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Mittwoch, 22. November 2023

Unter einem Dach

Ein Zitat

Haus mit zwei Eingangstüren in Endingen.
Foto © Jörg Niederer
"Die wie eine Legende vermittelten Deutungsangebote entwickelten sich im Laufe der Zeit zu einem einzigartigen Symbol. Die Doppeltür wurde so zu einem Sinnbild für das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft." www.doppeltuer.ch

Ein Bibelvers - 5. Mose 21,23b

"Du darfst das Land nicht unrein werden lassen. Der Herr, dein Gott, hat es dir ja gegeben. Es soll dein Erbbesitz sein."

Eine Anregung

Zwei fast identische Türen bilden den Zugang zu einem Haus. Wohlgemerkt: es handelt sich nicht um einen Eingang mit grosser Doppeltür. Zu den beiden Türen führt eine gemeinsame Treppe. Das Haus bräuchte von der Grösse her auch nicht zwei Eingänge, einer würde gut für alle Bewohnenden ausreichen.

Wir befinden uns in Endingen. Das Aargauer Dorf und sein Nachbarsort Lengnau waren lange Zeit die einzigen Orte, an denen sich Jüdinnen und Juden in der Schweiz niederlassen durften. In den beiden Gemeinden lebten aber vor der Zwangsansiedlung der Juden auch schon christliche Bürgerinnen und Bürger. Da liess es sich nicht vermeiden, dass Angehörige beider Religionen unter einem Dach im selben Haus wohnten, was Jüdinnen und Juden durch ihre Religion oder durch die behördliche Gesetzte verboten war. Man behalf sich mit zwei Zugängen zum selben Haus. So nach dem Motto: Wer nicht durch die selbe Tür tritt, befindet sich auch nicht im selben Haus. (Vielleicht war es aber auch ganz anders.)

Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen und Philosophien kann kompliziert sein. Aber mit Phantasie und etwas gutem Willen finden sich Lösungen, Wege und Türen.

Ewiger, schenke uns Zugänge, die es uns ermöglichen, in aller Verschiedenheit unter einem – unter deinem – Dach zu leben. Amen

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Montag, 25. Juli 2022

Der letzte Jude von Wangen

Ein Zitat

Der jüdische Friedhof von Wangen auf der deutschen Seite des Untersees.
Foto © Jörg Niederer
"Meine Eltern waren eigentlich beiden nicht fromm. Wir haben natürlich als Kinder gebetet, aber das haben uns die Dienstmädchen beigebracht." Hannelore König, Tochter von Nathan Wolf und Auguste Neuhaus

Ein Bibelvers - 1. Mose 23,19

"Anschließend bestattete Abraham seine Frau Sara in der Höhle auf dem Grundstück in Machpela. Das liegt östlich von Mamre bei Hebron im Land Kanaan."

Ein Anregung

Im Ort Wangen auf der deutschen Seite des Untersees lebten seit dem 17. Jahrhundert Juden. Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich die jüdische Gemeinschaft aus einem Drittel der Bevölkerung zusammen. Es gab eine jüdische Schule und auch eine Synagoge. 

1971 starb Selma Wolf, die letzte weibliche Jüdin des Dorfes, ein halbes Jahr nach ihrem berühmteren Bruder Nathan Wolf, dem letzten männlichen Juden.

Gestern standen wir auf unserer Wanderung vor den Mauern des jüdischen Friedhofs von Wangen. Er befindet sich in einem wuchernden Wald, und ist über eine verfallende Forststrasse erschlossen. Mit grossem Respekt haben wir einen Blick auf die Grabstätte geworfen.

Über die Familie Wolf aus Wangen gibt es umfangreiches Material im Internet. Dazu einige Beobachtungen. 

Nebst Selmas und Nathans Grab findet sich auch das von einem weiteren Bruder, von Wilhelm Wolf auf dem besagten Friedhof. Er nahm sich 1920 im Alter von 33 Jahren das Leben. Auf seinem Grabstein steht: "ein herzensguter Sohn und Bruder / ein tapferer Krieger / ruht hier in der geliebten Heimat-Erde". Speziell auf diesem Grabstein ist ein Kreuz, das aber wohl nicht christlich zu verstehen ist. Es hat die Form eines typischen deutschen Verdienstkreuzes.

Die Familie Wolf war sehr patriotisch eingestellt. Nathan kämpfte mit Überzeugung im 1. Weltkrieg. Er war Arzt und mit Auguste Neuhaus, einer Katholikin, verheiratet. Sie hatten zwei Kinder, die während des Nationalsozialismus als Halbjuden und Kinder einer Arierin nichts zu befürchten hatten. Nathan dagegen schon, wurde er doch nach dem Brand der Synagoge in der Reichskristallnacht vorübergehend in Dachau inhaftiert. Während der Kriegsjahre lebte er im Schweizer Exil in Stein am Rhein. Weil er einer Berliner Jüdin bei der Flucht half, wurde er von den Schweizer Behörden zu einer Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt – wegen "Emigrantenschlepperei". Nur knapp entging er der Ausweisung aus der Schweiz.

Nach 1945 kehrte er nach Wangen zurück, wo er durch die französische Besatzung vorübergehend als Bürgermeister eingesetzt wurde. Für den Ort blieb er aber vor allem als Arzt von Bedeutung. Abenteuerlustig war er auch in späteren Jahren. Im Februar 1956 fuhr er mit seinem Auto über den zugefrorenen Untersee nach Steckborn. Kurz vor erreichen des Ziel brach das Auto im Eis ein und versank. Es gibt davon Fotos auf der Webseite über die Familie. 1962 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 1970 verstarb er 88-jährig. Auf seinem Grabstein kann man lesen: "Hier ruht der letzte Jude des Dorfes. Bald wird Gebüsch den Stein bedecken. Doch wird sein Grab nicht vergessen werden. Denn mehr als er liegt hier begraben."

Erst 2004, 34 Jahre nach seinem Tod und mehr als 60 Jahre nach dem Strafurteil, hob die Schweiz das besagtes Urteil wegen Fluchthilfe wieder auf.

Vieles mehr kann man von dieser bedeutenden jüdischen Familie auf der Höri, der Halbinsel zwischen Radolfzell und Stein am Rhein erfahren, wenn man sich in die Bilder, Tondokumente und Texte auf der Webseite vertieft, die Anne Overlack verdienstvoller Weise zusammengetragen hat.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 23. September 2021

Das Gebet Jesu und das Gebet Mohammeds

Ein Zitat

Muslime am Interreligiösen Bettag 2021 in St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"Das Gegenteil von heilig ist kaputt; wenn die Menschen Gott sehen könnten, würden sie versuchen ihn kaputt zu machen; so ähnlich war das ja mit Jesus, oder, ich meine im Glauben der Christen..." Interpretation eines muslimischen Schülers zur Aussage im Vaterunser: "Geheiligt sei Dein Name"

Ein Bibelvers - Matthäus 6,12

"Und vergib uns unsere Schuld – so wie wir denen vergeben haben, die an uns schuldig geworden sind."

Ein Anregung

Es ging ein leises Raunen durch die Reihen der christlichen Vertreterinnen und Vertreter an der Interreligiösen Bettagsfeier in St. Gallen, als die Muslime rezitierten:

"Es wird überliefert, dass der Prophet Muhammad (Friede und Segnungen Allahs seien auf ihm) folgendes Gebet gelehrt hat:
'Oh unser Herr, der Du bist im Himmel, verherrlicht sei Dein Name. dein Wille geschieht im Himmel und auf Erden. So wie Deine Gnade im Himmel vorherrscht, so lasse sie auch auf der Erde wirken. Vergib uns unsere Sünden sowie unsere Übertretungen. Du bist der Herr der Reinen. Sende Deine Gnade herab aus Deinen mannigfaltigen Gnaden, und sende Deine Heilung aus Deiner Fülle zur Heilung dieser Krankheit.'" 

Unter den anwesenden Christinnen und Christen wurde sofort die Nähe zum Vaterunser wahrgenommen. 

Überliefert wurde diese islamische Gebet von Abu Dawud (817-888). Es findet sich nicht im Koran, sondern gehört zu den Hadithen, den Überlieferungen von Aussprüchen des Propheten Mohammed. Manche Muslime verwerfen dieses Gebet, weil die Überlieferungskette "schwach" sei. 

Unter Christen geht man oft vorschnell davon aus, dass Mohammed dieses Gebet von Jesus übernommen und dann abgewandelt habe. Wahrscheinlicher ist, dass das überlieferte islamische Gebet auf jüdischen Texten (İsrâîliyyât) basiert, die Mohammed selbst als religiöse Quelle empfohlen hat. Auf diese Sammlung bezogen sich auch viele jüdisch-christliche Traditionen. 

Ich kann mir vorstellen, dass sich sowohl die Christen (oder Jesus), wie auch die Muslime (oder Mohammed) auf ein jüdisches Gebet bezogen haben, das dann bei den Christen (bei Jesus) zum "Vaterunser" wurde, und bei den Muslimen zum oben abgedruckten Gebet um Heilung. 

In allen drei Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, sind die Gebet nicht unabänderlich, sondern werden aufgenommen, abgewandelt, den Umständen angepasst und so zu neuen Gebeten. 

Wie würdest du das Vaterunser mit deinen Worten weiterbeten?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde