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Dienstag, 2. Januar 2024

Vom Leben gezeichnet

Ein Zitat

Lachmöwen auf einem Boot auf dem Pfäffikersee.
Foto © Jörg Niederer
"Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen." Marcel Proust (1871-1922)

Ein Bibelvers - Psalm 17,6+7a

"Ich habe zu dir gerufen, Gott, damit du mir Antwort gibst. Hab ein offenes Ohr für mich! Höre, was ich zu sagen habe! Wie wunderbar ist deine Güte."

Eine Anregung

Wenn Menschen in ihrem Leben zurückschauen, kann es sein, dass das, was sie dann sehen, etwa so aussieht, wie die Schiffsblache unterhalb der Möwen auf dem Foto: Gezeichnet vom Leben. Dann lohnt es sich, einen anderen Blickwinkel zu wählen, nach vorn, vielleicht auch hinauf. Nicht um zu verdrängen. Nicht Augen zu und durch. Sondern um neue Lebensperspektiven zu bekommen. Dazwischen liegt oft ein Ritual. Vielleicht waschen wir uns den Schmutz ab, vielleicht ordnen wir die "Federn", vielleicht besprechen wir uns mit uns vertrauten Menschen. Dann, wenn sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben und man dann zurückschaut, sieht man vielleicht, dass die Bremsspuren des vergangenen Lebens nicht nur hässliche Muster auf den sauberen Grund gezeichnet haben. Die Vergangenheit wird mit ihren Gebrauchsspuren auch irgendwie schön. Halt vom Leben gezeichnet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 13. Februar 2023

Möwe fotografiert, Bildband erhalten

Ein Zitat

"AVES VÖGEL Charakterköpfe" ist ein aussergewöhnliches Buch mit Fotos von Tom Krausz und Texten von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni.
Foto © Jörg Niederer
"Unsere Tierliebe gilt heute den Individuen; aber darauf können wir uns nichts einbilden, das geschieht aus der Not." Professor Dietmar Schmidt in: Tom Krausz, Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni, "AVES VÖGEL Charakterköpfe", München und Hamburg 2020, S. 15

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19+20a

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte. Also gab der Mensch ihnen Namen..."

Eine Anregung

Weil ich unter den vielen tausend Lachmöwen die eine entscheidende fotografierte, wurde mir als Preis ein besonders schönes Buch überreicht. Ich hatte also Glück, dass ich genau den richtigen Vogel ablichtete. Einmalig war dieser Moment auch weil ich dort in Zürich an der Sihl wohl kaum wieder sagen könnte, welche Lachmöwe es gewesen war, die mir nun Lese- und Sehvergnügen bereitet mit einem Buch, in dem zwar viele Vögel vorkommen, aber keine Lachmöwen. 

Gut, auch mit dieser Möwe hätte es nicht eine solche Wendung genommen, wäre sie nicht just im rechten Moment auf dem Kopf eines Mannes gestanden. Es wäre wohl auch anders herausgekommen, hätte dieser Kopf nicht einem bekannten Journalisten und Buchautor gehört, einem überaus kreativen Vogelliebhaber. Nichts wäre aus dem Buch geworden, wäre das Foto von Urs Heinz Aerni – so heisst dieser Journalist – mit der Möwe auf dem Kopf nicht in einer grossen Zürcher Zeitung erschienen, was wiederum eine kleine Kettenreaktion an Verdankungen auslöste, beim Journalisten mit Wein und bei mir mit dem Bildband von Portraits gefiederter Charakterköpfen. 

Ich bin fasziniert von Tom Krausz' Fotografien. Geniale Tiere, genial festgehalten. Physiognomien, Gesichtszüge von grosser Eindringlichkeit, nicht farbig schrill wie ein Teil der Vogelwelt, sondern in klassischem Schwarzweiss, so dass die Formen, der Blick, die Strukturen offensichtlich Verborgenes erkennbar hervortreten lassen. Zu jedem abgebildete Vogel gibt es Texte von Elke Heidenreich und Urs Heinz Aerni. Diese haben es in sich, es geht augenzwinkernd und philosophisch zu, Schwarzweiss gedruckt und doch weit mehr als Licht und Schatten. 

Dann wäre da noch auf einer der ersten Seiten diese Buches ein biblischer Bezug in den Gedanken von Professor Dietmar Schmidt zu entdecken. Er schreibt vom "adamitischem Reflex". Gemeint ist die "...Szene, in der Adam, der erste Mensch, die Tiere um sich versammelt, um ihnen Namen zu geben - und um im Akt der Benennung seine Herrschaft über das Tierreich zu proklamieren".

Wir Menschen haben einen Drang, alles zu ordnen und zu benennen. Auch einige Vögel, die Raben etwa, können in ihrer Sprache uns Menschen als Gattung von andern Tieren unterscheiden. Selbst zwischen Mensch und Mensch differenzieren sie, erkennen Gesichter, ordnen den Individuen Eigenschaften zu. "Sie sehen uns an..." schreibt Elke Heidenreich als Allererstes im Buch.

Individualisierung: In einer Mail habe ich Urs Heinz Aerni gefragt, ob die Möwe ihn schon vor dem Foto gekannt habe. Er antwortete (augenzwinkernd?): "...ja, der Vogel heißt Eduard".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. Februar 2023

Vogel auf dem Kopf

Ein Zitat

Eine Möwe an der Sihl in Zürich lässt sich auf dem Kopf von Urs Heinz Aerni nieder.
Foto © Jörg Niederer
"Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern." Martin Luther

Ein Bibelvers - 5. Mose 22,6+7

"Folgender Fall: Du bist unterwegs und findest ein Vogelnest, sei es auf einem Baum oder in einem Erdloch. In diesem Nest liegen Küken oder Eier und die Vogelmutter sitzt auf den Küken oder den Eiern. Dann darfst du nicht beide zusammen herausnehmen, die Mutter und die Küken! Lass die Vogelmutter unbedingt fliegen! Nur ihre Jungen kannst du dir nehmen. Dann wird es dir gut gehen und du wirst ein langes Leben haben."

Eine Anregung

Erst fiel mir der seltsam geformte Rollkoffer auf, der bei jedem kleinen Absätzchen gefährlich ins Schlingern kam. Wahrscheinlich ein Geschenk von der Ehefrau, dachte ich mir, darum muss er das unpraktische Ding jetzt hinter sich herziehen. An der Sihl strebte er dem Ufer zu, stütze sich aufs Geländer und schaute hinunter zum Wasser.

Abgelenkt verlor ich ihn einen Augenblick aus den Augen und folgte dem Flug einer Lachmöwe. Sie landete keinen Meter weit weg vom Mann auf dem Geländer. Weitere Lachmöwen in ihren hellen Winterkleider reihten sich auf, flankierten den Mann. Dann setzte sich doch tatsächlich eine der Möwen ohne Scheu auf dessen Kopf, flog wieder auf und stellte sich erneut in die ergrauten Haare. Ich fotografierte die aussergewöhnliche Szene mit dem Mobiltelefon, worauf mir der Mann seine Telefonnummer zurief und um die Bilder bat.

Auf WhatsApp erfuhr ich dann mehr. Sein Bildchen neben dem Namen war eine schöne Zeichnung mit einem Mann, auf dessen Kopf ein Vogel Platz genommen hatte. Ich staune!

Stöbernd auf des Mannes Webseite wird mir bewusst, dass ich nicht nur einige schräge, zutrauliche Vögel abgelichtet habe, sondern auch einen richtigen Tausendsassa. Urs Heinz Aerni war einst unterwegs als Störbuchhändler und in dieser Funktion Gast bei Aeschbacher. Er beschreibt sich als Journalist, Kommunikationsberater, Texter, ist an einer Agentur für Kulturschaffende beteiligt. Der 1962 in Baden geborene  Hobby-Ornithologe kann für Vogelspaziergänge gebucht werden, philosophiert darüber, ob Vögeln trauern oder lügen, ist beteiligt am Buch "Aves / Vögel - Charakterköpfe", tritt mit bekannten Persönlichkeiten wie Hanspeter Müller-Drossart und Mona Vetsch auf, gibt Magazine und Bücher heraus, und, und, und... 

Ich bin fasziniert... von den zutraulichen Möwen ebenso wie von Urs Heinz Aerni.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 29. April 2022

Seltsames

 Ein Zitat

Kreuzesdarstellung im Beinhaus bei der Kirche von Coglio (Vallemaggia)
Foto © Jörg Niederer
"Das Crucifix ist eine Zierrath geworden, die man im Ohre hängen hat." Karl Gutzkow deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Journalist (1811-1878)

Ein Bibelvers - Jesaja 53,2

"Er wuchs vor seinen Augen auf wie ein Spross, wie ein Trieb aus trockenem Boden. Er hatte keine Gestalt, die schön anzusehen war. Sein Anblick war keine Freude für uns."

Ein Anregung

Seltsamem begegneten wir gestern auf einer Wanderung von Someo der Maggia flussabwärts nach Ronchini.

Es war bei der vierten Überquerung der Maggia, auf der vierten Hängebrücke kurz vor Ronchini, als ich die einzige Möwe weit und breit heransegeln sah. Am Abend waren nur noch wenige Menschen meist sonnenbadend am Fluss, der auch hier noch eine stattliche Breite aufweist, wobei sich der eigentliche Wasserlauf in einem Meer aus Geschiebe, Steinen und Sand versteckt. Eine Familie mit vier Kinder war dabei, sich für die Heimreise umzuziehen. Die Möwe also flog heran, etwa 80 Meter über uns. Dann machte sie, im Moment als sie den Darm entleerte, einen scheinbar bewussten kleinen, der Ausscheidung Schwung gebenden Richtungswechsel. Noch während ich meiner Frau meine Beobachtung mitteilte: "Die da unten müssen sich in Acht nehmen, dass sie von der Möwe nicht angeschissen werden", kam von ihr die Erfolgsmeldung: "Es hat den Vater erwischt, mitten ins Gesicht". Zeitgleich erklang die fröhliche Schadensfreude der anderen Familienangehörigen zu uns auf die Brücke empor. Die Möwe aber strebte weiter dem noch fernen See zu. Nun frage ich mich, ob Möwen absichtlich Ziele bombardieren, oder ob das einfach einer der seltsamen Zufälle ist, die geschehen.

Diese amüsante Begebenheit konnten wir nicht fotografisch dokumentieren. Aber zwei, drei Stunden früher standen wir vor einem anderen, seltsamen Anblick. Im Beinhaus von Coglio findet sich die hier abgebildete Kreuzesdarstellung, gemalt von einem unbekannten Künstler (einer Künstlerin?) wohl aus dem Maggiatal. Die Christusfigur weicht deutlich ab von landläufigen Christusvorstellungen. Warum? Lies sich der fromme Sponsor, wohl ein "Hiesiger" der im Ausland zu Wohlstand gekommen war, im von ihm finanzierten Beinhaus als Jesus am Kreuz verewigen? Das würde den Bauchansatz und die zu gross geratenen Brüste, aber auch die Gesichtszüge von Jesus erklären. Oder wollte der Künstler damit mit auf die Lustfreundlichkeit von Jesus hinweisen? Oder war er einfach nicht begabt genug? Die Sache bleibt, wie man es auch dreht und wendet, seltsam.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde