Posts mit dem Label Religion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Religion werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 25. Juli 2025

Der äussere Schein von Kopftüchern

Ein Zitat

Eine kopftuchtragende Frau in modischen Kleidern wartet am Bahnhof mit ihrer Freundin.
Foto © Jörg Niederer
"...und dies Kopftuch hat keineswegs ausschließlich mit Unterdrückung zu tun. Das hat auch was mit Stolz und Identität zu tun..." Hagen Rether (*1969), Deutscher Kabarettist

Ein Bibelvers - 1. Korinther 11,10

"Deshalb soll die Frau ihren Kopf verhüllen. Das ist das Zeichen ihrer Vollmacht, wenn sie in der Versammlung öffentlich redet. So entspricht es der Ordnung, über deren Einhaltung die Engel wachen."

Eine Anregung

Ist denn das zu glauben? Da hat man mich von Kindesbeinen an gelehrt, man solle nicht aufgrund von Äusserlichkeiten über andere Menschen urteilen. Immer wieder wurde mir das vermittelt. Es komme auf die inneren Werte an, auf das, was ein Mensch kann und was er an Werten lebt. Und dann dies. Da wird ein Kopftuch zu einem Grund, eine Frau erst anzustellen und dann wieder zu entlassen. Ich kann es einfach nicht glauben! Kommt es nun doch wieder auf Äusserlichkeiten an?

In Eschenbach wurde eine kopftuchtragende Frau als Lehrerin erst eingestellt, ich vermute aufgrund von Bewerbungsgesprächen, bei denen die pädagogischen und humanistischen Fähigkeiten und Einstellungen dieser Frau unzweifelhaft festgestellt worden waren. Bestimmt kam auch das Kopftuch zur Sprache und ob die Frau Privatleben und Religion und ihr religiös neutral zu bleibendes Berufsleben als Lehrerin auseinanderhalten könne. Doch dann gab es kritische Anfragen von Eltern, und die Behörde zog diese Anstellung wieder zurück.

Frage: Kannst du anhand der Kochmütze wissen, ob eine Koch gut oder schlecht kocht? Kannst du anhand eines T-Shirts mit Schweizerkreuz unterscheiden, ob ein Mensch Patriot ist oder nicht? Also ich kann das nicht. Ich muss erst einmal etwas essen, das mir der Koch auftischt, um urteilen zu können. Ich muss erst mit dem Schweizerkreuzbekleideten sprechen, um seine Gesinnung zu erfahren. Ich kann auch nicht an einem Kopftuch erkennen, ob es aus Respekt vor der eigenen Tradition und Herkunft getragen wird, ob damit ein religiöses Statement gemacht wird oder ob es einfach eine Modefrage ist. Ich muss mit dieser Frau sprechen, um mehr zu erfahren.

Aufgrund eines Kopftuchs eine Frau nicht als Lehrerin anzustellen, halte ich selbst für ein religiöses Statement und nicht für einen sachlich begründeten Entscheid. Denn wer sachliche Argumente hat, eine Frau als Lehrerin einzustellen, und dann aufgrund von einer mehrdeutigen Äusserlichkeit und wider besseren Wissens über die Qualifikation dieser Pädagogin sich zur Handlangerin von möglicherweise fremdenfeindlichen oder konservativen christlichen Gruppierungen macht, handelt nicht mehr religionsneutral. Genau diese Neutralität in Religionsfragen ist aber an öffentlichen Schulen begründet durch die Trennung von Kirche und Staat vorauszusetzen.

Wäre ich eine Frau, vielleicht sogar angestellt als Lehrerin, ich würde mich nach diesem fragwürdigen, eigentlich religiösen Entscheid der Schulbehörde von Eschenbach solidarisieren mit dieser zurückgewiesenen Pädagogin. Ich würde tun, was der Vater (oder Grossvater? - ich zitiere aus der Erinnerung) von Corrie ten Boom in anderem Zusammenhang getan hat, als Holland im 2. Weltkrieg von Deutschland besetzt wurde, und man von den Juden verlangte, den Judenstern zu tragen. Er legte als Christ selbst den Judenstern an, um gegen diese Herabwürdigung von Menschen zu protestieren. Ich würde als Frau ab sofort ein Kopftuch tragen. Das wäre dann bestimmt kein religiöses Bekenntnis, sondern eines zum Pluralismus und zur Neutralität, zu Respekt und zur Achtung und Einhaltung von Menschenrechten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 4. März 2025

Tierisch gut

Ein Zitat

Osterhasen im Verkaufsregal eines grossen Einkaufszentrums.
Foto © Jörg Niederer
"Es gibt wohl nur wenig Tiere, die uns für Menschen halten." Alfred Edmund Brehm (1829–1884)

Ein Bibelvers - Psalm 148,1.9-10

"Halleluja. Vom Himmel her – lobt den Herrn: Lobt ihn, ihr Berge und Hügel, ihr Obstbäume und Zedernwälder, ihr Raubtiere und alles Vieh, ihr Kriechtiere und gefiederten Vögel."

Eine Anregung

Alle Jahre wieder, noch bevor die Fastenzeit begonnen hat und Ostern noch mehr als 40 Tage entfernt ist, findet der Osterhase tausendfältig den Weg in die Einkaufszentren. In immer neuen Dekorationsvarianten buhlen die Langohren um den werten Käufer, die werte Käuferin. Osterhasen werden dabei vermenschlicht, tragen lustigen Kleidchen, sind hübsch zurechtgemacht mit Brille und Spazierstock und mit Kratten voller Eier am Rücken.

Nun empfindet ein Dekorhase nichts, und so ist ihm diese Vermenschlichung ziemlich egal. Bei lebenden Tieren dagegen ist das anders. Wenn kleine Hunde wie Puppen daherkommen, dann ist das wohl für die Vierbeiner im besten Fall unverständlich, im schlimmsten Fall eine Qual.

Das Gegenteil von Vermenschlichung ist bei Tieren nicht die Entmenschlichung, sondern dass man ihnen allerlei Fähigkeiten nicht zutraut. Können Tiere trauern, können sie lügen, können sie miteinander sprechen, können Fische leiden, können sie zählen? Nur weil aus menschlicher Sicht manche Gefühlsregung nicht ersichtlich ist oder von Menschen noch nicht an Tieren beobachtet wurde, werden diese Fähigkeiten den Tieren abgesprochen. Dabei liegen solche Fehlurteile wohl oft an der Beobachtungsgabe von Menschen und nicht an der Fähigkeit von Tieren. Etwa, wenn nur für den Menschen "der aufrechte Gang" behauptet wurde, wobei doch jedes Huhn diese Fähigkeit auch beherrscht und zudem noch das Fliegen aus eigener Kraft.

Inzwischen aber gibt es verschiedene Forschungsergebnisse, die so manches, was einst nur dem Menschen zugesprochen wurde, nun auch bei Tieren erforscht und entdeckt haben. Etwa Fremdsprachenerkenntnisse. Diese wurden bei unterschiedlichen Vogelarten entdeckt, die in gemeinsamen Schwärmen ins Winterquartier und wieder zurück fliegen. Offensichtlich können sie sich unterhalten und Informationen etwa über geeignete Rastplätze austauschen. Weiter können Fische Menschen unterscheiden und Elefanten können trauern. Land- und Wasserschildkröten helfen einander aus der misslichen Rückenlage wieder in den sicheren Stand, und Störche signalisieren einander, wo es gute Futterplätze hat, was Ameisen und Bienen übrigens auch können. Schmetterlinge erinnern sich gar an ihr Raupendasein. Selbst Mikroorganismen, so klein, dass sie milliardenweise in unseren Organen leben, tauschen miteinander Informationen aus.

Bei all dem denke ich mir: So einmalig sind wir Menschen nicht, wie wir das gerne hätten.

Vielleicht entdecken wir in nicht allzu weiter Zukunft, dass es auch bei den Tieren und Pflanzen religiöse Gefühle gibt. Es würde mich nicht wundern.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 14. Januar 2025

Gemeinsam auf einem Friedhof

Ein Zitat

Frühmorgens auf dem Friedhof Weinfelden.
Foto © Jörg Niederer
"Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst." Robert Lembke (1913-1989)

Ein Bibelvers - 1. Könige 13,29+30

"Da hob der Prophet den Leichnam des Gottesmannes auf. Er legte ihn auf den Esel und nahm ihn mit zurück. Als er wieder in seiner Stadt war, trauerte der Prophet um ihn und begrub ihn. Er legte den Leichnam in sein eigenes Grab."

Eine Anregung

Zu einer Zeit, als in der Schweiz sich die Religionslandschaft noch weitgehend christlich zeigte, abgesehen von den ungeliebten schweizerischen Jüdinnen und Juden, verliefen weit heftigere Bruchlinien zwischen den Konfessionen, als dies heute der Fall ist. So war es undenkbar, dass Katholik:innen auf protestantischen Friedhöfen bestattet werden oder anders herum. Damals entstanden erste Methodistengemeinden. Ihren Pfarrern wurde es verboten, Abdankungen auf protestantischen Friedhöfen zu halten. Gläubige dieser damals neuen, aufblühenden Kirche in der Schweiz mussten sich für eine christliche Bestattung an den reformierten Pfarrer wenden. Der war den Methodisten oft ablehnend gesinnt. Aus diesem Grund kaufte etwa die Methodistengemeinde von Rheineck ein Stück Land, um dort ihre Toten "methodistisch" beisetzen zu können. Bevor es aber soweit war, kam eine neue Bundesverfassung und damit wurde das Bestattungswesen verstaatlicht, nicht zur Freude vieler evangelischer und katholischer Christen. Damals wollten Katholik:innen und Protestant:innen noch nicht nebeneinander in den Gräbern liegen, doch genau das brachte das staatliche Bestattungswesen mit sich. Ein Bundesgerichtsurteil bestätigte diese "Ungeheuerlichkeit" und hielt fest, dass im Tod alle gleich seinen, egal aus welchem Stand oder Konfession.

Heute kräht kein Hahn mehr nach getrennten Friedhöfen. Und die Bestattungsarten sind vielfältiger geworden als früher. Zur Erdbestattung ist die Kremation und Beisetzung in Urnengräbern oder Gemeinschaftsgräbern dazugekommen, wobei Urnen auch auf privatem Grund bestattet werden dürfen. Geschichtlich bedingt gibt es bis heute auch Friedhöfe, in denen ausschliesslich jüdische Menschen bestattet werden. Neuere Friedhöfe sehen für jüdische Gräber auch eigene Abteilungen in ihren Friedhofsanlagen vor. Gemeinsam auf einem Friedhof, aber in unterschiedlichen Bereichen, das gibt es auch für Muslime, etwa auf dem Waldfriedhof Meisenhard in Olten.

Genau dieser Wunsch von Muslimen nach einem eigenen Grabfeld auf dem gemeinsamen Friedhof gibt nun in Weinfelden heftig zu reden. Dabei wird, was einst ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Gleichbehandlung von verstorbenen Christ:innen war, nun dazu verwendet, diesen Wunsch der Muslime zu kritisieren. Ein vor 150 Jahren integrierendes Gesetz wird heute für die Rückweisung der Ansprüche einer Religionsgemeinschaft verwendet, die es damals bei uns gar noch nicht gab.

Darf es auf einem Friedhof ausgewiesene Bereiche geben? Keine Frage, die gibt es schon: Urnennischen etwa. Erdgräber von Erwachsenen. In Winterthur auf dem Friedhof kann man sich Urnengräber unter Bäumen aussuchen. Für Kindergräber ausgewiesene Bereiche gibt es auch auf fast allen Friedhöfen der Deutschschweiz. Heisst das, dass Kinder nicht so wichtig sind wie Erwachsene? Doch sicher nicht. Im Gegenteil, man will ihnen besonders gerecht werden.

Rechtlich gesehen könnte ich als Erwachsener nun verlangen, dass ich auch im Bereich der Kindergräber bestattet werde. Denn Grabfelder dürfen nicht ausschliesslich für eine bestimmte Gruppe von Menschen verwendet werden. Das würde auch so sein bei einem islamischen Grabfeld auf dem Friedhof Weinfelden. Auch dort könnten sich Menschen anderer Religion oder Konfession bestatten lassen. Ob sie das wollen? Ich vermute, dass dies überraschend oft geschehen wird, besonders bei religionsgemischten Paaren.

Ich habe grosse Sympathie für den Wunsch der Muslim:innen auf ein eigenes Grabfeld innerhalb des gemeinsamen Friedhofs. Denn genau das drückt doch aus, dass alle dazugehören dürfen, verstorbene Kinder in ihrem Bereich, Erdbestattete in ihrem Bereich, Feuerbestattete in ihrem Bereich, unter Bäume bestattete in ihrem Bereich, jüdische Menschen in ihrem Bereich und auch muslimische Menschen in ihrem Bereich. Denn wenn es zur einer Bestattung kommen muss, dann will man doch nicht streiten, sondern Frieden finden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 29. November 2024

Kirchen am Rand

Ein Zitat

Erleuchteter, reich mit Ikonen versehener Gottesdienstraum der Rumänisch-orthodoxen Kirche St. Gallen in einem Gewerbehaus bei Abtwil.
Foto © Jörg Niederer
"Alte Kirchen haben trübe Augen." Holländische Redensart

Ein Bibelvers - Jeremia 29,4+5

"So spricht der Herr Zebaot, der Gott Israels! Das ist meine Botschaft für alle in der Verbannung, die ich aus Jerusalem nach Babylon weggeführt habe: Baut Häuser und lasst euch darin nieder! Legt Gärten an und esst, was dort wächst!"

Eine Anregung

Der Standort religiöser Bauten sagt viel aus über Bedeutung oder Ausrichtung der Konfession oder Religion in der Gesellschaft. Kirchen, die den Support des Staates haben, finden sich oft an zentraler Lage. Anders sieht es aus mit Gemeinschaften, denen man nicht so recht über den Weg traut. Aktuell sind es besonders die islamischen Kultusgemeinden, deren unauffällige Moscheen sich nicht selten in Industriequartieren befinden. Auch Kirchen, die dem Glauben eingewanderter Menschen entsprechen, landen oft irgendwo in einem Saal oder Gewerberaum abseits der Sichtbarkeit. So wie auf diesem Bild sich die Rumänisch-orthodoxe Kirche in einem Gewerbehaus an der Peripherie von St. Gallen einmieten konnte. 

"Ausserhalb der Stadtmauern", geduldet, aber nicht geliebt, an den Rand gedrängt, eingeschränkt in den Rechten. Es gab eine Zeit, in der es nur den Staatskirchen erlaubt war, Glockentürme zu unterhalten. Heute sind diese Kirchen selbst unter Druck, und viele müssen beim Glockengeläut zurückstecken.

Es sind diese kleinen Veränderungen die den gesellschaftlichen Wandel begleiten und sichtbar werden lassen. Heute werden die Glaubenswerke in die zunehmende Unsichtbarkeit gedrängt. Dagegen befinden sich die Tattoo-Studios, die sich einst in den schmuddeligen Hafenarealen fanden, mitten in den Citys an bester Lage in den hippen Quartieren.

Nun gibt es aber auch Kirchen, die sich ganz bewusst für die Peripherien entschieden haben. Sie gehen an die Orte, an denen sie den Bedürfnissen der Randexistenzen nahe sind. Ich glaube, das ist genau der Weg, den es einzuschlagen gilt. Dabei geht es nicht mehr um Ansehen oder Sichtbarkeit, sondern um Hinwendung und Wirksamkeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Methodist präsidiert Bundesratswahl

Ein Zitat

"Menschenwürde, Gleichheit der Menschen." Antwort von Eric Nussbaumer auf die Frage: "Was ist für Sie politisch nicht verhandelbar?"

Ein Bibelvers - Matthäus 22,37-39

Eric Nussbaumer im Jahr 2008, ein halbes Jahr nach seiner Wahl in den Nationalrat.
Foto © Jörg Niederer
"Jesus antwortete: 'Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.' Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber das folgende Gebot ist genauso wichtig: 'Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.'"

Eine Anregung

Die Religionszugehörigkeit spielt zwar in einem Staat mit Religionsfreiheit keine Rolle bei der Ausübung von politischen Aufgaben. Aber so selbstverständlich ist es dann doch wieder nicht, wenn das Mitglied einer kleinen Freikirche, wie es die Evangelisch-methodistischen Kirche in der Schweiz ist, die Wahlen der Bundesrätinnen und Bundesräte als Präsident der Vereinigten Bundesversammlung leitet. Heute ist es soweit. 

Am 4. Dezember wurde Eric Nussbaumer zum Nationalratspräsidenten gewählt. Damit übt er das Amt des "höchsten Schweizers" aus und ist folglich auch mit der Leitung der Bundesratswahl betraut.

Eric Nussbaumer wurde 2007 erstmals in den Nationalrat gewählt. Das Foto zeigt ihn ein halbes Jahr nach dieser Wahl. Er ist aktives Gemeindeglied in der Methodistenkirche Liestal. Im Dienstagsmail wird er dazu wie folgt zitiert: "Ich bin gerne Christ, weil ich aus meiner Glaubensüberzeugung heraus Kraft schöpfe für mein tägliches Leben." Der Nationalrat wählte Eric Nussbaumer mit 180 von 192 gültigen Stimmen in diese Aufgabe. Gegenüber Idea meinte er dazu: "Es ist eine wichtige Aufgabe, das Parlament leiten zu dürfen. Ich durfte das schon auf kantonaler Ebene tun. In dem Sinne freue ich mich natürlich auf diese... Aufgabe".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 17. September 2023

Religionen beten auf dem Klosterplatz St. Gallen

Ein Zitat

Die Plakate zur Interreligiösen Bettagsfeier auf dem Klosterplatz St. Gallen hängen schon.
Foto © Jörg Niederer
"Gott, unsere Hände sollen zu deinen Händen werden, um sie den Menschen hinzuhalten, damit sie sich daran festhalten können." Aus dem christlichen Gebet an der Interreligiösen Bettagsfeier

Ein Bibelvers - Jona 1,4+5a

"Doch der Herr ließ einen starken Wind losbrechen, der über das Meer fegte. Der Sturm wurde immer stärker, und das Schiff drohte auseinanderzubrechen. Die Matrosen fürchteten sich und schrien um Hilfe, jeder betete zu seinem eigenen Gott."

Eine Anregung

Nebst den Bettagsgottesdiensten in den verschiedenen St. Galler Kirchen gibt es heute Nachmittag um 15 Uhr die alle zwei Jahre stattfindende Interreligiöse Bettagsfeier. Das Thema dieser Feier von christlichen, islamischen, jüdischen, hinduistischen, buddhistischen und alevitischen Menschen, sowie den Angehörigen der Sikh- und Bahai-Religionen lautet: "Ich höre Dein Gebet für den Frieden". 

Jede Religion rezitiert ein für diesen Anlass vorbereitetes Gebet. Es wird nacheinander für den Frieden gebetet. Weiter wird an dieser Feier die Rumänisch-orthodoxe Pfarrgemeinde Hl. Antonius die "St. Galler Erklärung" unterzeichnen. In dieser Erklärung geht es um den Religionsfrieden in der Stadt St. Gallen. 

Zur Feier sind alle ganz herzlich eingeladen. Sie endet mit einem gemeinsamen Apéro auf dem Klosterplatz. Falls wider Erwarten das Wetter nicht mitspielen sollte, findet diese Feier, die ein Zeichen setzen will für den Frieden in der Welt und die respektvolle Koexistenz der Religionen, im Zentrum Magnihalden 15 statt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Freitag, 9. Dezember 2022

Existentielle Bedeutung

Ein Zitat

Paritätische Kirche St. Bartholomäus im thurgauischen Pfyn.
Foto © Jörg Niederer
"Der Glaube ist ein Vertrauen, das über die Vernunft hinausgeht." Zitat aus einem Leserbrief in der "Leipziger Volkszeitung", wiedergegeben von Bernd-Lutz Lange im Buch: "Das gabs früher nicht", S. 318

Ein Bibelvers - Johannes 15,12-14

Jesus: "Das ist mein Gebot: Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe. Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr mein Gebot befolgt."

Eine Anregung

Es sei eine Abrechnung mit dem Zeitgeist, so steht es auf auf dem Umschlag von Bernd-Lutz Langes Buch "Das gabs früher nicht". Mir kommt es aber vor, als würde darin eine gute alte Zeit beschworen. 

Doch in einem Kapitel läuft der Kabarettist und Schriftsteller, aufgewachsen in der kommunistischen DDR, zu Höchstform auf. Da, wo es um Religion und Glauben geht. Als Christ und Methodist zu ständiger Rechtfertigung des Glaubens in einem atheistische Staatswesen herausgefordert, spürt man den daraus entstandenen Tiefgang in besonderer Weise.

Bernd-Lutz Lange schreibt: "Der Zugang zur Kirche ist natürlich abhängig von den Erfahrungen, die sich damit verbinden. Ich habe in der evangelisch-methodistischen Kirche in Zwickau in meiner Kindheit und Jugend nur Positives erlebt. Ich lernte damals in meiner Kirchgemeinde viele fröhliche und offene Menschen kennen. Ich wurde musisch gebildet, sang Tenor im gemischten Chor bis zum grossen Halleluja von Georg Friedrich Händel. Und ich habe auch im Kirchenraum meine ersten kabarettistischen und schauspielerischen Versuche unternommen. In der Jugendstunde wurden interessante Themen behandelt, bald hielt ich dort selbst einen ersten Abend ab. 

Die Bibel, so merkte ich, war kein altmodisches Buch. Sie gab auch in modernen Zeiten Lebenshilfe, wenn die Prediger gute 'Übersetzer' der alten Texte waren.

Mein Kabarettkollege Gerhard Polt, mit dem ich mich einmal über dieses Thema unterhielt, hat im katholischen Wallfahrtsort Altötting ganz andere Erfahrungen mit Kirche gemacht. Ihm wurde als Kind mit dem Fegefeuer und der Hölle Angst eingeflösst. Anders erging es dem beliebten Entertainer Thomas Gottschalk, der in seinem Buch 'Herbstblond' schreibt: 'Meinen Glauben und meinen praktizierten Katholizismus habe ich immer als hilfreiches Moment in meinem Leben empfunden.'

Jeder ist die Summe seiner Erfahrungen. 

... Ein Satz aus einer Predig von Pastor Herbert Götz in Zwickau, die ich als etwa Sechzehnjähriger hörte, hat sich mir eingeprägt: 'Alle wirklich wichtigen Dinge im Leben sind Geschenke: Liebe Freundschaft, Gesundheit, Natur.'

Alles, was existentiell Bedeutung hat, das blieb in meinem Denken haften, kann man nicht kaufen. Das traf für die konsumgüterarme DDR genauso zu, wie es für die Überflussgesellschaft heute erst recht gilt." (aus dem Buch: "Das gabs früher nicht" S. 331f)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 28. Oktober 2022

Happy Diwali

Ein Zitat

Teil eines Hinduheiligtum auf der indonesischen Insel Lombok.
Foto © Jörg Niederer
"Bäume verweigern niemandem ihren Schatten, nicht einmal dem Holzfäller." Hinduistisches Sprichwort

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 17,23

Paulus in Athen: "Ich bin durch die Stadt gegangen und habe mir eure heiligen Stätten angeschaut. Dabei habe ich auch einen Altar gefunden, auf dem stand: 'Für einen unbekannten Gott'. Das, was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch."

Eine Anregung

Den Amtseid als Abgeordneter legte er vor fünf Jahren mit der Hand auf der Bhagavad Gita ab – eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Mit Rishi Sunak ist erstmals ein praktizierender Hindu Prime Minister von Grossbritannien.

Hindus feiern heute den letzten Tag des sich über fünf Tage erstreckenden Fests Diwali. Das ist so etwas wie Weihnachten und Silvester zusammen, wobei es je nach Region unterschiedliche Ausprägungen gibt. Es ist ein fröhliches Fest mit vielen Lichtern. Im Verlauf der Festtage werden Feuerwerke und Knallköper gezündet, wie bei uns an Silvester.

Am 24. Oktober begannen in diesem Jahres die Festivitäten mit dem Tag, an dem das Haus gereinigt und geschmückt wird. Auch neue Gegenstände und Schmuck werden gekauft. Am folgenden Tag, dem Jahrestag, an dem Krishna den Dämon Narakasur besiegte und dabei 10'000 Frauen befreite, wird noch vor Sonnenaufgang ein Bad genommen. Gegenseitige Besuche in neuen Kleidern folgen, es gibt Süssigkeiten und mehr. Der dritte Tag ist der Göttin Lakshmi geweiht. Lichter werden aufgestellt um sie zu begrüssen und zu empfangen. Es ist ein Tag auch der Glückserwartung und der Glücksspiele. Am vierten Tag segnen Frauen ihre Ehemänner mit Lichtern und tupfen ihnen einen Segenspunkt auf die Stirn. Am fünfte Tag segnen dann Schwestern ihre Brüder mit Lichter. Die Geschwister versprechen einander, sich gegenseitig zu beschützen.

Heute ist Diwali wie Advent und Weihnachten ein stark kommerzialisiertes Fest geworden, bei dem die Wohnhäuser, Geschäfte und Strassen durch viele Lichter erleuchtet sind.

Für Christinnen und Christen ist der Hinduismus eine unbekanntere Weltreligion als etwa der Islam oder das Judentum. Die vielen Gottheiten verwirren. Es gibt Vorurteile, stereotype Vorstellungen über heilige Kühe und Reinkarnation.

Einen anderen Zugang suchte einst der US-amerikanische evangelisch-methodistische Theologe Eli Stanley Jones (1884-1973). Er war Missionar in Indien. Er studierte den Hinduismus und versuchte, das Evangelium von Jesus Christus ohne westliche Kultur darzustellen und zu verkünden. Dazu gründete er christliche Ashrams, in denen Menschen gemeinsam eine Auszeit mit Gott erleben konnten. Diese Idee brachte er während des Zweiten Weltkriegs auch in die USA und in andere westliche Länder.

Warum also nicht einmal eine authentische Begegnung mit hinduistischen Gläubigen bei uns erleben? Morgen Samstag, den 29. Oktober 2022 sind alle anlässlich des grössten Lichterfests der Hindus um 18.30 Uhr zu einem "Happy Diwali" in die Kirche Halden an der Oberhaldenstrasse 25 in St. Gallen eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 28. Juni 2022

Die Spirale und die Mitte

Ein Zitat

Schmuck aus einem versteinerten Ammoniten
Foto © Jörg Niederer
"Eine Spirale oder Schneckenlinie ist eine Kurve, die um einen Punkt oder eine Achse verläuft und sich je nach Betrachterperspektive von diesem Zentrum entfernt oder sich ihm annähert." Wikipedia

Ein Bibelvers - 1. Samuel 16,7

"Doch der Herr sagte zu Samuel: '... bei mir zählt nicht, was ein Mensch sieht. Der Mensch sieht nur auf das Äußere, der Herr aber sieht auf das Herz.'"

Ein Anregung

Seit es Tiere mit eigenem Gehäuse gibt, kennen wir auch die Spirale. Seit Menschen zeichnen und formen können, waren sie fasziniert davon, haben Spiralen gezeichnet, geritzt, gegossen. Und sie haben auf der ganzen Erde damit eine Vorstellung verbunden. Die Vorstellung von Ewigkeit.

Wir Menschen sind unheilbar religiös. Der Glaube an Gott bestimmt das Leben jedes Menschen so sehr wie das Haus, das die Schnecke mit sich trägt. Das gewundene Ammoniten- oder Schneckenhaus erinnert die Menschen seit Jahrhunderten an Gott, an die Ewigkeit. Wenn Menschen das Bedürfnis nach Glauben, nach Ewigkeit ernst nehmen, dann wird dieser Glaube zu einer Heimat, einem Rückzugsort, einer Mitte.

Die Spirale weist auf dieses Zentrum hin. Unweigerlich folgen wir dem Gehäusegang nach innen und aussen. In der Mitte, im Zentrum (bei Gott) nimmt Leben seinen Ausgang. Dorthin verweisen alle Wendungen und Verwicklungen unseres Lebens, selbst dann, wenn wir uns schon weit von dieser Mitte entfernt haben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Das Ende einer Rauhnacht

Ein Zitat

Morgenrot über der Ostschweiz (aus dem fahrenden Zug fotografiert)
Foto © Jörg Niederer
"Jegliche Arbeit in den Rauhnächten ist verboten, sonst fällt der Wolf in die Herde und das Vieh gedeiht nicht" Bauernregel

Ein Bibelvers - 1. Samuel 28,6+7

"Saul befragte deswegen den Herrn. Aber der Herr antwortete ihm nicht, weder durch einen Traum noch durch das Los noch durch das Wort eines Propheten. Da sagte Saul zu seinen Knechten: 'Gibt es hier in der Nähe eine Frau, die Tote aus einer Grube heraufbeschwören kann? Ich will zu ihr hingehen und sie befragen!'"

Ein Anregung

Der Himmel glüht, als würden Wälder brennen. Ein Fahrradwegweiser trotz in Frauenfeld den Fluten der Murg. Es ist Morgen nach einer weiteren Rauhnacht. 

Woran liegt es, dass es mir vorkommt, als wären die Rauhnächte plötzlich in allen Medien. Bisher sind mir diese Nächte vom 25. Dezember bis 6. Januar nicht besonders aufgefallen. Doch in diesem Jahr stolperte ich gleich mehrfach über diesen Begriff. Liegt es daran, dass alle einander abschreiben? Oder spielt mir mein Unterbewusstsein oder die Vergesslichkeit einen Streich. Jedenfalls befinden wir uns aktuell in den sogenannten Rauhnächten. 

Es seien zwölf heilige Nächte, gefeiert schon in vorchristlicher Zeit. An Silvester beginnt die Wilde Jagd, in der die Toten und Geister Zugang zur Welt der Lebenden bekommen. Um ihr Wirken zu beenden, gibt es überall im Alpenraum Vertreibungstraditionen. Dass es 12 Nächte sind, ergibt sich aufgrund der Differenz zwischen Mondjahr (354 Tage) und Sonnenjahr (365 Tage). Diese elf Tage und 12 Nächte dazwischen seien aus der Zeit gefallen, also besonders und geheimnisvoll. In den eingeschneiten Tälern des Alpenraums gab es in dieser Periode des Jahresübergangs wohl kaum etwas zu tun. Und so hatte man Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen über den Lauf der Dinge. Kein Wunder, waren es Nächte der schauderhaften Geschichten, der lähmenden Ängste und der Fragen nach dem Sinn des Lebens. Zudem sollen die Rauhnächte und deren Wetter je für das Klima eines kommenden Monats stehen. Hier kann es nachgelesen werden.

Vielleicht ist von den Rauhnächten deshalb plötzlich überall zu lesen, weil wir in Zeiten von Corona wieder stärker auf der Suche nach einem jenseitigen Halt sind. Dabei orientiere ich mich ganz gerne an einem für mich Altbekannten: an Jesus Christus.

Was möchtest du im Übergang zum neuen Jahr definitiv vertreiben und hinter dir zurücklassen (einmal abgesehen von diesem Virus, von dem wohl alle definitiv genug haben)? Und welche Träume sollen dir im neuen Jahr in Erfüllung gehen?

Übrigens: Noch zum eingangs zitierten Bauernspruch. Damit wäre wohl klar, dass nicht der Wolf an Viehrissen schuld ist, sondern alle Gierigen, die nicht genug bekommen vom der Erwerbsarbeit.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 17. Dezember 2021

Keine weihnachtliche Geschichte

Ein Zitat

Winterlich mit Tieren geschmücktes Schulhaus in Wängi
Foto © Jörg Niederer
"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben." Der Satz wird Alexander von Humboldt zugesprochen.

Ein Bibelvers - 1. Mose 27,3

Isaak zu Esau: "Bitte, nimm jetzt deine Jagdausrüstung, deinen Köcher und deinen Bogen. Geh hinaus aufs Feld und jag ein Wildtier für mich."

Ein Anregung

Das Schulhaus in Wängi ist schön adventlich herausgeputzt. Oder ist es winterlich herausgeputzt. An den Fenstern sind Tiere zu sehen. Auch der umstrittene Wolf zeigt sich. Und natürlich die Hirsche und Hasen und Eichhörnchen und Eulen. Der Elch ist auch da, gehört aber nicht zu den hiesigen Tieren. Er ist der Exot unter den abgebildeten Bewohnerinnen und Bewohner des Waldes. Ebenfalls heraus sticht der Jäger mit Flinte.

Das ist also definitiv keine Weihnachtsdeko. Da wird eine andere Geschichte erzählt. Vermutlich lässt die religiös und weltanschaulich neutrale Schuldoktrin grüssen.

Zurück zur Geschichte. Da der Jäger unterwegs ist, kann man sich fragen, was er denn als nächstes erjagen möchte. Was kommt in seiner Familie an Weihnachtsbraten auf den Tisch. Schiesst er eines dieser lästigen Wildschweine, die so viel Schaden bei den Kulturen anrichtet? Oder ist es der Wolf, der als Jagdkonkurrent nicht nur gerne gesehen ist? Ich tippe auf den Elch. Er ist hier bei uns einfach fehl am Platz, ein Neozoon, zwar nicht invasiv, aber doch eher etwas für den Nikolaus im hohen Norden.

Wer weiss, vielleicht schiess der Jäger auch gar nichts, weil er auf der Suche nach Schneewittchen ist. Zumindest eines weisst auch an diesen Fenstern beim Schulhaus Wängi auf die Weihnachtsgeschichte hin: Die Krippe. Denn Jäger sind auch Heger, und im Winter, da bringen sie Stroh und Heu in den Wald für die hungrigen Hirsche und Rehe, und vielleicht auch als Wärmemittel für das Jesuskind.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 15. November 2021

Wie sieht spirituelles Erwachen aus?

Ein Zitat

In der Natur dem Licht entgegen (Husemersee)
Foto © Jörg Niederer
"Du hast keine Lust, länger irgendwelche Masken zu tragen und beginnst, dich so zu zeigen, wie du wirklich bist." Eines der 10 Anzeichen spirituellen Erwachens nach der Webseite Seelenschimmer

Ein Bibelvers - Matthäus 7,12

Jesus: "Behandelt andere Menschen genau so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Denn so steht es im Gesetz und bei den Propheten."

Ein Anregung

Sucht man im Internet nach "spirituellem Erwachen", trifft man bald auf eine Vielzahl an Seiten, die jeweils 10 Merkmale dazu aufzählen. Dabei müssten es gar nicht 10 Merkmale sein. Andere Seiten finden 5 oder gar 23 Anzeichen der Spiritualität im Leben der Menschen. 

Ich halte mich hier an eine Aufzählung, die ich von der Bethesda Weggemeinschaft per WhatsApp Gruppe "Gruss in den Tag" erhalten habe. 

"10 Anzeichen eines spirituellen Erwachens 

1. Häufiges Lachen.
2. Das Gefühl mit andern Menschen und der Natur verbunden zu sein.
3. Eine Tendenz, spontan zu handeln, statt aus der Angst, dass Erfahrungen aus der Vergangenheit sich wiederholen.
4. Eine Fähigkeit, den Moment zu geniessen.
5. Ein Verlust der Fähigkeit, sich Sorgen zu machen.
6. Ein Verlust am Interesse an Konflikten. 
7. Ein Verlust am Interesse, die Handlungen von anderen zu beurteilen.
8. Ein Verlust am Interesse, andere zu richten.
9. Ein Verlust am Interesse, sich selbst zu richten.
10. Eine Zunahme der Fähigkeit zu lieben, ohne zu erwarten, dass etwas zurückkommt."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 7. September 2021

Ein unendlicher Friedensring in Lindau auf der Gartenschau

Ein Zitat

Feier am Ökumenischen Tag der Schöpfung in Lindau beim Ring for Peace
Foto © Jörg Niederer
"Es isch emol en Maa gsy, / de het en hoole Zah ghah. / I dem Zah isch es Trückli gsy, / i dem Trückli isch es Briefli gsy, / i dem Briefli isch gstande: / Es isch emal en Maa gsy..." Kinderreim

Ein Bibelvers - Psalm 85,9.11+12

"Ich will hören, was Gott zu sagen hat. Der Herr redet vom Frieden. Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen... Güte und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden küssen sich. Treue wächst aus der Erde empor. Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab."

Ein Anregung

Am Ökumenischen Tag der Schöpfung vom vergangenen Samstag fand in Lindau eine Feier auf dem Gelände der Gartenschau beim Ring for Peace statt. Dieser Ring erinnert an die 10. Weltversammlung von Religions for Peace 2019 in Lindau. Ringe spielen in vielen Religionen eine bedeutende Rolle. Der Templiner Holzgestalter Gisbert Baarmann hat den Ring in Form eines Möbiusbandes gebaut.

Das Möbiusband ist einfach zu erstellen. Wenn man einen Papierstreifen zu einem Band zusammenklebt, das eine Ende aber zuvor um 180° verdreht, dann entsteht ein Möbiusband. Angenommen du beginnst nun die eine Seite des Bandes einzufärben und fährst ohne abzusetzen damit fort, wirst du am Ende beide Seiten bemalt haben. Jeder Punkt auf diesem Möbiusband ist ohne Seitenwechsel erreichbar.

Beim Möbiusband ist es daher nicht möglich, zwischen innen und aussen eindeutig zu unterscheiden. Etwas, das Religionen ja immer wieder versuchen: Du gehörst dazu, und du gehörst nicht dazu. Das Kunstwerk sprengt den Sinn darin, den einen Standpunkt gegen den andern auszuspielen. Jeder Standpunkt auf dem Band ist gleichgewichtig wie die andern Standpunkte. Alle sind unausweichlich aufeinander bezogen. 

Wir leben alle in der gleichen Welt. Was an einem Ort auf der Erde geschieht, geht jeden andern Ort auf der Erde auch etwas an. Der Krieg irgendwo ist der Krieg überall. Der Friede hat grundsätzlich freie Bahn, kann jeden Platz der Welt erreichen. Wer sich hier dafür einsetzt, setzt sich überall dafür ein.

Mit dem Möbiusband kann man faszinierende Experimente machen. Beschrieben sind sie im Wikipedia-Artikel zum Möbiusband. 

Das Möbiusband ist auch selbstreferenziell. Es bezieht sich auf sich selbst zurück. Sprachlich ist das schön dargestellt mit dem oben erwähnten Kinderreim. Eine längere Version davon ist die Kabarett-Nummer: "Ein Loch ist im Eimer, Karl-Otto...".

Kennst du noch andere sprachliche Möbiusbänder?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Samstag, 4. September 2021

Ununterscheidbar religiös - Ein spannendes Kunstprojekt

Ein Zitat

Bei der Fotosession zur Interreligiösen Bettagsfeier in St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin immer begeistert, wenn die Menschen zueinander gehen, aber nicht auseinander gehen. Das ist das Schöne glaube ich. Auch wenn die Religionen zueinander gehen aber nicht auseinander gehen." Elena Kaufmann zu ihrem Projekt "Der weisse Faden" 

Ein Bibelvers - Jona 1,4+5a

"Doch der Herr ließ einen starken Wind losbrechen, der über das Meer fegte. Der Sturm wurde immer stärker, und das Schiff drohte auseinanderzubrechen. Die Matrosen fürchteten sich und schrien um Hilfe, jeder betete zu seinem eigenen Gott."

Ein Anregung

"Der weisse Faden" heisst die Ausstellung mit Fotos von Elena Kaufmann im deutschen Erfurt. Angelehnt ist der Titel wohl an die Aussage in Sure 2, nach der die Nacht endet, wenn ein schwarzer Faden sich von einem weissen deutlich unterscheidet. Die Unterscheidbarkeit, oder besser das Unvermögen zu unterscheiden, davon handelt dieses geniale Kunstprojekt. 

Elena Kaufmann porträtiert 20 Frauen unterschiedlichen Glaubens. Die 20 Frauen verzichten auf allen äußeren Schmuck, hüllen sich in ein schlichtes Gewand. Kein äusseres Zeichen ihres Glaubens lenkt ab. In spannenden, großformatigen Porträts wird Stärke und Verletzlichkeit erkennbar. Aber nicht erkennbar wird die Religion der portraitierten Frauen. Wie auch, ohne die jeweiligen Attribute, Kleidungen und Gesten, Worte und Haltungen. Ohne ihr sichtbares Glaubensbekenntnis sind es allesamt Menschen, mit denen es sich auf dieser Erde leben lässt. Religiöse Vorurteile verlieren ihre äusseren Anhaltspunkte. Betont wird das Gemeinsame, das Verbindende. 

An der interreligiösen Bettagsfeier vom 19. September vor dem Dom in St. Gallen werden die verschiedenen Religionen deutlich erkennbar sein. Aber auch dieser Anlass betont das Miteinander, wobei das Trennende nicht ganz verwischt wird. Es wird nicht miteinander an einem Tisch gebetet, sondern nacheinander an vielen Tischen.

Doch bei der Vorbereitung zu diesem Anlass traf man sich dann doch bunt gemischt an einem Tisch - im Restaurant beim Essen und Trinken und Diskutieren über die gemeinsame Welt, und auch ein ganz kleines bisschen über Gott.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 10. August 2021

Eines von 100 schönsten Gebeten

Ein Zitat

Sich faltende Hände auf dem Friedhof Villars-sur-Glâne
Foto © Jörg Niederer
"Kranken Herzen sende Ruh', / nasse Augen schliesse zu! / Lass den Mond am Himmel stehn / und die stille Welt besehn!" Luise Hensel (1798-1876)

Ein Bibelvers - Römer 14,7+8

"Keiner von uns lebt nur für sich selbst und keiner stirbt nur für sich selbst. Denn wenn wir leben, leben wir für den Herrn. Und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Ob wir nun leben oder ob wir sterben – immer gehören wir dem Herrn!"

Ein Anregung

Auf der Suche nach den bedeutendsten Gebeten der christlichen Tradition habe ich mir ein Buch gekauft mit dem unbescheidenen Titel: "Erhelle meine Nacht - Die 100 schönsten Gebete der Menschheit" (herausgegeben von Bernhard Lang, 5. Auflage, München 2018). Darin finden sich Gebete aus verschiedenen Religionen und Weltgegenden. Zu Lesen gibt es etwa das Gebet "An die Wiesenmaus" der Dakota-Ureinwohner Nordamerikas oder Echnatons Hymnen an den Sonnengott. Natürlich finden sich in dieser Sammlung das Vaterunser, der Sonnengesang von Franziskus von Assisi und das kurze und sehr bekannte Gebet von Nikolaus von Flüh: "Nimm alles von mir".

Gebete von Martin Luther, Blaise Pascal, Matthias Claudius ("Der Mond ist aufgegangen") Edith Stein, Dag Hammarskjöld und vielen mehr dürfen nicht fehlen. An meine Kindheit werde ich erinnert beim Gebet "Müde bin ich, geh zur Ruh'" von Luise Hensel. Und dann ist da auch ein Gebet aus der methodistischen Tradition. Eingereiht nach Matthias Claudius und vor Novalis lese ich das sogenannte Bundeserneuerungsgebet von John Wesley (1703-1791). Traditionell wird es am Jahresende gebetet. Mit sehr herausfordernden Worten übergibt der oder die Betende sein Geschick Gott, und zwar ganz, mit Haut und Haar. Bei jeder Zeile fragt man sich: Will ich das wirklich? Vertraue ich Gott wirklich so ganz und gar. Will ich für Christus in dieser Weise verfügbar sein? Und zugleich stellt mich diese Gebet hinein in eine Gemeinschaft von Menschen, denen Gott so wichtig ist, dass er an erster Stelle kommen soll, noch vor allem anderen.

Erneuerung des Bundes mit Gott
"Ich gehöre nicht mehr mir, sondern dir. Stelle mich, wohin du willst. Geselle mich, zu wem du willst. lass mich wirken, lass mich dulden. brauche mich für dich, oder stelle mich für dich beiseite. Erhöhe mich für dich, erniedrige mich für dich. Lass mich erfüllt sein, lass mich leer sein. Lass mich alles haben, lass mich nichts haben. In freier Entscheidung und von ganzem Herzen überlasse ich alles deinem Willen und Wohlgefallen.
Herrlicher und erhabener Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist: Du bist mein, und ich bin dein. So soll es sein. Bestätige im Himmel den Bund, den ich jetzt auf Erden erneuert habe. Amen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde