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Freitag, 21. Februar 2025

Atelier-Zauber

Ein Zitat

Sammelsurium in einer Werkstätte in Diepoldsau.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist kein Buchhalter. In seiner Bilanz eines Lebens zählt auch, was sich nicht rechnet." Karl-Heinz Karius (*1935)

Ein Bibelvers - Philipper 3,13

"Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt."

Eine Anregung

Ich liebe es, in alte Werkstätten zu schauen. Diese Mischung aus Ordnung und Willkür, von alt und noch älter, dieses kreative Chaos eines Ateliers ist herzerfrischend. Die Gegenstände scheinen keine grosse Bedeutung zu haben, und doch werden sie nicht weggeräumt, bleiben da, wo sie liegen geblieben sind. Ich sehe sie mir gerne an, die alten Hobel, die Stechbeitel einer Schreinerwerkstätte, den antiken Drehbank mit den Eisenspänen und den skurrilen Objekten aus Schrauben, zusammengeschweisst Jahre zurück als Übungsobjekte eines Ausbildungsgangs. Ich liebe es, in Fragmente und Nippes einzutauchen. Da sind so viele Erinnerungen, so viele Geschichten verborgen.

Oft sieht eine Biografie nach einigen Jahrzehnten genau so aus. Eine Mischung aus Ordnung und Willkür, ein kreatives Chaos, in dem Dinge einfach bleiben, weil wir sie aus irgendwelchen sentimentalen Gefühlen nicht loswerden können. Wir hängen an diesen nur für uns selbst wertvollen Erinnerungen. Sie erzählen unsere Geschichte. Wären sie nicht, wir wären nicht die Person geworden, die wir heute sind.

Wie dankbar können wir doch sein für all die bedeutenden und unbedeutenden Momente in unserem Leben. Da gab es Gewichtiges und Federleichtes. Noch ist es nicht fertig, das Sammelsurium des Lebens. "Sammelsurium" kommt übrigens aus dem Niederdeutschen "sammelsur" und meinte ursprünglich ein "saures Gericht aus gesammelten Speiseresten". So etwas mundet nicht immer, und ist doch genau das, was ein Leben auszeichnet: Ein fröhlich-kreatives Durcheinander aus sauren und bekömmlichen Momenten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 31. Oktober 2023

Erinnerung

Ein Zitat

Sammelsurium in einem Wintergarten in Diessenhofen.
Foto © Jörg Niederer
"Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch." Franz Grillparzer (1791-1872)

Ein Bibelvers - Johannes 14,26

"Der Vater wird euch in meinem Namen den Beistand senden: den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe."

Eine Anregung

In einem Altstadthaus von Diessenhofen sehe ich durch ein vergittertes Fenster auf ein Sammelsurium. Da hat es viele Bilder in Rahmen, aber auch eine Schaufensterpuppe mit den typischen Playboy-Hasenohren. Ich entdecke eine Tischuhr, einen Globus und eine grosse Schnecken-Meeresmuschel. Da steht ein Delfter Porzellankrug neben Messingkerzenständer. Es gibt Blech-Spielzeugautos, eine Stehlampe und einen auffälligen rosafarbenen Kübel, der so gar nicht zu den antiken Möbel passt. Ja auch Weihnachten steht bereit, in Form von Krippenfiguren. In einem Wintergarten, wo üblicherweise Lebendiges die Sonne geniesst, findet sich konservierte Vergangenheit.

Erinnerungen. In gut einem Monat werden wir uns an die Verstorbenen des vergangenen Jahres erinnern. Menschen, so einmalig und liebeswert wie diese versammelten Altertümer. Vielleicht haben wir von ihnen Bilder geerbt, Möbelstücke.

Wenn ich aktuell meine Mutter im Altersheim besuche, nehme ich manchmal die Kartonschachteln hervor, in denen alte Fotos abgelegt sind, und schaue mir die Bilder an. Ich beschreibe was ich sehe meiner Mutter, da sie die oft kleinen Abzüge mit ihren schlechtgewordenen Augen nicht mehr erkennen kann. Dann schwelgen wir in Erinnerung. Sich erinnern kann heilsam sein, aber auch aufwühlend. Je nach dem, ob es schöne oder hässliche Memoiren sind.

Bei diesen Betrachtungen von Vergangenem habe ich einiges gelernt über mich und meine Geschichte. Genau so kann ich aus den alten Texten der Bibel, aus den Bildern, welche da gezeichnete werden, einiges lernen über das Leben und das Sein. Ich finde, es lohnt sich, in biblischen und anderen Erinnerungen zu schwelgen.

Guter Gott, im Lauf meines Lebens haben sich allerlei Erinnerungsstücke angesammelt. Sie hängen an den Wänden oder warten in Schubladen und zwischen Albendeckeln auf die Wiederentdeckung. Wenn ich hinschaue, sehe ich in Gesichter von Menschen, die längst schon gegangen sind. Ich danke dir für den Segen, den sie mir gewesen sind. Woran werden sich die erinnern, die mich heute kennen? Leite du mich in allen Dingen, führe mich zu den Menschen, denen ich zu guten Erinnerungen werden darf. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen