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Samstag, 5. April 2025

Versöhnung

Ein Zitat

Jugendliche drücken ihre Solidarität über Grenzen hinaus aus an der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung von 1997 in Graz.
Foto © Jörg Niederer
"Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es." Frère Roger (1915-2005)

Ein Bibelvers - 2. Korinther 5,19

"Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt."

Eine Anregung

Mit der bevorstehenden Pensionierung miste ich auch meine Bücherschränke aus. Dabei kam ich gestern zu den Unterlagen der 2. Europäischen Ökumenischen Versammlung (2EÖV), die 1997 im österreichischen Graz stattfand. Ich durfte im Auftrag der Methodistenkirche daran teilnehmen. "Versöhnung" war das Thema. Nebst den intensiven Gesprächen und Begegnungen denke ich gerne an das abschliessende Fest zurück. Es war eine bunte, fröhliche, tiefgreifende Sache. Besonders viele Menschen aus Rumänien fanden sich dazu ein, nachdem die Visapflicht für dieses einstige Ostblockland weggefallen war.

Wenn ich aus Distanz heute zurückschaue, frage ich mich, wie viel von dieser Aufbruchstimmung und der Hoffnung auf Versöhnung geblieben ist. Die Zeit heile alle Wunden, sagt man. Doch ist es nicht auch so, dass die Zeit so manche Zuversicht zunichte machen kann. Überall sehen wir, wie Grenzen wieder aufgerichtet werden. Strafzölle sind das Thema in den Medien. Invasionsgelüste der Grossmächte bedrohen Freund und Feind. Menschen sterben an Kriegsfronten, darunter viele Zivilist:innen. Missbrauch ist das grosse Thema in den Kirchen. Zugleich verlieren die Religionsgemeinschaften in der westlichen Welt immer mehr an Einfluss.

Was ist von der Versöhnung geblieben? So habe ich mir den Neuanfang und die weitere Entwicklung nicht vorgestellt.

Ich glaube, es ist heute nötiger denn je, dass die Menschen des Glaubens zusammenzustehen, um das Wort von der Versöhnung mitten in der Welt zu leben, gegen alle Trends und Entwicklungen. Lassen wir die theologischen Differenzen beiseite. Das braucht niemand in diesen Tagen, in denen wir zur Hoffnung der Welt beitragen müssen, und dies mit aller Kraft und Ausdauer.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 4. Juli 2023

Heroin, Kaffee und Einsamkeit

Ein Zitat

Metapherreiche Strassenszene in Cluj-Napoca, Rumänien.
Foto © Jörg Niederer
"Der Kaffee ist kaputt! ich bin immer noch müde." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Psalm 38,11

"Mein Herz pocht heftig, die Kraft geht mir aus. Sogar mein Augenlicht lässt mich im Stich."

Eine Anregung

Die in Cluj-Napoca entstandene Fotografie bietet einigen Gedankenstoff. Da sitzt eine Frau vor einem Caféhaus, das es nur in Rumänien gibt. Der Name: "Narcoffee Roasters". Auf dem PC der Frau klebt der Satz: "NO SUGAR IN MY COFFEE" (Kein Zucker in meinem Kaffee). Mein erster Gedanke: Wer geht in ein  Café, das sich nach Staaten bezeichnet, die durch Drogenanbau und Verkauf bekannt sind, die sogenannten Narco-Staaten? Und wenn man dann auch noch weiss, dass "Sugar" als anderes Wort für "Heroin" verwendet wird, und dieser Stoff gerne mit einem Gemisch aus Koffein, Mehl und Ascorbinsäure gestreckt wird, fragt man sich schon, warum die junge Frau gerade in einem Café sitzt, das unweigerlich an Drogen denken lässt. 

Klar, Kaffee ist irgendwie auch eine Droge. Und die ist legal. Auch in jenem Strassencafé, das nach eigenen Bekunden vor allem "Kaffee aus der ganzen Welt, frisch geröstet und serviert" anbietet. So steht es in der Selbstbeschreibung des Gasthauses.

Gehen wir gedanklich noch ein Stück weiter. Der Song "No Sugar Tonight" aus dem Jahr 1970 von der Gruppe "The Guess Who" enthält den Satz: "No sugar tonight in my coffee". Im Lied ist es eine Metapher für das Gefühl der Einsamkeit und Leere. Auf dem Foto sitzt die Frau allein da und beschäftigt sich mit ihrem PC. Auch das ist eine Metapher für Einsamkeit und Leere. Die ganze Welt zieht an einem vorbei, doch ich bleibe allein, abgeschottet von der realen Welt durch einen Bildschirm, auf dem vielleicht die Illusion der grossen weiten Welt flimmert.

Es gibt eine aktuellere Coverversion von "No Sugar Tonight": "No Sugar in my Coffee" von der Gruppe "Caught A Ghost". Eine Bluesversion. Bei Bluesmusik sind Einsamkeit und Leere immer auch Programm. Doch in diesem Text stehen auch so Sätze wie "du kannst die Linien in dein Gesicht zeichnen". Linien, da denke ich unweigerlich wieder an Drogen. Und noch etwas fällt mir in dieser Version auf. Da taucht "der Herr" auf, also wohl Gott. Und an einer Stelle wird dazu aufgefordert, die Hände hochzuhalten. Das erinnert mit an Kirche, aber auch an Polizeieinsätze im Drogenmilieu. Viel Stoff also, für ein kleines Bild einer Kaffeeszene in Rumänien.

Bleiben noch die Fragen: Wie geht es dir mit der Einsamkeit? Betäubst du Leere mit Drogen? Ist dir Gott eine Hilfe auf deinem Weg? Ich bin auch gerne bereit, mit dir darüber zu sprechen. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 2. Juli 2023

Strahlende Gesichter, motivierende Zusammenarbeit

Ein Zitat

Der Superintendent der Methodistenkirche von Rumänien, Rares Calugar mit einem Bild als Geschenk an den scheidenden Bischof Patrick Streiff.
Foto © Jörg Niederer
"Lieber Patrick, wir werden nie vergessen, was du zu uns gesagt hast, als du zum ersten Mal da warst: 'Ihr seid schon Methodisten, ihr wisst es nur noch nicht'." Superintendent Rares Calugar zu Bischof Patrick Streiff an der Exekutivtagung der methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa in Cluj-Napoca, Rumänien.

Ein Bibelvers - Psalm 9,3

"Ich will mich freuen und über dich jubeln. Ich will deinen Namen preisen, du Höchster."

Eine Anregung

Die Evangelisch-methodistische Kirche in Rumänien gibt es noch nicht lange. Genauer gesagt ungefähr 12 Jahre. Ihre Anfänge gehen aber weiter zurück, in die Zeit nach der Wende, als ein amerikanisches Missionarsehepaar im Land zu Wirken begann. Der heutige Superintendent Rares Calugar erzählte mir von diesem Mann. Er habe ihnen viele methodistische Werte und Theologie vermittelt, ohne aber je zu sagen, woher er diese habe. Die junge Kirche wuchs, und irgendeinmal wandten sich die Verantwortlichen an den methodistischen Bischof Patrick Streiff. Es ging darum, sich einer grösseren Kirche anzuschliessen, um missionarisch und diakonisch weitreichender wirken zu können. Bei diesem Treffen fiel dann der oben erwähnte Satz von Patrick Streiff: "Ihr seid schon Methodisten, ihr wisst es nur noch nicht!"

In der Tat weist die Methodistenkirche in Rumänien viele typische Anzeichen dieser Kirchenfamilie auf: Ein tiefgehender Glaubensvollzug; Gemeinschaft, die Mut macht; Einsatz für marginalisierte Menschen und solche in anderen Notlagen; Professionalität in der Begleitung von Betroffenen. Eine Psychologin, die heute Menschen für die Traumabegleitung an Kriegsbetroffenen aus der Ukraine ausbildet, erzählte am gestrigen Abend, wie sie zu dieser Kirche fand. Sie beobachtet einen Mann, wie er mit Kindern Fussball spielte. Als sich dieser als Pfarrer zu erkennen gab, konnte sie es kaum glauben. Das habe sie überzeugt, sich stärker in dieser Kirche zu engagieren. 

Heute lebt man das Kirchesein in drei Gemeinden an drei Orten. Darunter ist auch eine Roma-Gemeinde. Gesorgt wird weiter für ukrainische Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Viel Wert wird auf Ausbildung und Freizeitgestaltung gelegt. Das Hotel Hanul Fullton in Cluj-Napoca ist ein Zentrum geworden für befreundete NGOs. Rares Calugar bezeichnet sich denn auch auf Facebook als "Pastor und NGO-Manager". Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter strahlen eine Lebens- und Glaubensfreude aus, die einfach überzeugt. Bald werde ich in diesem Hotel am Gottesdienst der methodistischen Gemeinde teilnehmen dürfen. Wenn so inbrünstig gesungen wird, wie gestern erlebt im Rahmen der Exekutivtagung der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa beim Lied "Du grosser Gott", dann wird das ein ganz besonderer Sonntagsmoment. Ich freue mich darauf und über diese bemerkenswerte, engagierte Kirche in Rumänien.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 1. Juli 2023

Erlebte Gastfreundschaft in Rumänien

 in Zitat

Die Delegierten der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz-Exekutive von Mittel- und Südeuropa am Tagungsort im rumänischen Cluj-Napoca.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist selten, dass man im Guten auseinandergeht. Denn wenn man im Guten ist, geht man nicht auseinander." Marcel Proust (1871-1922)

Ein Bibelvers - Micha 6,8

"Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: das Rechte tun, Nachsicht mit anderen haben und bewusst den Weg mit deinem Gott gehen."

Eine Anregung

Die Exekutive der Evangelisch-methodistischen Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa trifft sich aktuell im rumänischen Cluj-Napoca. Die Teilnehmenden kommen aus sechs Jährlichen Konferenzen und 8 Ländern. Per Video wurden zudem die Vertreterinnen aus der Tschechischen Republik zugeschaltet.

Die Tagung findet im Hotel Hanul Fullton statt, ein Haus, das von der dortigen Evangelisch-methodistischen Kirche betrieben wird. Es ist ein kirchliches Zentrum für verschiedene Kirchentraditionen, aber auch einige NGOs unterhalten ihre Büros von dort aus. Die rumänische Methodistenkirche ist vor 35 Jahren aus einer amerikanischen Missionsarbeit entstanden und gehört seit 12 Jahren zur Evangelisch-methodistischen Kirche. Es gibt drei Gemeinden und einige diakonische Einrichtungen. Superintendent Rares Calugar leitet die Arbeit im Land und richtet mit der örtlichen Gemeinde auch diese Tagung aus.

Unter der Leitung von Bischof Patrick Streiff und seit vergangenem Donnerstag von Bischof Stefan Zürcher geht es an der Tagung vor allem um eine hilfreiche und gute Arbeitsweise und die Themensetzung der kommenden Jahre. Dies umso mehr, als die Exekutive in neuer Zusammensetzung tagt. Für diesen Teil wurde der Mediationsberater Dr. Matthias Bruhn hinzugezogen, der auch schon früher die Kirche hilfreich in Fragen der Ausrichtung begleitete.

Daneben gibt es aber auch weitere Themen. So will die Jährliche Konferenz Tschechien in geordneter Weise aus der Evangelisch-methodistischen Kirche austreten und eine autonome Kirche werden. Grund ist eine andere Sichtweise in Fragen der menschlichen Sexualität und des Eheverständnisses in einem Teil der weltweiten Kirche. Zwar hat die vergangene Zentralkonferenz 2022 in Basel die Möglichkeit geschaffen, als Kirche im lokalen Kontext wie bisher bei einer restriktiven Haltung zu bleiben. Aber sie hat eben auch die Möglichkeit für Regionen, Ländern und Jährlichen Konferenzen eröffnet, eine liberalere Praxis einzuführen. Die Konferenz von Tschechien kann sich nicht vorstellen, in einer Kirche zu bleiben, in der beide Ausrichtungen Platz finden. Der Prozess einer ordentlichen Trennung dauert lange, so vier bis sechs Jahre.

Weiter stimmen die Delegierten über die Revision der Kirchenordnung ab und über eine leicht abgeänderte Formulierung der Taufbekenntnisfragen.

Was schon jetzt gesagt werden kann: Die Stimmung an der Tagung ist gelöst und geprägt von vielen guten Gesprächen. Das kann wohl auch aus den Gesichtern der Exekutivmitglieder auf dem Foto herausgelesen werden.

Die rumänischen Methodistenkirche verdient ein grosses Dankeschön für die hervorragende Ausrichtung dieser Exekutivsitzung.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Dienstag, 19. Oktober 2021

Ein Türkenfreund verteidigt die Reformation in Ungarn

Ein Zitat

Der reformierte Fürst István Bocskai ist Teil des Reformationsdenkmals in Genf
Foto © Jörg Niederer
"Die Unabhängigkeit unseres Glaubens, unsere Gewissensfreiheit und unsere alten Gesetze sind für uns wertvoller als Gold." István Bocskai 1606 in Košice

Ein Bibelvers - 1. Samuel 22,1+2

"David ging von dort weg nach Adullam und brachte sich in einer Höhle in Sicherheit. Als seine Brüder und alle Verwandten davon hörten, kamen sie zu ihm. Auch andere schlossen sich ihm an: Leute, die verfolgt wurden, die Schulden hatten oder die mit ihrem Leben unzufrieden waren. Er wurde ihr Anführer, bei ihm waren etwa 400 Mann."

Ein Anregung

Wiener Konferenzen gab es mehr als eine. Für die Reformation war die von 1606 und ein daran beteiligter siebenbürgischer Fürst wesentlich. Und weil ich in diesen Tagen nach Rumänien reisen sollte, nun aber aus Pandemiegründen nach Ungarn reisen werde, nehme ich diesen Wegbereiter der Reformation in Siebenbürgen und Ungarn, István Bocskai (1557-1606), genauer in Augenschein. An der Reformationswand in Genf steht er ganz rechts in orientalischer Tracht mit dem Krummschwert auf seinem Sockel. 

Bocskai (Ausgesprochen Botschkai) war ein Siebenbürgischer Fürst, aufgewachsen am habsburgischen Hof, von dem er sich später endtäuscht abwandte und sich dem ungarischen Aufstand gegen die Habsburger anschloss. Dieser Aufstand richtete sich gegen den Wiener Zentralismus und die Gegenreformation.

In Siebenbürgen wurde er von den dort ansässigen Ungarn zum Fürsten von Siebenbürgen gewählt. Auch die Siebenbürger Sachsen anerkannten seine Führung. Speziell: Der reformierte Fürst erhielt von Sultan Achmet I. das eroberte Königreich Ungarn als Lehen. 

Dies war an der Wiener Friedenskonferenz dann ein Glück für den Protestantismus in Ungarn. Der "Frieden von Wien vom 23. Juni 1606 war ein Friedensschluss zwischen dem ungarischen Adligen Stephan Bocskai, Fürst von Siebenbürgen, und dem habsburgischen späteren römisch-deutschen Kaiser, dem damaligen Erzherzog Matthias von Österreich. Er beendete den von Bocskai angeführten anti-habsburgischen Aufstand in Oberungarn 1605–1606." 

In diesem Vertrag wurde den calvinistischen und lutherischen Ungarn in Oberungarn und Siebenbürgen die Religionsfreiheit zugestanden. Bocskai wurde als Fürst anerkannt.

Bocskai selbst hatte von diesem Frieden aber nicht mehr viel. Er wurde kein halbes Jahr später vermutlich vergiftet.

Auch das ist eine Sache, die am Reformationsdenkmal augenfällig ist. Der evangelische Glaube wurde auch militärisch durchgesetzt. Und das nicht nur mit sauberen Mitteln. So setzte Bocskai bei seinen Feldzügen auch die Hajducken ein, bandenmäßig organisierte Gesetzlose, Wegelagerer, Plünderer und Freischärler. Auf politischer Ebene nutzte er opportunistisch die Kontakte zu den muslimischen (ungläubigen) Türken, um seine Ziele durchzusetzten.

Beim Reformationsdenkmal in Genf finden sich neben der Statue Bocskais die ersten Zeilen des Wiener Friedensvertrags von 1606. 

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde