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Mittwoch, 10. August 2022

Entweder... oder?

Ein Zitat

Haubentaucherfamilie schwimmen im Hafenbereich von Gaienhofen.
Foto © Jörg Niederer
"Deshalb entscheidet sich die Generation Z am liebsten dafür, alle Möglichkeiten zu haben: Kreisverkehr statt Sackgasse." Jugendforscher Simon Schnetzer in einem Interview

Ein Bibelvers - Matthäus 5,37

Jesus: "Sagt einfach 'Ja', wenn ihr 'Ja' meint, und 'Nein', wenn ihr 'Nein' meint. Jedes weitere Wort kommt vom Bösen."

Ein Anregung

Der Haubentaucherfamilie im Untersee bei Gaienhofen ist es ziemlich egal, woher das Wasser kommt, in dem sie lebt. Hauptsache, sie findet Futter und Lebensraum. Und so kümmert es sie auch gar nicht, dass der Untersee an dieser Stelle einen beachtlichen Anteil Donauwasser enthält. Denn die Donau kann sich nicht entscheiden, wo sie hin will: ins Schwarze Meer oder doch lieber in die Nordsee? Warum also nicht in beide Richtungen!

Schon länger weiss man, das ein Teil des Donauwassers via Donauversickerung bei Immendingen DE, Achtopf bei Ach DE und Hegauer Aach auf der Radolfzeller Seite der Halbinsel Höri in den Untersee fliesst.

Der Achtopf ist die ergiebigste Quelle Deutschlands. Die Hegauer Aach trägt so je nach Jahreszeit 1'300 bis 24'000 Liter Donauwasser pro Sekunde in den Untersee. Wenn dann noch die Wasserströmung in diesem Seeteil beachtet wird, landet wohl doch recht viel Donauwasser bei Gaienhofen im Hafen, dort, wo die Haubentaucherfamilie nach Futter sucht.

Die Donau ist kein denkendes Wesen, und entscheidet sich folglich nicht, wohin sie fliessen will. Wir Meschen dagegen müssen uns immer wieder zwischen "Entweder... oder" und "sowohl... als auch" entscheiden.

Sich nicht entscheiden "können", das ist eine Sache, die ein heutiger Teil der Gesellschaft auszeichnet, nämlich die Generation Y (geboren zwischen 1980 und 1990). Sich nicht entscheiden "wollen" und alle Möglichkeiten behalten, das zeichnet die Generation Z (geboren zwischen 1997 und 2012) aus. Beide Gruppen könnte man also auch als "Generation Donau" zusammenfassen.

Nun gibt es Worte von Jesus, die zu klaren Entscheidungen auffordern. Der reiche junge Mann wäre ein guter Vertreter dieser "Generation Donau". Er möchte Jesus nachfolgen und gleichzeitig seinen Besitzstand waren, was laut Jesus eben nicht geht (siehe Lukas 18,18-27!), oder dann allerhöchstens durch ein besonderes Handeln Gottes.

Wie müsste Kirche aussehen für den reichen Jungen Mann oder die Generation Donau? Darüber denke ich heute ein bisschen nach.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 31. Juli 2022

Strandgeschichten

Ein Zitat

Badende am öffentlichen Strand von Markelfingen.
Foto © Jörg Niederer
"Lieber im Bodensee baden, als in der Arbeit ertrinken." Abgewandelter Spontispruch

Ein Bibelvers - 2. Mose 2,5

"Da kam die Tochter des Pharao zum Baden an den Nil. Ihre Begleiterinnen gingen so lange am Ufer auf und ab."

Ein Anregung

Ferieninbegriff nebst dem Sonnenuntergang am Strand ist der Strand selbst. Heute bewegten wir uns daselbst, und ich liess mir mein weisshäutigen Beine von der Sonne rötlich einfärben. 

Der Strand liegt im deutschen Teil des Untersees, der Halbinsel Mettnau gegenüber. Ab der Wasserlinie geht man auf einem weichen Sand-Erdgemisch zwischen unzähligen kleinen Fischchen um die 100 bis 200 Meter weit hinaus, ohne dabei nennenswert im Wasser einzutauchen. Das Taufen wäre an dieser Stelle folglich mit einem weiten Weg verbunden. Doch das sollte die bewusste Hinwendung in die Nachfolge Christi ja sowieso sein - ein weiter, überlegter Weg.

Wie es in Deutschland ist, weiss ich nicht. Doch vor einigen Tagen habe ich erfahren, dass die Taufe in öffentlichen Gewässern im Kanton Genf Freikirchen nicht mehr erlaubt wird. Grund ist das Inkrafttreten eines neuen Gesetzes über die Laizität. Dabei geht es um die Trennung von Kirche und Staat. Neu reglementiert wird der öffentliche Raum. Private Seeanstösser können also weiter den christlichen Glauben durch Untertauchen im Genfersee bezeugen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 25. Juli 2022

Der letzte Jude von Wangen

Ein Zitat

Der jüdische Friedhof von Wangen auf der deutschen Seite des Untersees.
Foto © Jörg Niederer
"Meine Eltern waren eigentlich beiden nicht fromm. Wir haben natürlich als Kinder gebetet, aber das haben uns die Dienstmädchen beigebracht." Hannelore König, Tochter von Nathan Wolf und Auguste Neuhaus

Ein Bibelvers - 1. Mose 23,19

"Anschließend bestattete Abraham seine Frau Sara in der Höhle auf dem Grundstück in Machpela. Das liegt östlich von Mamre bei Hebron im Land Kanaan."

Ein Anregung

Im Ort Wangen auf der deutschen Seite des Untersees lebten seit dem 17. Jahrhundert Juden. Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich die jüdische Gemeinschaft aus einem Drittel der Bevölkerung zusammen. Es gab eine jüdische Schule und auch eine Synagoge. 

1971 starb Selma Wolf, die letzte weibliche Jüdin des Dorfes, ein halbes Jahr nach ihrem berühmteren Bruder Nathan Wolf, dem letzten männlichen Juden.

Gestern standen wir auf unserer Wanderung vor den Mauern des jüdischen Friedhofs von Wangen. Er befindet sich in einem wuchernden Wald, und ist über eine verfallende Forststrasse erschlossen. Mit grossem Respekt haben wir einen Blick auf die Grabstätte geworfen.

Über die Familie Wolf aus Wangen gibt es umfangreiches Material im Internet. Dazu einige Beobachtungen. 

Nebst Selmas und Nathans Grab findet sich auch das von einem weiteren Bruder, von Wilhelm Wolf auf dem besagten Friedhof. Er nahm sich 1920 im Alter von 33 Jahren das Leben. Auf seinem Grabstein steht: "ein herzensguter Sohn und Bruder / ein tapferer Krieger / ruht hier in der geliebten Heimat-Erde". Speziell auf diesem Grabstein ist ein Kreuz, das aber wohl nicht christlich zu verstehen ist. Es hat die Form eines typischen deutschen Verdienstkreuzes.

Die Familie Wolf war sehr patriotisch eingestellt. Nathan kämpfte mit Überzeugung im 1. Weltkrieg. Er war Arzt und mit Auguste Neuhaus, einer Katholikin, verheiratet. Sie hatten zwei Kinder, die während des Nationalsozialismus als Halbjuden und Kinder einer Arierin nichts zu befürchten hatten. Nathan dagegen schon, wurde er doch nach dem Brand der Synagoge in der Reichskristallnacht vorübergehend in Dachau inhaftiert. Während der Kriegsjahre lebte er im Schweizer Exil in Stein am Rhein. Weil er einer Berliner Jüdin bei der Flucht half, wurde er von den Schweizer Behörden zu einer Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt – wegen "Emigrantenschlepperei". Nur knapp entging er der Ausweisung aus der Schweiz.

Nach 1945 kehrte er nach Wangen zurück, wo er durch die französische Besatzung vorübergehend als Bürgermeister eingesetzt wurde. Für den Ort blieb er aber vor allem als Arzt von Bedeutung. Abenteuerlustig war er auch in späteren Jahren. Im Februar 1956 fuhr er mit seinem Auto über den zugefrorenen Untersee nach Steckborn. Kurz vor erreichen des Ziel brach das Auto im Eis ein und versank. Es gibt davon Fotos auf der Webseite über die Familie. 1962 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 1970 verstarb er 88-jährig. Auf seinem Grabstein kann man lesen: "Hier ruht der letzte Jude des Dorfes. Bald wird Gebüsch den Stein bedecken. Doch wird sein Grab nicht vergessen werden. Denn mehr als er liegt hier begraben."

Erst 2004, 34 Jahre nach seinem Tod und mehr als 60 Jahre nach dem Strafurteil, hob die Schweiz das besagtes Urteil wegen Fluchthilfe wieder auf.

Vieles mehr kann man von dieser bedeutenden jüdischen Familie auf der Höri, der Halbinsel zwischen Radolfzell und Stein am Rhein erfahren, wenn man sich in die Bilder, Tondokumente und Texte auf der Webseite vertieft, die Anne Overlack verdienstvoller Weise zusammengetragen hat.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde