Ein Zitat
"Du hast den Lebensgarten verlassen, doch deine Blumen leben weiter." Worte von Manfred Hoffmann auf der Todesanzeige von Robert Seitz (1940-2025)Foto © Jörg Niederer
Ein Bibelvers - Sprüche 4,23
"Gib acht auf dein Herz, mehr als auf alles andere! Denn davon hängt dein Leben ab."
Eine Anregung
Gestern beim Ausmisten meiner Regale kam es mir wieder in die Hände. Ein kleines Büchlein von meinem am 26. Juni 2025 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Pfarrkollegen Robert Seitz. In einigen verdichteten Gedanke versucht er darin Spuren von Gottes Nähe zu finden.
Im Rückblick verschwimmen viele meiner Erinnerungen an Robert Seitz. Es ist, als seien die gemeinsamen Momente in rasendem Tempo vorbeigegangen. So wie damals im Jahr 1988, als wir von der Pfarrversammlung im elsässischen Landersen per Fahrrad nach Basel zurückfuhren. Roberts Geschwindigkeit vom Col du petit Ballon hinunter überforderte meine fotografischen Fähigkeiten; und doch ist es dieses unscharfe Bild wert, betrachtet zu werden.
Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie Robert Seitz mit mir über das Sterben gesprochen hat. Er war gerne draussen unterwegs, auch in den Bergen. Angesichts des tödlichen Absturzes eines bekannten Bergsteigers meinte er: So zu sterben würde er sich wünschen. Draussen in der Natur, unerwartet und schnell. Es ist anders gekommen.
Für diesen Tag soll ein als Gebet formuliertes Gedicht von Robert Seitz mich durch den Tag begleiten.
Warum sind die Blumen nicht grau?
Lieber Gott, / erlaube mir die Frage: / Warum hast du / die Blumen geschaffen, /die Farben und die Formen? / Warum sind / nicht alle Blumen grau, / rechteckig und gleich gross?
Weil meine Augen / mich mit deiner Herrlichkeit / erfüllen sollen.
Lieber Gott, / warum hast du / den Wind geschaffen / und die wärmenden Strahlen / der Sonne? / Warum ist die Welt nicht / ein vollklimatisiertes Büro?
Weil mein Leib / deine Liebkosungen spüren soll.
Lieber Gott, / warum hast du / den Abend geschaffen, / die Dämmerung und die Stille, / das aufgehende Licht des Mondes / und der Sterne? / Warum kennt deine Welt / nicht künstliche Lichter / und keine Diskotheken / oder Nachtsitzungen?
Weil ich im Frieden des Abends / zur Ruhe kommen soll.
Und, lieber Gott, / warum hast du / den Nächsten geschaffen / als Mann und als Frau, / mit einem Herzen / und einer Seele / und einem Leib? / Warum kann er / Freude und Schmerz empfinden? / Warum ist er keine Maschine / und kein Computer?
Weil mein Leben auf Erden / deine Liebe mehren soll.
Lieber Gott, / wie kann ich dich loben? / Weniger mit vielen Worten / und mehr mit / allen meinen Sinnen.
(aus Robert Seitz: Spuren deiner Nähe finden, Zürich 1991, Seite 14-16)
Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen
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