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Samstag, 23. August 2025

Bild mit Unterbrüchen

Ein Zitat

Mural von Amed an der Rückseite eines Hauses in Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Welch wunderbarer Lärm schalt herauf aus dem Park. Es ist das Lied der Kinder, und es erklingt bis in die Nacht." Neal Diamond: "Beautiful Noise"

Ein Bibelvers - Ezechiel 1,24

"Ich hörte das Rauschen ihrer Flügel: Wenn sie sich bewegten, rauschten ihre Flügel wie gewaltige Wassermassen, wie die Stimme des Allmächtigen. Es war so laut wie in einer Menschenmenge, wie der Lärm in einem Heerlager. Wenn die Wesen standen, ließen sie ihre Flügel sinken."

Eine Anregung

Ich habe sie noch nicht alle gesehen, die Graffiti im öffentlichen Raum von Frauenfeld. Das fotografierte Mural von Amed liegt auf meinem Heimweg, und doch habe ich es erst gestern entdeckt. Die von zwei Fensterreihen unterbrochene Wand führt zu einem lückenhaften Bild. Das ganze Gemälde ist nur denkend zu erahnen. Wobei der Ausschnitt zwischen den Fenstern mit dem lachenden Kindergesicht auch für sich allein stehen könnte.

Es gehört zu unseren Fähigkeiten, die Zusammenhänge über Lücken hinweg zu erkennen. Der Junge oder das Mädchen hält je einen Trommelstock in seinen oder ihren Händen. Die Trommel findet sich unten im Bild, links neben dem Quietscheentchen. Auf ihr wiederholt sich die runde, orange Sonne die den Himmel dominiert. Das Entchen trägt Krönchen.

Ein Bild voller Freude. Und weil ich die Lücken im Bild selbst mit meiner Fantasie auffüllen muss, springt die Freude auf mich über. Ich werde selbst Teil des Bildes.

Habe ich früher als Kind getrommelt? Mein Vater wollte uns keine dieser Kindertrommeln kaufen. Er dachte wohl an die Nachbarn und an den Lärm und ein wenig auch an sich selbst. Wir haben dann halt mit den Kochtöpfen herumgelärmt.

Es gibt also fröhlichen Lärm. Das wusste auch Neal Diamond, und sang das Lied "Beautiful Noise". Da heisst es in einer Strophe: "What a beautiful noise / Comin' up from the park / It's the song of the kids / And it plays until dark"

Heute will ich mich nach diesem erfreulichen Lärm umhören. Die Chancen stehen gut, komme ich doch an einem beliebten Spielplatz vorbei, dort, wo ich selbst schon als Kind herumgelärmt habe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 31. Oktober 2024

Drei Hände

Ein Zitat

Ikone der Gottesmutter mit den drei Händen. Kopie, "geschrieben" von Hedi Fussenegger.
Foto © Jörg Niederer
"Wie Jesus durch Maria das Menschliche lernt, so lernt Maria durch ihren Sohn das Göttliche... Wir werden, was wir schauen." Peter Dyckhoff

Ein Bibelvers - Lukas 22,50+51

"Und einer von ihnen schlug nach einem der Männer, die dem Hohepriester unterstanden. Er hieb ihm das rechte Ohr ab. Aber Jesus sagte: 'Hört auf damit!' Er berührte das Ohr und heilte den Mann."

Eine Anregung

Ikonen werden geschrieben, nicht einfach so hingemalt. Das gilt auch für die Kopie der "Panagia Tricherusa", der Gottesmutter mit den drei Händen von Hedi Fussenegger, die im Verlauf eines Ikonen-Malkurses in St. Gallen entstanden ist. Das Original befindet sich heute im serbisch-orthodoxen Kloster Hilandar auf dem Berg Athos in Griechenland. Es ist eine der wichtigsten serbisch-orthodoxen Ikonen. 

Ursprünglich war die dritte Hand eine Votivgabe. Sie ist unten links auf dem originalen Heiligenbild befestigt.

Der Legende nach zugeschrieben wurde die Ikone und die dritte Hand dem heiligen Johannes von Damaskus (650-754). In der Folge des Bilderstreit soll ihm als Verteidiger der Ikonen von einem Kalifen oder bilderfeindlichen (ikonoklastischen) Kaiser die rechte Hand abgehackt worden sein. Bei der Meditation vor dem Ikonenbild der Gottesmutter sei sie ihm wieder nachgewachsen. Auf dieses Geschehen verweist die dritte Hand auf der Ikone.

Interessant finde ich auch eine weitere Legende zur Panagia Tricherusa. Im Kloster Hilandar soll die Ikone auf wundersame Weise immer wieder von ihrem Platz auf dem Altar auf den Stuhl des Abts gewandert sein, bis sie von den Mönchen als Abt anerkannt wurde. Noch heute gibt es in diesem Kloster keinen (anderen) Abt.

Auch ein anderer Heiliger wird mit drei Händen dargestellt: Der heilige Kasimir (1458-1484), dessen Reliquien im Dom von Vilnius zu finden sind. Die eine seiner zwei rechten Hände wollte der Künstler einst übermalen. Doch sie sei immer wieder von neuem sichtbar geworden, und konnte auch in der Folge nicht überdeckt werden. Heute steht seine dritte Hand symbolisch für die Grossherzigkeit des gerechten Heiligen.

Ich habe mich auch wieder an ein Mural des Streetart-Künstler "Dome" erinnert, das ich fast jeden Tag beim Überqueren des Frauenfelder Bahnhofsplatzes betrachten kann (Siehe Beitrag vom 11. August 2023!). Dort stellt der Künstler ein doppeltes Mädchen mit überzähligem Arm dar. Vielleicht ist dieser dritte Arm nicht nur eine Anspielung auf durch künstliche Intelligenz erzeugte überzählige Elemente auf gefälschten Bildern, sondern auch eine Hinweis auf die "Panagia Tricherusa", die dreihändige Muttergottes. So gesehen hätte der Künstler mit seinem Mural der Frauenfelder Bevölkerung ein eigenwillig interpretiertes religiöses Fresko untergejubelt, in einer Zeit, in der Christliches immer mehr aus dem öffentlichen Raum verschwindet.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 6. September 2024

Gedankenspiralen

Ein Zitat

Ausgetrocknetes Blatt einer Karde im Botanischen Garten Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Bild ist weit nützlicher als tausend Worte." Sprichwort aus China

Ein Bibelvers - Psalm 27,11

"Du sollst dir kein Bild von Gott machen! Nichts, was im Himmel und auf der Erde ist und im Wasser unter der Erde, kann ihn darstellen."

Eine Anregung

Das Blatt einer Karde hat sich bei Austrocknen entlang der stachelbewehrten Mittelrippe zu einer Spirale aufgerollt. Die Seitenrippen sehen aus wie die Segmente eines Schneckenhauses. Brauntöne überwiegen. 

Warum sich diese spezielle Form des verwelkten Blatts gebildet hat, lässt sich sicherlich biologisch, anatomisch und physikalisch erklären. Mir erscheint das Ergebnis wohlgeformt und harmonisch. Es tut meinen Sinnen gut. Das hat auch damit zu tun, dass diese Spiralform sich nach den Gesetzmässigkeiten der Fibonacci-Folge gebildet hat. Unter den Fibonacci-Zahlen versteht man eine unendliche Abfolge von Zahlen, bei der jede Zahl aus der Summe der zwei vorhergehenden Zahlen entsteht (1,1,2,3,5,8,13,21,34,55...). Diese Zahlen kann man als Spirale darstellen. Das könnte zwar in Worten beschrieben werden, aber am einfachsten ist es, du schaust es dir auf der folgenden Internetseite selbst einmal an.

Damit komme ich zu meinem Hauptpunkt: Kann etwas Schönes so beschrieben werden, dass es seine Schönheit behält oder sie gar in besonderer Weise erfahrbar macht? Hinkt die Sprache nicht immer der ästhetischen Wirklichkeit hinterher?

Stell dir vor, du müsstest dieses Bild vom Kardenblatt einer seit Geburt blinden Person erklären. Was würde sie sich dann aufgrund deiner Worte wohl für ein Bild machen? Wäre es das gleiche Bild, das du siehst? Wohl eher nicht.

Genau so ist es mit der Interpretation von biblischen Texten. Die meisten von uns lesen dabei Übersetzungen der Ursprache. Schon das ist eine Interpretation des Urtextes. Dann legen wir diese Worte wohl immer wieder unterschiedlich (zu einem Bild) aus, je nach unserem Verstehens- und Erfahrungshorizont. Wir mögen uns einig sein in manchen groben Grundzügen von biblischen Kernaussagen. Doch je weiter wir ins Detail gehen, desto unterschiedlicher werden unsere Wahrnehmungen. Wahr-nehmung ist es dann zwar für den einzelnen, aber für eine andere Person ist daran etwas anderes "wahr". Aus diesem Grund können wir uns nur gemeinsam der ganzen Wahrheit annähern, ohne dass wir davon ausgehen können, dass wir uns beim Betrachten der biblischen Texte je einmal alle auf ein einziges gemeinsames Bild davon einigen werden.

Den Menschen, die in der Bibel vorkommen, war dies durchaus schon lange bewusst. Das lässt sich besonders gut beobachten anhand der Aussagen über das Bilderverbot (siehe Bibelvers oben!). Gott ist mit nichts vergleichbar, was wir sehen und benennen könnten. Wir sind wie Blinde, die sich aufgrund von Worten ihr eigenes Bild machen. Aber keines der Gedankenbilder kommt der Wirklichkeit näher als unbedingt nötig. Bei Gott stehen wir buchstäblich an. Darum sollen wir uns eben kein Bild von Gott machen. Wir müssen uns in Geduld üben. Denn Gott ist auch nicht der Durchschnitt aller menschlichen Sichtweisen. Gott ist anders, als ich ihn mir vorstelle.

Wenn ich es dann so versuche, und mit der Bibel sage, dass Gott Liebe ist, würde ich damit schon die nächste Diskussion auslösen: Was nämlich Liebe ist.

Was ist also Liebe? Ich jedenfalls liebe dieses Bild vom Kardenblatt, das sich zu einer Spirale aufgerollt hat.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 18. Dezember 2023

Künstler und Bettler

Ein Zitat

Bild 'Strassenmusiker mit Klarinette und Hund' aus dem Jahr 1992 von Kurt Metzler.
Foto © Jörg Niederer
"Bettler können nicht wählerisch sein." Sprichwort

Ein Bibelvers - Lukas 16,20+21

"Aber vor dem Tor seines Hauses lag ein armer Mann, der Lazarus hiess. Sein Körper war voller Geschwüre. Er wollte seinen Hunger mit den Resten vom Tisch des Reichen stillen. Aber es kamen nur die Hunde und leckten an seinen Geschwüren."

Eine Anregung

Gestern besuchte ich meine Mutter im Altersheim. An den Wänden ihres Zimmers hängen fast nur Bilder vom einstigen Zeichnungslehrer an der Kantonsschule Heerbrugg, dem Kunstmaler Kurt Metzler (1928-1998). Nebst Landschaftsbildern gefielen ihm die Appenzeller Originale, die er in karikaturistischer Weise zu Papier brachte. Auch hat er den Appenzeller Witzweg illustriert. Ob das aber heute noch ersichtlich ist, weiss ich nicht, da dieser Weg aktuell neu gestaltet wird.

Seine Frau Nelly war die Gotte meines verstorbenen Bruders. Ich erinnere mich, wie ich an der Konfirmation dieses Bruder enttäuscht war, dass nur die Patentante in der Kirche und an der anschliessenden Familienfeier teilnahm. Kurt Metzler verabschiedete sich gleich zu Beginn. Kirche sei nicht so seine Sache.

Beim Bild vom Strassenmusiker mit der Klarinette muss ich jeweils an Polo Hofer denken. Logisch ist das nicht, aber es ist halt so. Der Hund gehört ja irgendwie zu den Randständigen, und dieser auf dem Bild ist doch allerliebst, wie er da mit trauriger Miene die Spendenfreudigkeit der Passantinnen ankurbelt. Hunde sind auf vielen Bildern von Metzler zu entdecken. Wen wunderts, sind doch bei zweibeinigen Appenzellern die vierbeinigen nicht wegzudenken. "Höndli" werden sie genannt, manche davon wahre Wadenbeisser.

Dieser Tage stellen wieder viele Hilfswerke und originale Persönlichkeiten ihre virtuellen und realen Hüte aufs Tapet, um den einen oder anderen Franken abzugreifen. Da frage ich doch einmal: Wie gross ist dein Spenderinnen- oder Spenderherz? Welche Ausmasse nimmt es jeweils in der Advents- und Weihnachtzeit an? Bleibt noch etwas vom 13. Monatslohn für dich und deine Lieben übrig, oder verschwindet alles im Sack deines Nächsten?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 31. Oktober 2023

Erinnerung

Ein Zitat

Sammelsurium in einem Wintergarten in Diessenhofen.
Foto © Jörg Niederer
"Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch." Franz Grillparzer (1791-1872)

Ein Bibelvers - Johannes 14,26

"Der Vater wird euch in meinem Namen den Beistand senden: den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich selbst euch gesagt habe."

Eine Anregung

In einem Altstadthaus von Diessenhofen sehe ich durch ein vergittertes Fenster auf ein Sammelsurium. Da hat es viele Bilder in Rahmen, aber auch eine Schaufensterpuppe mit den typischen Playboy-Hasenohren. Ich entdecke eine Tischuhr, einen Globus und eine grosse Schnecken-Meeresmuschel. Da steht ein Delfter Porzellankrug neben Messingkerzenständer. Es gibt Blech-Spielzeugautos, eine Stehlampe und einen auffälligen rosafarbenen Kübel, der so gar nicht zu den antiken Möbel passt. Ja auch Weihnachten steht bereit, in Form von Krippenfiguren. In einem Wintergarten, wo üblicherweise Lebendiges die Sonne geniesst, findet sich konservierte Vergangenheit.

Erinnerungen. In gut einem Monat werden wir uns an die Verstorbenen des vergangenen Jahres erinnern. Menschen, so einmalig und liebeswert wie diese versammelten Altertümer. Vielleicht haben wir von ihnen Bilder geerbt, Möbelstücke.

Wenn ich aktuell meine Mutter im Altersheim besuche, nehme ich manchmal die Kartonschachteln hervor, in denen alte Fotos abgelegt sind, und schaue mir die Bilder an. Ich beschreibe was ich sehe meiner Mutter, da sie die oft kleinen Abzüge mit ihren schlechtgewordenen Augen nicht mehr erkennen kann. Dann schwelgen wir in Erinnerung. Sich erinnern kann heilsam sein, aber auch aufwühlend. Je nach dem, ob es schöne oder hässliche Memoiren sind.

Bei diesen Betrachtungen von Vergangenem habe ich einiges gelernt über mich und meine Geschichte. Genau so kann ich aus den alten Texten der Bibel, aus den Bildern, welche da gezeichnete werden, einiges lernen über das Leben und das Sein. Ich finde, es lohnt sich, in biblischen und anderen Erinnerungen zu schwelgen.

Guter Gott, im Lauf meines Lebens haben sich allerlei Erinnerungsstücke angesammelt. Sie hängen an den Wänden oder warten in Schubladen und zwischen Albendeckeln auf die Wiederentdeckung. Wenn ich hinschaue, sehe ich in Gesichter von Menschen, die längst schon gegangen sind. Ich danke dir für den Segen, den sie mir gewesen sind. Woran werden sich die erinnern, die mich heute kennen? Leite du mich in allen Dingen, führe mich zu den Menschen, denen ich zu guten Erinnerungen werden darf. Amen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen 

Mittwoch, 13. September 2023

Fotografinnen und Fotografen im Visier

Ein Zitat

Fotos von Fotografinnen und Fotografen, welche Franz Hohler fotografieren. Zu sehen auf der Empore der Stadtkirche Olten.
Foto © Jörg Niederer
"Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre." Robert Bresson (1901-1999), Filmregisseur

Ein Bibelvers - 2. Mose 20,4

"Du sollst dir kein Bild von Gott machen! Nichts, was im Himmel und auf der Erde ist und im Wasser unter der Erde, kann ihn darstellen."

Eine Anregung

Es gehört zu den Highlights, wenn eine Profi-Fotografin oder ein Profi-Fotograf einen prominenten Zeitgenossen ablichten darf. Kein Wunder, dass daher bei jedem Interview mit Franz Hohler ein neues Bild aus der Hand einer Foto-Meisterin oder eines Foto-Meisters entstand ist. Doch Franz Hohler kehrte den Spiess jeweils um und fotografierte nun seinerseits Fotografin oder Fotografen dabei, wie sie ihn gerade ablichten. Anlässlich seines 80. Geburtstags sind diese Aufnahmen ausgestellt, und zwar auf der Empore der christkatholischen Stadtkirche Olten.

Ich war da, und defilierte an diesen knieenden, stehenden, sitzenden, auf Tische kletternden Fotografinnen und Fotografen vorbei. Dabei kam ich mir wohl mehr noch als Franz Hohler ins Visier genommen vor. Seine Aufnahmen geschahen ja seriell, doch ich sah sie in der Ausstellung alle zusammen auf einmal. Paparazzi im Quadrat bzw. Rechteck vieler Fotografien. Was aber bedeutet es, wenn ich das Foto eines fotografischen Prozesses abfotografiere? Was wird durch mein Bild mehr gesagt, als nicht durch vorliegende Bildsprache schon gesagt wäre?

"Du sollst dir kein Bildnis machen", steht in der Bibel. Franz Hohler hat es jeweils freundlicher gesagt: Es gäbe schon genug geeignete Fotos von ihm. Es brauche wohl nicht noch eines mehr. Und doch haben sie alle fotografiert, was die Kamera hergab. Manche dieser Fotos werden irgendeinmal in nachhohlerschen Zukunft zu Kunst-Ikonen. Dank Franz Hohler ist sogar der Moment der Entstehung dieser Werke festgehalten.

Ich stelle mir vor, wie das gewesen wäre bei der Erschaffung der Welt. Es kommt der Moment, wo Gott dem Menschen den Atem einhaucht, und dieser zu leben beginnt. Das Erste, was der neugeschaffene Erdling tut: er greift zur Kamera (die ist halt einfach da) und fotografiert Gott, wie er gerade Leben schenkt. Das wäre ein unglaubliches Bild. Dabei würde ein Werk entstehen, bei dem der Prozess des Lebendigwerdens bildlich erstarrt, just in dem Moment, als das "Abbild Gottes" (der Mensch) laufen und knipsen lernte. Oder anders gesagt: Der Mensch lässt Leben zu einem Bild erstarren. Gott aber kann das Bild zum Leben erwecken.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 9. September 2023

Heftiger Wind

Ein Zitat

Bild der Kreuzigung Jesu bei heftigem Wind. Das Werk von Louis Rivier befindet sich im Bischöfliches Ordinariat St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen." Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Ein Bibelvers - Römer 8,32

"Er [Gott] hat ja seinen eigenen Sohn nicht verschont. Vielmehr hat er ihn für uns alle in den Tod gegeben. Wenn er uns aber seinen Sohn geschenkt hat, wird er uns dann nicht auch alles andere schenken?"

Eine Anregung

Immer wenn ich zu einer ökumenischen Sitzung ins Bischöfliche Ordinariat St. Gallen gehe, komme ich an diesem Bild von der Kreuzigung Jesu vorbei. Es ist noch nicht sehr alt. Es wurde 1948 von Louis Rivier (1885–1963) geschaffen. Rivier gilt als bedeutender Vertreter der Westschweizer Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was mir bei der Betrachtung auffällt: Es weht ein heftiger Wind über Golgotha. Blätter und Ästchen von Bäumen werden herumgewirbelt. Auch die langen Haare von Jesus wirbeln, genauso das Tuch um die Lenden. Der versehrte Mann unter dem Kreuz muss sich den Hut halten, ein kleines Kind sucht Schutz am Rockzipfel der Mutter (Was hat ein kleines Kind bei einer Hinrichtung zu suchen?). Selbst dem berittenen Soldaten droht der Helm vom Kopf zu fallen.

Ich frage mich, was mit diesem Wind über Golgotha ausgesagt werden soll.

Wird mit dem stürmischen Wind Bezug genommen auf die Begegnung des Propheten Elia mit Gott am Horeb, als es hiess: "Zuerst kam ein gewaltiger Sturm, der Berge sprengte und Felsen zerbrach. Der zog vor dem Herrn her, aber der Herr war nicht im Sturm." (1. Könige 19,11). Dann würde das stürmische Gebrause auf Golgotha bedeuten, dass Jesus am Kreuz wirklich ganz von Gott verlassen starb.

Oder ist es das heftige Brausen aus der Pfingstgeschichte: Dort steht: "Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten." (Apostelgeschichte 2,2). Dann würde mit dem Wind gesagt: Gott ist da. Alle können es spüren, auch dort unter dem Kreuz.

Vielleicht spielt diese stürmische Kreuzigung auch auf den "Wind of Change" an, und damit auf die Veränderung, die durch Christi Tod geschehen ist. Mit dem Tod von Jesus am Kreuz verändert sich für seine Jünger und Nachfolgerinnen ja wirklich alles. Die bisherigen hoffnungsvollen Erwartungen haben sich zerschlagen. Alle müssen sich neu orientieren. Und doch bleibt eines bestehen: Gott wird man mit einer Hinrichtung nicht los. Im Gegenteil, jetzt ist er erst recht da. Da bei den Menschen, ob sie sich ihm zuwenden, oder ob sie sich von ihm abwenden, ob sie glücklich sind oder absolut unglücklich. Gott ist selbst im Leiden und Sterben da, als Mitleidender, Mitsterbender.

Das glaube ich auch für die mir nicht näher bekannten Frau, die ich gestern im Spital traf. Auch bei ihr hat sich an diesem Tag alles geändert. Das geschah in dem Moment, als sie erfuhr, dass sie wohl nur noch 2-3 Jahre zu leben habe. Auch an ihrer Seite bleibt Gott. Nachdem er selbst am Kreuz gestorben ist, erst recht.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 5. Mai 2023

Wonach riecht Gott?

Ein Zitat

Bälauch-Blütenteppich im Allmend-Wald von Frauenfeld
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin der Herr; dein Gott: du sollst dir auf Erden von mir keinen Geruch machen." Joachim Frisch in der taz

Ein Bibelvers - 2. Korinther 2,15

"Denn wir sind für Gott wie ein wohlriechender Duft, der von Christus ausgeht. Er kommt zu denen, die gerettet werden. Und er dringt bis zu denen, die verloren gehen."

Eine Anregung

Jedes Jahr warte ich auf den Moment, wenn der Bärlauch flächendecken seine Blüten erstrahlen lässt. Der Anblick dieses Pflanzenteppichs ist spektakulär. Selbst jetzt beim Betrachten des Fotos meine ich den leichten Knoblauchgeruch zu riechen. Anders herum geht es aber auch: Rieche ich den Knoblauchduft, erscheint vor meinem inneren Auge das Bild von den Bärlauchfeldern. Duft und Bild beziehen sich aufeinander. Gemeinsam verweisen sie auf Orte, an denen ich mich wohl gefühlt habe.

Wie riecht Gott? Wie riecht er für mich? Riecht er für alle gleich? Das ist natürlich eine müssige oder unbeantwortbare Frage. Aber wie der Duft und der Anblick des Bärlauchs sich für mich verbinden zu einer Erinnerung, so verbinden sich der Duft von Brot und Traubensaft (dem Abendmahl) mit der Botschaft der Liebe Gottes zu einer lebendigen, wohlriechenden Hoffnung. Oder anders gesagt: Gottes Duftnote heisst "Hoffnung".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 26. April 2023

Gut abgeschnitten

Ein Zitat

Bachstelze fliegt über den Wassern der Thur.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist nicht möglich, sich kopflos zu behaupten." Stefan Schütz (*1964)

Ein Bibelvers - 1. Korinther 15,49

"Jetzt sind wir das Abbild des Menschen, der aus Erde gemacht wurde. Dann werden wir das Abbild des himmlischen Menschen sein."

Eine Anregung

Bei dieser Aufnahme war ich zu langsam, oder die Bachstelze zu schnell. Also "Delete" drücken und dieses Foto vergessen. 

Andererseits: Ich könnte auch sagen, das sei innovative Beschneidung von Tieraufnahmen. Oder dann könnte ich argumentieren: Mir geht es darum, den Blick auf die wunderschönen Schwanzfedern zu richten. Man beachte auch den muskulösen Körper des kleinen Tiers. Oder ich könnte von Persönlichkeitsschutz sprechen; die Bachstelze wolle nicht erkannt werden, folglich habe ich ihr Gesicht nicht abgebildet.

Einst erzählte mir ein Mann im Wald, er frage die Rehe immer, bevor er sie fotografiere, ob es ihnen auch recht sei. Würden sie ihm den verlängerten Rücken zuwenden, hiesse das für ihn: das Reh will nicht. Schaue es aber mit seinen wunderschönen Rehaugen in die Kamera, dann drücke er natürlich ab.

Respekt vor den Lebewesen. Lieber ein misslungenes Bild, als eine Persönlichkeitsverletzung. Und bevor ich es ganz vergesse: Beim Wasser handelt es sich um die Thur, die ich, so finde ich, wirklich bildfüllend ablichten konnte.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 1. April 2023

Farbenfroh und tiefsinnig

Ein Zitat

Bild von Hedi Fussenegger aus der Ausstellung im Domzentrum St. Gallen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich frage Jesus: Was kochen wir heute? Was machen wir jetzt? / Oder ich schlage ihm etwas vor, / was immer wir tun, eins fliesst aus dem andern heraus – alles auf IHN / zu – in die Ewigkeit hinein." Hedwig (Hedi) Fussenegger, als sie für eine Woche als Eremitin in der Wiborada-Zelle St. Gallen wohnte.

Ein Bibelvers - 1. Samuel 3,18+19

"Christus hat einmal für die Sünden gelitten: Der Gerechte litt für die Ungerechten. So sollte er euch zu Gott führen: Sein Körper wurde zwar am Kreuz getötet, aber durch den Geist Gottes wurde er wieder lebendig. Dabei ging er auch zu den Geistern ins Gefängnis und verkündete die Gute Nachricht."

Eine Anregung

Endlich bin ich dazu gekommen, die Bilder von Hedi Fussenegger, die sie bis Anfangs April im Domzentrum St. Gallen ausstellt, anzuschauen. Sie zeigen abstrakte Figuren, Kreise, Linien, Bänder, Kleckse, die sich harmonisch zusammenfügen. Es gibt Berührungen, Gabelungen, Strukturen, Dinge, die wie Pflanzen aussehen. Mir gefallen die Farben. Besonders die Farben. 

Hedi Fussenegger wohnt seit einigen Monaten im Kapellen-Wohnhaus der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen. Sie ist mit Leib und Seele Katholikin, mit ökumenischer Weite und Offenheit.

2022 war sie die 11. Inklusin für das Wiborada-Projekt. Die 11. Inklusin – das bedeutete, dass sie überzählig war, quasi auf der Ersatzbank, in Warteposition. Aber nicht nur. Statt dessen zog sie im April als Eremitin in die Wiborada-Zelle, eine weitere Möglichkeit, sich mit der St. Galler Stadtheiligen zu beschäftigen und mit dem eigenen Glauben. In einem Blog fasste sie Gedanken aus dieser Zeit zusammen; verdichtet, aufs Wesentliche bezogen:


In der kalten Nacht, am Anfang, war ich in Gedanken in einem Bunker
in der Ukraine – in einem Flüchtlingslager
Die Decken waren dünn, Kinder weinten
Die Bomben liessen die Zelle zittern. Dann wieder unheimliche Stille.
Ich überlegte, was ich noch teilen könnte, wie in diesen Umständen Leben geht … wie Liebe sein ?

Ich glaubte, dass Gott da hineingeht! In das ganze Chaos.
ich wollte es mit aller Kraft glauben 

Hinabgestiegen zur Hölle – Was tut er in der Unterwelt (fragt Hans Urs v. Balthasar in seinem Credo)
ER BRINGT LIEBE HIN. Er geht überallhin, bringt überall Liebe hin!
Wissen wir das? Glauben wir das?
Das gilt es zu glauben! Ich glaube!

Am Morgen bin ich nicht müde nicht gerädert 
wundre mich nur, dass ich überlebt habe. 


Zurück zu den Bildern. Auf einem handgeschriebenen Zettel zur Ausstellung steht: "Anlässlich meines Umzugs in eine kl. Wohnung habe ich keinen Platz mehr für diese Bilder - Ich möchte sie weitergeben oder verkaufen, um in Zukunft nur noch Ikonen zu malen." Einige Bilder sind schon verkauft. Ich aber möchte nun gerne auch die Ikonen von Hedi Fussenegger sehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 26. November 2022

Quilts aus 15 Ländern

Ein Zitat

Blick in einen der Ausstellungsräume zur "8. Europäischen Quilt-Triennale" im Textilmuseum St. Gallen
Foto © Jörg Niederer
"eine Stadt in der Wüste / verlassen vor langer Zeit / warum? was ist geschehen? / überzogen mit Sand und Staub / nur noch Erinnerung / ein Traum / ein Hauch / Vergangenheit
oder Zukunft? / auf fernen Planeten / eine Idee / ein Plan / erdacht in langen Nächten / von Genies in kalten Laboren / ein Ziel für die ganze Menschheit / zerrinnt im Meer der Zeit" Gabi Fischer, Text auf dem Quilt "Novaluna"

Ein Bibelvers - 1. Mose 37,3

"Israel liebte Josef mehr als seine anderen Söhne, weil er ihn im hohen Alter bekommen hatte. Deshalb ließ er ihm ein prächtiges Gewand machen."

Eine Anregung

In meinem Büro hängt ein wunderschöner Quilt, gestaltet von Yvonne Berther. Seit sie 2019 in den Räumen der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen ihre Kunst ausgestellt hat, achte ich vermehrt auf diese textile Ausdrucksform. 

Aktuell stellt das Textilmuseum St. Gallen fünfzig Textil- und Quilt-Kunstwerke aus fünfzehn Nationen aus. Es handelt sich um die 8. Europäischen Quilt-Triennale. Die Werke können noch bis zum 10. April angeschaut werden. 

Ich habe gestaunt und mich an wunderschönen Objekten erfreut. In auffällig vielen Werken ist die Pandemie verarbeitet. Doch es gibt auch Überraschendes. Manche Werke hängen frei im Raum. Oder der Quilt besteht aus Abfallplastik. Auch Religiöses ist zu entdecken; manche Quilts führen über sich hinaus, wie es auch kirchliche Kunst will.

Mir hat die Ausstellung sehr gut gefallen. Und auch sonst gibt es im Textilmuseum viel zu sehen und zu erfahren. Etwa, wie einst die Leinentücher gebügelt wurden.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Donnerstag, 5. Mai 2022

Heilsame Fotografien

Ein Zitat

Mann in Militäruniform mit seinen beiden Schwestern
Foto © Jörg Niederer
"Mit einem Bild möchte ich etwas Tröstliches sagen, so wie Musik tröstlich ist." Vincent van Gogh

Ein Bibelvers - 1. Mose 1,27

"Gott schuf den Menschen nach seinem Bild. Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie."

Ein Anregung

Das Foto muss wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg entstanden sein. Mein Vater, militärisch eingekleidet, umrahmt von seinen beiden älteren Schwestern. Das Bild ist keine fotografische Meisterleistung. Es sind aber wohl genau solche Bilder, mit denen eine Pilotstudie aus den USA gearbeitet hat, welche die Wirkung von durch Fotos ausgelöste Erinnerungen bei Demenzpatienten untersuchte. 

Durchgeführt wurde die Studie vom National Institute for Dementia Education (NIDE). Dabei wurden den demenzkranken Frauen und Männern Fotos vorgelegt. Einmal waren es Fotos aus dem eigenen familiären Umfeld, das andere Mal Fotos mit Bildern von unbekannten Familien. Bei den Fotos aus dem familiären Umfeld kam es zu erstaunlichen Erinnerungsleistungen: Im Fazit der Studie heisst es: "Obwohl es sich um eine Pilotstudie handelte, kommen wir zu dem Schluss, dass die Beschäftigung mit persönlichen Fotos in Verbindung mit einem qualitativ hochwertigen Pflegecurriculum und Lebensumfeld die Lebensqualität von Demenzkranken verbessern kann... und in einigen Fällen die Demenzsymptome während der Therapiesitzungen vorübergehend" verringert wird. (Übersetzung aus dem Englischen durch DeepL)

Ich kann mir gut vorstellen, dass bei meinem Vater, er litt in den letzten Lebensjahren an Demenz, etwas geschehen wäre, wenn wir mit ihm Fotos wie das Abgebildete betrachtet hätten. Und so kann ich mir auch die heilende Wirkung von Bildern vorstellen, wie sie bei der untersuchten Foto-Reminiszenz-Therapie (pRT) beobachtet wurden: Verringerung der sozialen Isolation und Medikamenteneinnahme und die Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit der Erkrankten. 

Sollte ich also selbst einmal an Demenz erkranken, hätte ich mit vielen Tausend familiären Fotos eine gute Basis für manche heilsame Stunde – falls ich diese Bilder in den Tiefen der Clouds, Festplatten und Mobiltelefonspeicher dann noch finden sollte.

Schliesslich frage ich mich noch dies: Welche Wirkung hat das betrachten religiöser Bilder auf die geistliche Gesundheit der Betrachterin, des Betrachters? Erfolgt dabei eine Reminiszenz, eine Querverbindung zwischen "Himmel" und "Erde", zwischen göttlicher und menschlicher Welt?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Dienstag, 11. Januar 2022

Spirituelle Ausblicke

Ein Zitat

Gedanken vom Glück beim Steinernen Tisch auf dem Buechberg bei Thal.
Foto © Jörg Niederer
"Willst du glücklich sein im Leben, dann sei es!" Leo Tolstoi

Ein Bibelvers - Genesis 2,2

"Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk, das er gemacht hatte. An diesem Tag ruhte er aus von all seiner Arbeit, die er getan hatte."

Ein Anregung

Heute gibt es um 20 Uhr auf Instagram ein Gespräch mit dem Netzabt Dave Jäggi. Zum Austausch lädt die Instagramseite Glaubensweite ein. Der Live Talk kann auch später noch angesehen werden.

Aus der selben Netzkloster-Küche kommt der Hinweis auf eine meditative Seite. Ähnlich wie im Blog, in dem du gerade liest, gibt es jeden Tag ein Bild. Dazu kommt ein Satz oder Gedanke. Die Einblick erhält man auf untermdach.online

Die Fotos sind meditativ und bereiten Freude. Detlef Sturm zeichnet dafür verantwortlich. Seine Passion, so schreibt er, sei "Stilles Sitzen". Ob er deshalb so freundlich und glücklich von der Kontaktseite dem/der Betrachtenden entgegenschaut?

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 3. Oktober 2021

"Balsam für die Seele"; Appenzeller Bilder von Silvia Wegmann

Ein Zitat

Bild von Silvia Wegmann aus dem Jahr 2014
Foto © Jörg Niederer
"Die Kreativität ist mir von Gott gegeben worden." Silvia Wegmann

Ein Bibelvers - Psalm 126,3

"Ja, der Herr hat Großes an uns getan! Wir waren in einem Freudentaumel."

Ein Anregung

Silvia Wegmann lebt heute im Alters- und Pflegeheim Lindenhof. Und obwohl ich erst 4 Jahre in St. Gallen arbeite, ist sie mir auch schon über den Weg gelaufen. Ich erinnere mich, dass sie mir gegenüber von ihren Bildern erzählte. Und diese Bilder sind toll, fröhlich, modern. "Moderne Appenzeller Malerei" nennt denn auch Brigitta Holenstein vom Katholischen Sozialdienst Zentrum den Stil. 

Bis zum 19. November 2021 sind die Werke der Künstlerin im DomSaal des Domzentrum an der Gallusstrasse 34 ausgestellt. Silvia Wegmann erstellte ihre Bilder in ihrer früheren Wohnung am Pic-o-Pello-Platz, mitten im kleinen, feinen Künstlerquartier St. Gallens. Aktuell malt Silvia Wegmann nicht mehr. Schade. Die Welt braucht noch viel mehr der Freude, die diese Bilder ausstrahlen. "Balsam für die Seele" sind sie eben nicht nur für die Künstlerin, sondern auch für jene, die sich auf diese Werke einlassen.

Mehr zu der Ausstellung und zu Silvia Wegmann erfährt man hier

Und wer die Ausstellung besuchen möchte: Ob sie heute Sonntag zugänglich ist, weiss ich nicht, aber in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen predigt eine andere geniale Frau. Anna Shammas ist beteiligt an der Leitung eine arabische Gemeinde, motiviert andere Kirchgemeinden und unterrichtet an der Höheren Fachschule für Theologie, Diakonie und Soziales TDS Aarau.

Der Gottesdienst an der Kapellenstrasse 6 beginnt um 10.15 Uhr. Alle sind herzlich eingeladen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde

Sonntag, 22. August 2021

Kopf- und Herzbilder

 Ein Zitat

Zweisamkeit am Hochzeitstag
Foto © Jörg Niederer
"Sei dir bewusst: Gute Bilder entstehen in deinem Kopf und deinem Herzen, und kommen nicht vom Fotofachgeschäft." Mike DuBose, Preisgekrönter Fotojournalist der Evangelisch-methodistischen Kirche

Ein Bibelvers - Offenbarung 21,3

"Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen: 'Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.'"

Ein Anregung

Ich gebe zu, dass ich ein Bewunderer von Mike DuBose bin. Er ist so etwas wie der Hoffotojournalist der Evangelisch-methodistischen Kirche. Auf der ganzen Welt dokumentiert er die Arbeit der Kirche. In einem englischsprachigen Video gibt er Einblick in seine Arbeit. Diesem Filmbeitrag ist auch das eingangs erwähnte Zitat entnommen. Moderne Kameras und Objektive können zwar die Qualität der Bilder massiv verbessern. Aber nach wie vor entscheidender ist die Einstellung des Menschen hinter der Kamera. "Gute Bilder entstehen in deinem Kopf und deinem Herzen...".

Gelegentlich sagt das Herz, jetzt darfst du nicht den Auslöser drücken, sonst zerstörst du den Moment. Das heisst aber auch, dass es Bilder gibt, die nur in deinem Kopf und in deinem Herzen zu finden sind. Vielleicht bedauerst du, dass andere diese Bilder nicht auch sehen können. Doch dich begleiten sie ein Leben lang. Es sind Erinnerungen, die du bis zuletzt nicht vergessen möchtest.

Herzenserinnerungen haben viel mit berührenden Momenten zu tun. Als meine Kamera das Hochzeitspaar und den Fotografen in einer Momentaufnahme festhielt, wurde diese Erinnerung reproduzierbar. Und doch ist darauf nicht alles zu sehen. Unsichtbar geblieben ist, wie herzhaft die Braut lachte, als der Bräutigam ihre Füsse berührte; wie vertraut sie beide in diesem Moment waren und wie sehr sie sich freuten, bald Ja zu sagen in der Kirche nebenan.

In ihrem Herzen wird diese Bild lebendig, mehr erzählen, als den Unbeteiligten. Vielleicht erinnern sie sich an die Gerüche, an die Spannung, an die Töne um sie herum.

Welche Bilder deines Lebens sagen dir mehr, als irgend einer anderen Person? Und von welchen unvergesslichen und schönen Ereignissen gibt es nur in deinem Herzen ein Bild?

Mehr von Mike DuBose: Interview und Schnappschüsse.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen / Koreanische Gemeinde