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Freitag, 22. November 2024

Der bärtige Jesus am Baldachin

Ein Zitat

Trinitarische Gottesdarstellung am Baldachin der St. Martinskirche in Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Wer Gott in Jesus Christus nicht findet, der findet ihn nimmermehr, er suche ihn, wo er wolle." Martin Luther (1483-1546)

Ein Bibelvers - Johannes 10,30

Jesus: "Ich und der Vater sind eins."

Eine Anregung

Die römisch-katholische Kirche St. Martin in Olten hat mehr Sitzplätze als die St. Ursenkathedrale in Solothurn, ist aber erst gut 120 Jahre alt. Nach langer Zeit besuchte ich wieder einmal das Innere der zweitürmigen, neuromanischen Pfarrkirche. Vor dem Chor findet sich ein grosser steinerner Baldachin. Oben an diesem Baldachin befindet sich dieser auf dem Foto zu sehende bärtige Kerl.

So auf den ersten Blick hätte ich gesagt, dass hier Gott im Himmel dargestellt wird, so wie ihn sich Kinder vorstellen; wallendes graues Haar mit langem Bart. Doch da stehen links und rechts die Buchstaben "IC" und "XC", also das Christogramm. Ist da jetzt Christus gemeint, oder ist es Gott? Oder soll das gar nicht so genau unterschieden werden, so im Sinn: "Ich [Christus] und der Vater [Gott] sind eins"?

Auch den Heilige Geist mache ich aus. Er wird uns als Taube, die vom Himmel kommt, auf einem Teller präsentiert. Damit, und mit dem Dreieck hinter dem Bärtigen sind die Kennzeichen der Trinität vollständig versammelt. Hinzu kommt noch das Pax-Christi-Symbol und zwei Friedenstauben mit Ölzweigen im Mund. Eine Anspielung auch an die Taube, die Noah die Hoffnung über den Wassern der Sintflut zurückbrachte. Wasser gibt es auch auf diesem bildlichen Potpourri.

Mir stellt sich einmal mehr die Frage, wie ich mir Gott, Christus, den heiligen Geist und die Trinität vorstellen soll. Auf diese Weise jedenfalls nicht. Zu sehr erinnert mich diese Darstellung an Bilder, die ich aus den Blättchen der Kinder-Gottes-Sekte kenne, oder auch von den Zeugen Jehovas. Jehova steht denn auch als Wort im Chor zuoberst an der Kuppel der St. Martinskirche. Dazu vielleicht später noch ein Beitrag in diesem Blog.

Wie stellst du dir Gott vor?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 3. Mai 2022

Das verbotene Symbol an der Wegkapelle

Ein Zitat

Trifrons am 1760 entstandenen Bildstock bei Someo im Tessin
Foto © Jörg Niederer
"Was also unsere Frage betrifft, so wollen wir glauben, dass der Vater, Sohn und Heilige Geist der eine Gott ist, der Schöpfer und Lenker des geschaffenen Alls, dass der Vater nicht der Sohn ist, und dass der Heilige Geist nicht der Vater oder der Sohn ist, sondern dass es ist die Dreieinigkeit der aufeinander bezogenen Personen und die Einheit des gleichen Wesens." Augustinus (354-430 n.Chr.)

Ein Bibelvers - 2. Korinther 13,13

"Ich wünsche euch allen die Gnade, die der Herr Jesus Christus gewährt. Ich wünsche euch die Liebe, die Gott schenkt, und die Gemeinschaft, die der Heilige Geist bewirkt."

Ein Anregung

Bei Someo im Maggiatal, auf der anderen Seite der über 300 Meter langen Hängebrücke, kommt man dem Flussverlauf folgend nach kurzer Zeit zu einem Bildstock aus dem Jahr 1760, auf dem das auf der Fotografie abgebildete Dreigesicht als Symbol der Trinität Gottes zu sehen ist. Diese skurrile Darstellungsform gibt es auch mit drei Gesichtern, die in die selbe Richtung schauen und sich 4 Augen teilen. Doch ein solches "vultus trifrons" (dreistirniges Antlitze) war zum Zeitpunkt, als die Künstlerin oder der Künstler es malte, bereits seit 130 Jahren verboten. Papst Urban VIII. untersagte eine solche Wiedergabe der Trinität als unwürdig, und auch Papst Benedikt XIV. missbilligte sie.

Das Verbot überrascht nicht. Die ersten solchen Abbildungen zeigen nämlich die uns heute als Shiva bekannte Gottheit, abgebildet auf einer kleinen Tontafel aus der Ausgrabungsstätte Mohenjo-daro (3250-2750 vor Christus) im Industal. In Reims in Deutschland wurde die älteste in Europa gefundene solche Darstellung gefunden. Auf einem 40 cm grossen Opferstein, der ins Jahr 44 n. Chr. datiert wird, findet sich eine gallo-römische Variante. In dieser Zeit standen Gottheiten aus dem afrikanischen und indischen Raum bei den Römern hoch im Kurs. In der christlichen Kultur tauchte diese Darstellung ab ca. 200 n. Chr. als Bildnis des Teufels auf, der die Trinität Gottes nachzuäffen versucht. 

Die Übertragung einer Symbolik von einer auf eine andere Gottheit ist nicht aussergewöhnlich. Aber dass eine Teufelsdarstellung auf Christus und die Trinität übertragen wird, ging natürlich nicht. Die Verwechslungsgefahr war viel zu gross. Es war, als würde ein verkehrtes Kreuz nicht nur für die Ablehnung des christlichen Glaubens, sondern auch für denselben stehen. Genau solches geschah erstmals im 8.-9. Jahrhundert in Nubien. Den Höhepunkt hatte das Dreigesicht als Bild des christlichen Gottes dann zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. 

Was hat also den frommen Künstler, die fromme Künstlerin geritten, als er oder sie dieses längst verbotene Symbol zuoberst am Bildstock als Darstellung des dreieinigen Gottes anbrachte? Wusste er/sie nichts vom päpstlichen Verbot? Kopierte sie/er ein bestehendes Symbol aus der Zeit, als es noch erlaubt war? Hatte er/sie gar böse Absichten, oder war Synkretist, Synkretistin?

Ich weiss es nicht. Für mich ist eine solche Darstellung der Dreieinigkeit / Dreifaltigkeit Gottes einfach nur skurril und seltsam. Aber wie kann man schon die Trinität Gottes darstellen? Wie kann man sie auch so ganz und gar verstehen?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde