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Montag, 21. Juli 2025

Kämpfe im Verborgenen

Ein Zitat

Eine Hornisse überwältigt auf dem Boden liegend einen Gefleckten Schmalbock. Später trägt sie die Beute davon.
Foto © Jörg Niederer
"Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Bertold Brecht (1898-1956)

Ein Bibelvers - Römer 8,22+23a

"Wir wissen ja: Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz wie in Geburtswehen – bis heute. Und nicht nur sie: Uns geht es genauso!"

Eine Anregung

Während wir wandern, geschieht es tausendfach direkt um uns herum. Erst beobachten wir einen Grosser Blaupfeil, eine Libellenart, wie sie mit einem Kleinen Kohlweissling in den Fängen angeflogen kommt, und diesen am Boden auf dem Feldweg in kurzer Zeit verspeist. Vom Schmetterling bleiben nur noch die hellen Flügel übrig. 

Wenige Minuten später beobachten wir, wie sich eine Hornisse einen Käfer, einen Gefleckten Schmalbock, von einer Blüte weggreift und ihn auf dem Boden wälzend in wildem, mehrere Minuten dauernden Kampf tötet. Dann fliegt die Hornisse mit ihrer Beute auf und davon. 

Meist geschehen diese Dramen von uns Menschen unbemerkt. Ein Wels verschluckt im trüben Wasser den ahnungslos vorbeischwimmenden Fisch. Die Amsel pickt sich den Wurm und zieht ihn aus dem Boden. Ein Löwenrudel erbeutet ein Kaffernbüffel. Der Bauer verlädt das Kalb in einem Transporter. Es wird nicht mehr zurück kommen.

Es ist eine Welt voller Gewalt. Vielleicht spricht darum die Bibel von "gefallener Schöpfung". Dahinter steht die Erkenntnis und Beobachtung, dass diese Welt, in der wir leben, ohne tausendfachen Tod nicht denkbar ist. Frieden, Schalom, gibt es weder zwischen den Menschen noch in der Natur. Das ist frustrierend.

Manchmal stelle ich mir die Frage, wie eine Welt aussehen müsste, in der dieser Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden durchbrochen ist. Sozusagen eine Welt, in der sich die Lebensformen gegenseitig ernähren, ohne sich gleichzeitig zu töten. Einen richtigen, nachhaltigen Lösungsansatz für dieses Problem sehe ich allerdings nicht.

Es bleibt das Hoffen auf eine Neue Schöpfung, in der alle Tränen, aller Schmerz in Freude verwandelt sind.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 4. Juli 2025

Im Dunkeln geboren

Ein Zitat

Ein Gefleckter Schmalbock weidet die Blüten eines Zwerg-Holunders ab.
Foto © Jörg Niederer
"Verjage die Fliege auf der Stirn deines Freundes nicht mit dem Beil." Chinesisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Offenbarung 1,4+5a

"Johannes. An die sieben Gemeinden in der Provinz Asia. Ich wünsche euch Gnade und Frieden – von dem, der ist, der war und der kommt, von den sieben himmlischen Geistern vor seinem Thron und von Jesus Christus."

Eine Anregung

Langsam arbeitete er sich auf seinen sechs Beinen durch den dunklen Höhlengang vorwärts. Dort, im morschen Holz einer Birke hatte er sich von einem Wurm in einen wunderschönen Käfer verwandelt. Ob Käfern der Magen knurrt, weiss ich nicht. Doch da war dieser Drang nach etwas Süssem. Aus der Dunkelheit wurde langsam Dämmerung. Am Ende der Röhre zeichnete sich helles Licht ab. Einige Minuten verharrte der Gefleckte Schmalbock (so wird der Käfer heute genannt) beim Ausgang. Dann hatten sich die Flügel fertig entfaltet und waren ausgehärtet. Ohne es je gelernt zu haben, erhob sich der Käfer in die Luft, flog über die Kräuter und zwischen den Bäumen hindurch bis zu seinem Ziel, der Blütendolde des Zwerg-Holunders. Dort habe ich ihn fotografiert in der letzten Phase seines Lebens. 

In wenigen kurzen Monaten heisst es nun, sich zu paaren und für Nachwuchs zu sorgen. Danach geht es zu Ende mit ihm. Schon im September sind diese Käfer, die vorgeben, Wespen zu sein, nicht mehr zu finden. Was er bis dahin auch kann: Zirben wie eine Heuschrecke. 

Irgendwo habe ich gelesen, dass dieser Bockkäfer auch in Kleinasien vorkommt. Es ist also gut möglich, dass Paulus einst auf seinen Missionsreisen bei einem Rast auf einer Waldlichtung sich gewundert hat über diesen schönen Käfer. Gerade so, wie ich heute. Dann klappte der Gefleckte Schmalbock seine Deckflügel wie Tragflächen eines Flugzeugs auf die Seiten. Mit den transparenten Flügeln begann er zu schlagen, flog auf und davon in den Wald.

Paulus schaute ihm nach bis er verschwunden war. Dann schulterte auch er wieder seinen Sack, und machte sich weiter auf den Weg, den Gott ihm wies.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen