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Dienstag, 29. Juli 2025

Flugkunst

Ein Zitat

Nahaufnahme der Flügelaufhängung einer weiblichen Spitzflecklibelle.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn sich Libellen im Sonnenlicht über dem See beflügeln, lächelst du im Herzen." Volker Harmgardt

Ein Bibelvers - Psalm 139,14

"Ich danke dir und staune, dass ich so wunderbar geschaffen bin. Ich weiss, wie wundervoll deine Werke sind."

Eine Anregung

Weltweit gibt es rund 6000 Libellenarten. In der Schweiz finden sich davon 85 Arten. Ein Drittel davon ist stark gefährdet. Besonders jene, die in Hoch- und Flachmooren vorkommen, stehen unter grossem Druck.

Bei der abgebildeten Spitzflecklibelle, wohl ein Weibchen, fällt mir die komplexe Befestigung der Flügel auf. Es ist ja gar nicht einfach, den Übergang von einem starren Exoskelett zu den beweglichen vier Flügeln herzustellen. Auch die unglaubliche Stabilität und Leichtigkeit der Flügel, transparent darüber hinaus und durchzogen von unregelmässig zusammenlaufenden Rippen, ist ein Wunder. Gerade mal 1/100 Gramm schwer sind die vier Flügel. Jeder Flügel wird von einem eigenen Muskelpaar bewegt und kann individuell angesteuert werden. Selbst mit beschädigten Flügeln gelingt es Libellen hervorragend zu fliegen. Mit dreissig Flügelschlägen pro Sekunde erreichen die Libellen Geschwindigkeiten von 60 Stundenkilometern. Dazu kommen die Komplexaugen, die aus vielen tausend wabenförmig zusammengesetzten Einzelaugen bestehen, jedes davon mit eigener Linse. Sie ermöglichen eine perfekte Rundumsicht, was bei den rasanten Flügen äusserst hilfreich ist.

Wir Menschen haben uns bei den Helikoptern an den Libellen orientiert. Doch im Vergleich zu diesen Tieren ist der an sich komplizierte Flugmechanismus des Helikopters noch recht primitiv. Beim Fliegen machen uns die Libellen wohl noch viele Jahre etwas vor.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 2. Oktober 2024

Schutzengel

Ein Zitat

Der Schutzengel von Andreas Hofer auf dem Friedhof Chloos in Kloten.
Foto © Jörg Niederer
"Wo Engel hausen, da ist der Himmel, und sei's auch mitten im Weltgetümmel." Hafis (um 1320-1388)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 1,10-11

"Die Apostel starrten wie gebannt zum Himmel und schauten ihm [Jesus] nach. Da standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer bei ihnen. Die sagten: 'Ihr Männer aus Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird wiederkommen – genauso wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.'"

Eine Anregung

Der Schutzengel auf dem Friedhof Chloos in Kloten ist ein Geschenk. Geschaffen wurde er vom Davoser Künstler Andreas Hofer. Es ist nicht die einzige derartige Gestalt auf dem Totenacker. Hoch ragt er auf über die Gräber. Es macht den Anschein, als wäre der Baum, aus dem er geformt wurde, an Ort und Stelle gewachsen, und der Kopf vom Bildhauer in luftiger Höhe herausgearbeitet aus dem alten Holz. Die Flügel vollenden den Eindruck, machen den Engel aus. An ihnen ist er zu erkennen als das, was er darstellen soll.

Die Bibel nennt Engel an verschiedenen Stellen. Der Engel an der Pforte des Paradieses, die Engelchöre bei der Geburt von Jesus, die Engel der Apokalypse. Und dann gibt es in der christlichen Kunst die pausbäckigen, nackten, knabenhaften Puttenengel. Der Begriff "Putte" stammt denn auch vom italienischen Wort "putto" ab für "Knabe, Knäblein".

Sehen so die Engel aus? Wie stellst du sie dir vor? Glaubst du an Schutzengel? Oder ist das für dich nur so eine Redensart: "Da hat er/sie aber einen Schutzengel gehabt"?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 9. Juni 2022

Blinder Passagier erschreckt Bahnkunden

Ein Zitat

Steinfliege mit wunderschön geäderten Flügeln
Foto © Jörg Niederer
"Wenn man keine Zähne mehr hat, kommen die besten Beefsteaks." Auguste Renoir (1841-1919), französischer Maler des Impressionismus

Ein Bibelvers - Jesaja 7,18+19

"Zu der Zeit pfeift der Herr die Fliegen herbei von den Mündungen des Nil. Und er lockt die Bienen an aus dem Land Assyrien. Die kommen und lassen sich überall nieder: in Schluchten und Felsspalten, an Dornenhecken und Wasserstellen."

Ein Anregung

Ich sass auf dem Heimweg im Zug von St. Gallen nach Wil. Jemand sagte: "Mann ist der gross. Wollen wir uns trotzdem hinsetzen?" "Ach nein", hörte ich eine Männerstimme antworten: "Da hinten hat es noch freie Abteile". Die Sitzgruppe blieb leer, bis es wirklich keinen Platz mehr in anderen Abteilen hatte. Und wieder sagte jemand: "Was ist den das für ein Viech?"

Nun war meine Neugier vollends geweckt. Was ich entdeckte, war ein etwa 4-5 cm langes, schmales, schwärzliches Insekt mit langen Flügeln. Es kletterte auf den Sitz, wurde wieder weggestossen, flog auf die andere Seite. Ich zog eine Migros-Einkaufstasche aus dem Rucksack, und liess das Tierchen hineinspazieren. Aus dem Nachbarabteil kam die erstaunte Bemerkung: "Ach sie wollen das Tier retten!" Ich bestätigte kurz und dachte bei mir: Warum sollte ich ein kleines Tier, das ich zuvor noch nie gesehen habe, töten. Vielleicht ist es ja das Letzte seiner Art, und überhaupt... 

Nun wollte ich wissen, was das für ein Insekt ist. So fragte ich in einem Facebook-Forum zur Bestimmung von Insekten und Spinnen nach, und erhielt innert einer halben Stunde die richtige Antwort: Es ist eine Steinfliege. Es gibt in der Schweiz mehr als 100 Arten. Die Grössten haben eine Körperlänge von 3 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 11 Zentimetern. Die Larven leben im Wasser. Eine Art von Steinfliegenlarven hat blaues Blut. Eine andere Steinfliege ist flugunfähig und lebt auf Gletschern. Steinfliegen haben hohe Ansprüche an das Wasser. Wo sie leben, ist die Umwelt noch weitgehend intakt.

Wenn die Tiere ihrem Larvenstadium entwachsen und zu "Imagines" (siehe Foto) herangewachsen sind, können sie nicht mehr fressen und nur noch Wasser trinken. Die Tierchen sind dann für die Menschen völlig harmlos. Das ist im Larvenstadium noch anders. Larven der grösseren Arten können Menschen empfindlich in den Finger beissen. Doch im letzten "zahnlosen" Stadium ihres Lebens geht es nur noch um die Fortpflanzung.

Bei genauerem Hinschauen wird also aus den schwarzen, bedrohlich wirkenden Insekt, das Bahnpassagiere erschreckt, ein kleines, faszinierendes Geschöpf, mit unglaublich schön geäderten Flügeln. Faszinierend!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 25. Januar 2022

Camouflage - Anpassung ist nicht immer schlecht

Ein Zitat

Ein Buntspecht fliegt über den Bäumen auf.
Foto © Jörg Niederer
"Ohne Nutzen ist der Verkehr mit einem bösen Menschen und Wohltaten, die man auf Undankbare häuft." Quintessenz der alttibetischen Fabel vom Specht und vom Löwen

Ein Bibelvers - Matthäus 7,7

"Bittet und es wird euch gegeben! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch aufgemacht!"

Ein Anregung

Einem von einem Baum auffliegenden Buntspecht wirken die Flügel surreal, scheinen etwas anderes zu sein, als sie sind. Die weisse Zeichnung durchlöchert die Schwingen als wäre es ein Weidengeflecht, das da in den Bäumen hängt.

Tarnung oder Camouflage funktioniert immer dann, wenn Anpassung an die Umgebung erfolgt. Anpassung - das Lieblingswort totalitärer Diktaturen. Aber Anpassung ist nicht immer schlecht. Die Menschheit sollte sich jedenfalls besser an die Rahmenbedingungen der Umwelt anpassen. Gerade aber geht es noch immer in die andere Richtung. Wir passen die Umwelt unseren überrissenen Bedürfnissen an.

Buntspechte begegnen mir immer wieder. Ich lade dich heute dazu ein, verschiedene Geschichten über den Specht zu entdecken.

Da wäre die indianische Fabel vom Raben und vom Specht, die von alte Rollenbilder bei Mann und Frau handelt. 

In der Geschichte "Das Eichhörnchen, der Specht und die Ameise" wird das Motiv variiert vom Dritten, der davon profitiert, wenn zwei sich streiten.

Etwas Biologie, verknüpft mit Rechtschreibung für Primarschülerinnen und -schüler gibt es im Gedicht "Ich bin ein Klopfer"

Bleibt noch die Fabel vom Specht und vom Löwen. Eine tibetanische Variante der biblischen Weisheitsliteratur. 

Und dann lese ich noch im Christlichen Lexikon: "Der Specht wurde im Christentum wegen seines ständigen Klopfens gelegentlich auch zum Symbol des unablässigen Gebets. „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet." (Mt7,7). Da er die Würmer vertilgt, galt er zugleich als Feind des Teufels und damit zeitweilig als Symbol Christi."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde