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Montag, 7. Oktober 2024

Warum ich den Himmel betrachte?

Ein Zitat

Eine flüchtiges Himmelsbild, wie es sich am 5. Oktober um 15.00 Uhr nahe dem Ort Winden im Kanton Thurgau zeigte.
Foto © Jörg Niederer
"Wolken! Welch unerschöpflicher Grund des Entzückens für ein Paar Menschenaugen." Rosa Luxemburg (1871–1919)

Ein Bibelvers – Markus 13,26

"Dann werden alle es sehen: Der Menschensohn kommt auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit."

Eine Anregung

Der Himmel ist eine richtige Wundertüte. Da schau ich hinauf, und komme nicht aus dem Staunen heraus. Wie er das nur macht mit diesen Wolkenzeichnungen? Natürlich, alles ist erklärbar. Eiskristalle, Wassertröpfchen, Staubpartikel, die blaue Farbe. Dass dies dann auch noch schön ist und nicht nur funktional, praktisch oder nüchtern! Auch das ist ein Wunder, dass ich diese Schönheit wahrnehmen kann. Was wäre, wenn ich nur schwarzweiss sehe würde, oder gar nicht.

Was weiss ein Maulwurf vom Himmel. Was findet er schön. Sind es Gerüche, Gefühle, das blinde Vertrauen. Fragt er sich, wie wir Menschen die Schönheit "sehen" können, so ganz ohne Tasthaare? Und fragt er sich, warum er schön findet, was er schön findet? Oder ist dies eine typisch menschliche Frage von einem, der wieder einmal den Himmel betrachtet, und sich erfreut wundert?

Der Zufall wollte es, dass mich einen Tag nach diesem Wolkenwunderhimmel meine betagte Mutter – sie kann nur noch schwach sehen  – fragte, ob da auf den Wolken vor dem Fenster nicht etwa Jesus auf einer sitze, was ich lachend verneinte. Auch das ist eine Himmelsbetrachtung; eine naive, aber auch eine voller Hoffnung. 

Mein heutiger und die kommenden Himmel werden ganz anders aussehen. Im Tessin soll es bald heftig regnen. Am Dienstag werden 95 mm Niederschlag erwartet, mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Nicht gerade der Himmel, den man sich in den Ferien wünscht. Aber auch das wird erlebnisreich, und vielleicht sogar schön.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 15. Januar 2024

Übersehen

Ein Zitat

Grosse Brachvögel in einer Wiese bei der Badeanstalt Holzenstein.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will." Henri Matisse (1869-1954)

Ein Bibelvers - Johannes 3,3

"Jesus antwortete: 'Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das Reich Gottes sehen.'"

Eine Anregung

Auf der Strecke zwischen Romanshorn und Uttwil liegt das Seebad Holzenstein. In der eisigen Kälte sind nur wenige Menschen unterwegs. Ein Anwohner aus einem der Häuser direkt am Ufer führt seine zwei Hunde spazieren.

Meiner Frau fallen krähengrosse Vögel auf, die in einiger Entfernung immer wieder gemeinsam auffliegen und in der Wiese landen. Es sind Grosse Brachvögel, die am Bodensee überwintern. Früher konnte man die melodiös rufenden Schnepfen weitherum hören. Noch 2002 brüteten 500 Paare in der Schweiz. Heute weiss man von keiner einzigen Brut mehr im ganzen Land. Der Grosse Brachvogel steht auf der roten Liste, ist vom Aussterben bedroht. Um so überraschter waren wir, einen Trupp dieses charakteristischen Vogels auf dem unscheinbaren Feld zwischen den Häusern anzutreffen.

Beim Weitergehen sprechen wir mit dem Anwohner über seine Hunde, und ich frage ihn, ob es hier regelmässig Brachvögel gebe. Immerhin wohnt er direkt an dieser Wiese. Doch er schaut mich nur fragend an. Vögel interessieren ihn nicht, und so hat er sie wohl auch noch nie beachtet, obwohl sie doch recht gross sind.

Wieder einmal denke ich darüber nach, was ich wohl alles in meinem direkten Umfeld übersehe; aus Gewohnheit, aus Desinteresse, weil ich es nicht sehen will. Was verbirgt sich direkt vor meinen Augen, auch vor meinen geistigen Augen? Ich nehme mir vor, heute besonders aufmerksam durch den Tag zu gehen. Durch den Tag, an dem der meteorologische Winter zur Hälfte vorüber ist.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 9. August 2021

Am vergessenen Tisch im Schwarzen Loch

Ein Zitat

Der vergessene Tisch
Foto © Jörg Niederer
"Manche Arbeiten muss man Dutzende Male verschieben, bevor man sie endgültig vergisst." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Jesaja 49,15

"Doch Gott antwortet: Kann denn eine Frau ihren Säugling vergessen? Hat sie nicht Erbarmen mit dem Kind, das sie im Leib getragen hat? Aber selbst wenn sie es vergessen sollte – ich vergesse dich nicht!"

Ein Anregung

Vermutlich gibt es ihn in jedem Restaurant und jedem Hotel: den vergessenen Tisch. Unlängst sassen wir an ihm, was vor allem eines bedeutete: Warten.

Es begann verheissungsvoll. Wir wurden sofort an diesen Tisch geführt, und konnten noch im gleichen Moment die erste Bestellung tätigen. Ja es kam sogar eine zweite Bedienung und wollte das selbe noch einmal aufnehmen. Dann war eine Viertelstunde lang Pause bis wir uns auffälliger bemerkbar machten. Noch einmal wurde die Bestellung aufgenommen und auch gebracht. Dann verirrte sich niemand mehr vom Personal an unseren Tisch. Wir kamen uns unsichtbar vor. Erneute Intervention. Der Hauptgang wurde bestellt, und wieder verging viel Zeit, in der andere, die nach uns kamen, ihr Essen erhielten, wir aber nicht. Nun, das Essen kam dann irgendeinmal, und es war gut. Es folgte der Versuch, zu bezahlen! Man sah uns und vergass uns sogleich wieder. Schon überlegten wir uns, die Zeche zu prellen, da wurden wir erneut nach unseren Wünschen gefragt. Mit der Rechnung kam ein Espresso und ein Grappa, wie üblich vom Haus spendiert. Und dann wurden wir erneut unsichtbar, bis nach geraumer Zeit jemand auf mein ausgiebiges Winken und Herumhampeln reagierte. Der Kellner meinte sogar: Beim dritten vergeblichen Ruf nach dem Service müssten wir nicht mehr bezahlen. Das haben wir dann aber dennoch getan.

Das Perfide, wenn man am vergessenen Tisch sitzt: Alle andern werden aufs Beste bewirtet und bedient. Nur an diesem Tisch sitzt man auf verlorenem Posten.

Gibt es solche vergessene Tische auch in der Kirche? Das wären Plätze und Ereignisse, in denen Menschen aus der Wahrnehmung der Andern verschwinden. Es lohnt sich, darüber nachzudenken: Wo an unseren Anlässen und in unseren Häusern sind diese blinden Flecken, diese vernachlässigten Nischen? Menschen die in diese "schwarzen Löcher" fallen, werden sich zweimal überlegen, ob sie noch einmal zu uns kommen wollen. Also sollten wir uns gut überlegen, wie wir unsere Gastfreundschaft flächendeckend und einladend gestalten können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde