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Mittwoch, 13. August 2025

Aus den Augen, aus dem Sinn

Ein Zitat

Foto © Jörg Niederer

"Auf den zweiten Blick aber vermitteln die Aufnahmen von Peter Maurer auch ein Unbehagen - ein vages Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt."
Aus dem Vorwort von Peter Pfrunder zum Buch "Terra Deposita" von Peter Maurer

Ein Bibelvers - Sprüche 25,4+5

"Entfernt man die Schlacke aus dem Silber, so gelingt dem Gold- und Silberschmied sein Werk. Entfernt man den Frevler aus der Umgebung des Königs, so wird sein Thron durch Gerechtigkeit gefestigt."

Eine Anregung

Ich habe ein Buch gekauft, das riecht nach dem, was darin auf Fotos dargestellt ist. Es riecht nach Mülldeponie. Ich vermute, das ist so gewollt. Zum Visuellen kommt das Olfaktorische hinzu.

Im Buch "Terra Deposita - Belastetes Land im Zwielicht" von Peter Maurer (ISBN 978-3-03942-269-2) findet man Fotos von Deponien aller Art. Manche sind kaum noch als solche zu erkennen. Andere zeigen auf den ersten Blick ihre belastete Vergangenheit oder Gegenwart. Altlasten werden hier gekonnt ins Bild gesetzt, nach einer ganz besonderen Technik. Die Fotos entstanden bei Dämmerung und in der Nacht mit einer Belichtungszeit von 51 Minuten. Damit erinnert Maurer an die Area 51, ein Sperrgebiet in der Wüste von Nevada. Dort soll es geheime Beweise geben von UFOs. Mülldeponien und Altlasten werden bei uns oft versteckt, geheim gehalten oder deren Gefährlichkeit heruntergespielt.

Heute sind 38'000 Orte in der Schweiz belastet. 4000 sind dringend sanierungsbedürftig. Der Bund will sie allesamt bis ins Jahr 2045 entgiften.

Das Buch enthält wenig Text. Die Fotos sollen für sich sprechen. Wer sich ein eigenes Bild von den Deponien machen möchte, kann diese anhand ihrer geografischen Koordinaten finden. Etwa die Deponie Neudorf, St. Gallen (Auf der linken Seite des Fotos oben): 47°26'34.6"N 9°25'23.5"E (oder: 47.442944°N 9.423189°E). Bei Google ins Suchfeld eingeben, und schon wird Ort und Stelle angezeigt.

Dazu die Beschreibung: "Der Ablagerungsstandort war von 1940-1968 in Betrieb. Der Unterschachenbach wurde in den 1960er Jahren eingedolt, durch die Sanierung hat man ihn wieder freigelegt. Flora und Fauna können sich erneut entfalten, und der Hochwasserschutz wird verstärkt. Für eine Renaturierung war eine temporäre Rodung nötig. Spuren der ehemaligen Deponie sind noch heute gut zu sehen."

Die Sünden von einst sind immer noch zu sehen. So ist das mit Sünden, mit Altlasten. Sie gehen uns Menschen lange nach, manchmal über Generationen hinweg. Eine Sündensanierung ist nicht billig und einfach zu haben. Doch wenn sie gelingt, dann kann nach und nach neues Leben und Frieden entstehen.

Noch besser wäre, gar nicht erst unser Land zu vergiften. Und auch kein anderes Land und auch nicht das eigene oder ein fremdes Leben.

Während ich das schreibe, habe ich den Geruch des Buches in der Nase. Dazu schlage ich ein kleines Experiment vor. Vergrabe einmal in deinem Garten oder an einem anderen Ort eine Baumwollunterhose und eine Kunstfaserunterhose zwei Monate lang im Boden! Danach grabe sie wieder aus, und vergleiche die beiden Kleidungsstücke! Besser für uns ist alles, was stärker und schneller zersetzt wird. Das andere kann zu einer Altlast werden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 13. Oktober 2024

Ein Wimmelbild in der Franziskanerkirche

Ein Zitat

Fresko von Bernardino Luini in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano.
Foto © Jörg Niederer
"Gerechtigkeit ist nur in der Hölle, im Himmel ist Gnade, und auf Erden ist das Kreuz." Gertrud von Le Fort (1876-1971)

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 3,15

"Ihr habt den getötet, der das Leben bringt. Doch Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen."

Eine Anregung

1524 malte der bedeutende lombardische Künstler Bernardino Luini (gestorben 1532) in der Kirche Santa Maria degli Angeli in Lugano auf der Lettnerwand ein Wimmelbild mit Szenen der Passion Christi. Auf den 110 Quadratmetern beginnt die Geschichte "oben links mit Christus am Ölberg, fährt mit der Dornenkrönung in der Loggia fort und rechts davon mit der Kreuztragung. Im Zentrum im Vordergrund ist die Kreuzigung zu sehen. Im Hintergrund rechts folgen die Beweinung Christi, der Ungläubige Thomas in der Loggia und oben rechts Christi Himmelfahrt." (Quelle: Offiziellen Bildbeschreibung).

Die Fülle an zu Entdeckendem auf diesem Fresko nach der Schule von Leonardo da Vinci mag manchen Gottesdienstbesuchenden in seiner Kontemplation unterstützt haben. Warum soll das nicht auch noch heute funktionieren? Wie etwa hat der Künstler die Haltung der beiden links und rechts von Jesus gekreuzigten Menschen herausgehoben? Entdeckst du auch die beiden Hunde auf dem Bild? Und wo ist ein Skorpion zu finden? Auch meine ich, dass da auch eine Katze im Getümmel entdeckt werden kann.

Noch eine kleine Sache: Auf einer Fahne steht: "S.P.Q.R." Die Abkürzung steht für "Senatus populusque Romanus", auf Deutsch "Senat und Volk von Rom". Damit weitet der Künstler die Verantwortung am Tod Christi auf Menschen aus, deren Herkunft auf das Imperium Romanum zurückgeht, was hier wohl als "alle Menschen" (und nicht nur die Juden) zu verstehen ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. Juli 2024

Schuld an der Zukunft

Ein Zitat

Ein Spruch voller Hoffnung.
Foto © Jörg Niederer
"Stell dir vor, die Zukunft wird wunderbar, und du bist schuld."

Ein Bibelvers - Sacharia 8,5

"Die Stadt wird wieder voller Kinder sein, Jungen und Mädchen spielen auf ihren Plätzen."

Eine Anregung

Es sind nun schon sieben Jahre her, seit ich auf meiner Pilgerreise zu Fuss ans Grab von John Wesley in London in Freiburg im Breisgau in der Wohnung von Elisabeth L. übernachten durfte. Es war eine ausgezeichnete Erfahrung und Begegnung. Bei der Durchsicht der Fotos bin ich wieder auf diesen Spruch gestossen aus ihrer Wohnung. Er gefällt mir nach wie vor sehr gut.

Wieviel trägst du an einer guten Zukunft bei?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Dienstag, 10. Oktober 2023

Die Schuld vor dem ersten Steinwurf

Ein Zitat

Jurahöhen, gesehen unweit der Hasenmatt.
Foto © Jörg Niederer
"Ich glaube an die Gewaltlosigkeit als einziges Heilmittel." Mahatma Gandhi (1869-1948)

Ein Bibelvers - Johannes 8,7

"Als sie [die Schriftgelehrten und Pharisäer] nicht aufhörten zu fragen, richtete er [Jesus] sich auf und sagte zu ihnen: 'Wer von euch ohne Schuld ist, soll den ersten Stein auf sie [eine Ehebrecherin] werfen!'"

Eine Anregung

Der Jura. Naherholungsgebiet vieler Menschen aus dem Schweizer Mittelland. Ein bisschen Indian Summer geniessen auf den Höhen und über dem Nebel. Doch wer oft im Jura wandert, weiss, dass es dort unzählige Festungsanlagen aus dem 1. und 2. Weltkrieg gibt. Was heute so friedlich aussieht, war einst Ort des Widerstands, aber auch Ort, an dem jüdische Menschen in den sicheren Tod in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zurückgesandt wurden. Damals behaupteten führende Schweizerinnen und Schweizer, das Boot sei schon voll.

Gewalt geht nie nur von einer Seite aus. Aber jede Gewalt ist aufs Schärfste zu Verurteilen. Ganz besonders, wenn sie Menschen trifft, die den Frieden suchen, die sich für ein friedliches Zusammenleben stark machen.

Gewalt und Schuld beginnen nicht erst mit dem ersten Steinwurf. Wer aber den Stein wirft, kann es nie ohne Schuld tun.

Gewalt und Schuld müssen gar nicht mehr beginnen. Sie haben schon vor langer Zeit begonnen, als ein erster Menschen, vielleicht Kain, neidisch wurde auf seinen Bruder Abel und ihn tötete. Seit diesem Urereignis ist Schuld und Gewalt Bestandteil einer Welt, die keinen Frieden findet.

Steinewerfende stehen in einer Tradition, an der kein Mensch wirklich schuldlos vorbeikommt. Weder die, welche in brutaler Weise nach dem Leben eines Andern trachten, noch die, welche auf Kosten anderer Menschen im Wohlstand leben. Weder die, welche Bedürftigen die Hilfe versagen, noch die, welche vollen Booten beim Kentern zuschauen.

Als Jesus eine Frau vor der Hinrichtung durch Steinigung rettete mit den Worten: "Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein", waren die Richter ehrlich genug, dass sie ihre Steine hinlegten, denn sie waren sich ihrer Schuld bewusst. Wie gut wäre es doch, wenn alle Menschen zu dieser Ehrlichkeit zurückfinden würden. Es wäre der Moment, wo Leben über all die Schützengräben und Heldendenkmäler wachsen könnte. Dann könnte es mit den Jahren so friedlich aussehen wie im Jura, einem Grenzgebirge dessen Grenze aktuell und hoffentlich auf tausende von Jahren offen bleibt.

Ich bete heute für die Opfer des terroristischen Überfalls auf israelische Menschen und deren Angehörigen. Ich bete aber auch für eine wirkliche Lösung für alle Menschen, die im Nahen Osten zuhause sind. Ich bete dafür, dass terroristische Gewalt nicht in gleicher Weise beantwortet wird. Ich bete dafür, dass alle ihr tägliches Brot zu essen bekommen. Ich bete heute: Und bewahre mich vor dem Bösen und vergib mir meine Schuld, so wie ich auch denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 6. November 2022

Geheilt durch seine Wunden

Ein Zitat

Das Altarbild, gemalt 1640 vom Rembrandt-Schüler Johannes Will, zeigt eine synoptische Darstellung der Leidensgeschichte Christi, und befindet sich in der Kirche des Kapuzinerklosters Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Nach Leiden und Verlusten werden die Menschen bescheidener und weiser." Benjamin Franklin (1706-1790)

Ein Bibelvers - Jesaja 53,3

"Er wurde von den Leuten verachtet und gemieden. Schmerzen und Krankheit waren ihm wohl vertraut. Er war einer, vor dem man das Gesicht verhüllt. Alle haben ihn verachtet, auch wir wollten nichts von ihm wissen."

Eine Anregung

Wer ist schuld an den Leiden eines Menschen? In antiker Zeit schloss man vom erlittenen Elend auf die Schuld des/der Leidenden. Doch dann veränderte sich diese Sichtweise zusehends. Das Leiden wurde sinnvoll, Ausdruck der Solidarität und Sorge um die Nächsten. 

Ein besonders auffälliges Beispiel dafür ist der Leidende aus den Gottesknechtliedern im biblische Buch Jesaja. Er ist der Gerechte, der für die anderen leidet.

Mehr über dieses spannende Veränderung im Verständnis des Leidens kann man in der heutigen Predigt in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen erfahren. Auf Youtube beginnt es um ca. 10.30 Uhr, vor Ort an der Kapellenstrasse 6 schon um 10.15 Uhr.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 17. Juli 2021

In den Strudel geraten - Ein zweifelndes Gebet

Ein Zitat

Ein junger Baum widersteht den Fluten
Foto © Jörg Niederer
"Friedliche Orte durchleben derzeit eine Katastrophe. Ich bin erschüttert von den Berichten, die mich erreichen. Ich trauere um die, die in dieser Katastrophe ihr Leben verloren haben." Angela Merkel

Ein Bibelvers - 1. Mose 8,8-9

"Noah schickte auch eine Taube los. Er wollte herausfinden, ob das Wasser vom Erdboden abgeflossen war. Aber die Taube fand keinen Halt für ihre Füße. Da kehrte sie zu Noah in die Arche zurück, denn noch immer bedeckte Wasser die ganze Erde. Noah streckte seine Hand aus, nahm die Taube und holte sie zu sich in die Arche."

Ein Gebet

Die Sonne scheint wieder. Das Haus, in dem ich wohne, steht noch. Die Wassermassen haben uns verschont. Doch andere hat es schwer getroffen, herumgewirbelt, strudelnd sind sie untergegangen, überrascht in der Nacht, und am Morgen war nichts mehr wie zuvor. Gott sei's geklagt!

Cressier, Wollhusen, Rivera, Zürich, Biel, Sachseln, Schleitheim. Schlimm genug, aber nichts im Vergleich zu Ahrweiler, Erftstadt, Schuld, Maastricht, Lüttich. So viele Menschen kehren nie mehr nach Hause zurück. Andere haben ihr Hab und Gut verloren, das nackte Leben gerettet.

Gott, ich verstehe es nicht. Der Regenbogen über diesem Weltuntergang, ein Friedenszeichen zum Bersten gespannt.

Gott, ich verstehe es nicht. Es braucht Antworten, keine Vertröstungen, keine Schuldzuweisungen, kein "habe ich es nicht gesagt", keine Besserwisser.

Danke für die, welche helfen, ihr Haus teilen, Hand anlegen, Trümmer wegräumen, Trauernde begleiten, Getränke reichen, nach den Vermissten suchen, schreien mit den Schreienden, schweigen mit den Schweigenden, leben für die Überlebenden.

Die Sonne scheint und färbt die Wolken in sanftes Rosa. Das Haus, in dem ich wohne, steht noch. Noch sind die Wassermassen nicht abgeflossen. Es ist noch nicht ausgestanden. Noah, wann lässt du die Taube fliegen? Gott, wann können wir wieder sagen: Gott sei Dank?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 11. Juli 2021

Ein paradoxes Schuldeingeständnis

Ein Gedanke

Abendmahlskelch aus der Augustinerkirche Zürich
Foto © Jörg Niederer
"Moral ist, wenn man so lebt, dass es gar keinen Spaß macht, so zu leben." Édith Piaf

Ein Bibelvers - 1. Johannes 1,9

"Wenn wir aber unsere Schuld eingestehen, ist Gott treu und gerecht: Er vergibt uns die Schuld und reinigt uns von allem Unrecht, das wir begangen haben."

Eine Anregung

Bei den folgenden Sätzen aus der Abendmahlsliturgie, wie sie an der diesjährigen Tagung der Jährlichen Konferenz gefeiert wurde, merken alteingesessene Methodist*innen irritiert auf. Was sie hören ist zugleich bekannt und fremd. Im Gebet an Gott heisst es da:

"Wir bekennen, dass wir deine Liebe und deine Gebote achten und der Liebe weiten Raum geben. Dein Wille ist uns das Wichtigste.
Du rüstest uns für unseren Alltag mit Kraft aus, deshalb öffnen wir uns dir gerne.
Du hast uns geboten, wachsam zu sein, darum fällt uns die Not unserer Nächsten sofort auf.
Du hast uns gesandt, deinen Schalom zu verkörpern.
Wir lieben es in unserem Alltag dein Zeugnis der Liebe zu sein. Unser Leben soll dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern."

Der ursprünglichen, historischen Text lautet dagegen so:

"Wir bekennen, dass wir oft deine Liebe und deine Gebote missachtet und der Lieblosigkeit Raum gegeben haben. Du wolltest uns für unsern Alltag mit Kraft ausrüsten, wir aber haben uns dir verschlossen. Vieles war uns wichtig, aber für diene Aufträge nahmen wir uns wenig Zeit. Oft taten wir, was uns gefiel, und vergassen dabei dich und unsern Nächsten. Du hast uns gesandt, dein Heil zu bezeugen, wir aber sind der Welt dein Zeugnis oft schuldig geblieben."

Während ich das historische Sündenbekenntnis oft gedankenlos bete, habe ich mich bei der ins Positive gewendeten Version ständig gefragt, ob ich zu dem, was ich da Gott sage, wirklich auch stehen kann. Ich verspürte eine Hemmung, mich so vor Gott zu bekennen. Und gerade darum wurde ich mir in paradoxer Weise meiner Schuld bewusst.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde