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Montag, 21. Februar 2022

Selfie-Selbsterkenntnis

Ein Zitat

Selfie beim Schloss Castell
Foto © Jörg Niederer
"Γνῶθι σεαυτόν" (griechisch: Erkenne dich selbst!), Chilon von Sparta, um 556 v. Chr.

Ein Bibelvers - 1. Mose 3,7

"Da gingen den beiden [Adam und Eva] die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie banden Feigenblätter zusammen und machten sich Lendenschurze."

Ein Anregung

Die beiden jungen Frauen waren in Ausgehlaune und auch entsprechend aufgebrezelt. Sie sassen im Zug, und brachten es nicht über sich, eine Maske zu tragen. Fast Nonstop betrachteten sie sich selbst in ihrem Handy, posierten und knipsten von sich selbst den Speicher voll. 

Selfies haben mitunter schon etwas Narzisstisches. Auch ich fotografiere mich gelegentlich selbst. Etwa auf einer Wanderung. Gemeinsam mit meiner Frau unterwegs soll auch ein gemeinsames Bild entstehen in typischem Handylook, bei dem einerseits irgendetwas besonderes auf dem Foto zu sehen ist (nebst uns) und eine meiner Extremitäten seltsam unnatürlich weggestreckt erscheint. Die Bilder sagen: Wir gehören zusammen, wir haben wieder etwas gemeinsam unternommen, wir haben es gut. Meist ist das dann auch so gewesen.

Erinnerungen wie diese Bilder führen uns wieder zurück zu Stationen unseres Lebens, zeigen Veränderungen, lassen erkennen, wie die Zeit Spuren auf unseren Gesichtern hinterlassen hat.

Am Apollotempel von Delphi stand der vielzitierte Satz, der Chilon, einem der sieben Weisen, zugeschrieben wird: "Erkenne dich selbst". Ohne Maske fällt das rein optisch wieder leichter. Wie ist es aber auf der philosophisch anthropologischen Ebene? Bin ich mir meiner Endlichkeit bewusst? Nehme ich mich in Relation und Abhängigkeit zur ganzen erschaffenen Welt wahr? Erkenne ich, wie wenig ich erkennen kann von den Geheimnissen in mir und um mich herum? Bin ich so, wie ich sein möchte?

Und was denken sich wohl zwei Kaiserpinguine, wenn sie ein Selfie von sich machen, wie auf dieser Aufnahme, entstanden mit einer autonomen Kamera?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 9. Juli 2021

Die Schleimspur des "Homo Covid-19"

Ein Gedanke

Eine Schnecke kriecht über eine weggeworfene Hygienemaske
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt kein 'weg'. Wenn wir etwas wegwerfen, muss es irgendwo hingehen." Annie Leonard, US-amerikanische Kritikerin

Ein Bibelvers - Philipper 3+8

"Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil. Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Christus."

Eine Anregung

Was denkt sich wohl die kleine Schnecke, während sie über diese weggeworfene Hygienemaske kriecht? "Gefährliches Terrain, da kann mich ja jede Krähe sehen." Weggeworfene Hygienemasken; paradoxer Weise haben die mit Hygiene nichts mehr zu tun. Im Gegenteil. 

Nun, mir ist es im vergangenen Jahr auch schon passiert, dass ich eine Hygienemaske unterwegs verloren habe. Gut, die meisten davon werden absichtlich auf den Boden geworfen. Aber nehmen wir einmal an dass jede*r der 8,67 Millionen Bewohner*innen der Schweiz einmal im Jahr eine Hygienemaske verliert. Das wären pro Tag 23'754 herumliegende Masken auf einer Fläche von 41'285 Quadratkilometern. Werden sie nicht weggeräumt, liegt alle zwei Tage eine Maske mehr pro Quadratkilometer herum, und innerhalb eines Jahres finden sich auf dieser Fläche 210 Hygienemasken. Das ist die übliche Schleimspur des "Homo Covid-19". Ich rechne aber mit dem Drei- bis Vierfachen bei den bewusst auf der Strasse entsorgten Masken, was innerhalb eines Jahres dann zu etwa einer Maske pro Quadratmeter führen würde.

So sieht unsere Corona-Schleimspur aus. Und welche geistliche Schleimspur lassen wir hinter uns zurück. Oder wie es Adam Hamilton einmal in einer Predigt fragte: Was kann diese Gesellschaft aus meinen geistlichen Hinterlassenschaften herauslesen, so wie ein Jäger aus dem Dung oder Kot der Tiere? Und ist das lebensförderlich, oder behindert es das Vertrauen der andern in Gottes Güte?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde