.

Den Perlen gleich folge ich den Schindeln, spreche meinen Dank, meine Bitten, meine Hoffnungen meine Sehnsüchte aus. Jede Schindel, ein Atemhohlen, "... und jeder Odem ein Gesang".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 18. April 2025

Kreuzweg der Gegenwart 2025

Ein Zitat

Am letztjährigen Kreuzweg der Gegenwart von Karfreitag in St. Gallen beteiligten sich wie jedes Jahr eine grössere Zahl Menschen.
Foto © Jörg Niederer
"Wir tragen ein Kreuz und erinnern dabei an alle Kreuze, die unsichtbar sind. Sie belasten uns als Einzelne, als Gesellschaft, als Glaubende und Zweifelnde. Täglich nehmen wir solche Kreuze auf, tragen sie, vielleicht unbeachtet, und doch durch sie belastet." Matthias Wenk

Ein Bibelvers - Lukas 23,46

"Und Jesus schrie laut: 'Vater, ich lege mein Leben in deine Hand.' Nach diesen Worten starb er."

Eine Anregung

Heute um 12.00 Uhr machen sich Interessierte bei der Kirche Riethüsli an der Gerhardtstrasse 11 in St. Gallen wieder auf den Weg zu Stationen auf dem Kreuzweg der Gegenwart. Der Anlass findet schon seit fast zwei Jahrzehnten jeweils an den Karfreitagen in St. Gallen statt und wird von vielen Kirchen gemeinsam getragen.

Der diesjährige Weg führt über sieben Stationen zur Kirche St. Otmar. Bei jeder Station wird innegehalten. Es folgen Gedanken zu einem Thema, das mit diesem Ort verbunden ist. Dann wird in das mitgeführte Holzkreuz ein Nagel eingeschlagen. Eine Schweigeminute endet mit einem Taizé-Lied. In diesem Jahr werden zudem Sänger:innen unterwegs drei Choräle aus der Johannespassion singen.

Oft hinterlassen die Texte zu den Stationen nachhaltigen Eindruck. Die ökumenische Gemeinschaft ist gerade in der Passionszeit von besonderer Bedeutung.

Zum Kreuzweg der Gegenwart sind alle herzlich eingeladen. Einzige Voraussetzung: Es gilt einen Weg von ca. 5 Kilometern zu bewältigen, wobei es in diesem Jahr kaum Anstiege zu verzeichnen hat. Der Anlass endet um 14.00 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 27. Februar 2025

Tageszeitengebete bei sich zuhause

Ein Zitat

Der ehemalige Klosterkomplex der Lazariter im Gfenn bei Dübendorf.
Foto © Jörg Niederer
"Jeden Morgen ereignet sich im Kleinen Ostern, leuchtet der Ostermorgen in unser Leben hinein. Jeden Morgen drängt Gott alle Kälte und Dunkelheit zurück, wälzt den Stein vom finsteren Grab und erschafft uns neue Zukunft." Aus dem Donnerstagmorgen-Tageszeitengebet auf der Webseite LebensLiturgien.

Ein Bibelvers - Matthäus 28,5

"Der Engel sagte zu den Frauen: 'Fürchtet euch nicht! Ich weiss: Ihr sucht Jesus, der gekreuzigt wurde.'"

Eine Anregung

Tageszeitengebete werden vorwiegend in Klöstern praktiziert. Ausserhalb dieser geistlichen Zentren ist es nicht so einfach, sich dazu die Zeit zu nehmen und konzentriert bei der Sache zu sein. Die Webseite "LebensLiturgien" bietet da Hilfestellung.

Die Tageszeitengebete dieses Angebots bestehen aus einem Satz von drei meditativen Andachten für jeden Wochentag, und einer Andacht für den Sonntag. Jede Woche wiederholen sich die Gebete und Lesungen und treffen auf einen einmaligen Tag.

Mehr Vielfalt bieten die Morgengebets-Podcasts. Aktuell kommen die Anregungen dazu aus dem Leben von Martin Luther King. Auch da sind die "Informationsbeiträge" eingebettet in Lesungen und Gebete. 

Sebastian Steinbach, evangelischer Pfarrer in Hirsau schreibt dazu: "Wir hoffen, dass LebensLiturgien dir dabei hilft, dein Denken und Tun heilsam zu unterbrechen, innerlich zur Ruhe zu kommen und dich mit Gott zu verbinden. Sei gesegnet!"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 13. Oktober 2024

Ein Wimmelbild in der Franziskanerkirche

Ein Zitat

Fresko von Bernardino Luini in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Gerechtigkeit ist nur in der Hölle, im Himmel ist Gnade, und auf Erden ist das Kreuz." Gertrud von Le Fort (1876-1971)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 3,15

"Ihr habt den getötet, der das Leben bringt. Doch Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen."

Eine Anregung

1524 malte der bedeutende lombardische Künstler Bernardino Luini (gestorben 1532) in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano auf der Lettnerwand ein Wimmelbild mit Szenen der Passion Christi. Auf den 110 Quadratmetern beginnt die Geschichte "oben links mit Christus am Ölberg, fährt mit der Dornenkrönung in der Loggia fort und rechts davon mit der Kreuztragung. Im Zentrum im Vordergrund ist die Kreuzigung zu sehen. Im Hintergrund rechts folgen die Beweinung Christi, der Ungläubige Thomas in der Loggia und oben rechts Christi Himmelfahrt." (Quelle: Offiziellen Bildbeschreibung).

Die Fülle an zu Entdeckendem auf diesem Fresko nach der Schule von Leonardo da Vinci mag manchen Gottesdienstbesuchenden in seiner Kontemplation unterstützt haben. Warum soll das nicht auch noch heute funktionieren? Wie etwa hat der Künstler die Haltung der beiden links und rechts von Jesus gekreuzigten Menschen herausgehoben? Entdeckst du auch die beiden Hunde auf dem Bild? Und wo ist ein Skorpion zu finden? Auch meine ich, dass da auch eine Katze im Getümmel entdeckt werden kann.

Noch eine kleine Sache: Auf einer Fahne steht: "S.P.Q.R." Die Abkürzung steht für "Senatus populusque Romanus", auf Deutsch "Senat und Volk von Rom". Damit weitet der Künstler die Verantwortung am Tod Christi auf Menschen aus, deren Herkunft auf das Imperium Romanum zurückgeht, was hier wohl als "alle Menschen" (und nicht nur die Juden) zu verstehen ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 26. September 2024

Herbstmeditation

Ein Zitat

Ein Baum im Salatfeld bei Kloten.
Foto © Jörg Niederer
"Man ist nie zu alt, um in einen Laubhaufen zu springen." Unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 104,19

"Den Mond hast du für die Festzeiten gemacht. Die Sonne weiß, wann sie untergehen soll."

Eine Anregung

Ein typisches Herbstbild. Die Ambivalenz der Natur. Unkräuter zwischen Salatköpfen. Licht und Schatten. Himmel und Erde. Leben und Tod. Ein üppiges, letztes Aufleuchten. Bald wird die Ernte eingefahren. Was so vital und lebendig, währt nur kurz. Der halbverwelkte Baum dagegen wird wohl auch im nächsten Jahr seinen Schatten werfen. Angeschlagen, aber nicht besiegt.

Was möchte ich sein: Dieser alte Baum, gezeichnet und versehrt, oder ein Salatkopf, jung, saftig, austauschbar und kurzlebig? Bin ich gar das Unkraut, störe ich das schöne Bild, dränge mich ungefragt dazwischen?

Sicher ist: Mein Sommer liegt hinter mir. Es ist Herbst geworden, ganz und gar.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 4. August 2024

Das Chappeli von Leutmerken

Ein Zitat

Die Kapelle "Maria am hohen Weg" zwischen Leutmerken und Griesenberg.
Foto © Jörg Niederer
"Die besonders familiäre Gottesdienst-Atmosphäre an diesem idyllischen Gnadenort lockt immer wieder Pilger und Pilgerinnen von nah und fern zur besinnlichen Einkehr." Webseite des Pastoralraums Nollen-Lauchental-Thur

Ein Bibelvers - Klagelieder 1,12

"Ihr alle, die ihr auf dem Weg vorbeikommt, seht her und schaut es euch an: Gibt es einen größeren Schmerz als meinen, den Schmerz, den ich erleiden musste?"

Eine Anregung

Unweit von Leutmerken im Kanton Thurgau, am Feldweg zum Schloss und Weiler Griesenberg (Über diesen Ort werden ich in einem späteren Beitrag noch mehr erzählen.), steht die Kapelle "Maria am hohen Weg". Sie ist üblicherweise nicht geöffnet. Da nicht weit entfernt davon der Schwabenweg, ein Teilstück des internationalen Jakobswegs vorbeiführt, kann vermutet werden, dass hier seit vielen Jahren auch immer wieder Pilger vorbeikamen.

Nun liegt die Kapelle am Stählibuckweg, ein noch nicht lange ausgeschilderter Wanderweg, den man mit etwas Kondition in einem Stück von Amlikon über den Stählibuck nach Frauenfeld bewältigen kann.

Auf der anderen Seite des Wegs, dem Chappeli, wie das kleine Gotteshaus auch genannt wird, gegenüber und flankiert von zwei Zypressen, steht ein Wegkreuz aus dem Jahr 1886 mit einem vergoldeten Gekreuzigten. Dort lese ich: "O ihr Alle, die ihr am Wege vorbei geht, gebet Acht u. schauet ob ein Schmerz ist gleich meinem Schmerze." Der Text aus Klagelieder 1,12 findet in der Bibel eine Fortsetzung in den Worten: "Der Herr selbst hat ihn [den Schmerz] mir zugefügt am Tag seines unbändigen Zorns." 

Mit diesen Worten wird, was sich anfänglich als Aufforderung zu einer Schmerzensmann-Meditation liest, zu einem komplexen theologischen Problem. Fügt Gott Menschen in seinem Zorn Schmerzen zu? Muss jemand Schmerzen leiden, um Gottes Zorn zu besänftigen? Können diese Worte aus den vorchristlichen, jüdischen Klageliedern auf den gekreuzigten Christus bezogen werden? Denn in den Klageliedern wird anlässlich der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahr 586 v. Christus das Schicksal des Königreichs Juda (und nicht das Schicksal von Jesus!) von A bis Z durchbuchstabiert. Also eine ganz andere Zeit und eine ganz andere Situation ist mit diesen Worten beschrieben. Letzte Frage: Was hat ein als vor Gott schuldig verstandenes Volk Juda mit dem unschuldig leidenden und sterbenden Christus zu tun?

Viele Fragen sind das. Genug, um einen ganzen Sonntag lang darüber zu sinnen. Am Besten an einem so meditativen Ort wie bei Chappeli, dort auf dem Weg zwischen Griesenberg und Leutmerken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 23. Mai 2024

Der Mitte, der Tiefe zu

Ein Zitat

Gewöhnlicher Wurmfarn.
Foto © Jörg Niederer
"Das Tiefste hat das kleinste Publikum." Theodor Fontane (1819-1898)

Ein Bibelvers - 2. Timotheus 3,15

"Und du kennst auch von klein auf die Heilige Schrift. Sie kann dir das nötige Verständnis vermitteln, damit du durch den Glauben an Christus Jesus gerettet wirst."

Eine Anregung

Ich folge gerne den Farnwedeln zur Mitte, in die Tiefe. Je näher ich diesem Zentrum kommt, desto gleichmässiger und zugleich faszettenreicher wird das Bild. Zuunterst findet sich ein dunkler Kreis, ein Schwarzes Loch, ein Ursprungsort, ein geheimnisvolles Nichts.

Ich folge gerne den Gedanken und Worten der Bibel zur Mitte, in die Tiefe. Je näher ich diesem Zentrum komme, desto gleichmässiger und zugleich faszettenreicher wird das Bild. Zuunterst findet sich eine nicht weiter zu ergründende Stelle, ein erster Gedanke, ein axiomatischer Raum, ein Ursprungsort, ein geheimnisvolles Alles.

Im Lesen und Nachdenken über biblischen Texten erschliesst sich mir dieses Wunder nicht einmal unter tausend, sondern immer wieder von Neuem. Als wäre die Bibel ein Wald voller Farnpflanzen, die mich je zur Mittel leiten, zu Gott.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 19. September 2023

Ganz Da sein

Ein Zitat

Portrait eines Silberreihers
Foto © Jörg Niederer
"Zu fragen bin ich da, nicht zu antworten!" Henrik Ibsen (1828-1906)

Ein Bibelvers - Psalm 51,12

"Erschaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, festen Geist!"

Eine Anregung

Ist er nicht schön, der Silberreiher? Erst die Nahaufnahme zeigt den vom Auge ausgehenden schönen Farbübergang von Grün zu Orange. Um das zu sehen, muss man dem Lauerjäger aber ganz schön nahe kommen. Das ist nicht so einfach, denn meistens ist er bei der kleinsten Störung weg, fliegt auf und davon.

Ganz anders war es bei der Inklusin Wiborada von St. Gallen. Ihr konnte man immer nahe kommen. Von ihr wusste man stets, wo sie zu finden war. Nämlich in ihrer selbstgewählten Zelle.

Dazu lese ich in einem Heft mit "Spirituellen Impulsen aus der Zelle" Folgendes: "Wiborada hat sich mit ihrer freien Entscheidung als Inklusin zu leben, selbst verwirklicht. Mit ihrem Da sein hat sie den ersten Namen von Gott 'Ich bin da' für eine Stadt gelebt. Sie war immer da. Von niemand anderem sonst wusste man genau, wer wo ist, aber von Wiborada schon. sie war da in ihrer Zelle." 

Das gelungene Heft mit dem Titel "da sein" ist auch online abrufbar. Es enthält 26 Impulse, geschrieben von Seelsorgerinnen und Pfarrerinnen. Zu jedem Impuls hat die Designerin Fiona Kopp Grafiken beigesteuert. Anregungen helfen, mit den Gedanken durch den Tag zu gehen. Bei den Gedanken zum "Da-sein" lauten diese Anregen so: "Ich versuche immer wieder darauf zu achten, dass ich ganz da bin, ganz bei der Sache, hellwach, aufmerksam, mit ganzem Herzen dabei, ganz mit mir selbst.
Am Abend kann ich auf diesen Tag zurückschauen und mich fragen, wie es mir ergangen ist. Wann war ich ganz da?"

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 8. September 2023

Meditation im Klostergarten

Ein Zitat

Blick in den neu angelegten Klostergarten St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Thema Biodiversität ist in aller Munde. Aber leben sollte man es auch. Jetzt ist der Moment. Wir müssen heute handeln, nicht erst morgen." Landschaftsgärtner und Vogelliebhaber Christian Hänni im St. Galler Tagblatt

Ein Bibelvers - 2. Mose 16,31

"Die Speise war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen. Die Israeliten nannten sie 'Manna'."

Eine Anregung

Der Stiftsbezirk St. Gallen hat einen Klostergarten bekommen. Dazu angeregt hatte Gartenbauunternehmer Christian Hänni. Nun findet man neben dem Pfalzkeller rund 100 Heil- und Wildkräuter. Gärten gehörten schon immer zu den Klöstern. Der berühmte Klosterplan von St. Gallen sah sie schon vor. Einerseits waren sie bestimmt für die Ernährung der Mönche und Nonnen. Andererseits wurden von Pflanzen, die dort wuchsen, allerlei Heilmittel hergestellt. 

Klostergärten haben etwas Meditatives. Es sind meist ruhige Orte. So auch der neuen Klostergarten. Bänke zwischen den Hochbeeten laden zum Verweilen. Die Düfte der Pflanzen erfüllen die Luft, genauso wie das Summen der Insekten über den Blüten. Jemand fährt mit der Hand über die kleinen Blättchen der Polei-Minze, die als Polster über den Rand des Beets wächst. Ich tue es ihr gleich. Danach ist meine Haut mit einem aromatischen Duft überzogen.

Die Vielfalt der Pflanzen ist für die Biodiversität von grossem Nutzen. Der Tisch ist gedeckt für allerlei Insekten. Im Winter werden die Blütenstängel mit ihren Samen Vögel anlocken.

Christian Hänni will für die Pflege des Gartens einen Verein gründen, um so Interessierte zu finden, welche giessen und jäten. Warum auch nicht. Gartenarbeit kann meditativ sein und der Seele gut tun. Schon der Besuch des Gartens beglückt und lenkt ab vom Alltagsstress. 

Nach dem Besuch kann man ja noch über den Klosterplatz schlendern, vielleicht mit einem einzelnen Blättchen der duftenden Minze zwischen den Fingern.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. November 2021

GLAUBe-Rad und Netzkloster

Ein Zitat

Dave Jäggi führt in die Meditation mit dem GLAUBe-Rad ein.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist über, jenseits, für dich, unnahbar nah und alles in allem. Entdecke Weite und Freiheit in Glaube und Gottesbild." Webseite von Netzkloster

Ein Bibelvers - Psalm 3,6

"Ich legte mich nieder und schlief. Als ich erwachte, wusste ich: Der Herr hält seine Hand über mich."

Ein Anregung

Die Teilnehmenden an der Pfarrweiterbildung der Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) wurden an den Morgen jeweils in einer Zeit der Meditation geleitet.

Dave Jäggi vom Netzkloster ging dabei dem GLAUBe-Rad entlang. Im Zentrum stehe dabei die "Meditationsform des Herzensgebets mit ihrer Jahrhunderte alten Tradition. Ziel ist die Gegenwärtigkeit des Menschen in der Präsenz Gottes. Dabei setzt man sich still und aufrecht hin, richtet die Achtsamkeit auf den Atem und betet innerlich ein 'Atemwort'". Das wurde dann auch in einer halben Stunde anhand des "GLAUBe-Rads" praktiziert. Ausgehend von der Nabe eines Wagenrads wandert man in Gedanken entlang der Speichen immer wieder nach aussen und zurück und konzentriert sich dabei nacheinander auf die Gedanken (G), den Leib (L), die Affekte (A), die Umgebung (U), die Beziehungen (B) und das Engagement (e). 

Wer probeweise angeleitet werden möchte in dieser Form des Betens kann sich auf der Webseite des Netzklosters zu einer Inspectio, einem Schnupperabend, anmelden. Der nächste findet am 20. Januar 2021 von 20.00-21.30 Uhr statt. 

Das wäre auch eine der Möglichkeiten, den Netz-Abt zu treffen. Dave Jäggi schreibt dazu: "Die Bezeichnung 'Netz-Abt' ist mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Der Abt ist Vorsteher eines Klosters. Er hält die Fäden zusammen und begleitet Menschen... Beruflich bin ich Pfarrer EMK in einer Fresh-X und Theologe in der Erwachsenenbildung. Ich habe Erfahrungen mit Exerzitien, Kontemplation, MBSR, Zen und meditativem Bogenschiessen." 

In einem kurzen Radiobeitrag von Radio Live Channel erfährt man, worum es beim Netzkloster geht. Und auch als Blogger kann man Dave Jäggi kennenlernen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde