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Dienstag, 27. Mai 2025

Klimaentwicklung Schweiz

Ein Zitat

Neubauquartiere im Grossraum Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Wir fordern Taten, weil mit zu wenig Klimaschutz Menschenrechte verletzt werden." KlimaSeniorinnen Schweiz

Ein Bibelvers - Jesaja 24,5

"Die Erde wurde von ihren Bewohnern entweiht. Sie haben sich über Gottes Weisungen hinweggesetzt und seine Ordnungen missachtet. Sie haben den Bund gebrochen, der für immer gilt."

Eine Anregung

Es ist faszinierend, in den Karten auf der neuen Webseite OK KLIMA zu stöbern. Gemeinden und Kantone lassen sich dabei nach vielen Kriterien durchsuchen. So erfährt man etwa, das in der Gemeinde Wettingen 56% der Strassen mit Tempo 30 oder weniger signalisiert sind; sieht aber auch, dass noch fast die ganze Schweiz in dieser Sache überhaupt nicht vorangekommen ist. Wie gemessen wird, kann man unten links auf der Webseite abfragen, indem man auf den Knopf "Mehr erfahren" klickt.

Die Rubriken, die das Klima beeinflussen, lauten: Landmobilität, Gebäude, Energieversorgung, Ernährungssystem und Grünflächen, Konsumgüter und Freizeit, sowie Durchschnitt aller Bereiche.

Bei der Bodenversiegelung sieht es ähnlich aus wie bei Tempo 30. Da gibt es einige positive Ausreisser, wie etwa Cham, Oberrieden, Erlen oder Gaiserwald, die aber allesamt mit um die 60% undurchlässigem Boden immer noch schlechter abschneiden als etwa die englische Metropole London (50%). Randa ist dabei ein Musterschüler. In diesem Walliser Dorf sind nur gerade einmal 30% der Siedlungsfläche zubetoniert.

Auch spannend: Das Bundesamt für Umwelt empfiehlt, den Verbrauch von Elektrogeräte um 2/3 zu reduzieren von durchschnittlich CHF 588.- auf CHF 196 pro Jahr und Person. Nur ein Kanton bekommt hier die Note Genügend, nämlich der Kanton Waadt. Der Kanton St. Gallen gehört zu den Schlusslichtern mit der Note "Sehr schlecht". Nur leicht besser schliessen die beiden Kantone Appenzell und der Thurgau ab mit der Note "Ungenügend".

Im Moment ist auf dieser Webseite noch keine Entwicklung abfragbar. Dazu werden in der kommenden Zeit laufend neue Daten erhoben. Wer dabei mitwirken will, kann sich bei OK KLIMA melden.

Hinter dem Projekt und dem Prototypen stehen die Klima-Allianz Schweiz und die Alliance Digitale. Auch involviert ist die Universität St. Gallen und der Migros Pionierfonds.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 9. Mai 2025

Das Jenseits im Radio- und Fernsehstudio

Ein Zitat

Bücher beim Schweizer Radio und Fernsehen, Studio Zürich Leutschenbach, mit "Jenseits"-Ablage für die Entsorgung.
Foto © Jörg Niederer
"Mensch, wirst du nicht ein Kind, so gehst du nimmer ein, / wo Gottes Kinder sind: Die Tür ist gar zu klein." Angelus Silesius (1624-1677)

Ein Bibelvers - 1. Petrus 3,18+19

"Christus hat einmal für die Sünden gelitten: Der Gerechte litt für die Ungerechten. So sollte er euch zu Gott führen: Sein Körper wurde zwar am Kreuz getötet, aber durch den Geist Gottes wurde er wieder lebendig. Dabei ging er auch zu den Geistern ins Gefängnis und verkündete die Gute Nachricht."

Eine Anregung

Gestern besuchten Vertreter:innen der Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen von Zürich und St. Gallen-Appenzell das Radio- und Fernsehstudio Zürich Leutschenbach. Nebst einer Führung durch die Aufnahmeräume kam es auch zu einem längeren Gespräch mit dem SRF-Religionsexperten Norbert Bischofberger. Dass dieses Gespräch zustande kam, ist dem Konklave in Rom zu verdanken. Hätten die Kardinäle den neuen Papst Leo XIV. noch schneller gewählt, wären es wohl nicht mehr zur Audienz gekommen bei diesem sympathischen Redaktor und Moderator des Schweizer Fernsehens.

Doch mir ist während der Führung ein Detail ins Auge gesprungen, von dem ich erzählen will. Dort im SRF-Studio gibt es nicht nur Elektronik, sondern auch gewöhnliche Bücher. Es sind für diesen grossen Betrieb nicht besonders viele, aber sie laden ein zum Lesen. Seit ich an diesem Bücherschrank vorbeigekommen bin, weiss ich, dass das Jenseits im Leutschenbach zu finden ist. Dort auf einer Kiste steht: "JENSEITS" und etwas kleiner darunter: "BÜCHER ZU ENTSORGEN". "Jenseits" und "Entsorgen"; zwei religiöse Begriffe an einem unverdächtigen Ort. Die Leute dort scheinen Humor zu haben. 

Ob das Kästchen ein magischer Durchlass ins Jenseits ist? In ihr lagen gerade keine Bücher. Verschwinden sie, wenn sie hineingelegt werden, und tauchen auf der anderen Seite der Wirklichkeit wieder auf, entweder im Himmel oder in der Hölle oder im Nirvana? Vermutlich geht das nicht magisch vor sich, sondern händisch. So ist doch die Aussage "Bücher zu entsorgen" eher als Imperativ zu verstehen. Sonst müsste es "Bücher zum Entsorgen" heissen.

Nun überlege ich, ob ich meine nun nicht mehr benötigten Bücher, die ich am Ende meiner beruflichen Laufbahn entsorgen will, nicht ins Radio- und Fernsehstudio bringe. Dann finden sie bestimmt einen sorgenfreien Weg ins Jenseits und damit in den Bücherhimmel.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 15. April 2025

60 Jahre Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen

Ein Zitat

Bischof Joseph Maria Bonnemain präsentiert an der Jubiläumsfeier zu 60 Jahre AGCK Zürich seine Vision zur Ökumene.
Foto © Jörg Niederer
"Gemeinsam diese Botschaft [vom Frieden] zu verkörpern bedeutet, dass wie sie selber leben... Dass wir gemeinsam und mutig nationalistische Ideologien, arrogante Imperialismen, Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus, sowie die Ausbeutung der Schöpfung anprangern." Bischof Joseph Maria Bonnemain (Römisch-katholische Kirche)

Ein Bibelvers - Psalm 150,6

"Alles, was lebt durch Gottes Atem, antworte dem Herrn mit Lobgesang! Halleluja!"

Eine Anregung

Am 2. April durfte ich als Vertretung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (AGCK) St. Gallen und beider Appenzell am Jubiläumsanlass zu 60 Jahren AGCK Zürich mit dabei sein. Die Feier fand in der Neuapostolischen Kirche in der Stadt Zürich statt. Dort erinnerte man sich auch an 1700 Jahre Glaubensbekenntnis von Nicäa. In diesem Zusammenhang formulierten Bischof Frank Bangerter (Christkatholische Kirche), Kirchenratspräsidentin Esther Straub (Evangelisch-reformierte Kirche), Bischof Joseph Maria Bonnemain (Römisch-katholische Kirche) und Bischof Rudolf Fässler (Neuapostolische Kirche) ihre Vision zur Ökumene.

Besonderen Eindruck machte mir der Beitrag von Bischof Bonnemain. Er sagte: 

"Die Realität, die wir im Kanton Zürich erleben, empfinde ich als dauernden Ansporn, die geschwisterliche Eintracht unter den christlichen Konfessionen zu leben und zu fördern.

In einer multikulturellen Gesellschaft, in der Menschen verschiedener Länder, Sprachen, Traditionen und Religionen leben, sind wir, Christinnen und Christen, eingeladen – gerne würde ich sagen, berufen – Zeuginnen und Zeugen einer bescheidenen und lernfähigen Überzeugung zu sein. Wir sind davon überzeugt, dass in Jesus Christus Gott unter uns gegenwärtig sein will. Wir feiern dieses Jahr gemeinsam 1700 Jahre Nicäa. Dies bedeutet, nach meiner Ansicht, das Bewusstsein zu erneuern, dass wir mit unserem Glaubensleben, mit unserer Haltung und Handlungsweise der Welt und den Menschen unserer Zeit die Zuversicht vermitteln können, dass Gott uns nahe ist. Ich meine damit die Zuversicht, dass Gott weiterhin für die Geschicke der Welt Sorge trägt, dass er sich dafür einsetzt, dass das Gute trotz allen Niederlagen obsiegen kann. Die Welt braucht unsere Hoffnung – um nicht zu sagen – unseren Optimismus, aber vor allem auch unsere Empathie, Offenheit, Hilfsbereitschaft, Unterstützung und unbedingte Geschwisterlichkeit. Die Welt, der Mensch braucht Frieden und der Friede – Bruder Klaus zitierend – ist allweg in Gott, denn Gott ist der Friede.

Gemeinsam diese Botschaft zu verkörpern bedeutet, dass wie sie selber leben: 

Dass wir uns gegenseitig sehr schätzen und unterstützen.

Dass wir alles gemeinsam tun, was überhaupt möglich ist.

Dass wir das Leben gemeinsam feiern.

Dass wir gemeinsam Diakonie sind.

Dass wir gemeinsam und mutig nationalistische Ideologien, arrogante Imperialismen, Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus, sowie die Ausbeutung der Schöpfung anprangern.

Und es wäre auch dringend, dass wir uns gemeinsam – mit einer Stimme – für die Abrüstung in unserer Welt einsetzen.

Ist all das utopisch? Mit Helder Camara möchte ich sagen und dies ist mein Wunsch anlässlich dieses 60-järigen Jubiläums: 'Wenn einer allein träumt, bleibt der Traum ein Traum, wenn alle zusammen träumen, wird der Traum Wirklichkeit.'"

Fotos von diesem Anlass und alle Grussworte finden sich nun auf der Webseite der AGCK Zürich.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 9. April 2025

Im Zahnwurzland

Ein Zitat

Kitaibels Zahnwurz blüht im Wald bei der Täuferhöhle oberhalb von Bäretswil.
Foto © Jörg Niederer
"Was ist Unkraut? Eine Pflanze, deren Vorzüge erst noch entdeckt werden müssen." Ralph Waldo Emerson (1803–1882)

Ein Bibelvers - Sprüche 11,25

"Wer für andere ein Segen ist, wird selbst beschenkt. Wer Getränke reicht, bekommt auch zu trinken."

Eine Anregung

Benannt ist sie nach dem ungarischen Botaniker Pál Kitaibel, der einst "Kitaibels Zahnwurz" im heutigen Nationalpark Plitvicer Seen in Kroatien entdeckte. Im Zürcher Oberland heisst die Pflanze auch "Steinbrecher". Dort habe ich sie auch fotografiert, im Zürcher Oberland, auf dem Wanderweg, der oberhalb der Täuferhöhle durchführt.

Die "Vielblättrige Zahnwurz", wie sie auch genannt wird, kommt nur in wenigen Ländern vor. Zu finden ist sie nebst der Schweiz in Italien, Slowenien, Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina. Wir befinden uns also in der Schweiz am nördlichen Rand des Ausbreitungsgebiets. 

Würde man Regionen nach Pflanzenvorkommen einteilen, dann würden Teile der Schweiz mit den Balkanländern zusammengehören. Sicher ist, wir gehören zum "Vielblättrigen Zahnwurzland".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 30. März 2025

Zwei Seiten

Ein Zitat

Blühende Kirschbäume vor der Offenen Citykirche Sankt Jakob in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Man muss viel Liebe investieren, wenn Glaube sich entfalten soll, und man muss viel Freiheit riskieren, wenn die Kirche lebendig bleiben soll." Otto Dibelius (1880-1967)

Ein Bibelvers - Joel 2,1

"Blast ins Widderhorn auf dem Zion! Gebt Alarm auf dem Berg meines Heiligtums! Alle Bewohner des Landes sollen aufgeschreckt werden! Denn der Tag des Herrn kommt, bald ist er da."

Eine Anregung

Jetzt blühen sie wieder, die Kirschbäume. Wenn sie dann auch noch vor so schönem sakralem Gemäuer stehen wie vor der Offenen Citykirche Sankt Jakob in Zürich, schaut man doch gerne hin. 

Doch Fotos erzählen selten die ganze Wahrheit. Wer schon einmal vor dieser Kirche gestanden hat, weiss: So idyllisch ist es nicht, dort am Stauffacher. Wer sich von der Kirche um 180 Grad wegdreht, findet sich vor einer der betriebigsten Tramhaltestellen der Stadt. Auf den vorbeiführenden Strassen brummt der Verkehr, dieweil unweit die Langstrasse mit allerlei mehr oder weniger seriösen Vergnügungen lockt. Dort bei der Kirche trifft sich die Welt der Junkies und Obdachlosen mit den Geschäftsleuten und dem Ausgehvolk.

Ich finde, an keiner anderen Stelle sollte mittendrin die Kirche stehen und einladen zu tiefgründigeren, stilleren Momenten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 28. März 2025

Marc Chagall in Zürich

Ein Zitat

Das Jakobs- Christus- und Zionsfenster von Marc Chagall im Fraumünster Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Dieses Buch (die Bibel) ist Geschichte und gleichzeitig ist es auch ein Roman, an manchen Stellen ist es reine Poesie. Es ist eine Tragödie, aber oft auch sehr komisch. Nimm zum Beispiel diesen David, er ist nicht so ganz anständig. Er hat ja so viele umgebracht." Marc Chagall (1887-1985)

Ein Bibelvers - Lukas 23,47

"Der römische Hauptmann sah genau, was geschah. Da lobte er Gott und sagte: 'Dieser Mensch war wirklich ein Gerechter.'"

Eine Anregung

Heute vor 40 Jahren starb Marc Chagall im Alter von 97 Jahren. Seine Werke sind auf der ganzen Welt zu finden, auch in Zürich. Dort besuchen jährlich um die 150'000 Tourist:innen das Fraumünster, um ein Alterswerk des Künstlers zu bestaunen. Damit sie vor den fünf Glasfenster meditieren können, müssen sie fünf Franken Eintritt hinlegen. Das sind die Glasmalereien allemal wert. Ihre Leuchtkraft, die besondere Farbgebung, die Gestaltung der Motive erfüllen das Innerste der Betrachtenden.

Besonders bewegt hat mich, dass Marc Chagall im gekreuzigten Christus das "Sinnbild für die verfolgten und ermordeten Juden schlechthin" entdeckte. Chagall schuf ab den 1930er Jahren zahlreiche Bilder des Gekreuzigten.

Mehr über Marc Chagall und die berühmten Glasmalereien in Zürich erfährt man in einem heute erschienen Beitrag von Jens Bayer-Gimm auf ref.ch.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 25. Februar 2025

Von ganz jung bis ganz alt

Ein Zitat

Im mit der Venus gekrönten Schauspielhaus Zürich befindet sich auch ein Venen-Zentrum.
Foto © Jörg Niederer
"Im Haus der Tränen lächelt Venus nicht." William Shakespeare (1582-1616)

Ein Bibelvers - Jakobus 1,11

"Wenn die Sonne emporsteigt, kommt mit ihr die Hitze und lässt das Gras verdorren. Dann fällt die Blüte ab und von ihrer Schönheit bleibt nichts übrig. So wird auch der Reiche vergehen, noch während er seinen Geschäften nachgeht."

Eine Anregung

Das Schauspielhaus von Zürich, auch Pfauen genannt, wird zentral gekrönt mit der Venus, wie sie soeben dem Meer entsteigt. Die römische Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit hat in Aphrodite eine griechische Vorläuferin. Diese, so der Mythos, sei aus dem Schaum geboren, der sich bildete, als der abgeschnittene Geschlechtsteil des Uranus ins Meer gefallen sei. Mit der Venus sind wir also ganz am Anfang des prallen Lebens und ganz bei der jugendlichen Schönheit.

Nun ist aber im Schauspielhaus seltsamerweise auch ein Venenzentrum untergebracht. Und damit sind wir bei typischen Altersbeschwerden. Stichworte sind Krampfadern, nächtliche Wadenkrämpfe, Besenreiser, geschwollene schwere sowie offene und schmerzende Beine.

So gesehen ist am Schauspielhaus Zürich in mahnender Weise der Weg von der Venus zum Venenzentrum, von der blühenden Jugend zur welkenden Last des Alters, von der Vitalität und Potenz zur Krankheit und Erschlaffung vorgezeichnet. Es geht abwärts im Leben. Einst oben die Venus, nun unten der Doktor, der verspricht, sich um die Venen zu kümmern.

Es fehlt nur noch, dass am Schauspielhaus das bekannte Theaterstück "Der eingebildete Kranke" von Molière aufgeführt wird. Das wäre wohl das Tüpfelchen auf dem i an dieser Fassadengeschichte.

Wünschen wir uns doch heute ein bisschen mehr Venus, und viel weniger Venenzentrum.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 15. Februar 2025

Katharinen-Einkaufstasche

Ein Zitat

Katharinen-Einkaufstasche
Foto © Jörg Niederer
"Bei all der Schwere hoffe ich, dass dabei trotzdem auch Spielfreude, Leichtigkeit und viel Mut zum Träumen da ist. Vielleicht sogar Poesie oder eine gute Portion Humor." Anne Kaestle (*1975), Architektin, Zürich

Ein Bibelvers - Sprüche 24,3

"Durch Weisheit wird ein Haus gebaut, durch Verstand wird es erhalten."

Eine Anregung

Sie ist eigetroffen. Die Einkaufstasche aus dem Banner mit den 500 Frauennamen, das einige Zeit um den temporären Katharinenturm beim Fraumünster in Zürich zu bewundern war (Siehe dazu den Beitrag vom 28. August 2024). Zur Erinnerung an die vor 500 Jahren wirkende letzte Äbtissin vom Fraumünster in Zürich stand der filigran aufragende Katharinenturm von Debora Burri-Marci für 500 Frauen, die Bedeutendes in der Stadt Zürich geleistet haben oder gewesen sind.

Meine Tasche besteht aus Teilen des Namens der Architektin Anne Kaestle (*1975). Über sie steht auf der Webseite des Katharinenturms: "Ihre Vision von urbaner Dichte manifestiert sich in ausgezeichneten Projekten wie der genossenschaftlichen Siedlung 'Mehr als Wohnen', der 'Siedlung Buchegg', dem Mehrgenerationenprojekt 'Burkwil' oder dem 'Glasi Quartier' in Bülach... Mit dem Fokus auf den Zwischenraum hat Anne Kaestle den Begriff der Relationalen Architektur geprägt, um in einer hyperindividuellen, diversen Gesellschaft für Zusammenhalt zu sorgen und bauliche Dichte auf scheinbar wundersame Weise in menschliche Nähe zu verwandeln." 

Eine weiterer fragmentarischer Frauenname auf der Einkaufstasche ist der von Cleophea Pestalozzi-von Orelli (1750-1820). Sie "...leitete das in der Revolutionszeit in Schwierigkeiten geratene Seiden- und Bankgeschäft weiter und führte es zu neuem Erfolg. Bereits 1802 gewährte sie ihrem Angestellten eine kleine Kapitalbeteiligung. Drei Jahre später machte sie ihn zum Teilhaber... In der Literatur wird Cleophea Pestalozzi als eine herausragende Geschäftsfrau gewürdigt, welche die wenig ertragreiche Firma zum Erfolg zurückgeführt habe." 

Dann gibt es zwei Teile an der Tasche, die ich nicht eindeutig zuordnen kann. Das eine Teil könnte für die Seelsorgerin Amanda Ehrler (*1946), für die Politikerin Jacqueline Fehr (*1963), für die heute selbstständige Unternehmerin Eveline Mettier Wiederkehr oder für Birgit Wehrli-Schindler (*1946), der Gründerin von "Stadtentwicklung Zürich" stehen.

Beim anderen Teil käme Yasmin Habegger, die Gründerin und Geschäftsführerin der "Malen mit Stil GmbH"; Andrea Hardegger, Gründerin und Eigentümerin der Aurum Schule Zürich AG; Cornelia Hesse-Honegger (*1944), Schweizer Künstlerin und naturwissenschaftliche Zeichnerin; Klara Honegger (*1860-1940), Gründungsmitglied im Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht; die Sex- und Partnerschaftsberaterin beim Blick Marta Emmenegger (1923-2001) oder die Anthropologin Elisabeth Langenegger (*1940) in Frage.

Mit diesen vielen Frauen werde ich also in Zukunft einkaufen gehen. Ein faszinierender Gedanke und eine Reminiszenz an die Bedeutung der Frauen in Politik, Kunst, Wirtschaft und Religion.

Nebenbei: Noch können Taschen und Etuis aus dem Banner des Katharinenturms bestellt werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 12. Februar 2025

Sonniges Arbeiten

Ein Zitat

An einem sonnigen, milden Wintertag arbeitet ein Mann auf dem kleinen Balkon seiner Wohnung.
Foto © Jörg Niederer
"Ja, es gibt Menschen, die die Sonne nur anschauen, um Flecken darauf zu finden." Papst Johannes Paul I. (1912-1978)

Ein Bibelvers - Maleachi 3,20

"Dann wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen für euch, die ihr meinen Namen fürchtet. Unter ihren Flügeln gibt es Heilung. Ihr werdet herauskommen und herumspringen wie Kälber, die aus dem Stall gelassen werden."

Eine Anregung

Es gibt Menschen, die müssen an die Sonne, ganz egal, welche Jahreszeit gerade ist. So wohl auch der Mann, der auf dem kleinen Balkon eines älteren Hauses warm bekleidet seiner Arbeit nachging. Schrieb er gerade an einem Buch, inspiriert vom Treiben der Stadt Zürich? Arbeitete er seine Korrespondenz ab, oder sass er gerade an der Steuererklärung? Auf jeden Fall frische Luft an der wärmenden Sonne. So ist die Arbeit leichter zu ertragen.

Es gibt aber auch viele Menschen, die gerne arbeiten; ganz besonders bei Sonnenschein. Es ist wie "Leben und arbeiten unter einem guten Stern." Ich sage dem jedoch anders: "Leben und Arbeiten im Licht der Liebe Gottes."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 29. Januar 2025

Endstation Bahnhof Zürich-Oerlikon

Ein Zitat

Der Bahnhof Zürich-Oerlikon.
Foto © Jörg Niederer
"Die Belohnung für Geduld ist Geduld." Augustinus von Hippo (354-430)

Ein Bibelvers - 1. Thessalonicher 5,14

"Ermutigt die Ängstlichen, kümmert euch um die Schwachen, und habt Geduld mit allen."

Eine Anregung

Es gibt Redensarten, die man immer in ganz bestimmten Momenten zitiert. "Es kommt immer alles zusammen!", wäre so eine. Oder "Wenn schlecht, dann aber richtig!" Auch: "Ein Unglück kommt selten allein."

Letzteres führte vor einigen Tagen dazu, dass ich vorerst am Bahnhof Zürich-Oerlikon strandete. An dem Ort, an dem sich eine Mitreisende bitte beklagte: "Also das ist das letzte Mal, dass ich mit der Bahn gefahren bin."

Nun kann man gegen die Schweizerischen Bundesbahnen eigentlich nur wenig sagen. Vielleicht, dass sie beim Ländervergleich nur den dritten Platz in Sachen Pünktlichkeit einnehmen. Wie aber ist es dazu gekommen, dass ich für einmal an einem Ort ausstieg, wo ich gar nicht hinwollte?

Es begannt schon bei der Abfahrt in Frauenfeld. Der Schnellzug hatte wegen eines anderen Zugs zehn Minuten Verspätung. Zuviel, um den Anschlusszug in Zürich zu erreichen. Doch meist holt die Bahn auf den gut 60 Kilometern den Rückstand wieder auf. Diesmal nicht. So entschied ich mich, bereits in Zürich-Flughafen die Bahn zu wechseln. In der sich vor dem Ausstieg bildenden Schlange schnorrte ich mich bis zur Zugstüre durch, nur um beim Einfahren in den Bahnhof zu sehen, wie sich der Anschlusszug ohne mich in Bewegung setzte. Also nach einem kurzen Augenblick auf dem Perron wieder zurück an meinen bisherigen Sitzplatz im gut gefüllten Zug.

"Steige ich halt in Zürich in einen späteren Zug um", dachte ich, und vertiefte mich wieder in mein Buch. Bis Zürich-Oerlikon ging es dann auch leidlich weiter. Doch dort auf dem Bahnhof war Endstation. An Aussteigen war nicht zu denken, blieben die Türen doch verschlossen. Bei der Durchsage meinte der Zugsbegleiter: "Zu all den Problemen die wir sonst schon haben, ist nun noch eine Türstörung hinzugekommen. Wir sind dabei, das Problem zu beheben. Bitte steigen sie aus Sicherheitsgründen nicht aus." Letzteres war eine überflüssige Warnung, was aber Fahrgäste nicht daran hinderte, es dennoch zu versuchen. Durchs Fenster beobachtete ich, wie ein Zug nach dem andern sich Richtung Zürich in Bewegung setzte. Nur wir blieben, wo wir waren. Eine halbe Stunde später dann erneut eine Durchsage: "Das Problem mit der Tür konnte nicht gelöst werden. Der Zug kann nicht mehr weiterfahren. Bitte steigen Sie alle aus. Wir bitten Sie für die Unannehmlichkeiten um Verzeihung."

Was also tun, bis zur Weiterfahrt 40 Minuten später mit einem hoffentlich besser funktionierenden Schienenfahrzeug? "Tee trinken und abwarten", hätte der Brite gesagt. Ich dagegen habe mich für Kaffee entschieden und für neugierige Blicke auf das Treiben am Bahnhof Oerlikon. Dort ist mir noch eine andere Redensart eingefallen: "Es kommt, wies kommt." Dann dachte ich an die Staustunden der Autofahrenden, und übte mich für einmal in bahnverursachter Geduld.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Montag, 23. Dezember 2024

Licht und tiefste Dunkelheit

Ein Zitat

Die Lichter an einem Stand des Weihnachtsmarkts am HB Zürich leuchten in der Dunkelheit.
Foto © Jörg Niederer
"Wir sind gemeinsam hier, um uns gegenseitig Halt zu geben und auszuhalten, was nicht zu begreifen ist. Gemeinsam sind wir hier, um Hass und Gewalt nicht das letzte Wort zu lassen." Bischof Gerhard Feige am Trauergottesdienst nach dem Attentat in Magdeburg

Ein Bibelvers - Sprüche 3,29

"Plane nichts Böses gegen deinen Nächsten! Er wohnt doch friedlich in deiner Nachbarschaft."

Eine Anregung

Am Weihnachtsmarkt in der grossen Halle am Hauptbahnhof Zürich geht alles seinen gewohnten Gang. Die Stände bieten ihre Leckereien und Waren an, die Leute schlendern und trinken und essen und kaufen. Vor dem Lindt-Weihnachtsbaum lassen sich Posierende in einer Schlittenattrappe ablichten, dieweil im Hintergrund eine Lichterprojektion den Bahnhof mit immer wieder anderen Bilder bereichert.

In Magdeburg ist fertig Weihnachtsmarkt. Die Lichter sind aus. Nach dem schrecklichen Attentat sind fünf Menschen tot und 200 Verletzte zu beklagen. Zurück bleibt Entsetzen und Trauer.

Eigentlich wollte ich heute ja etwas lustiges vom Christkindlmarkt in Strasbourg zeigen, doch nun denke ich nur noch an die dortigen Strassenkontrollen und an die bewaffnete Militärpolizei mit ihren halbautomatischen Waffen, die wieder zwischen den Besuchenden patrouilliert, genauso, wie acht Jahre zuvor schon, als ich in Strasbourg beim Dom dem Treiben zuschaute.

Vielleicht ist Weihnachten so. Ein Fest der Freude, bei dem sich tägliche und ausserordentliche Gewalt besonders kontrastreich abzeichnet.

Hier soll abschliessend ein Gebet stehen der Bischöfin Beate Hofmann von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck:

"Wir rufen zu Gott: Du Gott des Friedens und der Liebe, / fassungslos stehen wir vor dem Angriff in Magdeburg.

Stärke und heile, die an Leib und Seele verletzt wurden. / Tröste die, die Angehörige verloren haben.

Gib uns Besonnenheit, die Tat nicht vorschnell zu beurteilen. / Hilf uns, trotz dieses Schreckens auf Weihnachten zuzugehen.

Erinnere uns, warum Jesus in diese Welt kam: / Licht durchbricht die Finsternis.

Gerechtigkeit und Friede erweisen sich stärker als Hass und Gewalt. / Komm zu uns, Gott, wir sehnen uns nach Deinem Frieden.

Amen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Dienstag, 10. September 2024

Dichtelust oder Dichtestress

Ein Zitat

Badende lassen sich zwischen Drahtschmidlisteg und Kornhaus-Silo durchs Schwimmbad Oberer Letten treiben, mitten  in der Stadt Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Habe doch den Mut, auch einmal anders zu sein / Als die meisten Leute um dich her / Wenn sie dich auch alle als nicht ganz normal verschrei′n / Frage du nur: "Was will denn der Herr?" Beliebtes christliches Lied aus den siebziger Jahren.

Ein Bibelvers - 2. Mose 12,37+38

"Dann brachen sie auf und zogen von Ramses nach Sukkot. Ungefähr 600.000 Leute machten sich auf den Weg, die Frauen und Kinder noch gar nicht mitgezählt. Auch viele Nicht-Israeliten zogen mit ihnen sowie eine riesige Herde aus Schafen, Ziegen und Rindern."

Eine Anregung

Anders als beim ehemaligen Waidbad auf dem Käferberg (Siehe Beitrag von gestern!) war am vergangenen Samstag noch einmal richtig viel los beim Schwimmbad Oberer Letten in Zürich. Der letzte heisse Tag des Sommers lockte tausende an und in die Limmat. Die eine schwammen im Fluss, andere sonnten sich dicht gedrängt auf den Mauern und den kleinen Wiesenarealen entlang des Wassers. Hinzu kamen die Spaziergänger:innen und alle, die sich in den zahlreichen Restaurants und Cafés entlang des Kloster-Fahr-Wegs einen kühlen Drink gönnten. Da kamen sich wildfremde Menschen in knappen Badesachen näher als in Vollmontur in einem voll besetzten Zug. Die Stimmung war fröhlich, heiter, ausgelassen. Kein Hinweis auf Dichtestress und Angst vor Fremden.

Und doch: Nicht alle wollen wie auf der Hühnerleiter Leib an Leib ungefragt die  Gespräche der andern belauschen müssen. Es gibt die, welche sich verloren vorkommen in diesem Gewusel an Bademoden. Ihr Traum von einem schönen, erholsamen Sommertag hat mehr zu tun mit einem Bergsee, in dessen eiskaltem Wasser sonst niemand eintauchen möchte.

Menschen sind verschieden. Und so verschieden sind auch die Orten, an denen sie sich wohl fühlen. Menschen sind auch verschieden in den aufeinanderfolgenden Stadien ihres Lebens. Nur wenige ältere Personen konnte ich zwischen dem meist jungen Volk ausmachen.

Die Bedürfnisse nach Nähe und Distanz verändern sich. Das gilt auch im kirchlichen Kontext. Die einen fühlen sich in Gemeinden mit vielen Menschen wohl, die anderen ziehen intimere kirchliche Begegnungsgelegenheiten vor. Die einen wollen Teil einer grossen Masse sein, anderen wird es Angst und Bang bei so vielen Leuten. Wieder andere kommen nur einmal in eine Kirche, in der sie sofort als Erstbesucher:in erkannt werden. Zu intim ist ihnen ein Setting mit weniger als 50 unbekannten Menschen.

Hinzu kommt: Schwimmst du gerne mit dem Strom, oder willst du gegen die Strömung ankämpfen? Bist du jemand, der sich mitnehmen lässt, oder willst du den Widerstand der anderen austesten? Welches kirchliche Umfeld macht dich glücklich?

Nebenbei: Erkennst du auf der Fotografie die Menschen, die den vielen anderen entgegenschwimmen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 9. September 2024

Luft- und Sonnenbaden einst, Waldbaden jetzt

Ein Zitat

Beim einstigen Waidbad auf dem Käferberg bei Zürich wird schon lange nicht mehr gebadet.
Foto © Jörg Niederer
"Wer im Glashaus sitzt, sollte im Keller duschen." Graf Fito (1938-2022), Gebrauchsphilosoph und Abreißkalenderverleger

Ein Bibelvers - Hiob 1,21

"Nackt kam ich aus dem Leib meiner Mutter, und nackt gehe ich wieder aus dem Leben dahin. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!"

Eine Anregung

Es begann damit, dass Pfarrer Theodor Stern in Köniz so um das Jahr 1900 seine Stelle verlor, weil er sich aus gesundheitlichen Gründen zu intensiv den Luft- und Sonnbädern hingab, ganz im Sinn des Schweizers Arnold Rikli (1823–1906), der seinen Patienten "Lichtbäder" ohne Bekleidung verschrieb. Kurzerhand gründete der geschasste Pfarrer das Kurhaus Waidberg auf dem Käferberg ob Zürich im Stil der Lebensreform-Bewegung. In kleinen Lufthütten und weitere Einrichtungen gab man sich unbekleidet der Natur hin. Die "Patient:innen" unternahmen dabei offensichtlich auch stundenlange, medizinisch indizierte Nacktwanderungen, an die sich die umliegende Dorfbevölkerung schon bald gewöhnte.

Das Kurhaus wechselte mehrfach den Besitzer, bis 1939 der damalige Inhaber daselbst ein Freibad erbaute. Das 50-Meter-Becken kann man auf historischen Luftaufnahmen von Werner Friedli gut erkennen, auch dass es damals an schönen Tagen gut besucht war. Für den nächtlichen Schwimmbetrieb wurde sogar eine Unterwasserbeleuchtung angebracht. 1969 wurde der Badebetrieb wieder eingestellt. Stand die Sanierung des Beckens an oder rentierte das abseits gelegene Bad nicht mehr? Ich weiss es nicht. 1980 jedenfalls wurde das Schwimmbecken zugeschüttet.

Heute noch zu sehen vom einstigen Badebetrieb sind Teile des Garderobegebäudes (Foto) und das eigentliche Kurhauses Waidberg, in dem sich nach anderen Restaurationsbetrieben heute das "Tessin Grotto" befindet, welches auf der Webseite mit dem Slogan "Staufrei ins Tessin" für sich Werbung macht.

Am vergangenen Samstag haben wir das, was vom einstigen Privatbad übriggeblieben ist, besucht. Auf der grossen Wiese grillierten verschiedene Familien ihre Würste, Kinder tobten umher und lärmten, als würden sie sich im Wasser vergnügen. Doch hier mitten im Wald schwimmt kein Mensch mehr. Es sei denn er frönt der neuen Modeerscheinung, dem Waldbaden.

Ganz anders dann unten an der Limmat, wo sich an diesem letzten Sonnentag vor der Regenfront Tausende im und am Wasser vergnügten. Doch selbst dort lief niemand nackt durch die Gegend, wie einst Pfarrer Theodor Stern und andere Naturalisten der ersten Stunde oben auf dem Käferberg.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 8. September 2024

Eine Volkslied-Predigt

Ein Zitat

Sich seiner bewusst wird man in der Anschauung Christi. Ikone im Eingangsbereich der Griechisch-orthodoxen Kirche in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"I weiss nid, wär i bi, / i weiss nid, was i cha; / weiss nume s'zieht mi zue der hi, / i cha nid vo der lah." (Ich weiss nicht wer ich bin, ich weiss nicht was ich kann, weiss nur es zieht mich zu dir hin, ich kann nicht von dir lassen.) 2. Strophe des Riggisberglieds

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 26,15

"Da fragte ich: 'Wer bist du, Herr?' Der Herr antwortete: 'Ich bin Jesus, den du verfolgst."

Eine Anregung

Das Riggisberglied kann man als Dialog zwischen Mensch und Gott verstehen, auch wenn es natürlich in erster Linie ein traditionelles Liebeslied ist. Verfasst wurden die ersten beiden Strophen vom einflussreichen Kinderanalytiker und Lehrer Hans Zulliger (1893-1965); die beiden folgenden Strophen sind von Liselotte Truog aus Riggisberg.

Dieses Volkslied bildet die Grundlage zur heutigen Predigt in der Methodistenkirche St. Gallen. Ebenfalls Teil dieses Nachdenkens ist der Bericht über die Gottesbegegnung des Apostels Paulus. Gott fragt, und der Mensch wird sich bewusst wer er ist, nämlich ein von Gott geliebtes Geschöpf. In der Bezogenheit aufeinander entstehen Identität. Der Mensch wird sich der Liebe bewusst.

Einfacher und schöner als im Riggisberglied ist das nur noch an wenigen anderen Stellen beschrieben. Mehr zum Lied erfährt man im Volksliederarchiv. Da kann man sich auch alle bekannten Strophen anhören. Den Text der Predigt gibt es in Kürze auf der Webseite der Kirche.

Noch besser ist es, dabei zu sein im Gottesdienst um 10.15 Uhr an der Kapellenstrasse 6 in St. Gallen. Alle sind herzlich willkommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 3. September 2024

Aachen-Zürich, immer dem Hirsch nach

Ein Zitat

Das Grossmünster in Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Manchmal sitzen sie vor dir, mit Augen, so hinschmelzend, so zärtlich und so menschlich, dass sie dir beinahe Angst machen, denn es ist unmöglich zu glauben, dass da keine Seele in ihnen ist." Théophile Gautier (1811-1872), französischer Erzähler, über die Tiere

Ein Bibelvers - 4. Mose 22,26+27

"Der Engel des Herrn ging ein Stück weiter. Er stellte sich an eine noch engere Stelle. Dort konnte die Eselin nicht mehr ausweichen, weder nach rechts noch nach links. Als die Eselin diesmal den Engel des Herrn sah, legte sie sich unter Bileam einfach hin. Bileam wurde wütend und schlug die Eselin mit dem Stock."

Eine Anregung

Dass ein Hirsch eine Strecke von 500 Kilometer zurücklegt, ist recht unwahrscheinlich. Genau das wird aber in der Gründungslegende des Grossmünsters zu Zürich behauptet. Wieder hat es etwas mit Karl dem Grossen zu tun (Siehe Beitrag zum Fraumünster vom 29. August 2024). Derselbe soll nämlich diesem prächtigen Hirsch von seinem Regierungssitz Aachen bis nach Zürich gefolgt sein, dahin, wo die thebäischen Märtyrer Felix und Regula 500 Jahre früher enthauptet worden sind. Die beiden Glaubenszeugen trugen in der Folge ihre Köpfe noch bis zu dem Ort, an dem heute das Grossmünster in Zürich steht. Da wurden sie in Gräbern beigesetzt. Genau dorthin führte der Hirsch den König. An jener Stelle waren die Tiere "gspüriger" als die Menschen. So sei der Hirsch vor Ehrfurcht hingekniet, genauso wie Karls Pferd und die Jagdhunde. Dadurch wurde Karl der Grosse auf diesen heiligen Boden aufmerksam und liess später das Grossmünster errichten, über den Gräbern der Heiligen. Bis zur Reformation konnten die Gebeine von Felix und Regula, aber auch Reliquien von Karl dem Grossen im Grossmünster verehrt werden. Schön wird die Legende in einem Audiobeitrag in der ältesten bekannten Fassung vorgelesen.

Was mir in dieser Geschichte besonders gut gefällt ist die Rolle der Tiere. Sie weisen Karl dem Grossen, der hier etwas schwer von Begriff zu sein scheint, den Weg an den Ort, an dem Gott den König brauchen will. Mit anderen Worten: Die Hunde, Pferde und der Hirsch sind glaubensaffiner als der bedeutendste Mann seiner Zeit.

Wer da nicht an die biblische Geschichte von Bileam und dem Esel (4. Mose 22,9-35) denken muss, sollte diese Bildungslücke dringend schliessen und sie wieder einmal lesen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 29. August 2024

Verliebt in eine Tote

Ein Zitat

Die Schlange beschenkt den gütigen Kaiser Karl dem Grossen mit einem Edelstein. Fresko von Paul Bodmer zur Gründungssage der Wasserkirche Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Rechtes Handeln ist besser als Wissen; aber um das Richtige zu tun, müssen wir wissen, was richtig ist." Karl der Grosse (747/748-814)

Ein Bibelvers - Johannes 3,14+15

"Es ist wie damals bei Mose, als er in der Wüste den Pfahl mit der Schlange aufgerichtet hat. So muss auch der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat."

Eine Anregung

Vom Maler Paul Bodmer (1886-1983) stammen die Fresken im Kreuzgang des Fraumünsters in Zürich. Sie erzählen die Gründungslegenden verschiedener Kirchen, auch die der Wasserkirche in der Stadt.

Darin kommt eine Schlange vor, die von Kaiser Karl dem Grossen Nahrung und Hilfe erhält. Weiter wird eine Kröte verurteilt und hingerichtet.

Das Geschenk der Schlage an Karl den Grossen für dessen Hilfe, ein wertvoller Edelstein, entpuppt sich als starker Liebeszauber. Das führt dazu, das der Kaiser mit seiner zwischenzeitlich verstorbenen Frau 18 weitere Jahre lang zusammengelebt haben soll. Später wurde das Geschenk der Schlange ein unlösbares Liebesband zwischen dem Kaiser und einem seiner Ritter, bis dieser den an sich genommenen Edelstein in einen Sumpf warf. Nun entbrannte Karl der Grosse in Liebe zu dem Land, in dem der Edelstein nun verborgen lag, und gründete daselbst die Stadt Aachen.

Übrigens: Der Ort an dem die Schlange in Zürich aufgetaucht war, soll genau da gewesen sein, wo heute die Wasserkirche steht und wo einst die Stadtheiligen Felix und Regula ihr Leben liessen.

Die ganze Legende kann man in einem eindrücklich schön gelesenen Tonbeitrag anhören.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 28. August 2024

In Zürich steht ein neuer Turm

Ein Zitat

Blick durch den Katharinenturm beim Fraumünster hinauf zum Himmel über Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"bin der red und bin den oren bekent man den essel und den toren / item welen frouwen uibell rett, der weist nit was sin muoter tet / man / sol frouwen loben / es sy war oder arlogen." (An der Rede und an den Ohren erkennt man den Esel und den Toren. Auch: Wer schlecht über Frauen redet, der weiss nicht, was seine Mutter tat. Man soll Frauen loben, sei es (nun) wahr oder erlogen." Katharina von Zimmern (1478-1547)

Ein Bibelvers - Richter 4,9

"Darauf sagte sie: 'Ja, ich komme mit dir! Nur sollst du wissen: Du ziehst jetzt in die Schlacht, doch Ruhm wirst du auf diesem Weg nicht ernten. Der Herr wird Sisera in die Hand einer Frau geben.' Dann stand Debora auf und ging mit Barak nach Kedesch."

Eine Anregung

Mit 18 Jahre wird Katharina von Zimmern Äbtissin des Fraumünsters, des Zürcher Stiftsklosters mit den grössten Ländereien. 28 Jahre übte sie dieses Amt aus, zuletzt ganz allein im Kloster in Zürich.

Berühmt ist sie vor allem dadurch, dass sie am 8. Dezember 1524 den Schlüssel des Fraumünsterstifts und damit das Kloster samt Ländereien dem Bürgermeister und dem Rat von Zürich übergab. Damit verhinderte sie in der heissen Phase der Reformation ähnliche Ausschreitungen, wie sie etwa beim Sturm auf das Kloster Ittingen (Siehe Beitrag vom 19. Juli!) geschahen.

Dieser historisch bedeutsame reformatorischer Akt, der vor 500 Jahren geschah, wird aktuell in Zürich vielfältig gefeiert. Am Augenfälligsten ist dabei ein Turm, der sich in Erinnerung an die letzte Äbtissin des Fraumünsters nun wieder bei der einstigen Stiftskirche erhebt. Der filigran aufragende Katharinenturm von Debora Burri-Marci steht vorübergehend an der Stelle, an der einst auch der heute fehlende Südturm stand. Geschmückt ist er mit einem tausend Meter langen grünen Band, auf dem die Namen von 500 bedeutenden Frauen stehen, welche sich seit Katharina von Zimmerns Zeit für Zürich engagiert haben.

Wer mehr über Katharina von Zimmern erfahren möchte, kann sich dazu den Zeitblende-Podcast auf Radio DRS anhören oder das Buch von Irene Gysel über die bedeutende Frau lesen.

Dazu lohnt sich ein Besuch im und beim Fraumünster in Zürich. Nicht nur wegen des vorübergehend dort stehenden Turms, sondern auch wegen der weiteren Sehenswürdigkeiten, darunter Glasfenster von Marc Chagall.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 7. Dezember 2023

Himmel über Zürich

Ein Zitat

Regisseur Thomas Thümena äussert sich zu seinem Film "Himmel über Zürich".
Foto © Jörg Niederer
"Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, in London, wo William Booth die Heilsarmee gründete, war Karl Marx damit beschäftigt, sein Hauptwerk 'Das Kapital' zu schreiben. Beides je verschiedene Versuche, die Not der Menschen zu adressieren." Regisseur Thomas Thümena sinngemäss an der Filmvorschau "Himmel über Zürich" im Kino Kinok in St. Gallen

Ein Bibelvers - Johannes 12,8

Jesus: "Arme wird es immer bei euch geben. Aber mich habt ihr nicht für immer bei euch."

Eine Anregung

Der Titel des Films ist gut gewählt. Das Portrait von Menschen am Rand der Gesellschaft spielt unter dem Himmel von Zürich. Für die Randständigen selbst ist dieser einmal bewölkte, einmal winterliche, dann wieder sonnig blaue Himmel von Zürich nicht selten ihr Dach über dem Kopf. Für die Heilsarmee ist der Himmel in geistlicher Hinsicht die Botschaft, die sie durch ihren sozialen Einsatz aber auch durch Worte vermitteln; ein Ort der Hoffnung. Die Heilsarmee mit ihren rund 3000 Mitgliedern in der Schweiz ist ihrerseits selbst randständig, wäre wohl nicht der Rede oder eines Filmes wert, wenn da nicht diese besondere Zuwendung zu den Ärmsten und Bedürftigen gelebt wird. Das geschieht besonders in Zeiten, in denen bei uns im Westen das Religiöse und die Armut privat versteckt werden. Doch wer sehen will, wird beides sehen.

Regisseur und Drehbuchautor Thomas Thümena wollte nicht mehr wegschauen, und so ist ein berührender Film entstanden über Menschen in der Heilsarmee und, woran man bei der Heilsarmee nie vorbeikommt, über Armutsbetroffene mitten unter uns. Davon handelt der Film. Anhand von einigen Protagonistinnen und Protagonisten wird ein Bild gezeichnet von einerseits gelebter Fürsorge und Nächstenliebe, andererseits von grosser Not. Der Film lebt von den portraitierten Menschen, vom Heilsarmee-Offiziersehepaar Fredi und Mirjam Inniger, von den Armutsbetroffenen Jack, Kheira, Josef und Jürg. Alle haben sie ihre Herkunft, ihr Schicksal, ihre Höhepunkte und Tiefschläge und ihren Glauben. "Himmel über Zürich" ist ein berührender und verstörender Film. Er stört die oberflächlich heile Welt und ist darum auch so wichtig.

Corinne Riedener hat auf www.saiten.ch mehr dazu geschrieben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 28. Februar 2023

Totentanz, Lebenstanz

Ein Zitat

Ein Paar tanzen in inniger Umarmung in der Bahnhofsunterführung Zürich.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn man weiss, warum man gelebt hat, vielleicht auch nur ahnt, worauf es ankommt und wohin es mit uns hinaus will, dann kann man ebenso gut weiterleben wie abgerufen werden: Man ist einverstanden mit dem einen wie mit dem anderen." Hannelore Frank (1927-1973)

Ein Bibelvers - Prediger 3,1+4

"Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit: ... Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen. Eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen."

Eine Anregung

In der Bahnhofsunterführung in Zürich tanzt ein Paar selbstvergessen, während Reisende an ihnen vorbeieilen. 

Ich denke zurück an den Besuch bei meiner Mutter, fünf Tage, nachdem mein zwei Jahre jüngerer Bruder überraschend verstorben ist. Auf ihrem Tisch im Altersheim liegt das Gesangbuch der Methodisten aufgeschlagen bei einem Lied, das Gottes Weg bei den Menschen als Tanz beschreibt. Der deutschsprachige Text des englischen Lieds: "I danced in the morning when the world was begun" nimmt mich mit, bewegt von der jüngsten Erfahrungen von Tod und Leben. 

"Ich tanzte im Himmel, als die Welt begann, / mit Sonne und Mond; und der Schöpfungstanz fing an. / Ich tanzte voll Liebe in die Welt hinein; / in Betlehem, dort wurde ich ganz klein./ Tanzt! Tanzt! Ich führe euch zum Tanz. / Ich bin der Meister, ich trag den Kranz, / bis die ganze Welt sich dreht in meinem Glanz. / Tanzt mir nach, ich lehr euch den Lebenstanz." 

Vor 61 Jahren freuten sich meine Eltern über die Geburt ihres zweiten Sohns. Doch nun sind die Tage tränenreich. 

"Ich tanzte am Freitag; doch das Todesholz, / das drückte mich nieder, das Böse tanzte stolz. / Der Himmel war finster und mein Tanz schien aus; / doch mein Tanz, der führt' aus dem Tod hinaus."

Ich weiss gar nicht, ob mein verstorbener Bruder tanzen konnte. Musik und Kunst liebte er.

"... / Bei mir ist das Leben, denn ich bin der Sinn. / Ich führe euch tanzend zum Vater hin."

Im Gesangbuch unter diesem Lied, auf dem verbleibenden Platz, stehen Worte von Hannelore Frank, der ersten Pfarrerin im Ort List auf der Insel Sylt: "Hoffnung / das Vertrauen, dass noch etwas kommt, / fast gegen die Vernunft und sämtliche Erfahrungen." Diese Worte trösten mich. 

Die Melodie des Lieds klingt in mir nach: 

"Tanzt! Tanzt! Ich führe euch zum Tanz. / ... / Tanzt mir nach, ich lehr euch den Lebenstanz."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Mittwoch, 22. Februar 2023

Unwirtlich wirtlich

Ein Zitat

Fallätsche-Erosionsgebiet in der Albiskette mit Zürichsee und Alpen
Foto © Jörg Niederer
"Der Alpenromantik verfallen, bauten verschiedene kleinere Alpenclubs Anfangs 20. Jhd. eine Reihe von Clubhütten. So entstand 1909 auch das heutige Teehüsli Fallätsche. Weitere Hütten in der Fallätsche sind die Bristenhütte, die Felsenkammer und die Glecksteinhütte." Webseite vom Teehüsli Fallätsche

Ein Bibelvers - Jesaja 54,10

"Berge können von der Stelle weichen und Hügel ins Wanken geraten. Aber meine Liebe weicht nicht von dir und mein Friedensbund wankt nicht. Das sagt der Herr, der Erbarmen mit dir hat."

Eine Anregung

Hochalpine Pfade finden sich unweit Zürichs in einem Erosionstrichter. Fallätsche wird dieser unwirtliche Ort genannt, der immer wieder Wanderer und Bergsteiger in missliche Lage bringt.

Fallätsche, das klingt nach Walliserdeutsch, passt nicht so recht zur grössten Stadt der Schweiz. Woher der Name kommt, ist nicht ganz sicher. Wikipedia nennt dazu zwei mögliche Ableitungen: "von falaise (franz.: Steilküste) oder valláccia (galloromanisch: talartiger Einschnitt)".

Schuld an der Erosion war der Rütschlibach oberhalb von Leimbach, der bei starken Niederschlägen das weiche Mergelgestein destabilisierte und immer wieder Bergstürze auslöste. So blieb der Trichter lange Zeit in steter Bewegung und folglich weitgehend baumlos. Eine einzigartige Fauna und Flora konnte sich entwickeln, darunter Pflanzen und Tiere, die sich sonst nur in höheren Lagen der Alpen wohl fühlen.

Heute ist das Gebiet streng geschützt. Der Rütschlibach wurde künstlich stabilisiert. Die Steinschläge und Erdrutsche wurden weniger, Bäume konnten sich ansiedeln. Kling gut, oder? Ist es aber nur zum Teil. Denn durch die Bäume verändert sich die Landschaft zu Ungunsten der natürlichen Vielfalt. Es braucht pflegende (baumfällende) Eingriffe, damit es dort bei Zürich an diesem unwirtlichen Ort weiter wirtlich zu- und hergehen kann für die seltenen und geschützten Pflanzen und Tiere.

Es ist ja schon interessant: Nur weil dieser Ort in ständiger Bewegung ist, bietet er eine besonders grosse Artenvielfalt. Vielleicht ist das ein Gleichnis auf die Kirche: Erst eine sich ständig wandelnde Kirche kann ein Ort bleiben, an dem viele verschiedene Menschen eine geistliche Heimat finden können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde