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Mittwoch, 1. November 2023

Väter

Ein Zitat

Ein junger Mann lässt sich in der Türkei mit einem antiken Fotoapparat ablichten.
Foto © Jörg Niederer
"Vater werden ist nicht schwer, / Vater sein dagegen sehr." Wilhelm Busch (1832-1908)

Ein Bibelvers - Matthäus 6,9

"Unser Vater im Himmel, dein Name soll geheiligt werden."

Eine Anregung

Türkei, um 1950. Ein junger Mann lässt sich von einem Fotograf mit altertümlicher Kamera ablichten. Ein anderer Mann schaut zu. Wer gut hinsieht, erkennt im Haus die Umreisse einer weiteren Person.

Der junge Mann, der sich hier fotografieren lässt, ist mein Vater. Mehrere Monate verbrachte er als Monteur für Bühler Uzwil in der Türkei. Dort wurden zu jener Zeit Mühlen eingerichtet. Damals gab es mich noch nicht. Mein Vater seinerseits wusste noch nicht, dass er einmal drei Söhne haben würde, dass er die meiste Zeit seines Lebens in Olten zu Hause sein würde, dass er im hohen Alter an Demenz erkranken würde. Das, und noch viel mehr wusste er damals noch nicht.

Mein Vater hat mich mehr geprägt, als ich dachte. Mehrheitlich positiv habe ich ihn erlebt. Er war ein guter Vater, und wenn ich ihn so ansehe auf diesem alten Foto, kann ich verstehen, dass meine Mutter sich in ihn verliebte. Nur der Schnauz, der war nicht in ihrem Sinn und musste weg.

Heute bin ich Vater. Was wohl meine Söhne einmal von mir sagen werden? 

Gott, Vater werden ist das Einfachste am Vatersein. Du musst es wissen, bist du doch selbst Vater. So jedenfalls hat es dein Sohn Jesus Christus uns nahegebracht. Als Vater kam ich gelegentlich an meine Grenzen. Doch meist waren und sind es gute Erfahrungen, die ich mit meinen Söhnen machen durfte und darf. Danke für diese Geschenke des Lebens. Ich bitte dich: Sei heute ganz nahe bei den Vätern und leite sie in ihrem Umgang mit den Kindern. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Neues Leben aus dem Müll

Ein Zitat

Elektroschrott in der Sammelkiste eines Elektrofachgeschäfts.
Foto © Jörg Niederer
"Man brachte das Bügeleisen oder die Schreibtischlampe ins Elektrogeschäft, und nach einer Woche holte man das funktionierende Stück wieder ab." Bernd-Lutz Lange in: "Das gabs früher nicht" S. 109

Ein Bibelvers - Ezechiel 37,5+6

"So spricht Gott, der Herr zu diesen Knochen: Ich selbst gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig! Ich verbinde euch mit Sehnen und lasse Fleisch darüber wachsen. Ich überziehe euch mit Haut und gebe euch Lebensgeist. So werdet ihr wieder lebendig. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin."

Ein Anregung

Elektroschrott. Weggeworfen. Die Reparatur lohne nicht mehr. Die Geräte landen im Müll.

Szenenwechsel: Die Filme beginnen immer gleich. Ein Mann in Asien sucht die Abfalldeponien ab. Es sieht fürchterlich aus. Dann findet er etwas. Eine Spiegelreflexkamera der Marke Nikon. Sie und ein Wechselobjektiv sind vollständig mit eingetrocknetem Schlamm und Schmutz überzogen.

Ortswechsel: Wieder ist die verschmutzte Kamera zu sehen. Hände beginnen sie in einer Schale mit Wasser und Seife zu reinigen. Nach und nach wird die Kamera in ihre Einzelteile zerlegt. Das gleiche geschieht mit dem Objektiv. An den elektrischen Schaltkreisen und Platinen werden die Stecker gezogen, die angelöteten Kabel vorsichtig gelöst. Jedes einzelne Teil wird penibel gereinigt und mit Druckluft getrocknet.

Nun wird die Elektronik auf ihre Funktion getestet. Und zum Schluss wird alles wieder zusammengebaut. Dann der grosse Moment. Eine Batterie wird eingelegt, die Kamera surrt, das Objektiv fokussiert.

Nie hätte ich gedacht, dass diese Kamera je wieder funktionieren würde. Reparatur und Nachhaltigkeit ist selbst in Extremis möglich, wenn der Wille dazu vorhanden ist.

Man sollte nicht zu schnell aufgeben. Auch bei Menschen nicht. Sie mögen noch so fertig und am Ende sein. Doch wer sagt denn, dass das so bleiben muss. Alle verdienen eine zweite Chance, und mit viel Zuwendung und Einsatz ist Unmögliches möglich. 

Die Reportage über die Kamerarestauration kann man sich anschauen. 15 Minuten Zeit um über die Wegwerfgesellschaft nachzudenken, um zu sinnieren über Menschen, die anderen Menschen eine weitere Chance geben.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde 

Samstag, 22. Januar 2022

Ein eiszeitlicher fotografischer Blick auf die Gegenwart

Ein Zitat

Eiszapfen beim Aabach nahe Horgen
Foto © Jörg Niederer
"Eisklar herb und glitzernd frisch." Werbebehauptung über "Sprite"

Ein Bibelvers - Sprüche 27,19

"Wie ein Mensch im Wasser sein Gesicht erkennt, so erkennt er sich im Herz eines anderen Menschen."

Ein Anregung

Eis, von der Natur geformt, ist immer ein lohnendes Motiv vor der Kamera. Aber auch hinter der Kamera - oder genauer gesagt - zwischen Kamera und Motiv ist Eis eine faszinierende Sache.

Mathieu Stern, ein genialer Tüftler und Fotograf, hatte einen Traum. Er wollte durch eine Wassereis-Linse hindurch fotografieren. Und zwar durch Eis, das vor 10'000 Jahren gebildet wurde. Er fand es in einem Eisberg auf Island. Dann entstanden Filme und Fotografien durch eine Linse aus Wasser hindurch, das zu einer Zeit zu Eis gefroren war, als noch letzte Mammuts über die Tundren zogen. Diese technisch-künstlerische Meisterleistung kann durch dieses Video miterlebt werden. 

Spannend, wie die Gegenwart interpretiert wird durch eine Linse aus der letzten Eiszeit. Wie würde eine solche eiszeitliche Sichtweise meine Seinsweise ändern? 

In gewisser Weise ist die Bibel auch so eine Linse. Eine zwei- bis dreitausend Jahre alte Linse, durch die meine Gegenwart im Licht Gottes interpretiert und gesehen wird. Im besten Fall entzerrt sich dabei das gebrochene menschliche Dasein und wird heil und schön.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde