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Freitag, 13. Juni 2025

Man lernt nie aus

Ein Zitat

Raupen des Tagpfauenauges leben gemeinschaftlich an nährstoffärmeren Pflanzen der Grossen Brennnessel.
Foto © Jörg Niederer
"Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wie viel er in sieben Jahren dazugelernt hatte." Mark Twain (1835-1910)

Ein Bibelvers - Psalm 71,17

"Gott, du hast mich von Jugend an unterwiesen. Bis heute mache ich deine Wunder bekannt."

Eine Anregung

Jüngst erzählte ich in einer Gruppe von Pfarrpersonen vom ersten Türkenbund (siehe Beitrag vom 10. Juni 2025!), den ich in diesem Jahre gesehen habe, und war erstaunt, dass die Leute diese ikonische Lilie nicht kannten. Andererseits würden sich einige Kollegen wundern, wie wenig Ahnung ich von Autos habe. Wir alle haben Wissenslücken.

Nun bin ich kürzlich wieder einmal auf die Raupen des Tagpfauenauges (Siehe Beitrag vom 6. August 2024!) gestossen. Meine Frau entdeckte sie an einem Brennnesselzweig. Gleich im Dutzend taten sie sich an den Blätter und Blüten gütlich. In dieser Phase ihrer Entwicklung leben sie gemeinschaftlich. Ihr "Haus" ist ein Gespinst, das sie vor Parasiten und Schlupfwespen schützt.

Diese Schmetterlingsart kenne ich so gut, weil wir sie während der Primarschulzeit als Klasse beobachten und beschreiben mussten, angefangen bei den Raupen, über die Puppen bis zum ausgeschlüpften fertigen Schmetterling. 

Das war vor 55 Jahren, und hat mich, nebst anderem, geprägt. Dort in der Jugend wurden Weichen gestellt. Dort entwickelte sich mein Interesse in ganz bestimmte Richtungen. Ich vermute, das ist nicht nur in meinem Fall so. Viele könnten wohl von prägenden Ereignissen aus ihrer Schulzeit erzählen. Oder auch von verpassten Möglichkeiten. 

Es ist aber nie zu spät, Wissenslücken zu schliessen. Wie heisst es doch: Man lernt nie aus.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 2. September 2024

Bluffen

Ein Zitat

Die ca. 6 cm lange Raupe des Mittleren Weinschwärmers hat sich nahe dem Waldboden versteckt.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn man nichts hat, was man geben kann, gibt man an." Monika Kühn-Görg

Ein Bibelvers - 1. Mose 27,15+16.18+19

"Rebekka holte die kostbaren Gewänder Esaus, ihres älteren Sohnes, die bei ihr im Zelt waren. Die zog sie ihrem jüngeren Sohn Jakob an. Die Felle der Ziegenböckchen legte sie um seine Hände und um seinen glatten Hals... Jakob ging zu seinem Vater und sagte: 'Mein Vater!' Der erwiderte: 'Ja? Wer bist du, mein Sohn?' Jakob antwortete seinem Vater: 'Ich bin dein erstgeborener Sohn Esau.'"

Eine Anregung

Wenn sie droht, sieht die Raupe des Mittleren Weinschwärmers aus wie eine Mini-Brillenschlange. Sie zieht den schmalen Kopf zurück in die verdickte Stelle dahinter. Damit bekommt sie einen noch dickeren Hals und die je zwei Augenflecken auf beiden Seiten werden besonders hervorgehoben. Zugleich bewegt sie den erhobenen Kopfteil einer Schlange gleich hin und her. Die Raupe blufft. (Nebenbei: Die Aussagen: "einen dicken Hals bekommen" ist ja sprichwörtlich geworden für Ärger, den man sich einhandelt oder der sich in einem aufstaut.) 

Wissenschaftlich nennt man das Bluffen im Tierreich "Mimikry". Ein harmloses Tier tut so, als wäre es ein gefährliches Tier. Warum der Mittlere Weinschwärmer aber eine Kobra imitiert in einer Region, in der diese Schlange gar nicht vorkommt, kann ich nicht erklären. 

Entdeckt haben wir die Raupe und eine zweite, deutlich kleinere der selben Art, auf einer Exkursion des Natur- und Vogelschutzvereins Frauenfeld entlang des Mühletobelbachs. Als wir uns zum Gemeinen Hexenkraut (Siehe dazu den Blog vom 13. August 2022) hinunterbeugten, entdeckte einer die eine, und dann die zweite Raupe.

In gewisser Weise tun die Raupen das, was die Autoposer tun, wenn sie sich mit ihren mehr oder weniger zulässig getunten Boliden in Tempo-50-Zonen präsentieren. Nur dass dies bei den Raupen eine Überlebensnotwenigkeit ist. Bei den Autoposern geht es aber nicht um Gefahrenreduktion. Im Gegenteil.

Übrigens bin ich vor etwa vier Jahren auch schon der Raupe des Kleinen Weinschwärmers begegnet. Auch dazu habe ich eine kurzen Beitrag verfasst. Auf dem Bild dort kann man sehr schön den Unterschied erkennen zwischen den Raupen der beiden Falter. Beim Kleinen Weinschwärmer sind die Augenflecken stärker gefüllt als beim Mittleren Weinschwärmer.

Kleine Unterschiede machen es halt aus ob man bei den einen dazugehört oder bei den andern. Wo gehörst du dazu? Zu den Posern, den Bluffern? Oder zu den Kriechern? Oder zu den aufrechten Aufrichtigen? Oder zu allen dreien, je nach Situation?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 23. August 2021

Vom Punk zur grauen Maus

Ein Zitat

Raupe der Ahorn-Rindeneule
Foto © Jörg Niederer
"Es ist besser auszubrennen denn wegzudämmern." Neal Young

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

Jesus zu Petrus: "Amen, amen, das sage ich dir: Als du jung warst, hast du dir selbst den Gürtel umgebunden. Du bist dahin gegangen, wohin du wolltest. Aber wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken. Dann wird ein anderer dir den Gürtel umbinden. Er wird dich dahin führen, wohin du nicht willst."

Ein Anregung

Aus manchen grauen Entchen wird ein "Schwan, so weiss wie Schnee". Und dann gibt es Punks, die nicht auffälliger daherkommen können, in jeder Hinsicht ins Auge stechen, gerade so wie diese Raupe. Es ist die Larve der Ahorn-Rindeneule, ein Falter, der sich meist von Bergahorn und Rosskastanien ernährt. Wir sind diesem grellen Tierchen unweit der Bommer-Weiher begegnet. Es überquerte in Raupenmanier das Natursträsschen. Und da fiel es natürlich auf, zwischen all den grauen Steinchen.

Nun stellt euch einmal den Falter vor, der aus der Puppe dieser Raupe schlüpft. Alles Auffällige ist im Kokon zurückgeblieben, Vergangenheit, Jugendsünde. Der Schmetterling macht auf seriös, ist gräulich unauffällig, an Baustämmen kaum auszumachen.

Wie sehen deine Lebensstadien aus? Gab es da die verrückten Jahre? Wurde aus dir zwischenzeitlich ein grauer Falter? Oder soll es in deinem Leben jetzt noch einmal so richtig krachen?

Petrus musste sich mit den Phasen seines Lebens beschäftigen. Von der Selbständigkeit zur Fremdbestimmung. Das ist die häufigste Entwicklung. Es macht Sinn, sich rechtzeitig über den Herbst des Lebens Gedanken zu machen. Ich frage mich gerade, ob das der Moment werden könnte, wo wir Menschen fliegen lernen. Wenigsten im Herzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde