Freitag, 2. Dezember 2022

Das Bischofsamt und die Zweitplatzierte

Ein Zitat

Andrea Brunner-Wyss im Garten des Zwinglihauses in Basel.
Foto © Jörg Niederer
"Anstatt mir Sorgen zu machen, bete ich dafür, dass die Zukunft der Evangelisch-methodistischen Kirche auf den Philippinen und in der ganzen Welt voller aufregenden Möglichkeiten sein kann bei der Erfüllung der Mission Christi in dieser zerbrochenen Welt." Die neugewählte philippinische Bischöfin Ruby-Nell Estrella

Ein Bibelvers - Markus 10,45

"Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen. Im Gegenteil: Er ist gekommen, um anderen zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele Menschen."

Eine Anregung

An der Zentralkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche auf den Philippinen wurde nebst den Pfarrern Rodel M. Acdal und Israel Painit mit Pfarrerin Ruby-Nell Estrella erstmals eine Frau ins Bischofsamt der methodistischen Kirche in diesem Land gewählt. 

Auch in der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa hatte erstmals eine Frau echte Chancen, als Bischöfin gewählt zu werden. Andrea Brunner-Wyss erreichte hinter Stefan Zürcher das zweitbeste Ergebnis.

Wer ist diese Pfarrerin aus der Schweiz, die sich der Wahl und der damit verbundenen Herausforderung stellte. Andrea Brunner-Wyss ist 56 Jahre alt, verheiratet mit Thomas. Sie sind Eltern eines Sohnes. Ihr Lizentiat in Theologie hat sie 2002 an der Theologischen Fakultät Zürich erworben. In ihrem Personalblatt schreibt Andrea Brunner-Wyss selbst über ihre Ambitionen und Vorstellungen, wie sie das Bischofsamt ausgefüllt hätte:

"Mir liegt die Zentralkonferenz in ihrer Existenz und gegenwärtig grenz- und nationenübergreifenden Gestalt am Herzen. In unserem Bischofsgebiet kommen Menschen aus 13 Ländern im Namen Jesu Christi zusammen...

Was ich als meine Stärken betrachte... Auch in schwierigen Phasen an der Hoffnung und dem Guten festhalten. Schmerzhafte Realitäten nicht ignorieren...

Aus dem Gemeindepfarramt kenne ich unterschiedliche Frömmigkeitsstile. Ich kenne den Wunsch an mich als Pfarrerin, Fliehkräfte aufzuhalten und gelingende Rezepte zu finden, um den Mitgliederrückgang abzuwenden. Damit wäre ich auch als Bischöfin konfrontiert...

Als Bischöfin sehe ich meine Aufgabe darin zu inspirieren, geistliche Impulse zu setzen und mit meiner persönlichen Freude und Begeisterung die Prozesse zu begleiten, damit die verschiedenen Gremien und Gruppierungen der Jahreskonferenzen sich konstruktiv einbringen und das formulieren können, was ihnen wichtig ist...

Mein Leitungsverständnis... Leitung geschieht nicht nur dort, wo jemand vorne steht und Wortmeldungen ermöglicht. Leitung geschieht auch da, wo man zum eigenen Wort steht, wo überlegt wird, welche Situation welches Wort braucht und wo man auch jenen zugewandt bleibt, die zu einem anderen Wort stehen. Und manchmal leitet man gerade dort, wo man eigene Worte zurückhält, obwohl es populär wäre, weitere Worte zu machen oder da, wo man Worte bei sich behält und Gerüchte stoppt...

Im Gespräch lese ich nicht gerne zwischen den Zeilen und schätze es, wenn ich auf etwas direkt aufmerksam gemacht werde. Ich weiss aber, dass das Menschen schwerfallen kann. Ich müsste weiter daran arbeiten, vermehrt zurückzufragen und nicht überrascht zu sein, wenn Entscheidungsprozesse nochmals durchlaufen werden müssen... 

Meine Position in der Frage der Homosexualität: Persönlich vertrete ich in dieser Frage eine liberale Haltung. Kirchlich setze ich mich dafür ein, dass unterschiedliche Haltungen vertreten werden können. Für mich ist unser Umgang mit diversen Meinungen ein Zeugnis für tätige Liebe...

Egal wie der Wahlentscheid herauskommt, versehe ich weiterhin meinen Dienst mit Freude in unserer Kirche."

Warum zuletzt Stefan Zürcher und nicht Andrea Brunner-Wyss ins Bischofsamt gewählt wurde, darüber kann man nur spekulieren. Es war wohl weniger eine Frage des Geschlechts. Mir scheint, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter der traditionell denkenden kleineren Jährlichen Konferenzen Stefan Zürcher als moderater eingeschätzt haben.

Andrea Brunner-Wyss jedenfalls gehörte an der Zentralkonferenz zu den Ersten, die Stefan Zürcher zur Wahl als Bischof gratulierten. Auch darin zeigt sich ihre starke Persönlichkeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Das Fremdenspital beim Gallusbrünneli

Ein Zitat

Eine Amsel in einer Eibe bei der Wassergasse 22 in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Das Militär wird immer humaner: Bald werden die Rekruten später geweckt als die Spitalpatienten." Gerhard Kocher (*1939), Schweizer Politologe und Gesundheitsökonom

Ein Bibelvers - Maleachi 3,20

"Dann wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen für euch, die ihr meinen Namen fürchtet. Unter ihren Flügeln gibt es Heilung. Ihr werdet herauskommen und herumspringen wie Kälber, die aus dem Stall gelassen werden."

Eine Anregung

Im gestrigen Blogbeitrag schaute ich von der Methodistenkirche in St. Gallen hoch zum Hügelzug Bernegg. Heute geht mein Blick aus meinem Büro auf die andere Seite, hinunter und über die Wassergasse zu den Bürogebäuden der Raiffeisenbank. Dort stand einst das Fremdenspital von St. Gallen. Während die Stadtbürger im Bürgerspital behandelt wurden, pflegte man alle anderen Bewohner der Stadt in diesem Spital für "Fremde". Ab 1822 wurden dort auch moderne Heilverfahren angewandt, zum Beispiel die Verwendung von Narkosemitteln. Das Spital war in der Stadt bekannt als Rietmannsche Haus. Dazu gehörte der Gallusbrunnen und ein kleiner Garten.

Mit der Errichtung eines ersten Gebäudes des Gemeindespitals an der Rorschacher Strasse, welches 1873 zu einer kantonalen Institution wurde, hob man das Fremdenspital auf. In der Folge wurde aus dem Rietmannschen Haus das Restaurant Buchegger, benannt nach dessen Wirt Franz Karl Buchegger, und dann ab 1948 das Restaurant Gallusbrunnen. 1875, als die erste methodistische Kapelle eingeweiht wurde, fand man sich schon nicht mehr in Nachbarschaft zu einem Spital. Und heute sind beide, das Rietmannsche Haus und die Kapelle, Geschichte.

Wenn ich in diesen Tagen aus meinem Arbeitszimmer hinausschaue, sehe ich die Amseln, wie sie vor den grauen Hauswänden, da wo einst das Fremdenspital zu finden war, in den Ästen einer Eibe herumturnen. Ich stelle mir vor, wie damals die Kranken von der gegenüberliegenden Seite aus dem Fremdenspital den Vögeln im Garten vor dem Gallusbrünneli zuschauten. Das muss ein schöner, heilsamer Anblick gewesen sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 30. November 2022

Bernegg, der Hausberg der Methodistenkirche St. Gallen

Ein Zitat

Eichhörnchen auf dem Hügelzug Bernegg über der Stadt St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Ein zänkischer Hund kommt hinkend heim." Sprichwort

Ein Bibelvers - Hebräer 12,14

"Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen und auch um Heiligkeit. Ohne sie wird niemand den Herrn sehen."

Eine Anregung

Das Foto vom Eichhörnchen ist nicht sonderlich gut. Aber es ist auf dem Hügelzug Bernegg in St. Gallen entstanden. Da, wo das Tierchen herumhuscht, beinahe am höchsten Punkt des Bernegg-Hügels, fanden sich verschiedentlich Wehranlagen. Noch heute erkennt man die Wälle. Errichtet wurde eine einstige Burg aus Holz und Erde wohl beim Kampf zwischen Lüthold und Ulrich um die Abtswürde im Kloster St. Gallen. Lüthold, der die Burg errichten liess, erlebte damals eine bittere Niederlage, gelang es doch Ulrich, die Festung zu erobern. Das war in den Jahren 1080/81, also zur Zeit des Investiturstreits, als sich Kaiser und Papst von 1073-1122 um das alleinige Recht der Amtseinsetzung von Bischöfen und Äbten stritten.

Noch früher, im Jahr 926, beim Einfall der Ungarn in St. Gallen, versteckten sich viele Mönche im dichten Bernegg-Wald und retteten so ihr Leben.

Tempi passati. Heute sind die Ungarn keine Feinde mehr, und Kirche und Staat lassen sich gegenseitig meist in Ruhe. Auch gibt es keine Festung mehr auf der Bernegg, dafür einen schönen Grillplatz.

Und noch etwas ist die Bernegg: der Hausberg der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. Wie wäre es, wieder einmal hinaufzusteigen, da wo die Eichhörnchen über geschichtsträchtigen Boden huschen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 29. November 2022

Fliegen wie Vögel, speisen wie Wale

Ein Zitat

Löffelenten fliegen über den Untersee bei Triboltingen.
Foto © Jörg Niederer
"Alle, die gegen das Aufstehen sind, bitte jetzt aufstehen."

Ein Bibelvers - Jesaja 50,4

"Gott, der Herr, gibt mir die richtigen Worte, damit ich erschöpfte Menschen zur rechten Zeit ermutigen kann. Morgen für Morgen weckt er mich, und dann höre ich zu: der Herr lehrt mich wie ein Lehrer seinen Schüler."

Eine Anregung

Dicht beieinander fliegen Löffelenten über den Untersee bei Triboltingen. Mit vielen Walen gemeinsam haben sie, dass sie sich von kleinsten Lebewesen im Wasser ernähren. Den Plankton nehmen Löffelenten auf, indem sie mit eingetauchtem, speziell geformtem Schnabel durchs Wasser pflügen. Ein Filtersystem an den Seiten des Schnabels lässt das Wasser wieder austreten und hält die Nahrung zurück; eben auf die Weise, wie es Bartenwale auch tun.

Ich staune, wie dicht gedrängt Löffelenten fliegen können, ohne sich gegenseitig zu behindern. Was eine Staffel Militärpilotinnen und -piloten jahrelang üben muss, das gelingt diesen Wassertieren spielend einfach. Und das selbst an einem Adventsmorgen nach dem Aufwachen. Sie fliegen trotz kalter Glieder los, als wäre es das Einfachste auf der Welt.

Ich brauche ich da immer viel Zeit, um morgens so richtig auf Touren zu kommen. Wie hast du es mit dem Aufstehen? Wie sehr freust du dich dann schon auf die Reisebegleitungen durch den Tag? 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 28. November 2022

Gib, so viel du kannst!

Ein Zitat

Statue von John Wesley vor der Wesley-Chapel in London.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Sie mehr als 52.000 Dollar im Jahr verdienen, gehören Sie auf globaler Ebene dem 1 Prozent [der reichsten Menschen] an." William MacAskill im Buch: "Gutes besser tun"

Ein Bibelvers - Sprüche 11,4

"Reich sein nützt gar nichts am Tag des Zorns. Aber gerechtes Handeln rettet vor dem Tod."

Eine Anregung

Er studierte an der Oxford-University in England und verbrachte einige Zeit in den USA. Es folgte die Lehrtätigkeit am Lincoln-College. Sein Motto lautet: "Gib, so viel du kannst!" Die Hälfte seines Lohnen spendet er und empfiehlt, den Zehnten, also 10% des Einkommens, zu geben. Er ist ein Rockstar seiner Zeit.

Wer aus der methodistischen Kirchentradition kommt, denkt bei dieser Beschreibung sofort an den (Mit-)Gründer der methodistischen Reform- und Heilsbewegung, an John Wesley. Das Foto von der Statue John Wesleys vor der Wesley-Chapel in London lenkt zusätzlich in diese Richtung. Wer kenn nicht Wesleys Diktum: "Verdiene, so viel du kannst; spare, so viel du kannst; gib, soviel du kannst!"; mit einer besonderen Betonung auf dem letzten Teil.

Aber in diesem Fall geht es nicht um John Wesley, sondern um William MacAskill (*1987). Mit 28 Jahren wurde er der jüngste Philosophieprofessor der Welt. Sein hauptsächliches Arbeitsfeld orientiert sich an der Frage, welche Handlungen eine möglichst grosse positive Wirkung auf möglichst viele Menschen haben. "Effektiver Altruismus" nennt sich die von MacAskill gegründete Bewegung, bei der es auch um ein faktenbasierendes Spenden geht. Anhängerinnen und Anhänger dieser Bewegung verzichten auf Fleisch und spenden 10 Prozent ihrer Einkünfte.

Irgendwie kurios ist es, wenn der reichste Mann der Welt, Elon Musk diesen Philosophen und Altruisten und seine Gedanken in dessen neustem Buch "What we own the future" lobt. Nun, vielleicht gefällt Musk eben die von MacAskill vertretene Meinung, dass man durchaus viel verdienen könne, selbst in moralisch fragwürdiger Weise, wenn das deshalb geschehe, um viel Geld in effektiver Weise zu spenden; statt dass andere der ethisch fragwürdigen Tätigkeit aus Selbstbereicherung nachgehen würden. "Earning to give" (Verdienen um zu spenden) nennen sich diese Philosophie.

Ich habe mir mal das eine Buch von William MacAskill gekauft, das in deutscher Sprache erhältlich ist: "Gutes besser tun" und bin gespannt, ob es da noch weitere Parallelen gibt zwischen MacAskill und seinem 300 Jahre früher im Lincoln-College wirkenden "Kollegen" John Wesley.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 27. November 2022

Ein Winzling mit Engelsflügel

Ein Zitat

Schwanzmeise am Schweizer Ufer des Untersees.
Foto © Jörg Niederer
"Du hast ja eine Meise." Redensart, deren Bedeutung "nicht ganz bei Verstand sein" auf den Volksglauben zurückgeht, Geistesgestörtheit werde durch das Nisten von kleinen Tieren (z.B. Meisen) im Kopf verursacht.

Ein Bibelvers - Markus 13,31+32

"Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. An welchem Tag oder zu welcher Stunde das sein wird, weiss niemand – auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater."

Eine Anregung

Wieder so ein Winzling; die Schwanzmeise. Und hübsch ist dieses Vögelchen. Sympathisch auch, dass Schwanzmeisen sozial lebt, in kleinen Schwärmen fliegen sie von Futterbaum zu Futterbaum, ständig im Gespräch miteinander. Auch gebrütet wird in Kolonien. Nicht nur die Elterntiere füttern die Jungen, nein auch weitere Schwanzmeisen beteiligen sich an der Aufzucht.

Schanzmeisen sind Profiteure des Klimawandels. Harte Winter reduzierten die Tierchen um bis zu 80% des Bestands. Auch Monokultur-Tannenwälder mögen sie nicht. Beides wird seltener in diesen wärmeren Zeiten.

Schön, dass es diese Tierchen gibt, die uns Menschen zeigen, wie es auch gehen kann: Gemeinsam und einander zugetan.

Für mich ist die Schwanzmeise mit ihrem lustigen weissen Streifen über den Kopf selbst mitten im kalten Winter ein "leuchtendes" Engelswesen.

Nebenbei: Darum geht es übrigens heute um 10.00 Uhr im Fernsehgottesdienst auf Musig24. Um Engelswesen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 26. November 2022

Quilts aus 15 Ländern

Ein Zitat

Blick in einen der Ausstellungsräume zur "8. Europäischen Quilt-Triennale" im Textilmuseum St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"eine Stadt in der Wüste / verlassen vor langer Zeit / warum? was ist geschehen? / überzogen mit Sand und Staub / nur noch Erinnerung / ein Traum / ein Hauch / Vergangenheit
oder Zukunft? / auf fernen Planeten / eine Idee / ein Plan / erdacht in langen Nächten / von Genies in kalten Laboren / ein Ziel für die ganze Menschheit / zerrinnt im Meer der Zeit" Gabi Fischer, Text auf dem Quilt "Novaluna"

Ein Bibelvers - 1. Mose 37,3

"Israel liebte Josef mehr als seine anderen Söhne, weil er ihn im hohen Alter bekommen hatte. Deshalb ließ er ihm ein prächtiges Gewand machen."

Eine Anregung

In meinem Büro hängt ein wunderschöner Quilt, gestaltet von Yvonne Berther. Seit sie 2019 in den Räumen der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen ihre Kunst ausgestellt hat, achte ich vermehrt auf diese textile Ausdrucksform. 

Aktuell stellt das Textilmuseum St. Gallen fünfzig Textil- und Quilt-Kunstwerke aus fünfzehn Nationen aus. Es handelt sich um die 8. Europäischen Quilt-Triennale. Die Werke können noch bis zum 10. April angeschaut werden. 

Ich habe gestaunt und mich an wunderschönen Objekten erfreut. In auffällig vielen Werken ist die Pandemie verarbeitet. Doch es gibt auch Überraschendes. Manche Werke hängen frei im Raum. Oder der Quilt besteht aus Abfallplastik. Auch Religiöses ist zu entdecken; manche Quilts führen über sich hinaus, wie es auch kirchliche Kunst will.

Mir hat die Ausstellung sehr gut gefallen. Und auch sonst gibt es im Textilmuseum viel zu sehen und zu erfahren. Etwa, wie einst die Leinentücher gebügelt wurden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 25. November 2022

Kleider tauschen statt wegwerfen

Ein Zitat

Kleidertauschbörse 2014 in Winterthur
Foto © Jörg Niederer
"Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern." Heinrich Heine (1797-1856)

Ein Bibelvers - Jesaja 61,10

"Ich will mich freuen über den Herrn. Aus vollem Herzen will ich jubeln über meinen Gott. Denn er umgibt mich mit seiner Hilfe wie mit einem Kleid. Er hüllt mich in seine Gerechtigkeit wie in einen Mantel. Ich freue mich wie ein Bräutigam, der seinen Kopfschmuck anlegt. Ich bin fröhlich wie eine Braut, die sich für die Hochzeit schmückt."

Eine Anregung

Kleider sind zu einer Wegwerfware verkommen, die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Dagegen kann etwas getan werden. Vor Jahren half ich mit bei Kleidertauschbörsen in Winterthur. Dabei werden gute Kleider getauscht, statt weggeworfen. Ein solcher Anlass gibt es nun wieder in St. Gallen. Im Textilmuseum können morgen Samstag von 13-16 Uhr gute Kleider getauscht werden. 

Das sind die Spielregeln: Maximal 8 Kleidungsstücke können gebracht werden. Getauscht werden Kleider, Schuhe und Accessoires wie Taschen und Schals. Haushaltstextilien, Unterwäsche, Sportbekleidung, Kinderkleider und Schmuck sind nicht erwünscht. Das Kleidungsstück muss so sein, dass die folgenden Fragen mit Ja beantwortet werden können: Ist es sauber/gewaschen? Riecht es angenehm? Ist es ohne Löcher? Sind die Nähte durchgehend intakt? Ist es ohne Fusseln und nicht stark verwaschen? Ist es noch schön und nicht aus der Form geraten? Funktioniert der Reissverschluss? Sind alle Knöpfe dran?

Solche Kleider können zwischen 10-15 Uhr abgegeben werden. Es empfiehlt sich, sie schon am Morgen zu bringen. Für jedes Kleid erhält man einen Bon, mit dem man ein anderes Kleidungsstück mitnehmen kann. Es fallen pro Teilnahme Unkosten von CHF 10.- an. 

Ich finde: Eine solche Kleidertauschbörse ist eine sehr gute Sache. In St. Gallen genauso wie an jedem anderen Ort, an dem sie durchgeführt werden.

Und wenn man schon einmal im Textilmuseum ist, kann man sich ja auch noch die fünfzig Textil- und Quilt-Kunstwerke aus fünfzehn Nationen anschauen, die aktuell im Rahmen der 8. Europäischen Quilt-Triennale ausgestellt sind. Doch dazu mehr in einem späteren Beitrag.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 24. November 2022

Steiniges für einen scheidenden Bischof

Ein Zitat

Superintendentin Ivana Prochazkova bedankt sich mit einem Stein beim scheidenden Bischof Patrick Streiff für seine Begleitung der Methodistenkirche in Tschechien.
Foto © Jörg Niederer
"Danke für alles. Bei Gelegenheit werfe ich dir auch wieder einmal einen Stein in den Garten." Redensart in deutschsprachigen Regionen

Ein Bibelvers - Psalm 118,22+23a

"Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Grundstein geworden. Vom Herrn wurde dies bewirkt."

Eine Anregung

Es ist eine methodistische Tradition an der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa, dass der neue und vor allem der bisherige Bischof bei einem festlichen Essen mit allen Delegierten und weiteren Gästen gefeiert wird. In diesem Jahr fand dieser freudige Moment unweit von Läufelfingen im Juraweiler Dietisberg statt.

Lea Hafner, welche durchs Programm führte, hatte im Vorfeld verschiedene Personen aus den Ländern der Zentralkonferenz gebeten, einen Stein mitzubringen und damit eine Erinnerung an Bischof Patrick Streiff aus seiner Amtszeit zu verbinden. Nebensache wurde dann, dass alle ihre Redezeit von drei Minuten überzogen. Was die Frauen und Männer zu sagen hatten war tief bewegend und herzerwärmend.

Alles stand unter der in manchen Teilen Deutschlands und der Schweiz bekannten Redensart "Jemandem einen Stein in den Garten werfen". Aus den Steinen entsteht nun unter Künstlerhand eine Skulptur, die dann den Garten von Bischof Patrick Streif und Ehefrau Heidi zieren wird. Doch woher kommt diese Redewendung?

Ursprünglich war der Satz wohl negativ gemeint im Sinne von: "Jemandem einen Schaden zufügen, einen Stein mehr in ein steiniges Ackerfeld werfen, einen Stolperstein platzieren". Mit der Zeit aber wurde diese Vorstellung in ironisch spassiger Weise auch zu einer wohlmeinenden Äusserung. Zwar wissen viele immer noch gut, dass es nicht sinnvoll ist, wenn mir einer einen Stein in den Garten wirft. Aber genau das wird, von einem Freund oder einer Freundin gesagt, zu einer neuen, fröhlichen, nicht ganz ernst gemeinten Zusage. Gemeint ist nun: "Wenn du mich einmal brauchst, dann bin ich gerne für dich da. Ich werde nicht vergessen, was du mir Gutes getan hast. Die Zeit kommt, dann werde ich auch die überraschen".

Auch eine schöne Erklärung, wenn auch für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler weniger überzeugen, ist die Anknüpfung an einen Brauch auf jüdischen Friedhöfen. Dort legen Besuchende Steine auf das Grab ihrer Verstorbenen, um damit zu signalisieren: "Ich war da. Ich habe dich nicht vergessen".

Es war an diesem Abend offensichtlich, dass Bischof Patrick Steiff und Heidi bei vielen Menschen der Zentralkonferenz für die 17 Jahren ihres Wirken sehr geschätzt werden. Um es in einer anderen steinigen Sprache zu formulieren: "Sie haben bei vielen einen Stein im Brett." Was das wiederum heissen soll, und woher diese Formulierung kommt, das kannst du ja selbst herausfinden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 23. November 2022

Marilyn Monroe und der fliegende Talar

Ein Zitat

Der Luftausstoss der Bodenheizung im Münster Basel lässt Talar und Stola des neuen Bischofs Stefan Zürcher im Aufwind flattern.
Foto © Jörg Niederer

"Jemand anderes sein zu wollen, ist eine Verschwendung der Person, die du bist."
Marilyn Monroe (1926-1962)

Ein Bibelvers - Johannes 3,8

Jesus: "Auch der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Rauschen. Aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird."

Eine Anregung

Der Heilige Geist weht, wo er will. Die Bodenheizung im Basler Münster dagegen stösst die warme Luft an verschiedenen klar abgegrenzten Stellen durch ebenerdige Gitter aus. Ein solcher Ort des Aufwinds befand sich beim Weihegottesdienst von Bischof Stefan Zürcher am vergangenen Sonntag genau vor der Stelle, an der die Bischöfin und die Bischöfe ihre Sitzplätze hatten. Und alle trugen sie Talare und Stolen.

Von Marilyn Monroe gibt es eine Szene im Film "Das verflixte 7. Jahr", bei der Aufwind ihren Rock anhebt und sie versucht, diesen mit Händen wieder herunterzudrücken. Solche Aufwinde in Häuserschluchten nennt man seit dieser Filmszene "Monroe-Effekt".

Nun mögen Frauen sich der Gefahr fliegender Röcke durch überraschend auftretende Aufwinde sehr bewusst sein. Männern dagegen fehlen mangels entsprechender Kleidungsstücke diese Kenntnisse. So bauschten sich beim Aufbruch im Basler Münster die Talare der Bischöfe, und es flogen die Stolen im Aufwind der Bodenheizung fröhlich himmelwärts.

Man beachte das Foto oben. Ich interpretiere das Lachen von Stefan Zürchers Ehefrau Valerie (links neben ihm) so, dass ihr dieser einmalige Moment nicht entgangen war.

Was bleibt da noch zu sagen? Folgendes: Für heute wünsche ich uns allen Aufwind und viel Freude.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde