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Freitag, 17. Januar 2025

Ein grosser Haufen Ärgernis?

Ein Zitat

Jemand hat dem Schneehaufen vor der Hauptpost beim Bahnhof St. Gallen seine Stimme geliehen.
Foto © Jörg Niederer
"Gemäss Definition ist Schnee, der mehr als ein Jahr alt ist, Gletscher." Aus dem Tagblattartikel "So bewahrt man den Schnee: Glaziologe Matthias Huss hat einen kleinen Gletscher im Garten"

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,2

"Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist."

Eine Anregung

Für einmal ist es kein Hundekothaufen, der in St. Gallen zu reden gibt. Zumindest einer Person ist der zwei, drei Meter hohe Altschneeberg bei der Hauptpost am Bahnhof St. Gallen sauer aufgestossen. So zumindest interpretiere ich die Energie, die in diese Kartonbeschriftung gesteckt wurde: "Danke SG dass ich soo lange hier sein darf!!!". "soo" mit zwei Os und drei Ausrufezeichen, aber kein Komma vor "dass". Man könnte nun auch über das Plakat selbst nörgeln und dabei von Littering sprechen, dem unerlaubten entsorgen von Sperrgut und Karton.

Oder verstehe ich die Anschrift falsch? Waren das Kinder, die sich wirklich über diesen schmutzigen Altschneeberg freuen? In Davos wäre wohl so etwas nicht geschehen. Die haben überall hohe Schnee-Abräumhalden. Aber vielleicht ist das ja auch das Schneedepot für das kleinste Skigebiet der Welt an der Schneebergstrasse in St. Gallen. "Schneebergstrasse"; Nomen est Omen! Dahin gehören die Schneeberge, an die Schneebergstrasse!

Oder ist es eine Dependence von Glaziologe Matthias Huss, der im Garten auf 500 Metern über Meer einen eigenen Gletscher einrichtet und ihn vom Abschmelzen so lange wie möglich zu schützen versucht? 

Zurück zum Altschneeberg in zentraler Lage bei der Hauptpost. Vermutlich macht es mehr Sinn, den Schnee an dieser Stelle langsam aber sicher schmelzen zu lassen, bis er eben "Schnee von Gestern" geworden ist. Solcher Altschnee ist jeweils stark belastet mit Schadstoffen, die durch den Strassenverkehr anfallen. Wenn er in Form von Schmelzwasser in die städtische Kanalisation gelangt, wird er wohl weniger Schaden anrichten, als wenn man ihn bei der Martinsbrücke in die Goldach schüttet. Zudem würde der Abtransport des Altschnees zu mehr LKW-Verkehr führen und Arbeitskräfte unnötig für etwas binden, das von ganz allein verschwindet.

Wer weiss, möglicherweise kommt die Zeit, in der wir alle uns wieder Altschneehaufen wünschten mitten in der Stadt. Bis dahin freue ich mich an der durch Ärger erzeugten Kreativität von Menschen. Eine Steilvorlage für diesen Beitrag. "Sich Ärgernde aller Nationen vereinigt euch und werdet kreativ!"

Vielleicht ist so ja auch die Welt entstanden. Gott ärgerte sich über diese unglaublich verschwenderische Leere, dieses Nichts, das da einmal war: "Da muss ich etwas machen", sagte er/sie sich und steckte eine Kartonbeschriftung in das leere Nichts. Darauf stand: "Danke, dass ich hier soo lange bleiben darf!!!"

 Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 20. November 2024

Erster Schnee

Ein Zitat

Frühmorgendliches Schneetreiben in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Hast du zwei Schneeschaufeln zu Hause stehen, kannst du, wenns schneit, paarschippen gehen." Monika Kühn-Görg

Ein Bibelvers - Sprüche 26,1

"Wie Schnee im Sommer und Regen zur Erntezeit, so wenig passt Ehre zu einem Dummen."

Eine Anregung

Früher, als Kind, war es ein Ereignis, wenn es zum ersten Mal schneite. Noch aus der pflotschigsten Pracht haben wir Schneebälle geformt, und sie auf mehr oder weniger bewegliche Ziele geworfen. 

Heute in der Früh viel in Frauenfeld für diese Wintersaison der erste Schnee. Die Freude darüber hält sich nach über 60 Jahren in Grenzen. Es ist ja schon schön, wenn Land- und Ortschaft in Weiss erstrahlen, selbst unter bleigrauem Wolkenhimmel. Gerade der Kontrast ist besonders reizvoll. Dumm nur, dass Schnee auch rutschig ist. In St. Gallen habe ich beobachtet, wie ein Mann mit Arm- und Körperverrenkungen gerade noch einen Sturz verhindern konnte.

Nun beginnt also erneut mein Versuch, sturzfrei durch den Winter zu kommen. Erinnere ich mich noch an die Stellen, die auf meinen Wegen besonders heimtückisch sind? Wo ich schon am Boden lag, weiss ich noch genau. Aber die Stellen ungewollter Jazztanzeinlagen verdränge ich regelmässig über den Sommer.

Winter ist für mich eine ambivalente Zeit. Und wenn ich es mir genau überlege, freue ich mich mehr über den letzten Schnee, als dass ich mich über den ersten freue. Wie sieht das bei dir aus?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. Januar 2024

Schnee und Beckenbauer

Ein Zitat

Schnee auf dem Fensterbrett des Büros in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Die Jugend will halt stets mit G'walt / in allem glücklich sein; / doch wird man nur ein bisserl alt, / dann find't man sich schon drein." Aus dem Hobellied von Ferdinand Raimund

Ein Bibelvers - 1. Johannes 2,17

"Diese Welt und ihre Gier vergehen. Aber wer tut, was Gott will, bleibt in Ewigkeit mit ihm verbunden."

Eine Anregung

Schneeflocken sind kleine Wunderdinge. Im Kern bestehen sie aus Eiskristallen, die aufgrund von Feuchtigkeit und Temperatur wachsen und sich verbinden. So entstehen diese immer sechseckigen Strukturen, die bis zu einem halben Zentimeter gross werden können. 

Allerdings soll es keine zwei identische Schneeflocken geben. Jede Schneeflocke sei ein Unikat und komme über Zeit und Raum hinweg nur einmal vor auf der Welt.

Da frage ich mich: Mit welcher Sicherheit kann das gesagt werden? Es entstehen und vergehen ja jeden Tag Milliarden von Schneeflocken, und das schon seit Millionen von Jahren. Wer will da mit letzter Sicherheit sagen, dass es nicht irgendeinmal in dieser Abfolge von Zeit und Raum doch zwei identische aussehende Schneeflocken gegeben hat? Dass man bis jetzt diese Schneeflockenzwillinge nicht gefunden hat, könnte ja auch daran liegen, dass man nicht intensiv genug danach geforscht hat.

Eine solche Aussage, dass es etwas nicht gibt, ist ja schon an sich eine Behauptung, die ständig in der Gefahr steht, dass genau das was es nicht geben soll, dann doch irgendwo und irgendeinmal entdeckt wird. Kann man überhaupt guten Gewissens sagen, dass es etwas nicht gibt? Viel einfach ist es, eine Sache, die es gibt, zu konstatieren. Und doch gibt es sogar Menschen, die nicht glauben, was offensichtlich ist: Etwa, dass die Erde eine Kugel ist. Was es nicht alles gibt?

Sind etwa Leugnen und Wissen erkenntnistheoretische Geschwister, Zwillingen, die sich mehr gleichen, als dass sie voneinander abweichen? Wie heisst es doch im berühmten Hobellied (Hier von Peter Alexander gesungen): "Da streiten sich die Leut' herum / oft um den Wert des Glücks; / der Eine heißt den Andern dumm, / am End' weiß keiner nix."

Zurück zu den Schneeflocken. In ihrer einmaligen Feinstruktur existieren sie nur eine kurze Zeit, solange sie sich in der Luft befinden. Doch einmal auf dem Boden angekommen, werden sie wieder zu Wasser, oder verbinden sich mit vielen anderen Schneeflocken zu einer Schneedecke oder zu Eis, verlieren unter dem Druck von Ihresgleichen ihre einmalige Form. Aus Unikaten wird eine Masse, in der nicht mehr die einzelne Schneeflocke zählt, sondern der Verbund tausender und abertausender dieser Eiskristalle. Im Hobellied wird diese Entwicklung (auf die Menschheit bezogen) so beschrieben: "...das Schicksal setzt den Hobel an / und hobelt alle gleich".

Oder noch einmal anders gesagt: Jetzt wo Beckenbauer tot ist, bin ich im Vergleich zu ihm und allein aufgrund der Tatsache, dass ich noch lebe, der bessere Fussballspieler von uns zweien. Individualität, Einmaligkeit zählt halt nur für die kurze Dauer, in der wir uns Schneeflocken gleich durch Zeit und Raum bewegen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 30. November 2023

Der erste Schnee

Ein Zitat

Raubwürger im Schneetreiben
Foto © Jörg Niederer
"Viel Regen, wenig Schnee, tut Äckern und Bäumen weh." Bauernregel

Ein Bibelvers - Jeremia 18,14+15

"Schmilzt etwa der Schnee auf den Gipfeln des Libanon? Versiegt ein Bach, der aus dem Gebirge gespeist wird? Doch mein Volk handelt verkehrt und vergisst mich."

Eine Anregung

Der erste Schnee. Die ersten Flocken. Nichts Ernstes. Weisse Punkte, vom Wind getragen. Schon sind sie wieder vergangen. Der erste Schnee, er ist zum Schnee von gestern geworden.

Als Jeremia im Namen Gottes sprach, da waren die Gipfel des Libanon noch weiss vom Schnee. Was einst rhetorische Frage war, die es mit "Nein" zu beantworten galt, verlangt heute Zustimmung. Ja, der Schnee schmilzt weg auf dem Libanon. Und nicht nur dort. Selbst Bäche aus dem Gebirge versiegen heutzutage. Klimawandel. Menschgemacht, durch übermässigen Verbrauch fossiler Brennstoffe. 

Könnten da zur Abwechslung die Menschen nicht für einmal umdenken und richtig zu handeln beginnen, sich auf Gott besinnen und seiner Bestimmung als Geschöpfe folgen? Dem schneegleichen Raubwürger würde es gut bekommen, so wie allem Leben auf der Erde.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 22. Dezember 2022

Engelchöre in der Südsee

Ein Zitat

Details an einem Drahtzaun im eisigen Winter.
Foto © Jörg Niederer
"Hört es, freut euch überall: / Gott wird Mensch, ein Kind im Stall." Charles Wesley in: "Hark! The herald-angels sing"

Ein Bibelvers - Mathäus 13,43

"Aber alle, die nach Gottes Willen leben, werden im Reich ihres Vaters strahlen wie die Sonne."

Eine Anregung

Manchmal wollen wir etwas festhalten aus unserer Kindheit. Dazu gehören für viele auch die Verbindung von Schnee, Eis, Kälte und Weihnachten. Weisse Weihnachten ist aber in diesem Jahr im schweizerischen Mittelland sehr unwahrscheinlich. Schon sind letzte Schneeresten abgetaut, das Weiss dem Städtegrau gewichen. Zwölf Grad warm soll es werden am 25. Dezember.

Auf der Südseeinsel Tonga, mitten im Pazifik, ist Schnee sowieso kein Thema. Doch auch da feiern Christinnen und Christen Weihnachten, unter Palmen, und mit Liedern aus dem kühlen England. Hört doch einmal, wie das wohl berühmteste Charles Wesley-Weihnachtslied "Hark! The herald-angels sing" (Hört die Engelchöre singen) in Tongaisch klingt! Kommen da nicht doch auch Weihnachtsstimmung auf, fern dem Stall zu Bethlehem?

Übrigens: Das Wort "Lolotonga", mit dem der tongaischen Liedtext beginnt, hat nach Google in der Maori-Sprache die Bedeutung "Überschwemmung". Hoffentlich eine weihnachtliche Gefühls-Überschwemmung!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 13. Dezember 2021

Winterbienen

Ein Zitat

Schwärmende Bienen
Foto © Jörg Niederer
"Es schneielet, es beielet, Es goht en küehle Wind, es schlofed alli Lütli und alli Burgerschind." Kinderlied

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 2,2

"Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten."

Ein Anregung

Woher kommt eigentlich das Wort "beiele" aus dem Winter-Kinderlied: "Es schneielet, es beielet, Es goht en küehle Wind...."?

Das Schweizerische Idiotikon erklärt Dialektworte. Bi(j)ele, beierle oder bäuele meint: "in dünnen, kleinen Flocken schneien oder auch fein regnen". Dabei werden die tanzenden Schneeflocken "mit schwärmenden Bienen verglichen". 

Wer schon einmal schwärmende Bienen gesehen hat, kann die Ähnlichkeit mit leichtem Schneefall nicht leugnen. Und auch wenn ich es nicht gedacht hätte, so hat das Wort "beiele" in diesem Winterkinderlied also tatsächlich etwas mit Bienen und "Beieler" (Bienenzüchter) zu tun. Mitten im Winter lenkt der Reim die Sinne auf die warme Jahreszeit und den Flug der Bienen. Ist das nicht auch ein schönes Advents-Hoffnungsbild? 

Das Idiotikon gibt in diesem Zusammenhang noch eine etwas weniger nette Version des Kinderlieds wieder: "Es schneielet, es beielet dur e holi Tanne, wenn der Burebschisser malt, was der Bur het gwanne." (Es schneit und flöckelt durch die hohle Tanne, wenn der Bauernpreller mahlt, was der Bauer geerntet hat). Manche Müller haben früher bei Bauern wohl wenig Vertrauen genossen. Wie das mit den Imkern war, weiss ich nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 11. Dezember 2021

Winter Wonderland Olten

Ein Zitat

Winterliches Olten aus der Bahnhofsperspektive
Foto © Jörg Niederer
"Es schneielet, es beielet, Es goht en küehle Wind. Es frühret alli Vögeli und alli arme Lüt." Kinderlied

Ein Bibelvers - Hiob 37,5+6

"Gott donnert wunderbar mit seiner Stimme. Große Dinge tut er, und wir begreifen’s nicht. Er sagt zum Schnee: 'Fall auf die Erde nieder!' Und dem Regen befiehlt er: 'Giess in Strömen!'"

Ein Anregung

Es soll ja auch schon Schokolade geschneit haben in Olten. Aber diesmal fiel Schnee, und verwandelte die Stadt in eine mir nur zu bekannte urbane Winterkulisse. Halt so, wie sich alle Städte verändern unter der leisen Last der weissen Kristalle. Und doch war es anders dort in Olten, in der Stadt meiner Kindheit. Es war wir früher: Der selbe Duft in der Luft, der gleiche Sichtschleier des dichten Schneetreibens, der etwas gedämpfte Lärm der Autos, die vermummten Personen.

Auf dem Weg über die 1883 erbaute Bahnhofbrücke, welche von uns im Gegensatz zur historischen alten Brücke "Neue Brücke" genannt wurde - eine neuere Aarebrücke wie heute gab es damals noch nicht - bewarfen wir uns (und gelegentlich die Autos) mit Schneebällen, oder versuchten auf dem gefrorenen Trottoir zu schlittern.

Auch schon da war die alt bekannten Häuserzeile am Amtshausquai. Dort, im Amtshaus (auf der Fotografie das Gebäude im Hintergrund links) besuchten wir die Sonntagschule, gleich im Anschluss an den Gottesdienst der Erwachsenen. Dort versammelten sich in einem kleinen zweiteiligen, angemieteten Raum die methodistische Gemeinde.

Das kantonale Amtshaus gibt es immer noch an gleicher Stelle. Und auch die Staatsanwaltschaft und das Betreibungsamt sind heute dort untergebracht. Gebaut wurde der U-förmige Bau als Schweizerisches Buchzentrum von den Architekten Hermann Frey und Ernst Schindler im nüchternen Stil der Nachkriegsmoderne. Da also war damals meine Kirche, da wohnte Gott, und ich besuchte ihn wöchentlich, immer auch wieder über und durch frisch fallenden Schnee.

Kannte ich damals schon das Lied: "Leise rieselt der Schnee"? Hier die Version mit Udo Jürgens. Und wer es lieber englisch mag: Da gäbe es Bing Crosby mit "Winter Wonderland". Und dann hätte da der Sänger Kunz noch Argumente, um den Wohnsitz nach Olten zu verlegen. Genau das hat mein Vater getan für eine schöne Oltnerin. Nur deshalb gibt es mich, und ich kann diese Zeilen vom Schnee von Gestern in Olten schreiben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde