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Montag, 9. Juni 2025

Tschir, tiri, djäg und tschret

Ein Zitat

Teichrohrsänger im Schilf am Flachsee. Aus der Beobachtungshütte heraus fotografiert.
Foto © Jörg Niederer
"Je größer das Gewahrsein der bewussten Schichten ist, desto mehr kommen die verborgenen Schichten an die Oberfläche." Krishnamurti (1895-1986)

Ein Bibelvers - Matthäus 6,6

"Wenn du betest, geh in dein Zimmer und schließ die Tür. Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen."

Eine Anregung

Ununterbrochen anhaltendes, sich wiederholendes Tschir, Tiri, Djäg und Tschret tönt aus dem Schilf. Zu sehen ist die Quelle dieses Gesangs meist gar nicht. Da stehe ich wohl gerade einmal zwei Meter neben dem Verursacher, und kann beim besten Willen nicht erkennen, wo sich der Teichrohrsänger sein Nest gebaut hat. Das wiederholt sich entlang des Schilfgürtels vielleicht alle zehn Meter.

Der kleine Vogel brütet jedes Jahr bei uns in den Schilfbeständen. Oft zieht er dabei nicht seine eigenen Jungen gross, sondern einen Kuckuck, der bald einmal viermal so gross ist wie seine Stiefeltern. Um diese zu täuschen, kann der junge Kuckuck rufen wie ein ganzes Nest voll junger Teichrohrsänger.

So schön frei wie auf dem Foto sieht man den sperlingsgrossen Vogel mit dem unscheinbaren Gefieder selten. Umso schöner, wenn eine solche Sichtung gelingt.

Ich war mir einer Sache schon deutlich bewusst, sie machte sich mir klar bemerkbar wie der laute Gesang des Teichrohrsängers. Aber genau sagen, was es ist und welche Bedeutung es für mich hat, konnte ich noch lange nicht. Da war eine Ahnung, aber kein Verstehen. Da war der Ton, aber es fehlte die Quelle. 

Gotteserkenntnis kann genau so sein. Laut vernehmlich und offensichtlich bleibt sie mir erklärungsbedürftig und verborgen.

Freitag, 7. Juli 2023

Mose-Vogel

Ein Zitat

Ein Teichrohrsänger kletter geschickt im Schilf der Allmend Frauenfeld herum.
Foto © Jörg Niederer
"Die Freiheit ist jedem gegeben. Wenn der Mensch sich zum Guten wenden und ein Gerechter werden will, so kann er das." Moses Maimonides (um 1135-1204)

Ein Bibelvers - 2. Mose 2,2+3

"Die Frau wurde schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Als sie sah, wie schön er war, versteckte sie ihn drei Monate lang. Länger konnte sie ihn nicht verborgen halten. Deshalb nahm sie ein Kästchen aus Papyrus und dichtete es mit Asphalt und Pech ab. Dann legte sie das Kind hinein und versteckte es im Schilf am Ufer des Nil."

Eine Anregung

Den Teichrohrsänger hört man, bevor man ihn sieht. Er ist im Schilf zuhause, durch das er mehr rutscht und klettert als fliegt. Seine Nester sehen wie Füllhörner aus und sind sehr stabil.

Um viele Vögel ranken sich Geschichten oder Legend. Doch zu den Rohrsängern hat nicht einmal die auf künstliche Intelligenz basierende Suchfunktion etwas gefunden. So habe ich mir gedacht, erfinde ich selbst eine Legende zu diesem hübschen, kleinen Vögelchen.

Also: Es war einmal eine Frau, die damit rechnen musste, dass ihr neugeborenes Kind den Sicherheitskräften in die Hände fallen würde. Das wäre dessen Ende gewesen, damals vor mehr als 3300 Jahren im Ägypten der Pharaonen. Und so setzte sie den Jungen in einem abgedichteten Weidenkorb im Schilf des Nils aus. Das wurde von einem kleinen Teichrohrsänger mit grosser Stimme beobachtet. Nun muss man wissen, dass Teichrohrsänger ausgesprochen kinderlieb sind. Sie tun alles für ihren Nachwuchs und können es kaum verstehen, wenn ein Kind ausgesetzt wird. Selbst erleben sie nur zu oft, dass ein Kuckuck sein Ei in ihr Nest legt, was unweigerlich in einer Katastrophe endet für den eigenen Nachwuchs. Der junge Kuckuck aber profitiert von dieser Kinderliebe und lässt sich dick und fett füttern von dem unermüdlichen Teichrohrsängerpaar. Wie also unser Vogel das Baby in seinem schwimmenden Nestchen sah, sammelte er flink einige Käferchen und Fliegen ein und brachte sie zum Kleinen. Dieses fand solcherart Nahrung gar nicht lustig, und begann jämmerlich zu schreien. Erschrocken flog der Rohrsänger ins Schilfdickicht und zeterte und schimpfte ob diesem Undank von dort aus verärgert mit.

Solch aussergewöhnliches Lärmen konnte nicht verborgen bleiben und führte in der Folge dazu, dass die gerade in den Nähe badende Pharaonentochter den kleinen Jungen zu sich holen liess, und ihm den Namen Mose gab. (Alles Weitere dazu steht im 2. Buch Mose in der Bibel nachzulesen.)

Seit dieser Zeit nennt man die Teichrohrsänger in Ägypten auch Mose-Vögel. Nur davon weiss bis jetzt nicht einmal das Internet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 26. April 2022

Schimpfen wie die Rohrspatzen

Ein Zitat

Männchen einer Rohrammer an der Verzasca-Mündung in der Bolle di Magadino.
Foto © Jörg Niederer
"Und sollte ich vergessen haben, jemanden zu beschimpfen, dann bitte ich um Verzeihung!" Johannes Brahms (1833-1897) Komponist, Pianist und Dirigent

Ein Bibelvers - Johannes 15,12+13

Jesus: "Das ist mein Gebot: Ihr sollt einander lieben – so wie ich euch geliebt habe. Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt."

Ein Anregung

Das kleine Vögelchen ist sprichwörtlich geworden. Mit seinem ausdauernden, wenig melodiösen Gesang und der Ähnlichkeit mit einem Sperling (wenigstens das Weibchen) ist es zum Inbegriff der Schimpferei geworden. "Schimpfen wie ein Rohrspatz" meint genau dieses Tierchen, das heute in der Schweiz potenziell gefährdet und daher lange nicht mehr so vielen Menschen bekannt ist wie sein Namenspate, der Haussperling.

Faszinierend ist auch, dass es nur wenige Vögel gibt wie die Rohrammer, die sich normaler Weise auf erhöhter Warte aufhalten, welche folgendes Verhalten zeigen: Um die Aufmerksamkeit eines Eindringlings vom eigenen Nest abzulenken bewegen sie sich am Boden so, als könnten sie nicht mehr fliegen. Der Eindringling stellt nun der scheinbar leichten Beute nach, was den Jungtiere im Nest das Leben rettet. Das nennt man denn mal Mutter- und Vaterliebe! 

Insofern hätte die Rohrammer es verdient, mit einer positiveren Redensart geehrt zu werden, als mit einer, die an ihre penetranten Gesangskünste erinnert. Etwa dieser: "Wie der Rohrspatz das Leben für die eigenen Kinder einsetzten".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde