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Montag, 4. November 2024

Das Leuchten der Verstorbenen

Ein Zitat

Einsicht in das Beinhaus Rankweil mit Kunstinstallation von Paul Renner.
Foto © Jörg Niederer
"Gewalt ist ein Aspekt, der in meiner Arbeit sehr wichtig ist, da ich sie nicht hofiere oder auch metaphorisch behandle - ich zeige sie." Paul Renner (*1957)

Ein Bibelvers - Jesaja 66,14

"Ihr werdet das sehen und euer Herz wird jubeln und eure Knochen werden sprossen wie frisches Grün. So offenbart sich die Hand des HERRN an seinen Knechten, aber er ergrimmt gegen seine Feinde."

Eine Anregung

Am Samstag beendete ich meine Reise auf dem Appenzellerweg, einem Seitenast des Jakobswegs, indem ich von Rankweil zum Hirschsprung pilgerte.

Den Anfang nahm die Reise bei der Kirche St. Peter in Rankweil. Sie ist eine der ältesten Gotteshäuser im Vorarlberg. Urkundlich erwähnt ist deren Vorgängerbau 842 als Herrenhofkirche. Ab dem 7. Januar 1125 bis zur Enteignung des Schweizer Klosters gemäss Reichsdeputationsbeschluss vom 25. Februar 1803 gehörte St. Peter dem Augustiner-Chorherrenstift in Kreuzlingen. Heute ist die Kirche St. Peter eine Pfarrkirche.

Neben diesem Gotteshaus befindet sich der Friedhof und ein zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbautes schlichtes Beinhaus. Noch im Frühjahr 2024 präsentierte sich das Beinhaus als Nutzraum. Die Gebeine der Verstorbenen waren dort nach Knochenart sortiert auf Gestellen gelagert (so sah es früher aus) und frei zugänglich. Seit dem 14. und 15. Juni 2024 findet man das Beinhaus eindrücklich umgebaut. Die Gebeine wurden nicht entfernt wie aus vielen anderen Beinhäusern, sondern geschützt durch Glasscheiben den Besuchenden präsentiert, kombiniert mit einer eindrücklichen Kunst- und Lichtinstallation des international bekannten Vorarlberger Künstlers Paul Renner. Er arbeitet oft mit Lebensmitteln, etwa mit Bienenwaben, welche er zu essbaren Wandbildern umgestaltet. In einem kurzen Video vom ORF wird Paul Renner portraitiert (Achtung, das Video enthält Schlachtungen von Tieren).

Die bernsteinfarbigen Bodenelemente erinnern denn auch an den goldigen Honig der Bienen. Im Beinhaus lese ich dazu: "Das historische Beinhaus wurde durch DI Bernhard Wüst (Architektur) und Paul Renner (Kunst) in einen Raum des Lebens und des Lichts transformiert. Die vertikal angeordneten Gebeine werden mit zwei Lichtquellen bestrahlt. Die untere dringt durch eine mit Harzen und Sedimenten belegte Glasplatte, die obere ist rein weiss. diese Lichtführung verweist auf die Spannung zwischen irdischer Vergänglichkeit und göttlicher Auferstehung." 

Für mich ist das die eindrücklichste Umgestaltung eines Beinhauses, die ich bisher gesehen habe. Sie geht teilweise auf Kosten der historischen Funktionalität des Gebäudes, bringt die Form der Bestattung nach der Bestattung aber auch Menschen von heute nahe. 

Mich liess der neu gestaltete Raum auf meinem Weg von Österreich in die Schweiz nachdenken über das Leben, den Tod und die Hoffnung. Gute Pilgergedanken, finde ich. 

Siehe dazu auch meine Beiträge vom 17. März 2022 (Solferino) und 25. Juli 2023 (Leuk)!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 25. Juli 2023

Zuflucht bei den Toten

Ein Zitat

Christus, der Schmerzensmann mitten unter den Schädeln von verstorbenen Bewohnerinnen und Bewohner von Leuk.
Foto © Jörg Niederer
"ich bin der thod mit gewallt ich nim kriegschlyd jung und alltt." Ausspruch des Tods auf Totentanz im Beinhaus von Leuk

Ein Bibelvers - Offenbarung 14,13

"Und ich hörte, wie eine Stimme vom Himmel rief: 'Schreib: Glückselig sind die Toten, die von jetzt an sterben und zum Herrn gehören.' Ja, sagt Gottes Geist, sie sollen sich ausruhen von ihren Mühen. Denn ihre Taten gehen mit ihnen.'"

Eine Anregung

Bei den ersten schweren Regentropfen des Gewitters flüchte ich zu den Verstorbenen.

Schon zuvor hatte ich das Beinhaus von Leuk unter der Kirche St. Stephan besucht. Seit dem frühen 16. Jahrhundert hat man dort die Schädel und Oberschenkelknochen der Verstorbenen erneut bestattet, nachdem der Friedhof zu klein geworden war. 22'000 Schädel sollen es sein. Aufgeschichtet sind sie an einer 22 Meter langen Wand. Noch heute dient dieses Beinhaus als Aufbahrungsort für Verstorbene. Als Jakobspilgernde auf dem Rhein-Reuss-Rhone-Weg muss man diesem sehr speziellen Ort einen Besuch abstatten. Dort befindet sich der Pilgerstempel.

Als ich das erste Mal eintrat, war ich nur kurze Zeit allein. Dann kamen zwei jüngere Frauen in dunkler Aufmachung herein. Gotic Ladys, welche wohl auf einer eigenen touristischen Reise zu den morbiden Orten der Schweiz waren. Beim zweiten Mal unter den Verstorbenen blieb ich allein. Das gab mir Zeit, den Raum bei Donnergrollen des heraufziehenden Gewitters auf mich wirken zu lassen. Einen Moment lang ging sogar das Licht aus, und ich sass im Finsteren vor dieser Gebeinswand beim Schmerzensmann Jesus am Kreuz.

Im selben Raum befinden sich auch Totentanzdarstellungen aus der Zeit um 1520-1530. Eine Rarität in diesem Alter und Erhaltungszustand. Sie sind mit Spruchbändern statt Sprechblasen versehen und gleichen so modernen Comics oder Graphic Novels. Da hält ein Ritter dem Sensenmann seinen Geldbeutel entgegen, doch dieser antwortet ihm: "goltt noch geltt hap keyn (ergetzen?) ich wiell dir din herz apschiessen schetzhen." Auf dem anderen Bild marschieren Kirchenleute unterschiedlicher Bedeutung auf die Todesboten zu, welche ihnen die Insignien entreissen und sie damit zu gewöhnlichen Sterblichen machen. Ein Toter mit Speer und Sanduhr meint zum Geschehen: "O bapst cardinal bischoff prelaten und kaplâ die stund ist hie üwe' leben Müssen ir lan".

Mir fällt auf, dass unter den vielen hundert aufgeschichteten Schädeln nur gerade einer mit Unterkiefer zu finden ist. Warum wohl? An einem weiteren Schädel ist ein kreisrundes Loch (von einem Bohrer oder einer Gewehrkugel?) wieder zugewachsen. Dieser Verstorbene hatte wohl vorerst einen Eingriff oder Angriff überlebt. Doch am Ende kommt für alle das Ende. Wer da mit Hoffnung auf den Auferstandenen, auf Christus durch diese Einbahnstrasse gehen kann, ist schon hier auf Erden gut beraten.

Mensch, bedenke, dass du sterblich bist!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 29. April 2022

Seltsames

 Ein Zitat

Kreuzesdarstellung im Beinhaus bei der Kirche von Coglio (Vallemaggia)
Foto © Jörg Niederer
"Das Crucifix ist eine Zierrath geworden, die man im Ohre hängen hat." Karl Gutzkow deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Journalist (1811-1878)

Ein Bibelvers - Jesaja 53,2

"Er wuchs vor seinen Augen auf wie ein Spross, wie ein Trieb aus trockenem Boden. Er hatte keine Gestalt, die schön anzusehen war. Sein Anblick war keine Freude für uns."

Ein Anregung

Seltsamem begegneten wir gestern auf einer Wanderung von Someo der Maggia flussabwärts nach Ronchini.

Es war bei der vierten Überquerung der Maggia, auf der vierten Hängebrücke kurz vor Ronchini, als ich die einzige Möwe weit und breit heransegeln sah. Am Abend waren nur noch wenige Menschen meist sonnenbadend am Fluss, der auch hier noch eine stattliche Breite aufweist, wobei sich der eigentliche Wasserlauf in einem Meer aus Geschiebe, Steinen und Sand versteckt. Eine Familie mit vier Kinder war dabei, sich für die Heimreise umzuziehen. Die Möwe also flog heran, etwa 80 Meter über uns. Dann machte sie, im Moment als sie den Darm entleerte, einen scheinbar bewussten kleinen, der Ausscheidung Schwung gebenden Richtungswechsel. Noch während ich meiner Frau meine Beobachtung mitteilte: "Die da unten müssen sich in Acht nehmen, dass sie von der Möwe nicht angeschissen werden", kam von ihr die Erfolgsmeldung: "Es hat den Vater erwischt, mitten ins Gesicht". Zeitgleich erklang die fröhliche Schadensfreude der anderen Familienangehörigen zu uns auf die Brücke empor. Die Möwe aber strebte weiter dem noch fernen See zu. Nun frage ich mich, ob Möwen absichtlich Ziele bombardieren, oder ob das einfach einer der seltsamen Zufälle ist, die geschehen.

Diese amüsante Begebenheit konnten wir nicht fotografisch dokumentieren. Aber zwei, drei Stunden früher standen wir vor einem anderen, seltsamen Anblick. Im Beinhaus von Coglio findet sich die hier abgebildete Kreuzesdarstellung, gemalt von einem unbekannten Künstler (einer Künstlerin?) wohl aus dem Maggiatal. Die Christusfigur weicht deutlich ab von landläufigen Christusvorstellungen. Warum? Lies sich der fromme Sponsor, wohl ein "Hiesiger" der im Ausland zu Wohlstand gekommen war, im von ihm finanzierten Beinhaus als Jesus am Kreuz verewigen? Das würde den Bauchansatz und die zu gross geratenen Brüste, aber auch die Gesichtszüge von Jesus erklären. Oder wollte der Künstler damit mit auf die Lustfreundlichkeit von Jesus hinweisen? Oder war er einfach nicht begabt genug? Die Sache bleibt, wie man es auch dreht und wendet, seltsam.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 17. März 2022

Leben im Angesicht des Todes

Ein Zitat

Schädel von in den Schlachten 1848 und 1866 gefallenen italienischen und österreichischen Soldaten im Ossarium von Custoza nahe des Gardasees.
Foto © Jörg Niederer
"Life is great, and without it, you'd be dead." (Das Leben ist grossartig, und ohne es wärst du tot.) Karen Quan

Ein Bibelvers - Sprüche 4,23

"Gib acht auf dein Herz, mehr als auf alles andere! Denn davon hängt dein Leben ab."

Ein Anregung

Das heutige "Photo-a-day"-Wort lautet "leben" (englisch: living). 

Unser ältester Sohn war noch keine zwei Jahre alt und voller Lebensfreude, als wir mit ihm das Ossarium von Custoza besuchten. Ganz unbefangen betrachtete er zusammen mit seiner Mutter die Gebeine. Er entdeckte Einschusslöcher, Stiche von Bajonetten und weitere Kriegsverletzungen an den Schädeln und kommentierte dies lebhaft und interessiert. Die Soldaten, deren Gebeinen wir gegenüberstanden, waren Opfer der selben italienischen Befreiungskriege geworden, die wenige Kilometer entfernt in Solferino Henry Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes veranlassten. 

Für einen Augenblick entschwand unser Sohn im kreisförmigen Kellergewölbe unseren Blicken, und schon hörten wir es scheppern. Dann tauchte er wieder auf, mit einem Schädel in der Hand. Der Unterkiefer war beim Hochheben geräuschvoll auf den Boden gefallen. Ich vergesse diesen Augenblick nicht mehr: Der kleine Kerl mit der einen Hand auf den Schädel in der andern Hand zeigend, wie er kommentierte: "Tot geschossen".

Zu leben ist ein grosses Wunder. Und doch kann es so schnell vorbei sein. Tun wir doch alles, dass in dieser Welt in Zukunft dem Leben Denkmäler gesetzt werden, und nicht dem Kriegstod. 

Morgen folgt ein Bild zum Wort "gepflanzt" (planted).


Photo-a-day Lent 2022: Eine methodistische Webseite schlägt für die Fastenzeit vor, jeden Tag ein Foto zu teilen, das von einem bestimmten Wort inspiriert ist. Diese Sache nennt sich "Photo-a-day Lent 2022". So könne man sich der Fastenzeit auf eine neue Weise annähern. Die Bilder soll man mit #rethinkchurch taggen. Weitere Erklärungen zum Bild brauche es nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde