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Samstag, 23. August 2025

Bild mit Unterbrüchen

Ein Zitat

Mural von Amed an der Rückseite eines Hauses in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Welch wunderbarer Lärm schalt herauf aus dem Park. Es ist das Lied der Kinder, und es erklingt bis in die Nacht." Neal Diamond: "Beautiful Noise"

Ein Bibelvers - Ezechiel 1,24

"Ich hörte das Rauschen ihrer Flügel: Wenn sie sich bewegten, rauschten ihre Flügel wie gewaltige Wassermassen, wie die Stimme des Allmächtigen. Es war so laut wie in einer Menschenmenge, wie der Lärm in einem Heerlager. Wenn die Wesen standen, ließen sie ihre Flügel sinken."

Eine Anregung

Ich habe sie noch nicht alle gesehen, die Graffiti im öffentlichen Raum von Frauenfeld. Das fotografierte Mural von Amed liegt auf meinem Heimweg, und doch habe ich es erst gestern entdeckt. Die von zwei Fensterreihen unterbrochene Wand führt zu einem lückenhaften Bild. Das ganze Gemälde ist nur denkend zu erahnen. Wobei der Ausschnitt zwischen den Fenstern mit dem lachenden Kindergesicht auch für sich allein stehen könnte.

Es gehört zu unseren Fähigkeiten, die Zusammenhänge über Lücken hinweg zu erkennen. Der Junge oder das Mädchen hält je einen Trommelstock in seinen oder ihren Händen. Die Trommel findet sich unten im Bild, links neben dem Quietscheentchen. Auf ihr wiederholt sich die runde, orange Sonne die den Himmel dominiert. Das Entchen trägt Krönchen.

Ein Bild voller Freude. Und weil ich die Lücken im Bild selbst mit meiner Fantasie auffüllen muss, springt die Freude auf mich über. Ich werde selbst Teil des Bildes.

Habe ich früher als Kind getrommelt? Mein Vater wollte uns keine dieser Kindertrommeln kaufen. Er dachte wohl an die Nachbarn und an den Lärm und ein wenig auch an sich selbst. Wir haben dann halt mit den Kochtöpfen herumgelärmt.

Es gibt also fröhlichen Lärm. Das wusste auch Neal Diamond, und sang das Lied "Beautiful Noise". Da heisst es in einer Strophe: "What a beautiful noise / Comin' up from the park / It's the song of the kids / And it plays until dark"

Heute will ich mich nach diesem erfreulichen Lärm umhören. Die Chancen stehen gut, komme ich doch an einem beliebten Spielplatz vorbei, dort, wo ich selbst schon als Kind herumgelärmt habe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 14. Juni 2025

Sprayereien in der Kleinstadt

Ein Zitat

Zeitlich begrenzt entstehen aus Anlass des Internationalen Street Art Festivals im Lindenpark Frauenfeld faszinierende Kunstwerke.
Foto © Jörg Niederer
"Herz auf / Liebe rein, / Herz zu / glücklich sein." Spruch, irgendwo an die Wand gesprayt

Ein Bibelvers - 1. Mose 5,3

"Adam war 130 Jahre alt, da wurde er wieder Vater. Sein Sohn war ihm so ähnlich wie sein Ebenbild. Er gab ihm den Namen Set."

Eine Anregung

Weder Lust auf Frauendemo noch Geburtstagsfeier für einen amerikanischen Präsidenten? Dann gäbe es in Frauenfeld eine echte Alternative.

Seit gestern und noch bis zum Sonntag findet das Internationale Street Art Festival statt, mit viel Kunst und voller Überraschungen. Mehr als 70 Künstler:innen erstellen 16 neue Murals; dazu gibt es eine grosse Zahl von Installationen, Angeboten, temporären Kunstwerken und Vorführungen. Bis zum 30. September 2025 bleiben alle erstellten Kunstwerke zur freien Besichtigung stehen. Sämtliche Murals und einigen Installationen bleiben dauerhaft erhalten im Stadtbild, und ergänzen diejenigen Kunstwerke des ersten Street Art Festivals von 2023.

Ich werde mich bestimmt wieder auf die Suche manchen nach Anzeichen von Religiosität in diesen künstlerischen Welten. Wie etwa beim der Dreiegg-Bar, die 2023 wie ein Kirchenfenster bemalt wurde (Siehe Beitrag vom 2. Juni 2024).

Besonders originell ist, dass einer der Künstler aktuell ein hölzernes Kompostier-WC in ein Kunstwerk verwandelt. Noch war es nicht fertig. Ich bin gespannt, wie es am Ende aussieht, und ob man es dann noch als das, was es ist, erkennen kann.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 21. August 2024

Morgenwacht

Ein Zitat

Graffiti an einer Hauswand in Chur.
Foto © Jörg Niederer
"Denn wisset Kinder, kein Mensch ist einiger Hochachtung wert, und keiner wird auch von seinen Mitbürgern geliebet, der nicht trachtet, sich selbst zu verbessern und seinen Nebenmenschen wohl zu tun. Beides muss nebeneinander bestehen, Wissenschaft und Redlichkeit." Johann Baptista von Tscharner (1751-1835) Churer Politiker

Ein Bibelvers - Psalm 143,8

"Lass mich am Morgen deine Güte erfahren! Denn auf dich setze ich mein Vertrauen. Zeig mir den Weg, den ich gehen soll! Denn zu dir bringe ich meine Sorgen."

Eine Anregung

Bei einem beruflichen Abstecher nach Chur streife ich durch die Altstadt, als ich gegenüber dem Roten Haus des Commissari Rudolph von Salis dieses Graffiti entdecke. Mir gefällt das moderne, poppige Bild im maroden Holzrahmen der Tür und des Fensters. Schräg darüber ist ein weiteres Bild von einem Nachtwächter zu sehen. Dazu steht auf einer Informationstafel Interessantes. Wusstest du, dass die Nachtwächter auch den Tag ankündigten, dann wohl als Morgenwächter. In Chur sollen es gleich 12 singende Nachtwächter gewesen sein, welche einst durch die engen Strassen zogen. Und das sangen sie am frühen Morgen, bis der Brauch im Jahr 1887 endete: 

"Stönd uuf im Nama Jesu Christ / dar helli Tag vorhanda isch / dar helli Tag üs nia verlaat, / Gott gäb üs allna an guata Tag. / An guata Tag, a glückseeligi Stund: / das bitt'i Gott vo Herzansgrund!"

Schön, nicht? Der Vollständigkeit halber hier auch noch die Abendwache:

"I trätä jezz uf d'Abedwacht, / Gott geb üs allna a guati Nacht. / Und löschan alli Füür und Liacht, / dass üs dar liabi Gott wohl b'hüat. / Sibni hätts g'schlaga, das tuan i eu kund, / Gott gäb üs allna a guati Stund."

Zwischen diesen Segensliedern aus alten Zeiten liegt auch der heutige Tag. "Gott gäb üs alllna a guata Tag"; das wünsch ich dir.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 7. September 2022

Street Art und Kirchenkunst

Ein Zitat

Graffiti an einer Wand in Bern
Foto © Jörg Niederer
"Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele." Pablo Picasso

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,19+20

"Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit Edelsteinen aller Art geschmückt: Der erste Stein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Karneol, der siebte ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth und der zwölfte ein Amethyst."

Ein Anregung

Wie viel Kunst verträgt das St. Galler Stadtbild? Zwar steige das Verständnis der Stadt für Street Art, aber nach wie vor mangle es an geeigneten Flächen. Der Verein Dosenkult, der diese Kunstform in gute, legale Bahnen lenken und überhaupt fördern will, sucht daher immer wieder nach geeigneten Flächen.

Seit 2020 gibt es im Kreuzbleiche-Areal eine temporäre Plattform für Street-Art und Graffiti. Mit der Bachelorarbeit für ihr Studium in Multimedia Production zeigt neuerdings die 24-jährige Cynthia Honegger aus Mörschwil die Optionen für Street Art und Graffiti in der Stadt St. Gallen auf. Sie filmte leere Wände und füllte sie virtuell mit Street-Art-Kunst. Das ganze kann im Webbrowser als Stadtrundgang angeschaut werden.

Unverkennbar bringen die Graffitis Farbe in den urbanen Raum, wenn auch die Motive und Stile unterschiedlich gefallen. Graffitis stehen in einer Tradition von Malereien an und in Kirchen und Sakralbauten. Sie wollen gefallen und zugleich auch eine Botschaft vermitteln. Umso erstaunlicher, dass beim Online-Stadtrundgang keine einzige kirchliche Wand als Option für Street Art gezeigt wird. In mindestens einem Fall hätte ich da eine Idee...

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde