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Sonntag, 24. Dezember 2023

Auch eine Gewalt- und Fluchtgeschichte

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Glasfenster von August Wanner in der Pfarrkirche St. Pankratius in Bolligen zur Geburts- und Jugendgeschichte von Jesus: Die Flucht nach Ägypten.
Foto © Jörg Niederer
"Schenken heißt, einem anderen etwas geben, was man am liebsten selbst behalten möchte." Selma Lagerlöf (1858-1940)

Ein Bibelvers - Matthäus 2,14

"Daraufhin stand Josef mitten in der Nacht auf. Er nahm das Kind und seine Mutter und zog mit ihnen nach Ägypten."

Eine Anregung

In den Evangelien geht es Schlag auf Schlag. Nach der Geburt und der Anbetung der Könige folgt die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. So erzählt es jedenfalls Matthäus. Damit ist Jesus schon als Kind auf das Wohlwollen von anderen Menschen angewiesen.

Wie zeigt man der Menschheit, dass auch mit der Geburt von Jesus nicht einfach heile Welt ist? Man kann es so tun wie auf dem Glasfenster, indem man Maria mit dem Jesuskind auf einem Esel reitend darstellt, geführt von Josef. Ein idyllisches Bild der Flucht. Zu Fliehen ist aber gefährlich, das wissen wir heute sehr gut.

Gar nicht indirekt erzählt der Kindermord in Bethlehem davon, dass nicht heile Welt geworden ist, als Jesus geboren wurde. Ein Kindermord, das ist ganz sicher kein idyllisches Bild. Und doch ist es auch Teil der Weihnachtsbotschaft der Bibel.

Es ist eben so: Gott kommt in die Welt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die Welt das gar nicht besonders gut findet, wenn Gott sich einmischt. Ja, manche wollten ihn liebend gern loswerden. Gott aber will uns liebend gerne nahe sein und bleiben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 1. August 2023

Die Hoffnung der ägyptischen Katzen

Ein Zitat

Katze in Sierre
Foto © Jörg Niederer
"Eine dösende Katze ist das Abbild perfekter Seligkeit." Jules Champfleury (1821-1889), Schriftsteller

Ein Bibelvers - Baruch 6,20-22

"Ihr [Der Götzen] Angesicht ist schwarz vom Rauch im Tempel. Und die Fledermäuse, Schwalben und andere Vögel setzen sich auf ihre Leiber und Köpfe, ebenso auch die Katzen. Daran könnt ihr merken, dass sie keine Götter sind. Darum fürchtet sie nicht!" (Kommentar: Das ist die einzige Stelle in einem biblischen Buch, in dem die Hauskatze vorkommt.)

Eine Anregung

Ägyptens Katzen mussten voller Sehnsucht die römischen Besatzungstruppen und damit die ersten Christen erwartet haben. Denn diese beendeten die griechisch-ägyptische Zeit und damit eine Praxis, die den Haustigern gar nicht gut getan hat. Denn damals ging die Katzenliebe über den Tod hinaus.

Ägypterinnen und Ägypter verehrten schon seit vielen Jahrhunderten Bastet, die als Katzengöttin dargestellte Tochter des Sonnengotts Ra. Sie stand für Fruchtbarkeit und Liebe. Bis zur Unterwerfung Ägyptens (332-331 v.Chr.) unter Alexanders dem Grossen war das für die Katzen von grossem Vorteil. Denn damit standen sie unter besonderem Schutz, und durften nicht getötet werden. Verstorbene Katzen wurden oft mumifiziert und als Grabbeilage oder im Tempelbereich der Bastet beigesetzt.

Doch die Griechen brachten die Tieropfer ins Land der Pharaonen. Zugleich waren sie fasziniert vom Totenkult der Ägypter und ihren Fähigkeiten, verstorbene Menschen und Tiere durch Mumifizierung für die Ewigkeit herzurichten. Und so begann das Unglück für die Katzen. Die griechische Opferung und die ägyptische Mumifizierung wurden verbunden. Katzen wurden im Tempel Bubasteion, dem ptolemäisch-römischer Tempelbezirk der Bastet in der Totenstadt Sakkara, zu tausenden rituell geopfert und dann mumifiziert. Diese Katzenmumien wurden von den Priestern an die Gläubigen verkauft und durch diese auf dem Katzenfriedhof beigesetzt. Dahinter stand vielleicht die Vorstellung, man tue den Tieren etwas Gutes, wenn man sie für das Leben nach dem Tod herrichte, das als weitaus wesentlicher verstanden wurde als das kurze Leben auf der Erde.

Während die griechischen Eroberer sich weitgehend in Ägypten assimilierten und bald mehr als Ägypter galten denn als Griechen, war das unter den nachfolgenden römischen Herrschern ganz anders. Diese zwangen die Ägypter, ihre religiösen Bräuche aufzugeben und sich den römischen Gottheiten zuzuwenden. Mit den Römern fand auch der noch ganz neue christliche Glaube Einzug in Ägypten und löste mit der Zeit den Tieropferkult vollständig ab. Die tödliche Verehrung der Katzen kam zum Erliegen, ein Segen für die sanften Tiere auf vier Pfoten und das Ende ihres Leidenswegs im Land am Nil.

Heute, am Nationalfeiertag der Schweiz, werden keine Katzen mehr geopfert. Aber deren Freude an diesem besonderen Tag wird getrübt sein durch die Knallerei und das Feuerwerk. Das mag Tiere und mache Menschen herausfordern, doch zumindest endet es nicht einbalsamiert und mumifiziert in einer Gruft der Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Bastet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 26. August 2022

Der Turmfalke und die Wachsamkeit

Ein Zitat

Ein Turmfalke jagt im Rüttelflug am Pfäffikersee
Foto © Jörg Niederer
"Ständig diese Hoffnung, dass ein Falke auf meiner Hand landet, wenn ich den Backofenhandschuh anziehe."

Ein Bibelvers – Hiob 39,26

"Geschieht es durch deine Einsicht, dass der Falke sich in die Lüfte erhebt? Liegt’s an dir, dass er seine Flügel ausbreitet und sich vom Südwind davontragen lässt?"

Ein Anregung

Es ist die häufigste Falkenart in der Schweiz. Der Turmfalke oder Rüttelfalke, wie man ihm auch sagt, weil er mit den Flügeln rüttelnd in der Luft "stillstehen" kann. Dem Raubvogel gelingt es dabei, den Kopf ganz ruhig zu halten und jede Bewegung auszugleichen. Das hilft ihm bei der Jagd auf kleine Vögel, Echsen, Mäuse und Käfer. 

Einmal wurde ich Zeuge, wie ein Falke ein vorbeiziehendes Vögelchen aus der Luft griff. Und immer, wenn ich in der Bahn von Frauenfeld nach Weinfelden unterwegs bin, fliegen Turmfalken vom herannahenden Zug aufgescheucht von den Stromleitungen auf und davon.

Ob es sich bei den in der Bibel erwähnten Raubvögeln und Falken handelt, ist unsicher. Für den wichtigsten Gott der alten Ägypter, für Horus, stand dann wohl auch eher der Wanderfalke Pate. Dieser wurde schon von den Assyrern zur Jagd auf Krähen abgerichtet. Die Pharaonen Ägyptens verstanden sich als Inkarnation des Horus ("Lebender Horus") und verwendeten den Falken in ihrem Königstitel. 

Da die Wurzeln der Israeliten eng verbunden sind mit Ägypten – man denke an Mose und die Pharaonentochter – war ihnen die Verehrung des Horusfalken als Hauptgott der Ägypter gut bekannt. Hier könnte der Grund liegen, dass Falken bei den Juden als unreine Tiere gelten, die man nicht essen darf. In Ägypten soll sogar die Todesstrafe auf das (zufällige) Töten eines Falken gestanden haben.

Im Mittelalter wurde der Falke mit der Wachsamkeit in Verbindung gebracht und allegorisch umgedeutet als christliche Wachsamkeit vor den Versuchungen der Sünde. Heute stehen Falken für eine unberechenbare Gefährlichkeit. Wenn jemand zu den Falken und nicht zu den Tauben gehört, dann geht es diesem Menschen nicht um den Frieden, dann muss man vor dieser Person auf der Hut sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 22. Juli 2022

Afrikaner an der Thur

Ein Zitat

Familie Nilgans geniesst das Thurwasser bei Frauenfeld. Auch auf dem Bild: Zwei Waldwasserläufer.
Foto © Jörg Niederer
"Der Nil ist Ägypten." Sprichwort

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,2

"Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist."

Ein Anregung

Ich bin an der Thur, suche mit dem Feldstecher die Kiesbank ab. Noch bevor ich die Flussregenpfeifer entdecke, fällt mir eine ganz besondere Gans auf. Und es kommt noch besser. Etwas eine halbe Stunde später vergnügt sich eine fünfköpfige Vogelfamilie in der Thur. Genauer: Vogelfamilie Nilgans.

Die Vögel kommen also aus Afrika. Hier in Europa wurden sie als Ziervögel gehalten. Dann büxten sie aus und verbreiten sich ab ca. 1970 von den Niederlanden und Belgien aus entlang des Rheins und seiner Nebenflüsse. In der Schweiz brüten sie regelmässig, wie man anhand der Jungtiere leicht sehen kann.

Wer das Foto ganz genau betrachtet, entdeckt noch zwei Waldwasserläufer. Ab Mai sind diese Wattvögel bei uns auf der Durchreise in den Süden, wobei die einen früher unterwegs sind, die andern später.

Die Nilgänse gab es schon zur Zeit, als Mose in Ägypten lebte? In Theben galten sie als heilige Vögel des Schöpfergottes Amun. Auch sollen sie das Weltenei gelegt haben, aus dem der Sonnengott Re einst "schlüpfte".

Die Nilgans wird daher auch mit dem Geist Gottes gleichgesetzt, der im ersten Schöpfungsbericht der Bibel über der Urflut schwebte. In der Tat war die Gans für mich eine Erscheinung wie aus einer archaischen Welt, einer Welt, der Mose noch näher gestanden war als ich heute.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde