Posts mit dem Label Dom werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dom werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 8. Juli 2025

Politik und Kirche

Ein Zitat

Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter im eifrigen Gespräch beim Warten auf den Beginn des Weihegottesdienstes für den neuen Bischof Beat Grögli.
Foto © Jörg Niederer
"Mein Glaube ist privat, gleichzeitig hilft er mir, auch im Amt zu meinen Überzeugungen zu stehen." Karin Keller-Sutter (*1963)

Ein Bibelvers - 1. Timotheus 2,2

"Betet auch für die Könige und alle übrigen Machthaber. Denn wir wollen ein ruhiges und stilles Leben führen – in ungehinderter Ausübung unseres Glaubens und in Würde."

Eine Anregung

Es ist schon bemerkenswert, wie viele Politiker:innen am vergangenen Samstag anlässlich der Bischofsweihe von Beat Grögli den Weg in den Dom St. Gallen gefunden haben. Da war Krethi und Plethi versammelt, auch Persönlichkeiten, welche es wohl lieber sähen, wenn Kirche und Staat noch deutlicher getrennt wären. Wie die FDP-Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter zu Letzterem steht, weiss ich nicht.

Ich frage mich, ob eine Vertretung des Bundesrats jeweils bei allen katholischen Bischofweihen dabei ist. Und dann wären da ja auch noch die anderen öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinschaften, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Christkatholische Kirche und die Jüdische Religionsgemeinschaft. Gibt es eine politische Gleichbehandlung? Oder ist dies abhängig von anderen, zufälligeren Rahmenbedingungen, wie der Herkunft des Bischofs und der Bundespräsidentin, der Öffentlichkeitswirksamkeit des Anlasses, der Cleverness der Organisator:innen?

Wie auch immer: Was sicher nicht schaden kann; wenn wir für die Menschen immer wieder Beten, welche Verantwortung in Kirche und Staat übernehmen. Man muss das politische Heu ja nicht auf der selben Bühne haben, um Gott um Führung für Bundesrat, Nationalrat, Ständerat usw. zu bitten. Bereits bald, am 1. August werden wir mit ihnen vermutlich wieder einstimmen in dieses Nationalhymne gewordene Gebet an den "Hocherhabenen", an den "Gott im hehren Vaterland". Dem sagt man dann wohl Patriotismus, aber auch Bekenntnis.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 6. Juli 2025

Es war zum sich Niederwerfen

Ein Zitat

Zwei Trachtenfrauen gratulieren nach der Bischofsweihe dem neuen St. Galler Bischof Stefan Grögli.
Foto © Jörg Niederer
"In concordiam Christi - Bilde unser Herz nach deinem Herzen" Wahlspruch von Bischof Beat Grögli

Ein Bibelvers - Johannes 12,26ab

Jesus: "Wer mir dient, muss mir auf meinem Weg folgen. Denn wo ich bin, wird auch mein Diener sein."

Eine Anregung

Wer hätte dies gedacht, dass ich einmal Freude finde an einem dreistündigen Gottesdienst. Doch die Bischofsweihe von Beat Grögli zum neuen Bischof in St. Gallen war in ihrer Vielfalt und ihrem Tiefgang einfach "Klasse". Es war, wie man so sagt, zum Niederknien, oder besser: zum sich Niederwerfen.

Darin bin ich dem neuen Bischof zuvorgekommen. Nicht ganz freiwillig, stolperte ich doch bei den Türen der Kathedrale, und legte mich zu meiner Überraschung und zur Überraschung anderer flach nieder. Die Folgen sind glücklicherweise marginal und werden wohl bald ausgeheilt sein. Anders bei Bischof Beat Grögli. Er werde wohl, so sein Vorgänger Bischof Markus Büchel, für mindesten die nächsten 20 Jahre im Amt sein. Die Erwartungen sind gross.

Als Vertreterinnen und Vertreter der Ökumene waren wir Teil der geladenen Gäste und sassen direkt hinter den Vertreterinnen und Vertretern der politischen Schweiz sowie von Staat und Stadt. Angeführt wurden diese durch die aus Wil stammende Bundespräsidentin Karin Keller-Suter, welche auch ein Grusswort hielt und den auch aus Wil stammenden Bischof Beat Grögli herzlich grüsste.

Es war ein besonderer Tag, voller Sonnenschein und mit einem hoffnungsvollen Aufbruch in eine neue Ära. Nun fragen sich wohl alle: Wer wird der nächste Dompfarrer sein. Eine Dompfarrerin wird es wohl nicht werden! In Sachen Frauen im ordinierten Dienst haben wir Evangelischen die Nase vorn.

Mehr zum gestrigen Anlass findet man auf der Webseite des Bistums.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 27. März 2024

Details

Ein Zitat

Dachpartie und Südturm vom Stephansdom in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Hinter dem Rücken die Finger entkreuzen. Ein erster Schritt auf dem Kreuzweg."

Ein Bibelvers - 1. Korinther 1,22

"Die Juden wollen Zeichen sehen. Die Griechen streben nach Weisheit. Wir dagegen verkünden Christus, den Gekreuzigten: Das erregt bei den Juden Anstoß und für die anderen Völker ist es reine Dummheit."

Eine Anregung

Im Dom-Museum in Wien habe ich mir den Stephansdom als Karton-Modellbau gekauft. Massstab 1:1'000. Ab 12 Jahren soll er Bastelfreuden auslösen. Mir schein selbst für einen 65-Jährigen mit viel Zeit und Lebenserfahrung könnte die Arbeit herausfordernd werden. Beim näheren Abgleich mit den Fotos, die ich in Wien auf, neben und im Dom gemacht habe, ist mir aufgefallen, dass die Figuren und Symbole, ja auch das auf dem Foto ersichtliche Kreuz auf dem nordwestlichen Ende des Domdachs (auf dem Foto ganz rechts) beim Modellbau fehlen. Wohl, weil sie schlichtweg nicht darzustellen sind bei einem so stark verkleinerten Modell.

Nun mag man anmerken, dass die fehlenden Details dem Bastelspass nicht abträglich sein müssen. Aber dass gerade das Kreuz am Modell des Stephansdoms fehlt, ist doch irgendwie störend. Auch sonst finden sich auf dem Modell an keiner Stelle irgendwelche Kreuze.

In dieser Karwoche hat das "Wort vom Kreuz" eine zentrale Bedeutung. Was ist der Glaube, ohne das Kreuz? Aus der distanzierten Betrachtung eines Touristen mag es nebensächlich sein, dass man dieses Kreuz gerade nicht mehr sieht, dass es in der monumentalen Fassadenwelt eines Jahrtausendgebäudes untergeht. Und doch liegt das eigentliche Geheimnis des Glaubens nicht darin, über die kunstvolle Gestaltung von Kirchen und Kathedralen zu staunen, sondern so nahe heranzugehen an das Kreuz, an den Kern der christlichen Botschaft, wie überhaupt nur möglich. Das Kreuz soll unübersehbar werden.

Unter dem Kreuz, diesem Folter- und Mordinstrument, erschliesst sich uns die ganze grausame Menschlichkeit. Dort können wir dem Menschenmöglichen nicht mehr ausweichen. Dort, am Unheilsort, wird mein Unvermögen überdeutlich, und auch, wie angewiesen ich auf Gnade und Versöhnung bin. Dort wird mir genau dies angeboten; Gnade und Versöhnung mit Gott. Das ist schwer zu begreifen. Ein Ärgernis, ein Skandal, ein Dummheit. Und doch: Nahe beim Kreuz bin ich ganz bei mir, ganz bei meinen Vorurteilen, meinen Widerständen. Dort eröffnet sich mir Gottes Tragweite, die auch mich einschliesst und nicht loslässt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 15. März 2024

Sterblich sein in Wien

Ein Zitat

Ausschnitt aus der Werbung für eine Kunstausstellung in Wien.
Foto © Jörg Niederer
"Die Ausstellung befasst sich mit dem unausweichlichsten Bestandteil jeder Existenz: 'Sterblich sein' spürt mittels Gegenüberstellung von Kunstwerken, die einen kulturhistorischen Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart spannen, der tiefen Bedeutung von Tod nicht nur im individuellen, sondern auch im kollektiven und gesellschaftspolitischen Kontext nach." Quelle: Webseite vom Dom Museum Wien

Ein Bibelvers - 2. Korinther 5,1+2

"Wir wissen ja: Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden. Dann erhalten wir von Gott ein neues Zuhause. Dieses Bauwerk ist nicht von Menschenhand gemacht und wird für immer im Himmel bleiben. Darum seufzen wir und sehnen uns danach, von dieser himmlischen Behausung gewissermaßen umhüllt zu werden."

Eine Anregung

Wien ist nicht gerade die ewige Stadt. Dafür wird den Wienerinnen und Wienern einen morbiden Scharm nachgesagt. Das ist besonders auch im Umfeld des Stephansdom sichtbar.

Dass ich aber genau in der Zeit in dieser bemerkenswerten Stadt bin, in der Wien "sterblich" ist, ist schon etwas besonderes. Wie es mit den Wienerinnen und Wienern nach dem 25. August weitergehen soll, weiss ich nicht. Wird dann die österreichische Metropole unsterblich? 

Bei einer Führung durch die Katakomben unter dem Dom und der Stadt durfte ich nicht fotografieren. Dabei ist mir aber bewusst geworden, wie nahe sich die Verstorbenen und Lebenden an diesem Ort in räumlicher Hinsicht sind. Selbst Pesttote wurden unter dem Stephansplatz in unterirdischen Kammern notfallmässig beigesetzt. 

Um den morbiden Charme von Wien zu demonstrieren dient mir nun halt dieser Bild-Ausschnitt der Werbung für eine Ausstellung im "Dom Museum Wien".

Doch nun wende ich mich in der Exekutivsitzung der Evangelisch-methodistischen Kirche von Mittel- und Südeuropa wieder den Lebenden zu und freue mich an der vitalen internationalen Vielfalt in unserer Kirche.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufe

Donnerstag, 13. April 2023

Bösgläubig

Ein Zitat

Boxer Primo Carnera verewigt auf dem Mailänder Dom.
Foto © Jörg Niederer
"Gutgläubig glaube ich, dass der Mensch gut ist." Manfred Hinrich (1926 - 2015), deutscher Philosoph

Ein Bibelvers - Römer 12,21

"Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!"

Eine Anregung

"Bösgläubig" ist nicht das Gegenteil von gutgläubig im Sinne von naiv. Es ist auch kein nettes Wort für Satanistinnen und Teufelsanbeter. "Bösgläubig" ist ein juristisches Wort. Es bezeichnet etwa eine Person, welche weiss, dass eine Sache, die sie von einer anderen Person übernimmt, erbt oder kauft, diesem gar nicht gehört.

Erstaunlich, wie sich hier moralische und religiöse Begriffe zu einem Wort des Rechts zusammenfügen. Dabei wird vorausgesetzt, dass alle Menschen gläubig sind. Solche, die im guten Glauben handeln, also ohne Hinterlist und Berechnung, und solche, die in bösem Glauben handeln, also wissen, dass sie sich falsch verhalten. Die Frage ist nicht, ob ein Mensch gläubig ist, sondern ob er gut- oder bösgläubig ist. Auf die Frage: "Bist du gläubig?" kann die Antwort gar nicht Nein sein.

Beim Suchen nach einer passenden Illustration zum Wort "bösgläubig" bin ich auf die im Foto festgehaltene Szene auf dem Mailänder Dom gestossen. Die dargestellten Personen sehen aus als befänden sie sich in verfänglichen Situationen. Doch es ist ganz anders. Es handelt sich - was man auf einem so berühmten Gotteshaus eben nicht erwartet - um die Darstellung zweier Boxerpaare, darunter der erste italienische Weltmeister im Schwergewicht, der berühmte Primo Carnera (1906-1967). Nomen est Omen könnte man sagen. Wenn einer Primo heisst, kann er ja auch nur Erster sein. Wäre er ein Schwinger statt Boxer gewesen, hätte er als ein "Böser" gegolten. Damit sind wir wieder bei der Bosheit, wobei ein derart Böser durchaus auch gutgläubig seinen Sport ausüben kann. Es ist halt nicht so einfach mit dem Glauben.

So erlaube ich mir zum Schluss die Frage: In welcher Weise bist du gläubig?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 21. Januar 2023

Orgel und Wort

Ein Zitat

In der St.Galler Kirche St. Laurenzen wird gerade die Orgel ausgebaut, um sie quadrofonisch zu erweitern.
Foto © Jörg Niederer
"Dene wos guet geit, giengs besser / Giengs dene besser wos weniger guet geit / Was aber nid geit, ohni dass′s dene / Weniger guet geit wos guet geit" Mani Matter (1936-1972)

Ein Bibelvers - Jesaja 1,17

"Lernt, Gutes zu tun, sucht das Recht! Weist den Unterdrücker in die Schranken! Verhelft dem Waisenkind zum Recht! Zieht für die Witwe vor Gericht!"

Eine Anregung

Heute Abend um 19.15 Uhr gibt es in der Kirche St. Laurenzen und der Kathedrale in St. Gallen eine Premiere. Erstmals begehen die Römisch-katholische Kirche, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Christkatholische Kirche und die Evangelisch-methodistische Kirche die Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen mit einem OrgelWort.

Der musikalische Schwerpunkt beginnt in der Kirche St. Laurenzen aber ohne Orgel. Diese wird zurzeit abgebaut und im Lauf des Jahres zu einer Weltneuheit ausgebaut; eine quadrofonischen Orgel. Folglich wird in diesem Jahr Kirchenmusiker Bernhard Ruchti die Anwesenden auf dem Flügel verzaubern. Nach einer haben Stunde wird das OrgelWort in der Kathedrale fortgesetzt, in der dann Domorganist Willibald Guggenmos sein grosses Können an der Orgel zeigen wird. 

Mit der Musik kontrastieren Texte aus der Bibel, aus Liedern und aus der Dichtung zeitgenössischer Künstler. Zentral ist dabei ein Text aus dem Buch Jesaja: "Tut Gutes, sucht das Recht!". Diese Worte werden in verschiedenen Kombinationen zu hören sein. Die Texte lesen die Pfarrerin Kathrin Bolt, Dompfarrer Beat Grögli, der neue Pfarrer der Christkatholische Kirche Peter Grüter und Pfarrer Jörg Niederer. 

Gegenüber dem St. Galler Tagblatt erklärte Kathrin Bolt den Wechsel vom gemeinsamen Gottesdienst zum OrgelWort wie folgt: "Das Besondere an diesem neuen Projekt ist, dass die beiden Kirchen keine Einheit vortäuschen, die es nicht gibt, sondern dass sie auf Augenhöhe etwas Neues entstehen lassen... Wir wollen die Musik ökumenisch verbinden." 

Du bist herzlich zu diesem besonderen Anlass eingeladen: Er beginnt um 19.15 Uhr in der Kirche St. Laurenzen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 20. Januar 2023

Der Rabbiner im Dom zu St.Gallen

Ein Zitat

Eine gut aufgelegte Schar begleitete den neuen Rabbiner Shlomo Tikochinsky (auf dem Foto ganz links) auf einem Rundgang durch die beiden bedeutendsten christlichen Gotteshäuser von St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"In Kohelet [Prediger] 1,3 heisst es: 'Welcher Nutzen bleibt dem Menschen bei all seiner Mühe...'
Der Midrasch [Auslegung religiöser Texte im Judentum] antwortet u.a.:
'Nach der Meinung des Rabbi Benjamin wollten die Weisen das Buch Kohelet verbergen, weil sie Worte darin fanden, welche leicht zur Sektiererei verleiten könnten. Sie sprachen nämlich: Soll die ganze Weisheit Salomos darin bestanden haben, dass er sprach: Was für einen Nutzen hat der Mensch von all seiner Mühe? Vielleicht auch von der Mühe des Gesetzesstudiums? Nein, sprachen sie, es handelt sich hier nur um die Mühe, die er sich um sein zeitliches Wohl gibt.'" Zitiert nach www.reformiert-info.de

Ein Bibelvers - Prediger 3,12+13

"So habe ich erkannt: Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen. Jeder Mensch soll essen, trinken und glücklich sein als Ausgleich für seine ganze Arbeit. Denn auch dies ist eine Gabe Gottes."

Eine Anregung

Um den neuen St. Galler Rabbiner Shlomo Tikochinsky besser kennenzulernen und um die Arbeit der Kirchen in der Innenstadt vorzustellen trafen sich am vergangenen Montag Gemeindeglieder der jüdischen Kultusgemeinde und Verantwortliche aus der Reformierten, Römisch-katholischen, Christkatholischen und Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen zu einer Führung durch den Dom und die Kirche St. Laurenzen.

Im Dom wurde selbstverständlich die St. Galluskrypta besucht, aber auch die beiden Sakristeien. So war ich erstmals auch in der oberen Sakristei, in der die Kostbarkeiten der Abtei aufbewahrt werden, darunter auch der Kelch, der als Wahlurne bei der Bischofswahl Verwendung findet. St. Laurenzen dagegen steht ganz im Zeichen des Umbaus. Dort entsteht als Weltpremiere eine quadrofonische Orgel. 

Später dann bei Kaffee und Kuchen entdeckten der Rabbiner Shlomo Tikochinsky, die St. Laurenzen-Pfarrerin Kathrin Bolt und ich die gemeinsame Liebe zum biblischen Buch Kohelet. 

Eine Gegeneinladung in die Synagoge ist auch schon ausgesprochen. Das christlich-jüdische Gespräch bricht also auch mit dem neuen Rabbiner in St. Gallen nicht ab. Das ist gut so.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 17. Januar 2023

Der Knick in der Vollkommenheit

Ein Zitat

Die Westwand in der Sakristei des Doms St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
Wer ein Brett vor dem Kopf hat, ist wohl auf dem Holzweg.

Ein Bibelvers - Römer 12,2

"Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht: Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist."

Eine Anregung

Der Dom in St. Gallen ersetzte bei seinem Bau zwei Vorgängerkirchen, die in gleicher West-Ost-Ausrichtung zusammengebaut waren und erstreckt sich in gerader Linie von der Krypta des Heiligen Othmars bis zur Krypta des Heiligen Gallus.

Doch so ganz stimmt diese Aussage nicht. Der Dom enthält einen leichten Knick nach Norden. Das sieht man gut auf dem Foto der Westwand in der Sakristei. Dort ist der Kasten an der Wand auf der präzisen Symmetrielinie der Kathedrale zu finden, während die Uhr genau in der Mitte des Chores angeordnet ist. Diese Abweichung von der Mitte wurde vorgenommen, weil sonst beim Neubau der eine Kirchenturm in die Wohnung des Fürstabts zu stehen gekommen wäre.

Damit weisst die Kathedrale einen kleinen Makel auf, der aber von blossem Auge kaum zu erkennen ist. Auf dieser Erde ist eben nichts ganz perfekt, auch nicht ein Gotteshaus von der "himmlischen" Schönheit einer St. Galler Kathedrale.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Montag, 18. Juli 2022

Eine letzte Feier für Bischof Ivo Fürer

Ein Zitat

Der verstorbene Bischof Ivo Fürer wird in die St. Otmarskrypta zur letzten Ruhe getragen.
Foto © Jörg Niederer
"Wer Licht in die Welt bringen will, wird entweder Elektriker oder Priester." Bischof Ivo Fürer (1930-2022)

Ein Bibelvers - Matthäus 5,4

"Glückselig sind die, die trauern. Denn sie werden getröstet werden."

Ein Anregung

Die Feierlichkeiten waren im vollen Gang. Im Altarbereich blickte ein Bischof suchend zum St. Gallen Himmel hoch. Das Trillern der Alpensegler übertönte selbst Orgel und Gesang, als würden die flinken Vögel durch (und nicht über) den weitläufigen barocken Kirchenraum fliegen.

Einige hundert Menschen nahmen heute Abschied vom verstorbenen Bischof Ivo Fürer. Dankbarkeit, Respekt und Auferstehungshoffnung ist spürbar. Anekdoten werden zum Besten gegeben. Auch eine Methodistin spielt dabei eine Rolle, vielleicht sogar die Hauptrolle. Immerhin waren ihretwegen 50 Sicherheitsleute abgestellt. Der Bischof Ivo Fürer dagegen brauchte keinen Schutz. Er hatte Gott auf seiner Seite. 1998 begegneten sich der Bischofs von St. Gallen und die damaligen First Lady Hillary Clinton. Ob auch ein methodistischer Pfarrer mit von der Party war, weiss ich nicht. Aber laut katholischem Pressedienst soll Ivo Fürer in der einflussreichen und damals noch sehr beliebten Frau ein Werkzeug Gottes gesehen haben.

Zurück in der Bestattungsfeier, nach der Eucharistie, wurde der Verstorbene in der St. Otmarskrypta beigesetzt. Es war ein bisschen so wie bei einer Trauung. Alle schauten erwartungsvoll nach hinten. Aber nicht, um einen ersten Blick auf die Braut zu werfen, sondern um zu sehen, wie der Sarg im Raum unter der Kirche verschwand. Kein Anfang. Ein Ende. Und doch auch ein Anfang des Glaubens.

Dann ist die zweistündige Feier zu Ende. Wieder rufen die Alpensegler auf ihrer wilden Jagd, als wäre nichts geschehen, dort in der Kirche des Gallus. Ein weiterer Bischof von St. Gallen ruht in Frieden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 24. Dezember 2021

Spaziergang durch die Weihnachtsstadt

Ein Zitat

Dom St. Gallen mit Christbaum
Foto © Jörg Niederer
"Nach Hause kommen, das ist es, was das Kind von Bethlehem allen schenken will, die weinen, wachen und wandern auf dieser Erde." Friedrich von Bodelschwingh

Ein Bibelvers - Lukas 2,4+5

"Auch Josef ging von der Stadt Nazaret in Galiläa nach Judäa. Sein Ziel war die Stadt Betlehem, aus der David kam. Denn er stammte von David ab. In Betlehem wollte er sich eintragen lassen zusammen mit Maria, seiner Verlobten."

Ein Anregung

Da ist beim Betreten der kirchlichen Räume der Duft nach Lebkuchen (es lag auch schon einmal tagelang der Geruch nach Sauerkraut in der Luft). In der Kirche der Christbaum mit den Kerzen und glänzenden Kugeln. Kurze Zeit später in der Stadt dreht sich am Weihnachtsmarkt das Kinderkarussell. Das Friedenslicht wird verteilt, daneben steht das Einsatzfahrzeug der Polizei. Sterne spiegeln sich in dessen glänzendem Metall. Das Treiben der Menschen wird aufmerksam von Vadian auf seinem Sockel beobachtet.

300 Meter davon entfernt schlittern Kinder von Scheehaufen auf der Domwiese herunter als wäre es die Bobfahrt ihres Lebens. Davor der Weihnachtsbaum, unter dem sich Verliebte fotografieren, aber auch Familien. Scheinwerfer hüllen Dom und Kirche St. Laurenzen in warmes Licht. Im Windschatten der Kathedrale drinken Zwei heissen Tee aus ihrem Thermoskrug und diskutieren nicht ganz so laut wie die Halbwüchsigen, die einen Platz im Lichtschatten besetzt halten. Die Kälte kriecht in die Knochen. Zeit, sich aufzuwärmen nach einigen Stunden im nächtlichen Lichterzauber.

Es ist Heilig Abend. Man könnte es glauben, dass da Frieden wird auf Erden. Man könnte es glauben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Freitag, 26. November 2021

Die Bischöfin in der Kathedrale St. Gallen

Ein Zitat

Bischöfin Rusudan Gotsiridze von der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgien im Chorgestühl der Kathedrale St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Pfarrerin zu sein ist etwas völlig anderes... Du trägst eine viel, viel wichtigere Last." Bischöfin Rusudan Gotsiridze von der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgien

Ein Bibelvers - Römer 16,7

"Grüßt Andronikus und Junia, meine Landsleute, die mit mir im Gefängnis waren. Sie nehmen unter den Aposteln eine herausragende Stellung ein. Auch haben sie schon vor mir zu Christus gehört."

Ein Anregung

Judith Thoma, welche die Führung durch die Kathedrale St. Gallen leitete, drückte gleich zu Beginn ihre grosse Freude aus, dass sie erstmals eine Bischöfin in die Geheimnisse des Doms einführen dürfe. 

Angesprochen war die bekannten Friedensaktivistin und Bischöfin der Evangelisch-baptistischen Kirche für Zentralgeorgien, Rusudan Gotsiridze. Als erste Frau in diesem Amt in einem mehrheitlich orthodoxen, männlich geprägten Land, musste sie einigen Widerstand überwinden um sich Respekt zu verschaffen. 

Gotsiridze war Teilnehmerin einer Gästegruppe aus Georgien. Am 24. November besuchte sie die Wiboradastadt. 

Seit 2009 ist die Friedensforscherin Bischöfin der kleinen Kirche mit grosser Ausstrahlung. Seit vielen Jahren setzt sie sich für Frauenrechte ein, aber auch für Religionsfreiheit und den interreligiösen Dialog. Besonders auch islamische Vertreter sind dankbar für ihre Vermittlungsarbeit zwischen der Orthodoxen Kirche und den Muslimen.

Rusudan Gotsiridze erhielt 2014 im Beisein der damaligen US-amerikanischen First Lady Michele Obama den International Women of Courage Award. Zwei Jahre später zeichnete der georgische Staatspräsident Giorgi Margwelaschwili die Kirchenfrau mit dem Ehrenorden des Landes für ihren Einsatz im interreligiösen Dialog aus. 

Heute ist eine weitere Herausforderung der innerkirchliche Konflikt im Bereich der Anerkennung von Menschen, die zur LGBTQI-Community gehören. Auch da setzt sich die Bischöfin für einen Weg der Versöhnung ein.

Wer Englisch beherrscht, kann hier ein Interview mit der bemerkenswerten Frau aus Georgien anhören.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 25. November 2021

Berührender georgischer Gesang in der Galluskrypta St. Gallen

Ein Zitat

V.l.n.r.: Bischof Ilia Osephashvili, Maka, Natia und Madona Mazmishvili, Nano Saralishvili und Bischöfin Rusudan Gotsiridze von der Evangelisch-baptistischen Kirche Georgien im Dom St.Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Dialog und Mission: Im interreligiösen Dialog teilen die Dialogpartner den kostbaren Schatz ihrer religiösen Überzeugung. Für Christen ist dies das befreiende Evangelium von Jesus Christus." Aus den Grundsätzen der Evangelisch-reformierten Kirche des Katons St. Gallen zum Interreligiösen Dialog

Ein Bibelvers - Johannes 4,9

"Da sagte die Samariterin zu ihm: 'Du bist ein Jude, und ich bin eine Samariterin. Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten?' Denn die Juden vermeiden jeden Umgang mit Samaritern."

Ein Anregung

Gestern besuchten Vertreterinnen und Vertreter der Evangelisch-baptistischen Kirche aus Georgien auch die Evangelisch-methodistischen Kirche. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen beider Appenzell und St. Gallen (ACK).

Zum Bischof von Kachetien (Ostgeorgien) Ilia Osephashvili und der bekannten Friedensaktivistin und Bischöfin für Zentralgeorgien Rusudan Gotsiridze werde ich in späteren Beiträgen noch zu sprechen kommen. 

Dem Besuch und Gespräch in der Evangelisch-methodistischen Kirche ging eine Führung durch den Dom voraus. Dabei wurde auch die Krypta von Gallus besucht, wo die drei in Georgien bekannten Sängerinnen Maka, Natia und Madona Mazmishvili ihre Stimmen erklingen liessen, und die Domführerin und weitere Anwesende aus der Ökumene zu Tränen rührten.

Zum georgischen Baptistenbund gehören 38 Gemeinden mit knapp 1.000 Mitgliedern. Vor mehr als 150 Jahren entstand diese Kirche aus mehrheitlich russischstämmigen Molokanerinnen und Molokaner (Milchtrinker), welche ihren Namen davon haben, dass sie früher jeglichen Alkohol ablehnten. Als Gründungsdatum gilt die Taufe von Nikita Woronin am 20. August 1867 Kura. Ein interessanter Bericht zur Evangelisch-baptistischen Kirche in Georgien aus dem Jahr 2003 findet man hier.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde