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Montag, 31. März 2025

Johannes weiblich?

Ein Zitat

Geschnitzte Abendmahlsszene mit weiblich wirkender Person rechts neben Jesus.
Foto © Jörg Niederer
"Nichts kann geliebt oder gehasst werden, wenn es nicht zuerst verstanden wird." Leonardo Da Vinci (1452-1519)

Ein Bibelvers - Johannes 13,23

"Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte, lag bei Tisch an der Seite von Jesus."

Eine Anregung

Leonardo Da Vinci war wohl der Erste, der eine Person mit weiblichen Zügen in die Darstellung des letzten Abendmahls einfügte. Das geschah zwischen 1494 und 1497, lange nach dem letzten Abendmahl selbst und nach den darüber vorhandenen ältesten Texten der Bibel. Warum also sollte, wie es der Autor Dan Brown und andere behaupten, Da Vinci mehr wissen? Ich denke eher, dass sich der Renaissance-Maler von den Texten der Bibel inspirieren lies, in denen ein Jesusjünger als "Jünger, den Jesus besonders liebte" bezeichnet wird, in denen also ein besonders inniges Verhältnis von Jesus zu - so nimmt man an - Johannes selbst herausgestrichen wird. Falls Johannes wirklich dieser von Jesus geliebte Jünger war, und das ist nicht ganz sicher, dann entspricht dies einem Selbstzeugnis des Evangelisten. Damit haben wir keine besonders gute und sichere Quellenlage, und es bleiben viele unangenehme Fragen offen, wie z.B.: Rühmt sich Johannes hier selbst als der, welcher von allen Jüngern Jesus am nächsten stand?

Interessant ist auch, dass nach Da Vinci eine grosse Zahl an Künstler:innen seiner Interpretation folgten und folgen, und eine Person, meist diejenige auf den Gemälden rechts neben Jesus, mit weiblichen Zügen darstellen. So auch der Holzbildhauer oder die Holzbildhauerin, welche das von mir fotografierte letzte Abendmahl als Miniatur geschaffen hat. Es steht als Schenkung auf einem Fensterbrett in der methodistischen Kapelle Diepoldsau. Da Vinci war also für die spätere Zeit stilbildend. Seit damals spekuliert man über Frauen an der Seite von Jesus, dichtet ihm sogar eine Maria Magdalena als Ehefrau an.

Ob es nun Maria Magdalena ist, die so an die Seite von Jesus gerückt wird, oder der Jünger, den Jesus liebte, also Johannes mit weiblichen Zügen, ist und bleibt unsicher. Eine Provokation war es auf jeden Fall in einer Zeit, in der Geschlechterrollen eindeutig männlich oder weiblich festgeschrieben waren. Genau das beabsichtigte wohl Leonardo Da Vinci: Er wollte gängige Vorstellungen herausfordern. Selbst heute sind Menschen von einem Mann mit weiblichen Zügen irritiert, genauso wie von einer Frau mit männlichen Zügen. Oder dann wird die männliche Vorherrschaft in Kirchen damit begründet, dass Jesus nur Männer als zwölf Apostel um sich gesammelt habe. Genau dies stellt Da Vinci mit seinem letzten Abendmahl vorsichtig in Frage. Es ist bei ihm nur eine Frauengestalt neben elf männlichen Jüngern. Das ging wohl gerade noch als künstlerische Freiheit durch in jener Zeit. Doch seit dem letzten Abendmahl von Da Vinci und dem Evangelium von Johannes kommt man nicht mehr um eine Frage herum: Was wäre, wenn Jesus einen Jünger mit weiblichen Zügen besonders geliebt hat? Für mich die grösste Herausforderung an dieser Frage ist, ob Jesus wirklich einen Jünger mehr geliebt und bevorzugt hat, vor allen anderen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 22. Dezember 2023

Advent mit Johannes

Ein Zitat

Glasfenster von Hermann Meyer, Ausgeführt von Hans Drenckhahn (1878-1953) in der Reformierten Kirche Degersheim.
Foto © Jörg Niederer
"Die Stille der Heiligen Nacht, die das wohl bekannteste Weihnachtslied besingt – wie verträgt sie sich mit der Weihnachtsbotschaft aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums, das die Menschwerdung, ja Fleischwerdung des göttlichen Wortes ansagt?" Prof. Dr. Eberhard Jüngel (1934-2021). 2009 in der NZZ

Ein Bibelvers - Johannes 1,4+5

"Er, das Wort, war zugleich das Leben in Person. Und das Leben war das Licht für die Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht angenommen."

Eine Anregung

Hast du dir den Evangelienschreiber Johannes so vorgestellt? Dunkle Haut, fast schwarzes Haar! Aber vielleicht ist ja der Täufer Johannes auf dem Glasfenster von Hermann Meyer (1878-1961) in der Reformierten Kirche Degersheim abgebildet. Nun, das Aussehen ist nicht so wichtig, und die dunklen Haare und die braungebrannte Haut passen ja gut zu einem Menschen aus dem Nahen Osten.

Der Evangelienschreiber Johannes hat, wie schon Markus, einen speziellen Zugang zur Geburtsgeschichte von Jesus. Wie bei Markus gibt es sie beim ihm nicht. Dafür spricht er auf ganz eigene Weise von Jesus. Vom Wort Gottes, das von Anfang an war, das alles geschaffen habe, was auf Erden ist, und (so übersetzt die Lutherbibel), dieses Wort wurde Fleisch beziehungsweise diese Wort wurde Mensch (Basisbibel). Aber nicht nur dieses Bild von Jesus wird durch Johannes gezeichnet. Im gleichen Atemzug spricht er auch vom Wort Gottes, von Christus, als vom Licht das in die Finsternis leuchtet.

Auch ohne Maria, Josef, Engel und Jungfrauengeburt gelingt es dem Evangelisten mit den ersten Zeilen seines Evangeliums, das ganz Besondere von Jesus herauszustreichen. Gott wird Mensch, Wort wird Fleisch. Im Leben von Jesus sieht Johannes Gottes Licht in der Dunkelheit aufleuchten. Genau das ist doch die Botschaft von Weihnachten.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen