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Montag, 23. September 2024

Überfahrtat

Ein Zitat

ie mobile Strassensperre ARMIS ONE schützt die Zufahrten vor Kamikaze-Fahrzeugen.
Foto © Jörg Niederer
"Mit den Menschen ist es wie mit den Autos. Laster sind schwer zu bremsen." Heinz Erhardt (1909-1979), Humorist

Ein Bibelvers - 2. Korinther 11.23-25

Paulus: "Ich war öfter im Gefängnis. Ich habe viel mehr Schläge bekommen. Ich war immer wieder in Lebensgefahr. Von den Juden habe ich fünfmal die 'vierzig weniger einen Peitschenhiebe' bekommen. Dreimal wurde ich von den Römern mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt. Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten. Einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem offenen Meer."

Eine Anregung

Ich habe ein neues Wort gelernt: "Überfahrtat". Neudeutsch nennt man es auch "Vehicle-ramming attack". Seit 2016 wissen alle, was damit gemeint ist. Damals überfuhren in Nizza Attentäter mit Lastwagen Menschen und schossen auf sie. 86 Frauen, Männer und Kinder wurden dabei getötet. In der Folge stellte man in vielen Städten Betonelemente auf, um solche Taten rechtzeitig zu stoppen. Wikipedia führt als erste solche Amokfahrt die Tat der tschechoslowakischen Olga Hepnarová an, die 1973 in Prag mit einem LKW 8 Menschen tötete und 12 weitere verletzte. Für diesen Massenmord wurde sie zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Beim Besuch meiner Mutter in Olten ist mir an der MIO (Messe in Olten) ein mobiler Zufahrtsschutz aufgefallen. Er stammt vom Schweizer Unternehmen "CONSEL". Das Gebilde soll zuverlässig vor Überfahrtaten schützen, und zugleich den Zugang für Notfallfahrzeuge weiter ermöglichen.

Auf der Webseite des Unternehmens wird Olten mit den Worten "Olten machts vor: Mobile Strassensperren statt Betonblöcke" gelobt für die Verwendung der "ARMIS ONE" genannten Sperren. Weiter kann man sich ein Video anschauen, bei dem ein Lastwagen von der Sperre spektakulär abgefangen wird.

Sicherheit ist ein grosses Bedürfnis der Menschen. Doch letzte Sicherheit gibt es nicht. Das wird auch in einer Aufzählung des Paulus deutlich, in der er die Gefahren seines Lebens in der Nachfolge Christi beschreibt. Sicherheit ist nie absolut.

Zurück zur Überfahrtat: Sie kommt auch im übertragenen Sinn vor. Wenn sich jemand wie "überfahren" vorkommt, dann wurde er überrumpelt oder übertölpelt. Genau das, was auch passiert, wenn ahnungslose Festbesuchende buchstäblich "unter die Räder kommen"; sie werden "überrumpelt".

Angesichts dieser schmerzhaften Genauigkeit von Sprache denke ich heute an Menschen, die in Unfälle mit Autos verwickelt wurden. Ihnen, den Opfern des Strassenverkehrs, gilt mein Beten. Möge Gott ihnen besonders nahe sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 20. August 2024

Die Opferung des Ismael

Ein Zitat

Bildteil des Erkers vom Haus zur Hagar in Schaffhausen.
Foto © Jörg Niederer
"Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen." Isaac Asimov (1920-1992)

Ein Bibelvers - 1. Mose 21,17+18

"Als Gott das Weinen des Jungen hörte, rief ein Engel Gottes vom Himmel her zu Hagar: 'Hagar, was ist mit dir? Fürchte dich nicht! Gott hat das Weinen des Jungen gehört, der dort liegt. Steh auf, heb den Jungen hoch und halt ihn fest in deinen Händen! Denn ich will ihn zum Stammvater eines großen Volkes machen.'"

Eine Anregung

In Schaffhausen gibt es das Haus zur Hagar an der Vorstadt 18. Früher gehörte dessen Fassade zu den Schönsten (hier eine historisches Gemälde zum Hagarhaus!), ähnlich der des Hauses zum goldenen Ochsen oder des Hauses zum Ritter. 1836 wurde die Fassade umfassend verändert. Geblieben ist eine nüchterne Gleichmässigkeit und ein Erker, der mit der einstigen Bilderpracht des Hauses nicht mithalten kann. Im Inneren sind noch Stuckaturen von herausragender Pracht erhalten geblieben. Es sind die ersten Arbeiten von Samuel Höscheller (1630-1713/15) in Schaffhausen. 

Doch zurück zum Erker, so wie er sich heute darstellt. Darauf zu finden sind zwei Szenen aus der Geschichte der Vertreibung von Hagar und Ismael. Für alle, die diese Geschichte nicht kennen, eine ganz kurze Zusammenfassung: Sarah, die Frau Abrahams kann nicht schwanger werden. Da zeugt auf Sarahs Geheiss Abraham mit der Sklavin Hagar seinen ersten Sohn Ismael. Als Sarah durch göttliches Eingreifen im hohen Alter dann doch noch den Isaak gebiert, kommt es zur Vertreibung der Hagar. Sarah ist die treibende Kraft, dass Hagar und Ismael von Abraham fortgeschickt werden und in der Folge beinahe in der Wüste sterben.

Aus dieser Geschichte sind die beiden Szenen, die sich heute als Steinmetzarbeiten auf dem Erker befinden. Links wird Hagar mit Ismael von Abraham vertrieben. Sarah steht teilnahmslos dabei, ein Hund ergänzt die Szene. Vom Hund ist auf der zweiten, rechten Darstellung nichts mehr zu sehen. Es handelt es sich um den Moment, als ein Engel der zum Sterben bereiten Hagar in der Wüste begegnet und ihr einen Brunnen zeigt, dessen Wasser Leben für sie selbst und Ismael bedeuten.

Diese Szene erinnert mich gestalterisch an die Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham. Der Vater Abraham erhält von Gott den Auftrag, den einzigen Sohn, den er mit Sarah gemeinsam hat, Gott zu Opfern. Im letzten Moment wird er von einem Engel davon abgehalten.

Im Islam ist der Sohn, der von Abraham geopfert werden soll gemäss Auslegung aber nicht Isaak, sondern Ismael. Ob der mir unbekannte Künstler sich von dieser Opferung des Ismaels leiten liess, als er die Szene mit Hagar, Ismael und dem Engel in der Wüste am Erker anbrachte, weiss ich nicht. Durch die Vertreibung von Hagar und Ismael opfert Abraham ja tatsächlich seinen Erstgeborenen. Und die Mutter Hagar wird zur tragischen Vollstreckerin des Todesurteils. Sie legt ihren Sohn zum Sterben etwas abseits, weil sie mit dieser Situation total überfordert ist. Wer kann es ihr verübeln.

Hagar und Ismael sind Opfer. Abraham ist der Täter. Einmal auf Geheiss der Hauptfrau, dann weil Gott ihn prüfen will. Sarah ist Opfer und Täterin. Einmal verlangt sie den Tod des Ismael (und der Hagar), dann wird ihr beinahe der einzige eigene Sohn Isaak durch ihren Mann Abraham (und Gott) genommen. Eine der verrücktesten Familiengeschichten, die ich kenne. Heute bezeichnen wir solche Geschehnisse als häusliche Gewalt. Zugleich sind da drei Religionen, die sich von genau diesen Geschichten und Personen her definieren. Am Anfang der jüdischen, christlichen und islamischen Glaubensgemeinschaften steht eine familiäre Gewaltgeschichte voller Vertreibung und Verblendung. Das prägt die jüdischen, christlichen und islamischen Gesellschaften bis heute.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. April 2024

Ungeziefer

Ein Zitat

Ein Feld-Sandlaufkäfer an der Bünz in Möriken.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mistkäfer ist in den Augen seiner Mutter eine Schönheit." Sprichwort

Ein Bibelvers - Psalm 105,34

"Auf seinen [Gottes] Befehl kamen Heuschrecken und Ungeziefer in zahlloser Menge."

Eine Anregung

Behaarte Beine, Beisszange, grüner Anzug, grosse, aufmerksame Augen: Nein, das ist kein Handwerker auf Montage. Das ist ein Feld-Sandlaufkäfer. Jetzt, ab April kann man sie mit etwas Glück an trockenen warmen Standorten entdecken. Mit ihren spitzen Zähnen an der Kieferzange bewaffnet jagen sie nach Ameisen, Insekten und Spinnen. Auf der Flucht fliegt der Feld-Sandlaufkäfer ein kurzes Stück und setzt sich dann wieder in Blickrichtung Angreifer nieder.

Die Bibel kennt Käfer fast nur als Schädlinge. "Ungeziefer" werden sie genannt. Ursprünglich bezeichnete das althochdeutsche Wort "zebar" Opfertier. "unzebar" war folglich ein nicht für das Opfern geeignetes Tier. Heute ist nicht nur diese Wortbedeutung verloren gegangen. Auch opfern wir genau diese Tiere, denen wir nur wenig bis keinen Wert zumessen, zu Tausenden. Wir mögen so zivilisiert sein, dass wir keine rituellen Tieropfer mehr darbringen. Das müssen wir auch nicht. Denn unser Lebensstil ist ein unablässiges Opfern an Tieren, Pflanzen, und Lebensraum. Im Vergleich zur sogenannt vernunftbegabten Menschheit ist der Feld-Sandlaufkäfer geradezu ein netter Zeitgenosse.

Mindestens 505 verschiedene Laufkäfer soll es in der Schweiz geben. An manchen Tagen sehe ich von ihnen vielleicht 7-10 verschiedene Arten. An anderen Tagen läuft mir nicht einer über den Weg. Ich habe noch vieles nicht gesehen, was da um mich herum geschieht. Manches wird mir für immer verborgen bleiben. Das ist Grund genug, demütig zu werden, und rücksichtsvoller mit der Erde und allen Bewohnerinnen und Bewohnern umzugehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 15. November 2023

Den Blick nicht abwenden

Ein Zitat

Das Denkmal der Frauen des 2. Weltkriegs in London.
Foto © Jörg Niederer
"Der Segen Gottes-der-Heiligen richte euch auf und mache euch groß. Der Segen Gottes-der-Gerechten mache euer Herz weit, denn ihr seid vor Gott genug." Annette Jantzen

Ein Bibelvers - Jeremia 15,18

"Warum nimmt mein Leiden kein Ende? Warum ist meine Wunde so tief, dass sie nicht heilen kann? Eine Täuschung bist du [Gott] für mich. Du bist wie Wasser, von dem man nicht weiss, ob es da ist oder nicht."

Eine Anregung

Unlängst wurde mir von Maria B. das folgende eindrückliche Gebet der Theologin Dr. Annette Jantzen zugesandt. Dass Gott den Blick nicht abwendet angesichts all des Unrechts und der Gewalt, das lässt hoffen. Möge bald Frieden werden.

Zum Foto: Spät erst wurde den Frauen des 2. Weltkriegs in England ein Erinnerungszeichen gesetzt. Das Denkmal wurde von John W. Mills entworfen und steht in London. Frauen sind immer wieder Leidtragende in Kriegen, dazu viele Kinder. Gott aber war und ist der Gott dieser Frauen. 

"Gott, du meine Gottheit,
wie sollen wir beten?
Du Gottheit Hagars und Saras,
du Gottheit Rebekkas, Leas und Rahels,
wie groß muss deine Trauer sein
deine unendlich große Trauer über das Sterben der Unbewaffneten.
Tut es dir manchmal leid, dass du uns ins Dasein gerufen hast?
Wie kannst du leben mit ihrem Tod?
Wir hingegen, wir können das besser, als uns lieb ist,
der Schmerz ist zu groß für uns.
Aber beim Beten können wir nicht ausweichen,
nicht den Bildern, nicht den Nachrichten deiner vielen Kinder.
Unser Gebet muss sie aushalten können,
doch wie Worte finden für so viel Herzzerreißen?
Wir versuchen, Wort für Wort dir entgegenzubeten,
beten in die Sprachlosigkeit hinein,
Leuchtzeiten der Friedfertigkeit zu entzünden
in den dunklen Ahnungen vor dem, was kommen mag.
Du wachst bei allen, deren Leben so verheert wurde,
du wachst bei den zutiefst Verletzten, du wachst bei den Toten.
Du schläfst nicht, du wendest deinen Blick nicht ab,
und in diesen Blick hinein bekennen wir den Unfrieden unserer Welt,
und bitten dich um Frieden
für heute, für die kommende Nacht und für die Dauer der Tage."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 1. August 2023

Die Hoffnung der ägyptischen Katzen

Ein Zitat

Katze in Sierre
Foto © Jörg Niederer
"Eine dösende Katze ist das Abbild perfekter Seligkeit." Jules Champfleury (1821-1889), Schriftsteller

Ein Bibelvers - Baruch 6,20-22

"Ihr [Der Götzen] Angesicht ist schwarz vom Rauch im Tempel. Und die Fledermäuse, Schwalben und andere Vögel setzen sich auf ihre Leiber und Köpfe, ebenso auch die Katzen. Daran könnt ihr merken, dass sie keine Götter sind. Darum fürchtet sie nicht!" (Kommentar: Das ist die einzige Stelle in einem biblischen Buch, in dem die Hauskatze vorkommt.)

Eine Anregung

Ägyptens Katzen mussten voller Sehnsucht die römischen Besatzungstruppen und damit die ersten Christen erwartet haben. Denn diese beendeten die griechisch-ägyptische Zeit und damit eine Praxis, die den Haustigern gar nicht gut getan hat. Denn damals ging die Katzenliebe über den Tod hinaus.

Ägypterinnen und Ägypter verehrten schon seit vielen Jahrhunderten Bastet, die als Katzengöttin dargestellte Tochter des Sonnengotts Ra. Sie stand für Fruchtbarkeit und Liebe. Bis zur Unterwerfung Ägyptens (332-331 v.Chr.) unter Alexanders dem Grossen war das für die Katzen von grossem Vorteil. Denn damit standen sie unter besonderem Schutz, und durften nicht getötet werden. Verstorbene Katzen wurden oft mumifiziert und als Grabbeilage oder im Tempelbereich der Bastet beigesetzt.

Doch die Griechen brachten die Tieropfer ins Land der Pharaonen. Zugleich waren sie fasziniert vom Totenkult der Ägypter und ihren Fähigkeiten, verstorbene Menschen und Tiere durch Mumifizierung für die Ewigkeit herzurichten. Und so begann das Unglück für die Katzen. Die griechische Opferung und die ägyptische Mumifizierung wurden verbunden. Katzen wurden im Tempel Bubasteion, dem ptolemäisch-römischer Tempelbezirk der Bastet in der Totenstadt Sakkara, zu tausenden rituell geopfert und dann mumifiziert. Diese Katzenmumien wurden von den Priestern an die Gläubigen verkauft und durch diese auf dem Katzenfriedhof beigesetzt. Dahinter stand vielleicht die Vorstellung, man tue den Tieren etwas Gutes, wenn man sie für das Leben nach dem Tod herrichte, das als weitaus wesentlicher verstanden wurde als das kurze Leben auf der Erde.

Während die griechischen Eroberer sich weitgehend in Ägypten assimilierten und bald mehr als Ägypter galten denn als Griechen, war das unter den nachfolgenden römischen Herrschern ganz anders. Diese zwangen die Ägypter, ihre religiösen Bräuche aufzugeben und sich den römischen Gottheiten zuzuwenden. Mit den Römern fand auch der noch ganz neue christliche Glaube Einzug in Ägypten und löste mit der Zeit den Tieropferkult vollständig ab. Die tödliche Verehrung der Katzen kam zum Erliegen, ein Segen für die sanften Tiere auf vier Pfoten und das Ende ihres Leidenswegs im Land am Nil.

Heute, am Nationalfeiertag der Schweiz, werden keine Katzen mehr geopfert. Aber deren Freude an diesem besonderen Tag wird getrübt sein durch die Knallerei und das Feuerwerk. Das mag Tiere und mache Menschen herausfordern, doch zumindest endet es nicht einbalsamiert und mumifiziert in einer Gruft der Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Bastet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 13. Juli 2023

Die unbekannte Testperson

Ein Zitat

Die jungen Halsbandschwindlinge sehen wie kleine Patisson aus. Sie werden nur 1,5 cm im Durchmesser gross.
Foto © Jörg Niederer
"Wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert." Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)

Ein Bibelvers - 1. Petrus 3,18

"Christus hat einmal für die Sünden gelitten: Der Gerechte litt für die Ungerechten. So sollte er euch zu Gott führen: Sein Körper wurde zwar am Kreuz getötet, aber durch den Geist Gottes wurde er wieder lebendig."

Eine Anregung

Halsbandschwindlinge sind hübsche kleine Pilze. Ihre Fruchtkörper haben gerade einmal 0,5 bis 1,5 Zentimeter Durchmesser. Die Wissenschaft hat in ihnen ein einzigartiges Peroxidaseenzym entdeckt. Wozu es genau nützlich sein könnte, weiss man noch nicht. Die Pilzchen leben auf dünnen, am Boden liegenden Laubholzästchen. Bei Trockenheit können die Fruchtkörper vorübergehend einschrumpfen, scheinbar dahinschwinden. Sobald ihre Umgebung wieder feucht wird, leben sie wieder auf.

Die Pilze sind nicht giftig, aber auch nicht essbar; also ungeniessbar. Sie riechen nicht und schmecken mild. 

Bei diesen Erkenntnissen frage ich mich jeweils, wer wohl zum ersten Mal an diesem Pilzchen gerochen hat, wer es in den Mund genommen, darauf herumgekaut und wohl auch heruntergeschluckt hat? Der oder die Erste hat sich damit einer grossen Gefahr ausgesetzt. Der Pilz hätte hochgiftig sein können. So wie der Knollenblätterpilz. Dessen Giftstoffe, die Amatoxine, zerstören die Leber. Sechs bis zwölf Stunden erst nach dem Essen kommt es vorübergehend zu Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Wahnvorstellungen. Nachdem diese Symptome abgeklungen sind, beginnt weitere 12 Stunden später die Zerstörung der Leber.

Wer wohl hat zum ersten Mal solche Vergiftungserscheinungen mit dem Essen des Knollenblätterpilzes in Verbindung gebracht? Hat er oder sie überlebt? Haben aus seinem Tod andere gelernt, diesen Pilz zu meiden?

Vielleicht könnte man sogar sagen, dieser Mann oder diese Frau hat ihr Leben für viele andere Menschen gegeben. Er oder sie hat sich geopfert. Er oder sie wurde zum Opfer, das Leben rettet.

Diese Vorstellung, das einer sein Leben gibt für viele, findet sich auch im christlichen Glauben. Dort spricht man in diesem Zusammenhang von Jesus Christus, der für die Sünden der Welt am Kreuz gestorben ist. Man könnte sagen, Christus hat die giftige Wirkung der Menschheit durch sein Sterben neutralisiert.

Ich gebe zu, das ist ein verstörender theologischer Gedanke. Gerne hätte ich die Erlösung der Menschheit ohne Opfer. Aber das geht wohl nicht. Denn mindestens einer oder eine muss erst die Giftigkeit am eigenen Leib erfahren, bevor die andern sich darüber bewusst werden konnten.

Aber auch das gilt: Jetzt wo wir uns über die Giftwirkung mancher Pilze bewusst sind, muss niemand mehr daran sterben. Es braucht keine weiteren Opfer mehr. Auch in theologischer Hinsicht nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 15. März 2022

Die Opferung des Opferglaubens

Ein Zitat

Historische Flanellbild über die Opferung des Isaaks
Foto © Jörg Niederer
"Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird." Albert Schweitzer

Ein Bibelvers - Hebräer 9,12

"Christus brachte nicht das Blut von Ziegenböcken und Kälbern als Opfer dar, sondern sein eigenes Blut. So ist er ein für alle Mal in das Heiligtum eingetreten und hat die ewige Erlösung erwirkt."

Ein Anregung

Das Bild zum heutigen "Photo-a-day"-Wort lautet "Opfer" (englisch: sacrifice). 

Eine verstorbene Pfarrkollegin sammelt zu ihren Lebzeiten die Flanellbilder, welche früher in der Sonntagschule bei den Methodisten Verwendung fanden. Eines davon zeigt eine Szene aus der Opferung des Isaaks. Es ist eine archaische Geschichte, in der es darum geht, dass ein erstgeborenes Kind, wie die Erstlingsfrüchte in der Landwirtschaft, Gott geopfert werden soll.

Also machte sich der greise Abraham mit seinem einzigen von Sarah gezeugten Sohn Isaak auf den Weg, um ihn Gott hinzugeben. Das Opfer selbst musste das Brennholz für das Feuer tragen, und wunderte sich auf dem Weg, wo denn nun das Opfertier zu finden sei. Doch bis kurz vor der Schlachtung des Isaak durch den eigenen Vater zeigte sich kein Ausweg. Erst im allerletzten Moment wurde der "Stammvater" dreier Weltreligionen von einem Engel von der Menschenopferung abgehalten.

Was im biblischen Bericht in 1. Mose 22 als Test des Vertrauens daherkommt, war wohl auch eine Geschichte gegen jede Form von Menschenopfer. Mit dieser Begebenheit war göttlich besiegelt, dass ein Mensch nie zum Opfer gemacht werden darf. Wer das nicht beachtet, Menschen in den Tod, in den Krieg schickt, hat Gott nie auf seiner Seite.

Nun überlege ich mir erneut, was es bedeutet, dass gerade von diesem Gott, der die Opferung von Menschen verhinderte und untersagte, nun gesagt wird, er hätte seinen eigenen Sohn für uns hingegeben, oder eben geopfert. 

Morgen folgt ein Bild zum Wort "bereuen" (repent).


Photo-a-day Lent 2022: Eine methodistische Webseite schlägt für die Fastenzeit vor, jeden Tag ein Foto zu teilen, das von einem bestimmten Wort inspiriert ist. Diese Sache nennt sich "Photo-a-day Lent 2022". So könne man sich der Fastenzeit auf eine neue Weise annähern. Die Bilder soll man mit #rethinkchurch taggen. Weitere Erklärungen zum Bild brauche es nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 14. März 2022

Ein schönes Geschenk

Ein Zitat

Graureiher mit Jagdbeute auf einem Feld bei Osterhalden, Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Ich habe heute ein paar Blumen nicht gepflückt, um dir ihr Leben zu schenken." Christian Morgenstern (1871-1914)

Ein Bibelvers - Psalm 127,3

"Seht, Kinder sind eine Gabe des Herrn. Ein Lohn ist die Frucht, die er dem Mutterleib schenkt."

Ein Anregung

Das Bild zum heutigen "Photo-a-day"-Wort lautet "Geschenk" (englisch: present). 

Welch ein Geschenk für einen hungrigen Graureiher ist so eine erbeutete Wühlmaus! Welch ein Geschenk für einen Bauern ist der Graureiher auf seinem Feld, der den Schaden durch Wühlmäuse in Grenzen hält! Welch ein Geschenk für mich ist es, dass ich diesen Jagderfolg gerade noch mit dem Fotoapparat festhalten konnten. Schon wenige Sekunden später schaute vom Nager nur noch der Schwanz aus dem spitzen Schnabel des Lauerjägers.

Nur für die Wühlmaus war dieser Moment ganz und gar kein Geschenk. In einem Augenblick wird sie brutal ans Licht gezerrt, erdolcht und kopfüber verschlungen. Die Wühlmaus wird zum Opfer. "Opfer" aber ist das "Photo-a-day"-Wort von Morgen. 

Geschenk und Opfer hängen oft bewusst oder unbewusst zusammen. Denn irgendjemand zahlt immer die Zeche. Auf dem Feld zahlte sie die Wühlmaus, bei den Kleidern die Näherinnen, bei der Schokolade die Bauern, beim Krieg die Zivilbevölkerung, beim CO2-Ausstoss das Klima und damit wieder wir alle.

Ein Geschenk ist erst dann ein richtiges Geschenk, wenn es alle freut und niemandem schadet. Überlege dir doch heute, wem du ein solches "richtiges" Geschenk machen könntest! 

Morgen folgt ein Bild zum Wort "Opfer" (sacrifice).


Photo-a-day Lent 2022: Eine methodistische Webseite schlägt für die Fastenzeit vor, jeden Tag ein Foto zu teilen, das von einem bestimmten Wort inspiriert ist. Diese Sache nennt sich "Photo-a-day Lent 2022". So könne man sich der Fastenzeit auf eine neue Weise annähern. Die Bilder soll man mit #rethinkchurch taggen. Weitere Erklärungen zum Bild brauche es nicht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Mittwoch, 19. Januar 2022

Vegan im Pelikan

Ein Zitat

Eingang zum Restaurant "Formidable Pelikan" in St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Stop acting like a disgruntled Pelikan" (Höre auf, dich wie ein verärgerter Pelikan zu verhalten.) Redensart und Label

Ein Bibelvers - Psalm 102,6+7

"Meine Stimme versagt vor lauter Stöhnen. Nur noch Haut klebt an meinen Knochen. Ich fühle mich wie eine Eule [ein Pelikan] in der Wüste. Ich gleiche einem Steinkauz in Ruinen."

Ein Anregung

Der Pelikan, das ist ein Haus in St. Gallen, welches erstmals um 1400 erwähnt wird.

Der Pelikan, das ist ein veganes Restaurant in diesem Haus mit einem innovativen Konzept.

Der Pelikan, das ist der unverwechselbare Wasservogel mit dem dehnbaren Hautsack am Unterschnabel. 

Nicht ganz sicher ist, ob der Pelikan in der Bibel vorkommt. In neueren Übersetzungen scheint es ihn nicht mehr zu geben. In der Tiersymbolik der Kirche kommt er aber vor und gilt als Sinnbild für Christus. Im um 200 n. Christus entstandenen Büchlein "Der Physiologus" (der Naturkundige) - einem Bestseller im Mittelalter und damals nur mit der Bibel selbst vergleichbar - heisst es über den Pelikan: "Der selige Prophet David sagt in seinem Psalter: Ich bin gleich einem Pelikan in der Wüste [Psalm 102,7]. Der Physiologus hat von dem Pelikan gesagt, er gehe völlig auf in der Liebe zu seinen Kindern. Wenn er die Jungen hervorgebracht hat, dann picken diese, sobald sie nur ein wenig zunehmen, ihren Eltern ins Gesicht. Die Eltern aber hacken zurück und töten sie. Nachher jedoch tut es ihnen leid. Drei Tage lang trauern sie dann um die Kinder, die sie getötet haben. Nach dem dritten Tag aber geht ihre Mutter hin und reisst sich selber die Flanke auf, und ihr Blut tropft auf die toten Leiber der Jungen und erweckt sie."

Es ist leicht ersichtlich, dass hier Menschwerdung, Kreuzigung und Auferweckung Jesu durch scheinbare Naturbeobachtung verarbeitet sind. In der Folge entstand die Vorstellung, dass der Pelikan seine Jungen mit dem Blut aus seiner Brust nähre. (Beim Blut handelte es sich vermutlich um für die Jungen hervorgewürgten vorverdauten Fisch. Oder dann ist die während der Brutzeit rote Färbung des Kehlsacks beim Krauskopfpelikan eine Erklärung.)

Eine blutige Geschichte, die da mit dem Pelikan verbunden ist. Und ausgerechnet in einem nach diesem Vogel benannten Haus wird dem Tierwohl nun besonders grosse Beachtung geschenkt, indem rein vegan gekocht und gegessen wird. 

Auch ohne tierische Speise isst man gut, im "Formidable Pelikan", das die junge Wirtin Désirée Fatzer mit vielen Ideen und Neuerungen führt. Ich jedenfalls habe mich wohl gefühlt im Pelikan, dem Haus zum Tier, das gemäss christlicher Tradition für Hoffnung und Trost steht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde