Freitag, 26. April 2024

Eurasiens Methodisten werden autonom, ein Ureinwohner leitet die Generalkonferenz und immer wieder: Regionalisierung.

Ein Zitat

Screenshot aus dem Livestream von der Generalkonferenz. Mit Bischof David Wilson leitet erstmals ein Nativ American, er gehört zum Choctaw Nation of Oklahoma, eine Sitzung der Generalkonferenz.
Bildschirmfoto aus dem Livestream
"Vertrauen ist jetzt die wertvollste Währung von uns Methodistinnen und Methodisten." Bischof Harald Rückert an der Präsentation zur Regionalisierung vom 24. April an der Generalkonferenz

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 2,11

"Wir sind Juden von Geburt an, aber auch Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat."

Eine Anregung

Zuerst in eigener Sache: Gestern habe ich definitiv entschieden, auch mit Verspätung nicht an den Tagungsort der Generalkonferenz anzureisen. Die Gründe erfahrt ihr in diesem Videobeitrag

Dank Livestream können wir alle aber doch auch ein wenig an den Tagungen der Generalkonferenz der United Methodist Church teilnehmen.

Vom gestrigen Tag gäbe es aus europäischer Sicht gleich mehrere Illustrationen zu diesem Beitrag. Ich habe mich für einen Screenshot von Bischof David Wilson entschieden. In der Geschichte der Methodistenkirche in den USA ist er der überhaupt erste Nativ American Bischof. Und so war es auch eine Weltpremiere, dass ein amerikanischer Ureinwohner, Wilson gehört zur Choctaw Nation von Oklahoma, einen Sitzungsteil der Generalkonferenz leitete. Just unter seinem Vorsitz kam dann auch ein Antrag zur Geschäftsordnung zur Diskussion welcher besagt: "Unmittelbar nachdem die Konferenz einberufen wurde, muss eine indigene Person eine ordnungsgemässe Anerkennung des Landbesitzes aussprechen. Jede andere Person als eine indigene Person, die versucht, eine Landanerkennung auszusprechen, darf dies NUR nach Rücksprache mit der zuständigen Stammesbehörde der indigenen Personen in dem Gebiet, in dem die Generalkonferenz stattfindet, tun." Was im amerikanischen Kontext als Respekt für die Ureinwohner verstanden werden soll, ist von der Praktikabilität her, speziell, wenn die Generalkonferenz auch einmal ausserhalb den USA tagen sollte, eine komplizierte Sache. Jedenfalls wurde dieser neue Geschäftsordnungspunkt mit grosser Mehrheit angenommen.

In einer anderen Sache konnte man dann auch ein Mitglied der Delegation der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa sehen. Stefan Schröckenfuchs aus Österreich drückte dabei sein Vertrauen in die sorgfältige Leitung der Bischöfinnen und Bischöfe aus. 

Wesentlicher waren die Beratungen der Generalkonferenz zum Antrag von vier Jährlichen Konferenz, aus der United Methodist Church auszuscheiden und eine autonome Kirche zu werden. Es sind dies die Zentralrussische Jährliche Konferenz, die Ostrussische und zentralasiatische provisorische Jährliche Konferenz, die Nordwestrussische und weissrussische provisorische Jährliche Konferenz und die Südrussische provisorische Jährliche Konferenz. Bischof Harald Rückert legte in seiner Einführung wert darauf, dass die Gespräche, die zu dieser Trennung führen werden, mit grossem gegenseitigen Respekt geführt worden waren. Auch sei die Tür für eine zukünftige Wiedervereinigung weit offen. Nach ausgiebiger Diskussion wurde der Antrag, mit 672 Ja-Stimmen und nur 67 Nein deutlich angenommen. Der eigentliche Austritt wird erst nach weiteren Entscheiden in etwa einem Jahr erfolgen. In einem bewegenden Wort an die Generalkonferenz richtete der für die ausscheidenden Jährlichen Konferenzen zuständige Bischof Eduard Khegay seinen Dank der Evangelisch-methodistische Kirche aus für die jahrelange Unterstützung in vielfältiger Hinsicht.

Und dann kam es auch noch zum ersten, spannungsvoll erwarteten Entscheid zur Regionalisierung. Mit der neuen Struktur sollen die fünf Jurisdiktionalkonferenzen in den USA zu einer Regionalkonferenz zusammengefasst werden. Die Zentralkonferenzen in Europa, Afrika und auf den Philippinen werden umbenannt in Regionalkonferenzen. Alle diese Konferenzen erhalten das selbe Adaptionsrecht. Kompetent eingeführt vom deutschen Bischof Harald Rückert und der schweizerischen Laienfrau Christine Schneider-Oesch wurde die Diskussion intensiv gesucht und führte schlussendlich zur erfreulich deutlichen Annahme des Antrags. 586 Ja-Stimmen standen 164 Nein-Stimmen gegenüber. Es braucht nun auch noch die 2/3-Mehrheit aller Delegierten von Jährlichen Konferenzen weltweit, damit der Generalkonferenzentscheid ratifiziert werden kann. Der Weg ist also noch nicht zu Ende. Ein hoffnungsvoller Schritt hat die Generalkonferenz getan.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 25. April 2024

Bischof Stefan Zürcher grüsst von der Generalkonferenz

Ein Zitat

Ausschnitt aus dem Video von Bischof Stefan Zürcher vor dem Tagungsort der Generalkonferenz in Charlotte.
Foto © EMK-Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa

"Die Stimmung hier ist wirklich eine andere als bei früheren Generalkonferenzen – und das ist so erfrischend."
Christine Schneider-Oesch von der Generalkonferenz in Charlotte

Ein Bibelvers - Psalm 16,11

"Du zeigst mir den Weg zum Leben. Große Freude finde ich in deiner Gegenwart und Glück an deiner Seite für immer."

Eine Anregung

Erstmals an einer Generalkonferenz, und dies gleich als Bischof; Stefan Zürcher richtet sich in einer Videoansprache an die Methodistinnen und Methodisten der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa. Im Video bittet er um das Gebet für die von 2020 auf dieses Jahr verschobene Generalkonferenz und erwähnt die beiden wohl wesentlichsten Themen: Das Geld; es stehen massivste Budgetkürzungen bevor und die Regionalisierung. Letztere könnte bereits heute oder morgen zur Abstimmung kommen, und würde aus einer US-zentrierten Kirche eine wirklich weltweite Kirche machen. Der Livestream zur Plenumsveranstaltung beginnt um 14.00 Uhr MESZ.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 24. April 2024

Gottesdienst, Geschäftsordnung und Lobbygruppierungen

Ein Zitat

Bischöfin Connie Mitchell Shelton aus der Region Raleigh begrüßt die Delegierten der Generalkonferenz der United Methodist Church 2024 in Charlotte, N.C.
Bildschirmfoto aus dem Livestream
"Die Delegierten sind frei, nach ihrem Gewissen abzustimmen, ohne Einmischung durch andere, die ihre Abstimmung beobachten, überwachen oder aufzeichnen. Personen dürfen keine Bestechungsgelder geben oder annehmen oder Delegierte bedrohen, um die Abstimmung zu beeinflussen." In die Geschäftsordnung der Generalkonferenz durch das General Conference Rules Committee eingebrachte und von den Delegierten angenommene neue Bestimmung.

Ein Bibelvers - Psalm 46,11

"Hört auf zu kämpfen und erkennt: Ich bin Gott! Ich stehe über den Völkern, ich stehe über der Welt."

Eine Anregung

Die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche war und ist umkämpft von verschiedenen Interessengruppen. Dabei gibt es offizielle und inoffizielle Gruppierungen. Da sind Lobbyorganisationen, welche sich für eine Öffnung der Kirche einsetzen. Und dann sind da drei konservative Organisationen; die Wesleyan Covenant Association (WCA), Good News, und das Institute for Religion and Democracy (IRD). Diese drei hatten an früheren Generalkonferenzen die internationalen Delegierten auf eigene Rechnung eine Woche vor Beginn der Generalkonferenz in den USA bewirtet und sie dabei zu einem bestimmten Abstimmungsverhalten zu bewegen versucht. Auch Handys wurden dabei verschenkt, über die dann die Abstimmungsempfehlungen zu den Delegierten gelangten.

Eine etwas jüngere Gruppierung ist "Mainstream UMC". In ihr sammeln sich Methodistinnen und Methodisten, welche sich nicht zu den extremen Positionen bekennen können. Mainstream UMC setzt sich für eine Kirche ein, in der alle Platz finden können. Als Ziele für diese Generalkonferenz hat Mainstream UMC Folgendes formuliert:

1. Eliminierung der verletzenden Sprache in der Kirchenordnung und Annahme der revidierten Sozialen Grundsätze. 2. Annahme der Regionalisierung und 3. Verhinderung der Wiederaufnahme und Ausweitung von weiteren Abspaltungen.

Auch Mainstream UMC informiert regelmässig die Delegierten über ihre Ziele. Und wenn sie den Eröffnungsgottesdienst kommentiert, dann mit entsprechender Gewichtung. So zum Beispiel im letzten Mail. Da steht: "Der Eröffnungsgottesdienst wurde durch die Predigt von Bischof Bickerton eingeleitet. Er ist der scheidende Präsident des Bischofsrates. Er brachte das Haus zum Beben, indem er diejenigen, die die United Methodist Church nicht aufbauen wollen, aufforderte, sie zu verlassen: 'Es ist keine Zeit für Sticheleien auf den letzten Drücker.' Bam. Sehr mutig und genau auf den Punkt gebracht. Er entwarf auch eine neue Vision für diejenigen von uns, die hier sein wollen, um die Kirche aufzubauen, zu deren Aufbau wir berufen sind. Er erhielt unzählige Beifallsrunden."

Im weiteren Verlauf der Plenumsveranstaltung wurde die Geschäftsordnung, bestehend aus 42 Regeln, bearbeitet und durch Anträge angepasst. Noch zuvor begrüsste Bischöfin Connie Mitchell Shelton aus der Region Raleigh die Delegierten zur Generalkonferenz 2020. Das Jahr 2020 war kein Versprecher, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass es sich in diesem Jahr um die um vier Jahre hinausgeschobene Generalkonferenz handelt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 23. April 2024

Livestream und Fotos von der Generalkonferenz

Ein Zitat

Blick auf die Flickr-Seite von United Methodist News Service. Hier werden nun laufend Bilder von der Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Charlotte, North Carolina publiziert.
Foto © Jörg Niederer
"Gemäß dem Vorschlag würde sich die Kirche weltweit in acht Regionen organisieren: drei Regionen in Afrika, drei Regionen in Europa und Eurasien, eine Region auf den Philippinen sowie eine weitere Region in den Vereinigten Staaten. Jede Region hätte die gleichen Befugnisse, um die gemeinsame Ordnung der Kirche dem eigenen missionarischen Kontext anzupassen." Beitrag auf emk.de zur Generalkonferenz

Ein Bibelvers - Psalm 108,4

"Dir will ich danken unter den Völkern, Herr, und für dich musizieren vor den Nationen."

Eine Anregung

Heute beginnt die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Charlotte, North Carolina. Sie dauert bis zum 3. Mai. An der Generalkonferenz, die alle vier Jahre stattfindet, kommen Laien- und Pfarrpersonen aus vier Kontinenten zusammen, um das Geschick und den zukünftigen Kurs der Kirche in den kommenden Jahren zu bestimmen. 

Am Anlass finden auch viele mitreissende Gottesdienste statt. Die Liveübertragung von der Generalkonferenz beginnt denn auch mit dem Eröffnungsgottesdienst und kann in der Schweiz um 20.00 Uhr miterlebt werden.

Eine weitere Ressource, welche die Vielfalt der weltweiten Methodistenkirche sichtbar macht, sind die Fotos, die vom United Methodist News Service auf der Flickr-Webseite zur Verfügung gestellt werden.

An der Generalkonferenz wird eines der grossen Themen die Regionalisierung sein. Damit soll die Kirche noch besser den Missionsauftrag in den verschiedenen Weltregionen leben können, ohne dass damit die Einheit der Kirche weiter in Frage gestellt wird.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 22. April 2024

Reisetag

Ein Zitat

Abflug in Zürich zu einer Reise in die USA.
Foto © Jörg Niederer
"Nicht wer alt ist, weiß viel, sondern wer viel herumgekommen ist." Sprichwort aus der Türkei

Ein Bibelvers - Römer 15,23b+24

Paulus: "Seit vielen Jahren ist es mein sehnlicher Wunsch, zu euch zu kommen. Das könnte ich tun, wenn ich nach Spanien reise. Ich hoffe also, euch auf der Durchreise zu treffen. Und ich erwarte auch, bei euch für die Weiterreise ausgerüstet zu werden. Aber vorher möchte ich gerne eine Weile die Gemeinschaft mit euch genießen."

Eine Anregung

Heute ist für die Teilnehmenden an der Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Charlotte, North Carolina ein typischer Reisetag. Damit um die 800 Delegierte an eine so grosse internationale Tagung kommen können, sind sehr viele Flugbewegungen nötig. Das ist in Zeiten nach der Coronapandemie und von Klimawandel und Visaproblemen nicht mehr problemlos und selbstverständlich. Doch bisher ist an Generalkonferenzen die persönliche Anwesenheit zwingend nötig. Es gibt noch keine Möglichkeit, elektronisch an den Verhandlungen teilzunehmen. In Zukunft wäre hier eine Anpassung an die Durchführung von Generalkonferenzen angebracht, auch wenn es damit technisch noch anspruchsvoller werden könnte.

Nachdem die Zentralkonferenzdelegierten schon seit Freitag am Tagungsort der Generalkonferenz in Charlotte, North Carolina sind, reisen heute die Delegierten aus den USA an. Beten wir, dass alle gesund und heil durch diesen besonderen Tag kommen, und morgen dann ausgeruht in den ersten offiziellen Konferenztag starten können.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 21. April 2024

Visaprobleme und die Generalkonferenz

Ein Zitat

Tanzend wird die Kollekte eingezogen in einer Methodistenkirche in Kinshasa, Demokratische Republik Kongo.
Foto © Jörg Niederer
"Während ich hier spreche, kommen mir gerade die Tränen, dass ich so wichtige Veranstaltungen verpasse." Justine Kaluwazhi, einer Delegierten aus Sambia, wurde der Antrag auf ein Visum für die USA abgelehnt.

Ein Bibelvers - 1. Könige 10,1

"Salomos Ruhm machte den Namen des Herrn bekannt. Die Königin von Saba hörte davon und kam, um Salomo mit Rätseln zu prüfen."

Eine Anregung

An jeder Generalkonferenzen kommt es vor, dass 30-40 Delegierte nicht teilnehmen können, meist weil ihnen das Visum zur Einreise in die USA nicht erteilt wurde. Betroffen sind in der Regel Delegierte aus afrikanischen Ländern. An der Generalkonferenz, die vom 23. April bis 4. Mai in Charlotte, North Carolina stattfinden wird, könnten es nun deutlich mehr sein. Von den erfassten Delegierten aus den Zentralkonferenzgebieten ausserhalb der USA sind 269 Delegierte bzw. 73% bestätigt, jedoch werden davon 39 Delegierte nicht teilnehmen können und auch keine Ersatzperson senden.

Was mit den weiteren 62 Delegierten sein wird, ob sie verspätet anreisen können oder nicht, steht noch nicht fest.

Mit anderen Worten könnten es im schlimmsten Fall ein Drittel der insgesamt 278 Delegierten aus afrikanischen Ländern sein, die nicht an der Generalkonferenz dabei sein werden. Das ist angesichts der Bedeutung dieser Konferenz sehr bedenklich.

Die Ansichten gehen auseinander, ob die Mitarbeitenden der Generalkonferenz alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um den Delegierten bei der Überwindung von Visahindernissen zu helfen. So seien etwa letzte, für die Visaerteilung notwendige formelle Einladungsschreiben erst am 30. März bei Delegierten angekommen. 

Bedingt durch die Coronapandemie und die damit verbundene Verschiebung der Generalkonferenz um 4 Jahre hat es beachtliche Veränderungen bei der Zusammensetzung der Delegierten gegeben. Da an der ausserordentlichen Generalkonferenz von 2019 auch vereinzelt Personen abgestimmt haben, die nicht als Delegierte bestätigt waren, könnten die aus diesen beiden Umständen resultierenden verstärkten Kontrollen und Abklärungen mit ein Grund sein für zeitliche Verzögerungen.

Wie viele afrikanische Delegierte schlussendlich an der Generalkonferenz fehlen werden, wird sich wohl erst in den nächsten Tagen klären.

Siehe dazu auch den Beitrag von UM News!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 20. April 2024

Unser Bekenntnis zur Einheit der Kirche

Ein Zitat

An der Weihe von Bischof Stefan Zürcher im Basler Münster. Darunter die europäischen Bischöfe Christian Alsted, Patrick Streiff, Rosemarie Wenner und Harald Rückert.
Foto © Jörg Niederer
"Während wir uns einer historischen Generalkonferenz nähern, schliessen wir uns mit unserer ganzen Kirche im Gebet zusammen und hoffen, dass die Werte der Einheit, der Gerechtigkeit und des Respekts für unsere missionarischen Kontexte als Ausdruck unserer Liebe füreinander hochgehalten und bekräftigt werden." Aus der Verlautbarung der philippinischen Bischöfe der United Methodist Church vom April 2024

Ein Bibelvers - Epheser 4,3

"Bemüht euch darum, die Einheit zu bewahren, die sein Geist euch geschenkt hat. Der Frieden ist das Band, das euch alle zusammenhält."

Eine Anregung

Nachdem sich schon vor einiger Zeit die afrikanischen Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche (The United Methodist Church - UMC) in einem gemeinsamen Schreiben zur Einheit trotz unterschiedlichen Ansichten in Fragen der menschlichen Sexualität bekannt hatten, haben im Vorfeld zur Generalkonferenz vom 23. April bis 4. Mai in Charlotte, North Carolina die europäischen und die philippinischen Bischöfe Verlautbarungen mit ähnlichem Inhalt veröffentlicht.

Im in englischer Sprache verfassten Schreiben der europäischen Bischöfe heisst es:

"Während wir uns zur Generalkonferenz in Charlotte, North Carolina, versammeln, befinden wir uns in einem entscheidenden Moment im Leben und in der Geschichte der United Methodist Church... Fast fünf Jahrzehnte lang waren sich die United Methodists über das Verständnis der menschlichen Sexualität uneinig, was vielen Menschen immensen Schmerz und Leid zugefügt hat. Unsere Unfähigkeit, die durch unsere Uneinigkeit verursachte Sackgasse zu überwinden, hat zu einer beträchtlichen Anzahl von Abspaltungen in allen Ländern der Welt, auch in Europa, geführt.

United Methodists auf der ganzen Welt sind liturgisch, zeitgenössisch, charismatisch, sozial aktiv, low church, high church, städtisch, vorstädtisch, kleinstädtisch, ländlich und vieles mehr. Wir sind Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Erwachsene, ältere Erwachsene, neue Christen und reife Christen. Wir sind ein Schmelztiegel verschiedener Ethnien und Kulturen - wir sind auf vier Kontinenten vertreten, in mehr als 45 Ländern, und wir setzen uns aus einer unbekannten Anzahl verschiedener Kulturen und Sprachen zusammen. Dennoch sind wir eine einzige methodistische Kirche, und bei allen Herausforderungen, die dies mit sich bringt, haben wir uns als ihre Bischöfe verpflichtet, Hirten der ganzen Herde zu sein und so dem Ziel der Verständigung, Versöhnung und Einheit im Leib Christi eine führende Rolle zu geben.

Wir fühlen uns der Einheit der United Methodist Church verpflichtet und sehnen uns nach einer United Methodist Church, die sich auf neue verbindliche Formen zubewegt, nach einer Generalkonferenz, die sich auf das Wesentliche in der Welt konzentriert, und nach einer Befähigung der Regionen zu kontextuell relevanten Formen der Umsetzung unseres gemeinsamen Missionsauftrags...

Trotz der Trennung wird die United Methodist Church ein treues Zeugnis der christlichen Botschaft bleiben. Wir sind verpflichtet, der Berufung zu folgen, Menschen in die Nachfolge Christi zu führen, um die Welt zu verändern." 

Unterzeichnet ist das Schreiben von den drei amtierenden Bischöfen Christian Alsted, Harald Rückert und Stefan Zürcher, sowie der Bischöfin und den Bischöfen im Ruhestand Heinrich Bolleter, Walter Klaiber, Øystein Olsen, Patrick Streiff, Hans Växby und Rosemarie Wenner.

Hier geht es zur Verlautbarung der europäischen Bischöfe.

Hier geht es zur Verlautbarung der philippinischen Bischöfe.

Hier geht es zur Verlautbarung der afrikanischen Bischöfe.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen


Freitag, 19. April 2024

Tag 1 an der Generalkonferenz

Ein Zitat

Mein erster Videobeitrag zur Generalkonferenz erfolgt leider von zuhause.
Foto © Jörg Niederer
"Gott führt mich durch alle Umstände, um mir zu helfen meine Berufung zu erreichen." Aus: A GUIDE TO PRAYER for The United Methodist Church General Conference

Ein Bibelvers - 1. Petrus 5,6+7

"Beugt euch also demütig unter Gottes starke Hand. Dann wird er euch groß machen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch."

Eine Anregung

Mit dem heutigen Tag beginnt für die Delegierten aus den Zentralkonferenzen die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche in Charlotte, North Carolina. Der alle vier Jahre stattfindende Grossanlass wird allerdings nicht als Generalkonferenz 2024 geführt, sondern als Generalkonferenz 2020. Wegen Corona ausgefallen ist es nun endlich nach vier Jahren möglich, diese Konferenz mit rund 1000 Beauftragten aus aller Welt nachzuholen.

Als pastoraler Delegierter der Jährlichen Konferenz Schweiz-Frankreich-Nordafrika sollte auch ich ab heute in Charlotte sein. Doch Rückenbeschwerden mit schmerzhaften Ausstrahlungen ins linke Bein haben es unmöglich gemacht, gestern per Flug anzureisen. So bin ich noch in der Schweiz und tue alles, dass ich dann wenigstens zur zweiten Konferenzwoche am kommenden Freitag hinreisen kann.

Wer sich über die Generalkonferenz erkundigen möchte, hat dazu in englischer oder französischer Sprache verschiedenste Möglichkeiten. Sehr hilfreich ist der Generalkonferenz-Guide. Darin findet man z.B. die zahlenmässige Zusammensetzung der Delegationen, aber auch die Vorgehensweise der Generalkonferenz und die wichtigsten Themen, die beraten werden. 

Ab dem 23. April sind auch Livestreams von der Generalkonferenz vorgesehen. Da werde ich bestimmt hineinschauen.

Von der Kommunikationsabteilung der EMK Schweiz wurde ich angefragt, ob ich von der Generalkonferenz täglich mit einem persönlichen Videobeitrag berichten könnte. Damit das in einer Woche dann auch klappt, habe ich heute einen entsprechenden Beitrag probeweise erstellt, den ihr hier anschauen könnt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 18. April 2024

Bischöfliche Amtszeitbeschränkung

Ein Zitat

Bischöfe der Evangelisch-methodistischen Kirche ziehen beim Gottesdienst zur Weihe von Bischof Stefan Zürcher ins Basler Münster ein.
Foto © Jörg Niederer
"Ein Bischof/eine Bischöfin im Ruhestand bleibt Bischof/Bischöfin der Kirche." Kirchenordnung der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa, Art. 410.

Ein Bibelvers - Titus 1,7+8

"Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht gewalttätig, nicht schändlichen Gewinn suchen; sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, heilig, beherrscht..."

Eine Anregung

In Krisenzeiten stellt sich immer auch wieder die Machtfrage. So ist es nicht verwunderlich, dass anlässlich der Spaltung der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche (EMK) die Frage nach der Amtsdauer von Bischöfinnen und Bischöfen gleich mehrfach mittels Anträgen an die Generalkonferenz thematisiert wird.

In den Vereinigten Staaten werden Bischöfe in der Regel nach einer 4-jährigen Amtszeit auf Lebenszeit gewählt. Wie Pfarrpersonen erhalten sie periodisch neue Beauftragungen. Sie unterstehen also auch als Bischöfe dem Dienstzuweisungssystem. In Europa ist dies aufgrund der politischen, sozialen und kirchlichen Situation - die EMK ist in allen Ländern eine kleine Diasporakirche und es gibt nur vier Bischofsgebiete - nicht möglich. Daher kennt nur die Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa eine lebenslange Amtszeit nach amerikanischen Modus. Alle anderen Bischöfe unterstehen einer Amtszeitbeschränkung von üblicherweise 8 oder 12 Jahren.

In einer Nation, in der selbst der politische Präsident eine maximale Amtszeit von zweimal 4 Jahren kennt, ist es schon erstaunlich, dass Bischöfinnen und Bischöfe einer Mainline-Kirche auf Lebzeiten gewählt werden. Dagegen regt sich nun Wiederstand. In den entsprechenden Anträgen geht es um eine Beschränkung auf 8 oder 12 Jahren, und zwar für alle Bischöfinnen und Bischöfe weltweit. Begründet wird dies auf verschiedene Weise. So wird das Bischofsamt lediglich als spezielle Beauftragung gesehen. Auch Bischöfinnen und Bischöfe bleiben zuerst ordinierte Älteste und sollten daher auch nicht auf Dauer im bischöflichen Amt verbleiben. Weiter werde auf diesem Weg die Möglichkeit geschaffen, dass neue, unverbrauchte Kräfte als Bischöfinnen und Bischöfe nachrücken könnten. Vermutlich wäre es auch ein Weg, wie die Zahl der Bischöfinnen und Bischöfe in den USA an die deutlich kleiner gewordene Kirche angepasst werden könnte. Zuletzt spielt sicher auch das Misstrauen gegenüber dem Bischofskollegium eine gewisse Rolle, und der Wunsch, als schwierig erlebte Bischöfinnen und Bischöfe in absehbarer Zeit wieder los werden zu können.

Wie auch immer die Generalkonferenz diese Anträge aufnehmen wird, für den in der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa aktuell amtierenden Bischof Stefan Zürcher wird es kaum Auswirkungen haben, da er bereits in acht Jahren sein Pensionsalter erreichen würde. Seine aktive Amtszeit wird voraussichtlich 10 Jahre umfassen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 17. April 2024

Geldsorgen

Ein Zitat

Ein frühes Digitalfoto des Alfa-Zentrums in der Stadt Bern.
Foto © Jörg Niederer
"Die Abteilung für bischöfliche Dienste unterstützt etwa 165 aktive und pensionierte Bischöfe [der Evangelisch-methodistischen Kirche] in fünf Jurisdiktionen (USA), in den Zentralkonferenzen sowie deren überlebenden EhepartnerInnen." General Council on Finance and Administration (GCFA)

Ein Bibelvers - Lukas 14,28

"Stellt euch vor: Einer von euch will einen Turm bauen. Setzt er sich dann nicht als Erstes hin, berechnet die Kosten und prüft, ob sein Geld reicht?"

Eine Anregung

CVB Buch+Druck, Hotel Viktoria Hasliberg, Alfa-Zentrum Bern; drei einstige methodistische Werke, die in Geldnot gekommen, heute nicht mehr zur Evangelisch-methodistischen Kirche der Schweiz gehören oder liquidiert werden mussten. 

Was die Methodistenkirche in der Schweiz vor Jahren durchgemacht hatte, könnte in den kommenden vier Jahren der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche drohen. An der Generalkonferenz vom 23. April - 3. Mai in Charlotte, North Carolina stehen Kürzungen des Budgets von 43% in den USA an, und bei den Zentralkonferenzen ausserhalb der USA von 10%.

Es gibt klare Ursachen. Einmal ist es die Corona-Pandemie, welche in den USA dazu geführt hat, dass gut 5% aller methodistischen Gemeinden schliessen mussten. Stärker ins Gewicht fällt aber die Abspaltung von in den Fragen der menschlichen Sexualität traditionell denken Kirchgemeinden von der Evangelisch-methodistischen Kirche. 25% der Gemeinden haben sich entweder selbstständig gemacht oder der neuen Global Methodist Church angeschlossen. Dazu konnten sie von einem vereinfachten Verfahren profitieren, welches an der ausserordentlichen Generalkonferenz von 2019 angenommen worden war. Dieses Verfahren hatte eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2023 und betraf ausschliesslich Kirchgemeinden in den USA. Methodistenkirchen in anderen Ländern spalteten sich ebenfalls ab, konnten dabei aber auf angepasste Verfahren in ihren Ländern und Regionen zurückgreifen. 

Mit anderen Worten: Die weltweite Evangelisch-methodistischen Kirche sieht heute anders aus. Einnahmeneinbrüche in der Höhe dieser Abgänge verlangen markante Budgetkürzungen. Hier einige Beispiel: Die methodistische Africa University soll statt 9,35 Millionen Dollar nur noch 4,89 Millionen Dollar erhalten. Relativ bescheiden fallen die Kürzungen bei den Mitteln für die Bischöfe aus. Statt 92 Millionen sind es 78 Millionen. Dies hat aber trotzdem grosse Auswirkungen. So ist das General Council on Finance and Administration (GCFA) überzeugt, dass in Afrika auch nicht eines der dringend benötigten weiteren fünf neuen Bischofsgebiete eingerichtet werden kann. Andererseits wird es aktuell auch kaum möglich sein, Bischöfe in den USA einzusparen. Trotzdem ist an der Generalkonferenz mit einem Antrag zu rechnen, wenigstens drei der neuen Bischofssitze einzurichten. Im Ausbildungsbereich sollen 47.8% eingespart werden. Bei den verschiedenen Boards sieht das reduzierte Budget jeweils 45% weniger Mittel vor. Kürzungen in diesen Grössenordnungen können nicht ohne Entlassungen verkraftet werden.

Auch wenn die Kirche in den USA weitaus am Stärksten betroffen ist von diesen Kürzungen, werden auch wir in Europa davon etwas zu spüren bekommen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 16. April 2024

Regionalisierung

Ein Zitat

Model der einst afroamerikanischen Little-Ebenenzer-Kirche vor der Ebenezer United Methodist Church auf dem Capitol Hill in Washington DC.
Foto © Jörg Niederer
"Es ist einfach kein effektiver Weg, über Leistungsplanänderungen, die nur für die US-Kirche gelten, durch ein internationales Gremium abstimmen zu lassen, von dem die Mehrheit in Zukunft nicht betroffen sein wird oder nichts damit zu tun hat." Dale Jones von Wespath, der Rentenanstalt der United Methodist Church.

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 1,7

"Jesus antwortete: 'Ihr braucht die Zeiten und Fristen nicht zu kennen. Mein Vater allein hat sie in seiner Vollmacht festgelegt. Aber wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr Kraft empfangen. Dann werdet ihr meine Zeugen sein – in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde.'"

Eine Anregung

In der United Methodist Church (der Evangelisch-methodistischen Kirche) der USA gab es einst eine Zentralkonferenz, in der alle afroamerikanischen Gemeinden zusammengefasst waren. Die Erinnerungen daran sind geprägt von rassistischen Verwerfungen. Vermutlich gehörte die Little-Ebenezer-Kirche auf dem Capitol Hill auch zu dieser Zentralkonferenz. Die Bezeichnung "Zentralkonferenz", obwohl sie ausserhalb der USA üblich ist für die dortigen regionalen Strukturen, ist in den USA folglich ungeeignet, um damit eine Entwicklung zu bezeichnen, die für die Zukunft der Kirche wegbereitend sein kann: Die Regionalisierung.

Die Generalkonferenz, welche vom 23. April - 3. Mai in Charlotte, North Carolina stattfinden wird, beschäftigt sich genau damit. Der Regionalisierung. Anders als die Zentralkonferenzen ausserhalb der USA haben die fünf Jurisdiktionalkonferenzen der USA kein Recht, die Kirchenordnung anzupassen oder andere weitgehende Entscheidungen zu tätigen. Darum kommen alle diese Anträge und Gesetzesanpassungen, auch wenn sie nur die USA betreffen, vor die international zusammengesetzte Generalkonferenz, die alle vier Jahre tagt. So kommt es, dass sich die Generalkonferenz über 80% der Zeit mit US-Interna beschäftigt, und europäische, afrikanische und asiatische Delegierte mitentscheiden über z.B. die Pensionskasse der US-Pfarrpersonen. Das macht keinen Sinn, zumal die neusten Entwicklungen in der Zusammensetzung der Generalkonferenz dazu führen können, dass schon bald die Delegierten aus den USA in der Minderheit sein werden.

Nun sollen also die fünf US-amerikanischen Jurisdiktionalkonferenzen zu einer Regionalkonferenz zusammengefasst werden. Die Zentralkonferenzen im Ausland werden umbenannt in Regionalkonferenz. Alle Regionalkonferenzen haben die gleichen Adaptionsrechte und können die für ihre Region wichtigen Entscheide selbstständig fällen. Damit diese neue Struktur Wirklichkeit werden kann, braucht es eine 2/3-Mehrheit der Generalkonferenzdelegierten. Zudem braucht es eine 2/3-Mehrheit aller Delegierten an die Jährlichen Konferenzen weltweit.

Mit dieser strukturellen Anpassung ist es möglich, dass theologischen, ethischen und politischen Unterschieden in den verschiedenen Regionen der Welt Rechnung getragen werden. Die Regionalisierung ist aber keine Aufweichung des weltweiten Charakters der United Methodist Church. Nach wie vor werden sich alle Regionalkonferenzen eine gemeinsame Verfassung teilen, genauso wie weitere wichtige Text, etwa die Sozialen Grundsätze oder die Allgemeinen Regeln und darüber an der Generalkonferenz alle vier Jahre entscheiden.

Diese Entwicklung ist ganz im Sinn von John Wesley, der 1771 schrieb: "Was einen Methodisten kennzeichnet, sind nicht irgendwelche besonderen Ansichten. Ob er dieser oder jener Glaubensweise zustimmt, sich irgendwelche besondere Auffassungen zu eigen macht, die Lehre dieses oder jenes Menschen vertritt, tut nichts zur Sache. Wir glauben, dass die ganze Schrift von Gott eingegeben und das geschriebene Wort Gottes die alleinige und hinreichende Richtschnur des christlichen Glaubens und Lebens ist, und wir glauben, dass Christus ewiger und wahrhaftiger Gott ist. Aber in allen Fragen, die nicht an die Wurzel des christlichen Glaubens gehen, halten wir es mit der Regel: denken und denken lassen."

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 15. April 2024

Souvenir von Solferino

Ein Zitat

Anschrift in Solferino anlässlich des 110. Jahrestags der Genfer Konvention.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn das Leben des Einzelnen heilig ist, ist es auch das Leben der Nation. Wenn der vereinzelte Mord mit Recht vom Weltgewissen verdammt wird, um wieviel mehr müsste von ihm die macht- und verhängnisvolle Organisation des Totschlages, die der Krieg darstellt, verdammt sein." Henry Dunant (1828-1910)

Ein Bibelvers - Jakobus 4,1-3

"Woher kommen die Kämpfe unter euch und woher die Streitigkeiten? Kommen sie nicht aus euren Leidenschaften, die in eurem Innern miteinander streiten? Ihr verlangt alles und bekommt nichts. Ihr geht über Leichen, seid gierig vor Neid, doch ihr erreicht dadurch nichts. Ihr kämpft und führt Kriege. Aber ihr habt nichts, weil ihr Gott nicht bittet."

Eine Anregung

Henry Dunant, das Rote Kreuz und die Genfer Konvention kennt in der Schweiz jedes Kind. Die Versorgung der Verwundeten der Schlacht von Solferino vom 24. Juni 1859 durch die ansässige Bevölkerung wurde zum Beispiel für eine kleine Schrift "Un souvenir de Solferino", und im Gefolge zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes. 

In den Zusatzprotokollen und der Genfer Konvention sind die international geltenden Regeln festgehalten, wie Menschen, die nicht mehr oder nicht an Kriegen teilnehmen, behandelt werden sollen. Auch einschränkende Faktoren der Kriegsführung wurden darin für alle Völker verbindlich reglementiert.

Schaut man aber auf die heutige Kriegsführung, fällt auf, dass nach wie vor die Zivilbevölkerung überproportional Opfer von Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen wird. Krieg führt immer zu Menschenrechtsverletzungen.

In den neuen Sozialen Grundsätzen, die der Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche (sie beginnt am 23. April), zur Annahme vorgelegt werden, heisst es: "Im Einklang mit internationalen Gesetzen und Verordnungen protestieren wir nachdrücklich gegen den Einsatz von Folter, Sklaverei, Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit und Aggressionsverbrechen seitens irgendeiner Regierung, und verlangen, dass die strengsten internationalen Sanktionen in solchen Fällen auferlegt werden."

Weiter steht da: "Die Kirche beklagt den Krieg und alle anderen Formen gewalttätigen Konflikts und drängt auf eine friedliche Beilegung aller Streitigkeiten. Wir sehnen uns nach dem Tag, wann es keinen Krieg mehr geben wird und Menschen gemeinsam in Frieden und Gerechtigkeit leben werden.
Wir bestehen darauf, dass alle friedlichen und diplomatischen Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden, bevor es zu bewaffneten Konflikten kommt..."

Ob diese revidierten Sozialen Grundsätze an der Generalkonferenz angenommen werden, wird an der Kriegsführung und den zivilen Opfern leider nichts ändern. Aber es ist eine klare Botschaft an alle Kriegsparteien, dass unsere kirchliche Priorität der Frieden und die Linderung menschlichen Leids sind. Beten wir für Frieden an allen Orten. Suchen wir den Frieden, wo er zu finden ist. (Psalm 34,15)

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 14. April 2024

Geniessen

Ein Zitat

Apfelbaum-Blüten.
Foto © Jörg Niederer
"Hüte dich vor dem Imposanten! Aus der Länge des Stiels kann man nicht auf die Schönheit der Blüte schließen." Peter Altenberg (1859-1919)

Ein Bibelvers - Jesaja 35,1+2a

"Die Wüste und das dürre Land werden fröhlich sein. Die Steppe wird jubeln und blühen wie eine Lilie. Sie steht in voller Blüte und jubelt, sie jubelt und jauchzt vor Freude."

Eine Anregung

Sonntag. Einfach geniessen!

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 13. April 2024

Ajo de oso

Ein Zitat

Blühender Bärlauch in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"Iss Lauch im März, wilden Knoblauch (Bärlauch) im Mai, dann haben die Ärzte das ganz Jahr über frei." Deutsches Sprichwort

Ein Bibelvers - Jeremia 2,27

"Vor Trauer brummen wir wie die Bären und gurren wie die Tauben. Wir hoffen auf Recht, aber es kommt nicht. Wir warten auf Rettung, doch sie bleibt aus."

Eine Anregung

Als die Menschen in der heutigen Schweiz begannen, Schafe und Rinder als Nutztiere zu halten, waren die Bären und Wölfe schon lange da. Davon zeugen auch gerade viele Pflanzennamen. Pflanzen, die man in Verbindung mit den Bären brachte, galten als besonders stärkend und heilsam. Das schreibt Anita Vonmont in einem Beitrag von SRF. Als Beispiel fügt sie Bärlapp, Bärenkraut, Bärentraube, Bärwurz und Bärlauch an. Ergänzen könnte man Wolfswurz, Wolfstrapp und Wolfsmilch für das zweite, hier seit Jahrtausenden heimische Grossraubtier. Auch belegt ist, dass Bären den Bärlauch fressen. Das konnte in Kanada mehrfach beobachtet werden.

Was einen Bären stark macht, das muss auch für Menschen besonders gut sein. So dachte man wohl schon zur Zeit der Römer und Kelten. Und so wundert es auch nicht, dass nicht nur auf Deutsch der Bärlauch so heisst. Abgleitet von der alten lateinischen Bezeichnung Allium ursinum wird das Kraut in vielen europäischen Sprachen so genannt.

Die Sprache und der Bärlauch sind geblieben, der Bär wurde an vielen Orten ausgerottet, so auch in Israel, wo er zur Zeit der biblischen Schriften noch überall heimisch war. Die Bären wurde damals, wie die Löwen, als Raubtiere gefürchtet. Und doch sieht die Bibel nicht die Ausrottung von Meister Petz als Lösung, sondern die friedliche Koexistenz. Dazu beschwört sie ein Bild voller symbolischer Hoffnung: Kuh und Bär weiden gemeinsam und ihre Jungtiere liegen beieinander (Jesaja 11,7). Auch wenn das ein utopisches Bild ist, entspricht es den heutigen Erkenntnissen zur Biodiversität. Wo es Bären und Wölfe hat, ist die Natur vielfältiger, die Zahl der Tier- und Pflanzenarten grösser und damit auch die Lebensgrundlage von Menschen harmonischer geordnet. Für Glaubende, die in Gott den Schöpfer aller Dinge sehen, ist das auch nicht verwunderlich. Denn Gott muss sich ja etwas dabei gedacht haben, als er den Bären werden liess und ihm den Bärlauch vor der Nase ausbreitete.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Freitag, 12. April 2024

Ich habe Rücken

Ein Zitat

Mauereidechsen auf einem Steinhaufen in den Murgauen.
Foto © Jörg Niederer
"Ich bin in einem Alter, wo ich beim Schuhe zubinden überlege, was ich noch machen kann, wenn ich schon mal hier unten bin." Herkunft unbekannt

Ein Bibelvers - Jeremia 2,27

"Sie alle haben zu Figuren aus Holz gesagt: 'Mein Vater, du hast mir das Leben gegeben!' Und zu den Figuren aus Stein haben sie gesagt: 'Du hast mich geboren!' Denn sie haben mir den Rücken zugewandt und nicht ihr Gesicht! Doch wenn es ihnen schlecht geht, rufen sie: 'Steh auf und hilf uns!'"

Eine Anregung

Gestern, als ich die gut 20 Mauereidechsen auf einem kleinen Steinhaufen entdeckte, dachte ich beim Betrachten der langen Schwänze: Bekommen Echsen Rückenschmerzen? Das wäre nicht schön für sie, haben sie doch noch viel mehr Wirbelsäule als ein Mensch, womit sich der Schmerz auf eine viel grössere Körpererstreckung ausweiten würde.

Warum ich darüber nachgedacht habe? "Ich habe Rücken"! So sagen es die deutschen Nachbarn, wenn sie von Rückenschmerzen geplagt werden. Wobei es grundsätzlich immer gut ist, wenn man einen Rücken hat. Er funktioniert ja meist recht zuverlässig. Gelegentlich wird er auch in einem Fitnesscenter trainiert. Erst wenn er schmerzt, fällt er speziell auf. Dann aber umso mehr.

Rückenschmerzen kommen ja selten gelegen. So auch bei mir. In einer Woche sollte ich an die Generalkonferenz der Evangelisch-methodistischen Kirche fliegen. Es wäre schön, wenn ich bis dann bei gleichzeitig konstantem Rückgrat "keinen Rücken mehr habe". Auch ärgerlich: Bei diesem schönen Wetter würde ich mich gerne im Freien bewegen. So wie die flinken Mauereidechsen: Herumhuschen, von einem Stein zum andern springen. Geht aber gerade gar nicht. Also mache ich mein Leid noch etwas grösser, und bearbeite die zwei Steuererklärungen, für die ich zuständig bin. Muss ja auch einmal sein. Dann hat der Staat wenigstens etwas davon, dass ich Rücken habe.

Allen Leidgenossinnen und Leidgenossen wünsche ich gute Besserung und schnelle Heilung. Habt ihr die Steuererklärung schon gemacht? 

Nebenbei: Es gibt auch religiöse Bezüge zum Rücken. Da hat jemand eine Rückenschmerz-Bibel geschrieben. Die hat aber gar nichts mit der Passion Christi zu tun. Und dann lokalisiert man am Rücken auch ein Kreuz. Das tragen wir immer auf uns.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Donnerstag, 11. April 2024

Das Gegenteil von Elon Musk

Ein Zitat

Zilpzalp in der Allmend Frauenfeld.
Foto © Jörg Niederer
"alle worte in den mund nehmen / egal wo sie herkommen / und sie überall fallen lassen / ganz gleich wen es / trifft" Gedicht "künstlerische freiheit" von May Ayim auf dem Umschlag des Gedichtekalenders "Zilpzalp 2024"

Ein Bibelvers - Sprüche 22,1

"Ein guter Name ist kostbarer als grosser Reichtum. Anerkennung ist mehr wert als Silber und Gold."

Eine Anregung

In gewisser Weise ist er das Gegenteil von Elon Musk; der Zilpzalp. Der kleine Vogel, der nach seinem Ruf benannt ist, verhält sich unauffällig; Musk dagegen auffällig. Der Zilpzalp lebt ohne grossen Besitz; Musk mit einem unglaublichen Reichtum. Der Zilpzalp fliegt aus eigener Kraft; Musk kann das nicht. Der Zilpzalp spricht eindeutig; Musk verliert sich in Verschwörungstheorien. Der Zilpzalp ist für Menschen harmlos; von Musk kann man das nicht sagen. Vom Zilpzalp gibt es Tausende; von Musk glücklicherweise nur wenige. Der Zilpzalp kennt seine Grenzen; Musk wohl eher nicht. Der Zilpzalp hält sich nicht für den Erlöser der Menschheit; bei Musk bin ich mir da nicht so sicher. Der Zilpzalp lebt im Wald; für Musk werden Wälder gerodet. Auch gibt der Zilpzalp seinem Nachwuchs keine seltsamen Namen; Bei Papa Musk sage ich nur "X Æ A-XII"

Also mir imponiert der Zilpzalp. Ich halte ihn für ein grosses Vorbild für uns alle.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Mittwoch, 10. April 2024

Ungeziefer

Ein Zitat

Ein Feld-Sandlaufkäfer an der Bünz in Möriken.
Foto © Jörg Niederer
"Der Mistkäfer ist in den Augen seiner Mutter eine Schönheit." Sprichwort

Ein Bibelvers - Psalm 105,34

"Auf seinen [Gottes] Befehl kamen Heuschrecken und Ungeziefer in zahlloser Menge."

Eine Anregung

Behaarte Beine, Beisszange, grüner Anzug, grosse, aufmerksame Augen: Nein, das ist kein Handwerker auf Montage. Das ist ein Feld-Sandlaufkäfer. Jetzt, ab April kann man sie mit etwas Glück an trockenen warmen Standorten entdecken. Mit ihren spitzen Zähnen an der Kieferzange bewaffnet jagen sie nach Ameisen, Insekten und Spinnen. Auf der Flucht fliegt der Feld-Sandlaufkäfer ein kurzes Stück und setzt sich dann wieder in Blickrichtung Angreifer nieder.

Die Bibel kennt Käfer fast nur als Schädlinge. "Ungeziefer" werden sie genannt. Ursprünglich bezeichnete das althochdeutsche Wort "zebar" Opfertier. "unzebar" war folglich ein nicht für das Opfern geeignetes Tier. Heute ist nicht nur diese Wortbedeutung verloren gegangen. Auch opfern wir genau diese Tiere, denen wir nur wenig bis keinen Wert zumessen, zu Tausenden. Wir mögen so zivilisiert sein, dass wir keine rituellen Tieropfer mehr darbringen. Das müssen wir auch nicht. Denn unser Lebensstil ist ein unablässiges Opfern an Tieren, Pflanzen, und Lebensraum. Im Vergleich zur sogenannt vernunftbegabten Menschheit ist der Feld-Sandlaufkäfer geradezu ein netter Zeitgenosse.

Mindestens 505 verschiedene Laufkäfer soll es in der Schweiz geben. An manchen Tagen sehe ich von ihnen vielleicht 7-10 verschiedene Arten. An anderen Tagen läuft mir nicht einer über den Weg. Ich habe noch vieles nicht gesehen, was da um mich herum geschieht. Manches wird mir für immer verborgen bleiben. Das ist Grund genug, demütig zu werden, und rücksichtsvoller mit der Erde und allen Bewohnerinnen und Bewohnern umzugehen.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Dienstag, 9. April 2024

Liebestaumel

Ein Zitat

Ein Zitronenfaltermännchen bemüht sich um ein Zitronenfalterweibchen.
Foto © Jörg Niederer
"Wenn Schmetterlinge Schmetterlinge im Bauch haben, muss das nicht auf Kannibalismus hindeuten."

Ein Bibelvers - 1. Johannes 4,8

"Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Denn Gott ist Liebe."

Eine Anregung

Frühling. Zeit für die Liebe. Bei den Zitronenfaltern ist das ein gefährliches Unterfangen, wie man an den lädierten Flügeln des Männchens gut erkennen kann. Dabei sind diese Schmetterlinge für Vögel gar nicht bekömmlich, was dem grünlichgelben Kerl wohl auch das Leben gerettet hat.

Die Liebe ist gefährlich, habe ich geschrieben. Das gilt nicht nur bei Schmetterlingen. Auch bei Menschen ist die Liebe wunderbar verhängnisvoll. Kein Taumeln ist schöner und segensreicher wie das vor Liebe. Liebe ist stark wie der Tod. Wer liebt, kennt Gott. Denn Gott ist Liebe.

Nebenbei: Dazu würde doch der Tee passen mit dem verräterischen Namen "Liebestaumel".

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Montag, 8. April 2024

Morgengesänge

Ein Zitat

Ein Hausrotschwanz geniesst in einem Schrebergarten bei Lenzburg nach einem Bad die warme Sonne.
Foto © Jörg Niederer
"Wer demnächst munteres Vogelgezwitscher hört, sollte innehalten und lauschen. Denn Vogelgesang kann nachweislich Ängstlichkeit und irrationale Gedanken mildern." Max-Planck-Institut

Ein Bibelvers - Römer 11,36

"Denn alles hat in ihm [Christus] seinen Ursprung. Durch ihn besteht alles und in ihm hat alles sein Ziel. Denn er regiert in Herrlichkeit für immer. Amen."

Eine Anregung

Heute Morgen habe ich die Stimmerkennung meiner Vogel-App einmal auf dem Balkon gestartet. Ich gab dem Gerät bei der ständigen Autolärm-Belastung wenig Chancen. Klar, die üblichen Verdächtigen Haussperling, Elster, Rabenkrähe, Buchfink, Kohlmeise und Amsel waren gesetzt.

Die App erkannte dann aber auch noch die Rufe von Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke, Hausrotschwanz, Wintergoldhähnchen, Girlitz, Zilpzalp, Grünspecht, und Sumpfmeise. Auch der Gartenrotschwanz wurde aufgelistet. Bevor ich diesen Vogel aber mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich der App nicht so recht über den Weg.

So oder so, das war eine schöne Überraschung, dass sich da im Umfeld dieses langweiligen Hinterhof-Rasenstücks so viele Vogelarten zu Wort gemeldet haben. Ein schönes Morgengeschenk, ein Grund, dankbar zu sein.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Sonntag, 7. April 2024

Langweilige Predigt

Ein Zitat

Das Schloss Wildegg mit dem Schlossbistro im Vordergrund.
Foto © Jörg Niederer
"Gott ist nicht tot. Er ist nur beim 'Wort zum Sonntag' eingeschlafen." Adolph Schalk, amerik. Journalist

Ein Bibelvers - Apostelgeschichte 20,9

"In der Fensteröffnung sass ein junger Mann namens Eutychus. Als Paulus so lange sprach, wurde er vom Schlaf übermannt. Er stürzte im Schlaf aus dem dritten Stock hinunter. Als man ihn aufhob, war er tot."

Eine Anregung

Gestern im Bistro vom Schloss Wildegg. Am Nachbarstisch unterhalten sich zwei Frauen und ein Mann. Alle sind zum Zeichnen an diesen historisch bedeutsamen Ort gekommen. Ich höre die eine Frau von einem Gottesdienst erzählen. "Die Predigt war so langweilig. Da ist mir in den Sinn gekommen, dass ich einen Skizzenblock bei mir hatte und auch ein Bleistift, und so begann ich halt zu zeichnen. Der Reihe nach habe ich die...". An dieser Stelle brach die Frau den Redefluss ab, weil sie realisierte, das man ihr gar nicht zugehört hatte.

Gut, ich habe ihr zugehört. Mir fehlten nun die weiteren Details dieser Geschichte. Gerne hätte ich erfahren, wen die Frau mit ihrem Griffel auf Papier verewigt hatte, dort in der Kirche während der langweiligen Predigt.

Später dann, die Zeichnerin hatte sich vor das Schloss gesetzt mit ihrem Skizzenblock, ging ich zu ihr, sprach sie auf die Predigt an und fragte, was sie denn in der Kirche gezeichnet habe. "Die anderen Frauen und Männer unseres Ensemble habe ich portraitiert", antwortete sie. Nein, sie habe nicht genug Zeit gehabt, um alle zu zeichnen, aber durch diese Arbeit habe sie den Ärger über die langweilige Predigt total verdrängt und doch ein kurzweilige Zeit in der Kirche gehabt.

Genau das wünsche ich an diesem Tag allen, die freiwillig oder sekundärmotiviert die Kirche besuchen. Da ich selbst an diesem Wochenende nicht predige, könnte es auch anregend werden. Es braucht zwar etwas Mut das zu sagen, aber ich wünsche dir spannende, berührende Momente in der Kirche, und ganz besonders während der heutigen Predigt.

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen

Samstag, 6. April 2024

Weissling gendern

Ein Zitat

Ein Grünader-Weissling sitzt neben einer Papageientulpe auf einem Efeu-Ehrenpreis.
Foto © Jörg Niederer
"Gendern: Macht es oder lasst es - aber regt euch bitte nicht auf!" Aus einem Beitrag in der Zeitschrift "Brigitte"

Ein Bibelvers - 1. Mose 2,19

"Gott der Herr formte aus dem Erdboden alle Tiere auf dem Feld und alle Vögel am Himmel. Dann brachte er sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen würde. Jedes Lebewesen sollte so heißen, wie der Mensch es nannte."

Eine Anregung

Der Grünader-Weissling ist ein sehr häufiger Schmetterling, auch Raps-Weissling genannt. Er trägt, wie so vieles, das Suffix "-ling". Überall, wo dieses Suffix angehängt wird, wird das Substantiv männlich. So kann es also sein, dass ein weiblicher Schmetterling mit einem männlichen Wort bezeichnet wird.

Oder nehmen wir das Adjektiv "schön". Mit dem Suffix -ling ergibt das "Schönling". "Die Frau ist ein Schönling!", kann man in der deutschen Sprache nicht sagen. Also muss auch eine weibliche Form her, zum Beispiel "Schönlingin". Klingt doof, gibt es aber. Belegt ist etwa "die Günstlingin" oder "die Lieblingin". Beim weiblichen Schmetterling könnten wir also von einer Grünader-Weisslingin sprechen. Nur, diese Redeweise ist doch etwas in die Jahre gekommen - sie stammt aus dem 18./19. Jahrhundert - was einmal mehr zeigt, dass die Sprache im steten Wandel ist.

In der Sprache versucht man immer auch, Wirklichkeit abzubilden, was meist nur ansatzweise gelingt. Das Gendern ist nichts anderes als ein Versuch, weniger ausgrenzend zu sprechen und zu schreiben. Was dabei herauskommt, klingt für viele seltsam, so wie es seltsam (in mehrfacher Hinsicht) klingen würde, wenn ich meiner Frau "Lieblingin" sagen würde. Aber falsch ist die Motivation dahinter nicht. Im Gegenteil, sie folgt einem zutiefst christlichen Gedanken: dass kein Mensch, kein Lebewesen, nichts Kreatürliches ausgeschlossen werden darf als Teil von Gottes geliebter Welt. Alles muss richtig benannt werden. Jedem Lebewesen den richtigen Namen, die richtige Bezeichnung. Damit zeigt man Respekt.

Und so gendere ich jetzt einmal frischfröhlich beim Schmetterling, von dem ich gerade nicht weiss, ob es Männchen oder Weibchen ist. Beim Flattermann oder der Flatterfrau auf dem Foto handelt es sich um ein:e Grünader-Weissling:in auf einer/einem Efeu-Ehrenpreis:in neben einer Papageientulpe. (Schon habe ich wieder ein Genderproblem. Es gibt in der deutschen Sprache nur "die Tulpe" und nicht "der Tulper". Stöhn!).

Jörg Niederer ist Pfarrer in der Evangelisch-methodistischen Kirche St. Gallen-Teufen